*1. Jahrgang.
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Verlag: Langgaffe 27.
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Abend ■ Hiasga be .
Nom foMldemoKratischen Parteitag.
8. r. Dresden, 15. September.
Von vielen Seiten wird erwartet, daß die „Revisio- msten aus dem diesjährigen Parteitag einen -energischen Vorstoß machen werden, daß dieser Parteikongveß zum Ausgangsvunkt wird für erne Umgestaltung der soziat- demokratiichen Partei in eine reine Reformpartei, und manche Optlnnsten aus bürgerlichen Parteien meinen be- Mts dte An,atze einer Spaltung benierkm zu können. Die Enttaufchung wird bald kommen, denn schon setzt kann man bei oberflächlicher Beobachtung Vorhersagen, daß dre „Alten noch immer in der überwiegenden Mehr hert smd, ja daß ihnen die letzten Monate noch eine Ver- startung gebracht haben. Betreffs der Bereitwilligkeit zur Übernahme der Stellung des Vizepräsidenten im Reichstage mit der Verpflichtung zu „Hofe" zu gehen werden die „Bernstemmner" sicherlich mit erdrückender Mehrheit niedergestimmt und auch in anderen Fragen ist ein Vordringen kaunr zu erwarten. Nicht von innen heraus wird der Flügel der Göhre, Heine, Auer und Bernstein sich vergrößern und kräftigen, sondern nur durch vm autzm, durch Zurückdrängung der Reaktion m Deutschland, durch Ausbau der sozialen Gesetzgebung, durch Verbesserung der Arbeiterverhältnisse und besonders durch eine von Grund aus veränderte, weitherzige entgegenkommende Stellungnahme zur ganzen großen Be- wegung der Lohnarbeiterschaft. So lange darin nicht der Staat in fernen verschiedenen Einrichtungen, die Gemeinden und bürgerlichen Bevölkerungsklassen zu „Revisionisten" werden, wird auch der „Revisionismus" m der sozialdemokratischen Partei nur ein schwächliches Pflänzchen bleiben, das am Wege der Radikalen zertreten wird.
Wäre die Vizepräsidentenfrage nicht dazwischen gekommen, der diesjährige Parteitag wäre wahrscheinlich ern rem geschäftsmäßiger geworden, denn selbst dem be- deutenden Erfolge bei den Reichstagswahlen soll nur nebenbei bei der Berichterstattring über die parlamentarische Tätigkeit Erwähnung geschehen. Möglich aber, daß über diesen Punkt spezielle Referate gehalten werden, da eine ganze Anzahl Parteivereinigungen und die soziali- süsche Presse dies fordern. Der Geschäftsbericht des Parteivorstandes ist als erster Piinkt auf die Tages- ordnung gesetzt, ihn geben die Parteisekretäre Gerisch und Pfannkuch; den Bericht der Kontrolleure erstattet Meister den Bericht über die parlamentarische Tättgkeit gibt Stadthagen, den über die Maifeier Fischer, und Singer spricht über den internationalen sozialistischen Kongreß m Amsterdam, der nächstes Jahr abgehalten wird
Außerdem aber gibt es noch eine sehr reichhaltige Tagesordnung zu erledigen, denn die Anzahl der An- trage uno Resolutionen, die dem Parteitag vorliegen, betragt wert über hundert. Ein großer Teil von ihnen bezreht sich auf die Agitation, auf die Presse, Ovgani-
Ir T 11 i r • a ^ ec ntc ^ wenige erstreben auch einen Ausbau der fozmlen Versicherungsgesetzgebung, eine Ver- Gerung der Wohnungsverhältnisse und ähnliches. Es ist nicht möglich, im einzelnen aufzuzählen, welche Forde- ruiigen alle dem Parteitag zur Annahme unterbreitet sind, denn für alle Gebiete der Sozialpolitik sind reforma- torische Vorschläge gemacht, welche die sozialdemokratische Fraktion im Reichstage vertreten soll. Hervorgeh oben werden soll, daß ein Antrag dahin lautet, die ange- sammelten Reservefonds der Landesversicherunas-An- stalten zum Ankauf von Baiiland zu verwenden, um der Wohnungsnot zu steuern. Von weittragender Bedeutung kann auch em Antrag des Kreises Teltow-Charlottenburg werden. Nach diesem Antrag soll sich künftighin die sozialdemokratische Fraktion nicht mehr darauf beschrän- ten, Resolutionen einzubringen, sondern die Abgeordneten der Partei sollen fernerhin eigene Gesetzentwürfe ein- briiigeii, welche auf den verschiedensten Gebieten Fort- schritte herbeifuhren sollen. In bezug auf die Organi- sation ist noch ein Antrag interessant, welcher den ein- zelnen Reichstagsabgeordneten das Recht nehmen will auf dm- Parteitag zu erscheinen, dafür soll die Fraktion eine Delegation entsenden können. Dieser Antrag ist
