Beilage MM Wiesbllüener Tagklatt.
Uo. 431, Morgen Ausgabe.
Es ist ei» Kober, keierlickcr fast /o.v._»
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« ... ES ist ein bober feierlicher, fast schauerlicher Gedanke ch für icd-n einzelnen Menschen, datz sein irdischer ffiinffnft bn einen Anfang neiiabt hat. niemals, und wäre er der Allcraenngste unter uns, durch alle Jahrhunderte hindurch ei» Ende haben wird! Was von ihn, geschehen ist ist geschehe,,, hat sich schon mit dem grenzenlosen ewig lcben- den. ewig tätigen Universum verschmolzen und wirkt hier zum Guten oder zum Schlimmen öffentlich oder heiml ch durch alle Zeiten hindurch. ^ Cattylc.
(Schluß.)
Freiheit!
Roman von Walter Schmidt-HLtzler.
di -“Sil! m 10 Menschen", sagte Remmingen, „die sich mtt voller Genußsreude zum Braten setzen können.
nehmm^müsst^ nUt km ^-^chmgericht fürlieb
lediglich nur am Gastgeber? Oder Maren ^ mmd)e lreundliche Einladung
„Schon möglich! Man hat mich öfter eingeladen, aber ich war wohl zu wählerisch — bis man mich über. Haupt nicht mehr eiirlud!" 1
«So wählerisch in bezug auf das Menu?"
„Nein. Gnädigste. Die Tischnachbarinnen gefielen mir mcht, mit denen ich den Braten essen sollte. Sehen Sie ich bm nun mal ein alter Gourmand. und für mich hängt der W speist" 6<mm Dmers von der Gesellschaft ab. in
„Und so wollen Sie Ärmster tatsächlich den Hungertod sterben — aus lauter Kaprice?" v a
. »Nennen Sie es nicht so — Marianne —", sagte Rem- mingen sehr ernst, und leise bebte es in seiner Stimme wie verhaltene Bitterkeit. „Um bei Ihrem kulinarischen Bilde zu bleiben: Ich wäre ein ganz ausgezeichneter Tisch- nachbar geworden, mit dem man sich vortrefflich unter- halten hatte, aber ein ganzes langes Leben hätte ich eben nur neben der einzigen sitzen können, ohne langweilig und uninteressant zu werden, ohne mir selbst am Gastmahle des Lebens den Magen zu verderben. Ich habe vorher E.wre Tausende andere überall herumgenascht und ge- frühstückt, und wäre mit bestem Appetit in den Speisesaal ßdroirtnrert. STBet tncin toctr neben ber einen . und neben eine andere konnte und wollte ich inich nicht setzen. Und unterdessen ist der Braten eben — kalt ge- worden. a
„„ «Za, was gedenken Sie denn mm zu tun. Sie armer überflüssiger Mensch?" fragte Marianne nach einer Pause.
Remmingen zuckte die Achseln. „Ich werde reisen!"
„Da haben Sie recht! Und ich werde es machen, wie Sie denn ich Bin ja auch gewissermaßen überzählig ge- vordem ^ch werde auch reisen. Und da will ich ?chnen einen Vorschlag machen, Baron."
„Nun?" fragte Franz gespannt und sah sie er- wartungsvoll an.
„Wollen wir — zusammen reisen?"
„ '.'Zusammen?" stotterte er und machte ein so unbe- schrewlich verblüfftes Gesicht, daß Marianne unwillkürlich wcheri mußte, „sflun ja, zusammen — da reist sich's doch entschieden angenehmer, oder sind Sie in der Wahl der
eme
Mittwoch, 16. September.
ttachchannnen?"^^ ^aghast, wie in bezug aus die Tische
Remmingen wußte nicht mehr, toa5 er antworten sollte, scm .ganzer, sonst so schlagferttger Witz ließ ihn rettungs- los im Sttch.
i®™" Sie mich engagieren wollen — als Reise- marschall , stammelte er und sah sie völlig strahlend an.
„> 5 a, das will ich! Und nun wollen wir an unser Diner denken. Es ist gleich ein Uhr."
o;-,S ie uu ihren Schreibtisch, ein vergnügtes
Lächeln auf den Lippen, nahm aus dem Schubfach einige Karten, die das Freiherrlich Winterbergsche Wappen trugen und begann dieselben zu beschreiben, während Remmmgen neben ihr ftaiid und auf sie herunterschaute.
„Wir sind zu unserem Diner zwar nur ein paar Per- sonen, aber wir wollen e§ doch möglichst feierlich gestalte, da wir doch wdmfalls auf die Verlobung unserer Schütz lmge anstoßcn werden!"
Ȁha, deshalb die Tischkarten!"
„Sehr richtig bemerkt!" Und sie stand auf,
Karte m der Hand und fuhr fort:
, "Sagen Sie lieber Remmingen, um noch einmal unser hübsches Gleichnis von vorhin zu gebrauchen, hätten Lie nrchi den Mit, wenn Sie ehrlichen Hunger verspürten, sagen?" 9Uttm aIte " ^nden selbst — zu Tische anzu
. »Ehrlich gestanden, nein! Denn nichts erscheint mir peinlicher, als ein ungebetener Gast."
„Na!" erwiderte sie mit leichtem Achselzucken, wäh- rend sie das Herne Kärtchen zwischen den schlankeii Fingen: hin- und herdrehte, „dann muß man eben ein Übriges tun, und den Hungernden recht höflich und formell ein laden und ihm auch obendrein noch die richtige Tisch nachbarm aussuchen."
