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Abend »Ausgabe.
UartEttoB der WaldemMifihii Partei.
H. P. Dresden, 13. September.
Ein außerordentlich bewegtes Leben und Treiben herrscht heute in der Hauptstadt des Königreichs Sachsen. Noch niemals ist ein Parteitag so zahlreich besucht gewesen als der gegenwärtige. Fast alle sozialdemokratischen Abgeordneten sind eingetroffen. Man bemerkt Bebel, Singer, v. Bollmar, Heine, Auer, Haase, Bernstein, Pastor a. D. Göhre, Motteler, Ledebour, sowie den ehemaligen Prinatdozenten der Berliner Universität, vr. Leo Arons, Askews-London, den Reichsvats-Abge- pröneten Pernerstorffer, vr. Viktor Adler und den Sekretär der österreichischen sozialdemokratischen Partei, Skaret-Wten, den Vertreter der tschechischen Sozialdemokratie, Chefredakteur des „Prado liöu" Nemec-Prag, sowie Delegierte aus Ungarn, Holland und Italien, den Redakteur der „Neuen Zeit", Kautsky-Charlvttenburg, Frau Klara Zetkin-Stuttgart und Frau vr. Rosa Luxemburg-Berlin. Zeitungsberichterstatter sind aus dem Jn- und Auslande in so großer Zahl erschienen, daß dieselben an zwei langen Tafeln nur mit Mühe Platz finden. Man bemerkt am Preßtisch auch den national-sozialen Pastor a. D. Kötzsche. Der prächtige große Saal des am Schntzenplatz belegcnen Etablissements „Trianon" ist mit Kränzen, Gnirlanöen und sozialdemokratischen Emblemen trller Art geschmückt. Im Hintergründe des rot drapierten Podiums erhebt sich die Kolossalbüste der Göttin der Freiheit, rechts und links flankiert von den Büsten Karl Marx', Lassalles, Engels und Liebknechts. Bereits gegen ß Uhr abends strömte eine so große Menschenmenge nach dem „Trianon", daß der Saal sehr bald in allen Teilen Kopf an Kopf gefüllt war. Der Reichstags-Abgeordnete Kaden-Dresden eröffnete den Parteitag im Namen des Lokalkomitees. Der Parteitag befindet sich auf historischem Boden. Bereits vor 32 Jahren fand hier der Parteitag der sozialdemokratischen Partei Eisenacher Richtung statt. Damals war die Partei noch klein, heute zählt sic nach Millionen. In Sachsen sind von 28 Mandaten 22 in unsere Hände gefallen. (Stürmischer Beifall.) 1442 000 Stimmen sind für uns in Sachsen abgegeben worden. (Beifall.) Trotz aller Verfolgungen befindet sich die Partei noch immer im Vormarsch. Immer neue Anhänger werden gewonnen. Die Partei wächst unaufhörlich nach innen und außen. Unsere Gegner setzen ihre Hoffyung auf eine Spaltung. In unserer. Macht liegt es, diese Hoffnung zuschanden zu machen. Wenn auch die Ansichten noch so sehr auscinandergehen mögen, so sind wir doch einig, das Proletariat aus politischer Unterdrückung und wirtschaftlicher Ausbeutung zu befreien. (Stürmischer Beifall.) Ich bin nicht einen Augenblick im Zweifel, daß cs das Bestreben jedes einzelnen Delegierten sein wird, das Vertrauen, das uns das deutsche Volk
bei der letzten Reichstagswahl entgcgengebracht hat, zu rechtfertigen. Wir werden unsere Verhandlungen führen eingedenk unseres Losungswortes: Durch Kampf zum Steg! (Stürmischer Beifall.) Mit stürmischem Beifall begrüßt, nahm darauf das Wort Abg. Bebel: Im Namen des Parteivorstandes danke ich dem Lokalkomitee für den uns bereiteten Empfang. Ganz besonders danke ich aber dem Genossen Kaden für seine schöne, schwungvolle Rede. Genosse Kaden hat schon auf die Erfolge hin- gewiescn, die wir bei der Reichstagswahl errungen haben. Viele von uns haben ja im stillen einen solchen Erfolg geahnt und erhofft, offen auszusprechen wagte es aber niemand. Ganz besonders erfreulich sind die Erfolge im Königreich Sachsen. Die Reichstagswahlen haben den Beweis geliefert, daß die Herrschenden in Sachsen nicht dem Volkswillen entsprechen. In keinem Lande Deutschlands ist das Proletariat so entrechtet als in Sachsen. Schon vor zwei Jahrzehnten sagte ein sächsischer Minister des Innern: „Den Sozialdemokraten gegenüber müssen die Gesetze des Landes eine ganz besonders scharfe Anwendung finden." (Hört, hört!) Das Maß ist schon lange zum Überlaufen gewesen, endlich hat das sächsische Volk den Beweis geliefert, daß seine Geduld zu Ende ist. Aber nicht bloß in Sachsen, in ganz Deutschland ist die Zahl unserer Anhänger ins riesenhafte gewachsen. Und die drei Millionen Männer über 25 Jahre, die für uns gestimmt haben, wußten sehr genau, wen sie wählten. Wenn einer von uns cs vergessen haben sollte, offen auszusprechen, was wir wollen, dann haben es unsere Gegner ihnen gesagt, daß wir von Gott und Teufel los sind. (Heiterkeit und Beifall.) Bebel entwirft alsdann ein eingehendes Bild von der Entstehung und den Verfolgungen der Partei und bemerkte: Trotz aller Reaktion ist Sachsen gegenüber den sogenannten West-Kalmücken immer noch ein Land des Fortschritts gewesen. (Heiterkeit und Beifall.) Bebel erklärte schließlich im Namen des Parteivorstandes