der^Fraktion *** kr bedeutenden Vergrößerung
Gleich am Bahnhof in Dresden merkt man, daß eine große Zusammenkunft von Sozialdeniokraten zu erwar- ten ist wder Ankömmling, in dem ein Delegierter zum Parteitag vermutet wird, wird von der festtäglich ae- kleideten Menge mit stillen Sympathiekundgebungen emp- mngen. dw Arbeiter haben sich sehr viel mit roteii Blumen geschmückt, ^n den Lokalen in der Umgebung der Zusammenkunft des Parteitages haben sich große Masten angestaut, welche den sozialistischen Führern Ovationen bereiten. Das Hauptgesprächsthema bildet überall der Parteitag, ^m allgemeinen zeigen die Radikalen eine angrifsDluÜrge Stimmung, sie fühlen sich des Sieges ge- wlß; die Vertreter des Revisionismus" sind bedeutend rn der Minderheit und beschränken sich auf die Verteidi- guna.
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F. Dresden, 14. Septemver.
3” Rachmittags-'Sitzung verlas der Borsitzende. Abg. Srnger wiederum eine Reihe Degrüßungs-Tele- giamine. Es begann alsdann die Besprechung über die literarische Tätigkeit von Sozialdemokraten an bürgerlichen Blattern. Der erite Redner war Mg. I)r. Heinrich B r a u n-Berlin: Ich bin Literat, ich hasse daher nichts mehr als Literatengczänk. Ich bedauere ganz unendlich,
Bruder Sernfm.
Novelle von Viktor Blüthgen.
(4. Fortsetzung.)
Der Staatsanwalt hatte so gleichmütig gefragt, während er sein Rührei verspeiste, wie einer, den die Sache etgmtlich nichts angeht. Jetzt schüttelte er den Kops.
„Das ist doch eine ganz merkwürdige Sache. Der alte Herr war verreist, als die Gräfin gestorben, und ist erst nach einem Jahr zurückgekehrt — wie kam denn das?
„Weiß ich's", versetzte achselzuckend der Jude.
„Tarüber^ gibt's doch sicher Vermutungen am Ort."
»siku ~T ft? r^ti — sie reden — ich weiß nix, was lverd ich mir verbrennen den Mund . . ."
, "Mr können Sie ruhig sagen, was Sie wissen: Sie ieyeu, ich bin aus der Wanderung —"
»Was weiß ich — der Herr kann feilt e Fremder, er tom auch nix sein e Fremder. Ich Hab mir schon einmal gemacht Ungelegenheiten ..."
Es klingelte in dem kleinen Kramladen nebenan und der Wirt ging hinüber. Als er wiederkam, machte der Staatsanwalt noch einen Versuch, seine Bedenken zu be- leiügen, aber der Mann blieb hartnäckig. Auch die Frage -voran die Gräfin gestorben, erzielte nur ein Achselzucken und em „Weiß ich nicht."
„Na, was war denn die Gräfin für eine Frau, das wenigstens können Sie mir doch sagen."
_ »Was wird sie gewesen sein für e Frau — e schöne ftrau e vornchme Frau, wie die Frau Tochter, wenn Eie die haben gesehen."
„Haben denn die Leute glücklich gelebt?" rt ^? ie J al6en 6/ücklich gelebt — sehr glücklich haben sie ^arum sollen sie mx glücklich gelebt haben? Sie und doch reiche Leute, ste sind doch feine Leute
Er wurde wieder durch die Klingel abgerufm und Uieb so lange verschwunden, daß der Gast die Absicht merkte, weiterem Gespräch aus dem Weae zu geben E^ trank sein schales Bier aus, wartete ungeduldig. Die frag- '
würdige Atmosphäre und die unheimlich vielen Fliegen, die ihn beläiügten, veranlaßten ihn endlich, auf den Tisch Brb der Mann wiederkam. Er zahlte und der- ab,chiedete sich, besann sich indes, daß er gist tat, sich für üen Abend zu verproviantieren: leider war außer Brot und Salami nichts aufzutreiben.