. Und mit einem zeremoniellen Kompliment und ihrem reizendsten Lächeln fuhr sie fort:
Baron Franz von Remmingen, Majoratsherr und Ehesttster par excellence, darf ich Sie emladen, an der gedeckte,: Tafel des Lebens nunmehr gefälligst Platz
zu nehmen?! — Bitte — hier Ihre Tischkarte!"
Dabei reichte sie ihm graziös das Heine Kartonblatt, das er zitternd vor Erregung aus ihrer Hand nahm und das nur die wenigen Worte enthielt: „Herr von Rem- mingen wird gebeten, die Hausfrau — endlich zu Tisch zu fuhren!" 11
Er sab die Baronin an, fragend, zweifelnd, strahlend :n glucheligem Begreifen.
Alles drehte sich um ihn herum wie ein Karussell, er sah nur ihre lieben, lachenden Augen und das leise ,u- sttmmende Nicken ihres Hauptes.
„Marianne!" rief er jubelnd und bedeckte ihre Hand wst zagllosen, feiingen Küssen. „Verstehe ich Sie denn wirrirchs
. .Zch hoffe! Franz", antwortete sie leise, „daß Sie mich endlich verstehen! Ich habe sie von Anfang an ver- standen und Ihr Feingefühl bewundert, mit dem Sie es mir überlassen haben, gut zu machen, was einst das unerfahrene Mädchen an Ihrem Leben verschuldet."
~ r ."hE nur danken. Marianne, einzig Geliebte? flüsterte er selig, mdem er sie sanft in seine Arme zog.
..Danken? Wofür? _ gerungen habe zum Glück?' Dem
Daß auch ich mich endlich durch- Himmel, der weisen
51. Jahrgang. 1903.
Vorsehung wollen wir genreinsam danken, daß wir uns wiedersanüen — bevor es wirHich zu spät war!"
*
Eine Stunde später klangen die Champagnerbechev ln dern kleinen behaglichen Speisesaale aneinander. Remmingen hatte Reinhardt aufgeklärt, daß es kein hülfloseZ Mädchen war. bie er aus Armut und Niedrigkeit zu sich erhob, sondern eine starke, gleichberechtigte Frau, die unter einem männlichen Pseudonym Großes und Starkes geleistet hatte wie ein Mann, und von der man Bedeuten- des noch erwarten durste. Und Reinhardt hatte sein Glas "hoben aus seinen Kollegen „Heinz Hermann", dessen Unabhängigkeit und Selbständigkeit er künftig hoch und hellrg zu halten feierlich gelobte.
„Glücklich der Künstler", schloß er seinen Trinkspruch, " . r seines Lebens nicht allein die zarte
feinfühlige Franenseele, sondern auch den geisttg gleich, stehenden Kameraden, den Genossen seines Strebens ge- funden hat. Wenn er emporsteigt zu sonnigen Höhen des Schastcns und des Ehrgeizes, so braucht sie nicht drunten nn stillen Tale seine Rückkehr zu erwartim, weil ihr die Schwingen schien, sondern gemeinsam mit ihm steigt sie empor, in den sonnigen Äther, ihm verwandt und vertraut, von gleicher Art, von gleichem Wert wie er — unabhängig und frei!"
Und nun erhob sich Remmingen.
Schlank und elastisch stand diie vornehme Gestalt des Barons da, die feingeäderte Hand leicht auf den Tisch ge- stutzt, den scharfgeschnittenen Kopf ein weirig vornüber geneigt, im linken Auge den unvermeidlichen Monocke.
„Auch ich, Verehrteste, habe Ihnen eine Mitteilung zu machen, namentlich dir. mein lieber, langjähriger Freund, Wir stehen heute an einem ScheidAvege, denn wenn Aar und Aarin zur Sonne fliegen, dürfte es mir bis zur Heim- kehr meiner beschwingten Freunde zu einsam werden Ich habe emen Zeisig iniWappen, und das ist einGesellschafts. Vogel, der unter seinesgleichen leben muß. Ich habe ein. gesehen, daß ich zur Weltabgeschiedenheit gar kein Talent habe, und da ich zwischen sehr schönen Eichenwäldern eist altes herrliches Stammgut besitze, dem nur die Herrin fehlt, um es zu einem äußerst wohnlichen Unen retira zu wandeln, so hat sich Exzellenz von Winterberg nach eingehender Prüfung meiner charakteristischen Eigenschaften huldvollst entschlossen, Baronin Remmingen zu werden! Ich bitte also das nächste Glas ans das Wohl meinen Braut zu leeren!"
Diese Mitteilung erregte natürlich, obwohl Reinhardt und Ella sie erwartet hatten, die herzlichste Freude bei den Beiden. Sie schüttelten sich gegenseittg wieder urttt immer wieder die Hände, und Frau Röminger war sq gerührt, daß ihr die hellen Träneii über die runden Backen liefen.
Da stand der alte Künstler auf, mit leuchtenden Augen, aus denen ehrliche Begeisterung loderte, ries er mit hocherhobenem Glas:
„Und noch eins wollen wir alle nicht vergessen! Ihr. der Freundin der Sterblichen, sei dieses Glas geweiht! Der göttlichen Kunst! Sie hat euch zusammengefiihrt mit liebender Hand, sie ist e§, die den Menschen frisch und jung erhält bis ins späteste Alter, die uns alles Schön« :m Leben doppelt genießen läßt und uns über den Staub des Alltags hinwegträgt. Sie hat euch zu Gleichgestell- ten gemacht, hat euch die ganze reiche Poesie des Innersten erhalten und euch die Kraft gegeben, euch durchzuringeni zu dem. was im Leben das höchste Gut ist — zur Freiheit. Sie lebe!"
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