. .sstußte jetzt bis in die Nacht hinein verschwinden und beschloß, um das Schloßterrain herum in den Wald aus "er anderen Seite zu wandern. Dort wollte er mög. Uchst viel von der endlos langen, lanwelligen Wartezeit verträumen... ein bischen bummeln . .
Die Unterhaltung mit dem Wirt war immerhin niüst ^ Ergebnrs. Was der geschwätzt, klang danach, um es als Bestaftgung der Aussagen des Grafen auffassen zu musM. Hier war etwas nicht in Ordnung, worüber man gut tat, zu schweigen. Wie ein Aal am Spieß hafte sich der Alte gewunden. Einen öffentlichen Eklat hatte'es demnach offenbar nicht gegeben. Aber iinter der Hand war geforscht worden. Ter alte Herr hatte die Fürste ms Korn geworfen, hatte sich zurückgezogen, das Furchtbare m sich hinein gewürgt ... '
3.
Als die Uhr der kleinen Dorffirche zehn schlug, stand der Staatsanwalt, die Tasche im Rücken, den eingewickel- ten Gummimantel wie eine Wurst umgehängt, an der kleinen ^.ur in der Klostermauer.
nr T" äußerster Spannung. Er hatte Herzklopfen. Gleichwohl war er darauf gefaßt, daß der Graf aus- bleiben wurde. Der ganze Zwischenfall kam ihm doch zu abenteuerlich vor. Was war überhaupt denkbar, was der alte Herr m der Mönchskutte Vernünftiges mit ihm vor- hatte 5
Im Augenblick war er überzeugt, daß man im Kloster über diesen wachte. Allem Vermuten nach so, daß er nicht m der Lage war, sich unbemerkt auf längere Zeit zu ent- fernen.
Da raschelte es drüben, schlürfte, kam von der Mauer- ft epve «tr ein Riegel wurde verschoben, und hinter, dev Türöffnung ward die höbe dunkle Gestalt des
daß die schöne Zeit des Parteitages zu derartigem Litc- ratcngezäiik benützt werden muß. Allein der Partei- vorstaiid hat die Frage auf die Tagesordnung gesetzt, esi i>t daher nicht zu umgehen, die Frage zu erörtern. Dev Partcivorstand har allerdings bereits einige Beklemmungen.^ (Lauter Widerspruch.) Genosse Bebel, wenn der Vorstand keine Beklemmungen hätte, dann würde er das, worauf es ankommt, aus unserer Erklärung nicht in dem Bericht an den Parteitag unterdrückt haben. Wir wurden es bedauern, wenn wir in der Notwehr gezwun-
S Elt 'äie Öffentlichkeit zu wenden. Es war nicht notwendig, die Sache an die große Offentlich- keit zu zerren. Genosse Kautsky und Herr Dr. Franz Meinung. (Lärmende Rufe: Genosse Mehring.) Dr. Braun: Ich sage Herr Dr. Meü- rinfl. (Widerspruch.) — Vorsitzender Singer' sich mutz dem Redner bemerken, daß es auf unseren Partei- tagen erne alte Gepflogenheit ist, jeden Genossen mit dem Ehrentitel G e n o s s e anzureden. — Dr. B r a u n : Ich
Sr A S^fts.öes H-rrn Dr. Franz Mehring von dieser Gepflogenheit abzuweichen. — Vorsitzender Srnger: Es steht niemandem das Recht zu, von unsren alten Gepflogenheiten abzuweichen. (Rufe: Ballestrem.) Sie haben das Recht, jemanden nur beim Namen zu nennen, ich kann aber nicht zugeben, daß
S ( , i . e tn ar” <s>en °ffen hier mit Herr an- reöen. Auf unserem Parteitage sind nur Genossen vertreten. (Lebhafter Beifall.) — Dr. Braun' c Mi raer&e von dem Rechte, nur den Namen zu nennen, Gebrauch. machen. Ich bemerke zunächst, es hat seit dem Mahrigen Bestehen der Partei niemals eine Zeit gege- b?N' in der nicht Sozialdemokraten für bürgerliche Blatter geschrieben haben. Und zwar gehörten zu diesen Leuten die Besten der Partei, Karl Marx, Friedrich Engels, Wilhelm Liebknecht, Kaiitsky, v. Bollmar, Bernstein usw. Es war jedenfalls nicht nötig, daß der Partci- -°r den Wahlen mit seiner Erklärung hcrvortrat. Es hatte genügt, wenn die Erklärung im September gekommen wäre. Man brauchte nicht die Erklärung in einer Zeit zu veröffentlichen, in der viele Ge- dre sich die Erklärung richtete, tat heißesten Wahlkampfe standen. Das ist ein so unerhörter Vorgang, wie er in der Geschichte der Sozialdemokratie noch nicht vorgekommen ist. (Lebhafter Widerspruch.) Ach wiederhole, es hat in der 40jührigen Geschichte der Partei nremals erne Zeit gegeben, in öer Sozial'öewokrnten nilbt ft-r ^ bürgerliche Blätter geschrieben haben. Genosse Kautsky sagt, es kommt darauf an, was man schreibt Nun, ein Genosse, den wir gewiß alle hoch achten, der verstorbene Liebknecht, hat für die in Wien erscheinende „Fackel" geschrieben. Genosse Dr. Adler wird mir be- stätigen das; die Fackel" ein Blatt ist, das in gemeinster Weste die Sozialdemokratie und Dr. Adler persönlicki beschimpft. Liebknecht hat in einer Zeit, wo sich unsere französische Bruöerpartei im schärfsten Kampfe in der
Grasen sichtbar. Der Klostergarten lag verschüttet, der Mond mußte indes hinter dem Walde im Aufsteigen be> grifsen sein, denn der Himmel war erhellt, spärlich mit blassen sterneu beseht.
„Guten Abend Herr Graf", sagte der Staatsanwalt gedampft, „ste sehen, ich halte Wort."
"„Ich danke Ihnen. Kommen Sie, bevor es zu spät
H*.
„Man hat Sic nicht benierkt oben?"
„Schwerlich. Ich bin aus dem Fenster gesftegen." . n ^ T . e dumpfe Sprache mit dem melancholischen Ton- sall ww m der Nacht zuvor. Der Graf riegelte hinter dem Eintretenden die Tür wieder ab und führte ihn wort- 311 iener kleinen Tür, die nach des Staats- anwalts Vermuten einen Verschlag bedeutete, schloß sie Sund t-at gebückt ein. „Ich bitte, mir zu folgen,' aber vorsichtig, der Gang ist sehr niedrig und ich habe' nur einen Kerzenstnmpf bei mir, dm wir später qe> brauchm werden und hier nicht vermrhen wollen."
„„!■> "J?' ^ Q .* n uushelfen." Der Staatsanwalt, der
schachtet T ^ m klapperte mit einer Zündholz.
„Ich bitte, hier noch nicht."
Sie schlichen in dem dunklen Gang hintereinander vorwärts, der Staatsanwalt an den feucht - schlüpfrigen
^ e wr- ü& ^ 3U Höhe der Decke über ich abfuhlend. Ms er emmal anffteß, nahm er kurzer- band ein Zündholz und strich. Beim Aufflammen m- Ä^kte er den Grafen fünf Schritte vor sich, die hohe krumm gezogen: rechts und links vermorschtes Backstemgemauer, drüber eine Querlagerung von Gebälk. Eine Keüerluft. Eine Weile verbrauchte er Zündholz nach Zündholz, ohne daß der Graf dagegen Einwmdun- •f erhob. Aunn mahnte ihn die Vorsicht und er verwahrte lieber den Rest, seines Vorrats und tappte wieder rm Dunkel weiter. Eine halbe Ewigkeit, so diinkte ilu^ Eine seltjame und nebenbei höchst unbeyueme Wanderung, er begann das im Kreuz und im Nacken zu MhS „£ttrr ich fragen, wohin dieser Gang führt?" ' „@te werden sehen, ich bitte, sich zu gedulden."