den Parteitag für eröffnet. (Stürmischer Beifall.) — Es wurden danach Abg. Singer- Berlin und Slbg. Kadcn-DreSden mit gleichen Rechten zu Vorsitzenden gewählt. Singer bemerkte: Es müsse daran erinnert werden, daß vor nunmehr bald 25 Jahren ein „Schergen- und Schandgesetz" erlassen wurde, das bestimmt war, die Partei, die die Befreiung des Volkes aus politischer Knechtung und wirtschaftlicher Ausbeutung erstrebt, zu vernichten. Die letzten Reichstagswahlen haben die Erfolge dieses Gesetzes klar und deutlich gezeigt. Singer schließt mit einem dreifachen Hoch auf die Sozialdemokratie. Alsdann wurden als Schriftführer gewählt Oppel und Ottilie Bader-Berlin, Lorbcrg- Hannover, Keil-Stuttgart, Weidner-Frankfurt a. M., Feldmann-Langenbielau, Stücklen-Altenburg, Stengel- Hamburg und Meist-Köln. Danach wurde die Mandats- prüsungskommisston gewählt. Singer schlägt vor, von 0 bis 1 Uhr vormittags und von 8 bis 7 Uhr nachnrittags zu verhandeln und die Tagesordnung folgendermaßen sestzusetzen: 1. Bericht des Parteivorstandes, im Anschluß hieran: die Stellung der Sozialdemokratie zur bürger
lichen Presse, der Zwiespalt zwischen Bebel und der Redaktion des „Vorwärts" und die Polenfrage. Letztere Frage müsse schon deshalb erörtert werden, da die'polnischen Genossen einen offenen Brief an den Parteivorstand gerichtet haben. Punkt 2: Bericht der Kontrolleure. Punkt 3; Bericht über die parlamentarische Tätigkeit. Punkt 4: Die Taktik der Partei, im Anschluß daran: Die Vtze- prasidentenfrage und die revisionistischen Bestrebungen. Punkt 6: Maifeier. Punkt 6: Der internationale Arbeiter-Kongreß 1004 in Amsterdam. Punkt 7: Anträge zum Programm und Organisation. Punkt 8: Sonstige Anträge. Punkt 9: Wahl des Parteivorstandes und der Kontrolleure. Timm- Berlin beantragt, die Ergebnisse der Reichstagswahl als besonderen Gegenstand auf die Tagesordnung zu setzen. Abg. Bebel ersucht, den Vorschlag Singers, der dem Beschluß des Parteivorstandes entspreche, anzunehmen. Er könne bei dieser Gelegenheit Mitteilen, daß die Auseinandersetzung zwischen der Redaktion des „Vorwärts" und ihm sich viel kürzer gestalten werde, als vielleicht geglaubt werde. (Beifall.) Der Vorschlag Singers wurde darauf angenommen und alsdann die Versammlung geschloffen. Nach Schluß der Versammlung unterhielt sich Bebel mit dem Redakteur des „Vorwärts", Kurt Eisner-Berlin, der die bekannte Erklärung Bebels zurückgewiesen hat, anscheinend in sehr freundschaftlicher Weise.
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H. F. Dresden, 14. September.
Der Saal ist auch heute trotz des schlechten Wetters überfüllt. Die Vertreter der Presse sitzen derartig eingepfercht, daß die Berichterstattung sehr erschwert ist. Der Vorsitzende, Abg. Singer, eröffnete die Versammlung mit dem Bemerken: Entsprechend den Bestimmungen des sächsischen Vereinsgesctzes fordere ich alle Minderjährigen auf, den Saal zu verlassen. (Heiterkeit.) In Übereinstimmung mit dem überwachenden Polizeibeamten gilt diese Aufforderung für den ganzen Parteitag. Ich werd« daher die Aufforderung nicht mehr wiederholen. Ich begrüße nun die erschienenen Vertreter der ausländischen Brudcrparteicn, die uns geistig und materiell bei den letzten Wahlkämpfen unterstützt haben. So sehr wir für die pekuniäre Unterstützung auch dankbar sind, so sind doch von viel größerer Bedeutung die Sympathien, die uns unsere Bruderparteien aus allen Ländern der Welt entgcgenbringen. Dieser Vorgang beweist, daß die Sozialdemokraten aller Länder ein einiges Band umschlingt. Diese geistige Solidarität muß den Sozialismus zum Siege führen. (Stürmischer Beifall.) Singer teilte danach mit, daß außer den bereits genannten ausländischen Sozialisten noch erschienen seien: Tak-Hollanö, Jones-England und Wilshire-New Dorf, letzterer namens der sozialdemokratischen Partei Amerikas. — vr. Viktor Adler-Wien begrüßte den Parteitag im Namen der österreichischen Sozialdemokratie. Die glänzenden Ergebnisse der deutschen Reichstagswahlen haben die Arbeiter Österreichs in einen Jubel, in eine Freude versetzt, als
Der Kruder Kerasin.
Novelle von Viktor Blüthgen.
(3. Fortsetzung.)
Der kleine dicke Mönch, den er gestern abend schon bei dem Leiterwagen tätig gesehen, brachte ihm eine Kanne Warmbier, Weißbrot, Butter, Honig und kaltes Geflügel. Der Raum war hell und angenehm kühl, und der Gast vertrieb sich nebenbei die Zeit mit dem Studium der Schnitzmuster und der Bilder an der Wand; aber im Hintergründe seiner Gedanken stand immerfort das wunderliche Erlebnis dieser Nacht, die schattenhafte Figur des Bruders Scrafin in der Dämmerung der Zelle.
Vor der offenstehenden hohen Bogentür lachte der Garten in greller Sonne. Das Grün flimmerte und funkelte. Ein wildes Gezwitscher von Sperlingen tobte bald näher, bald ferner, dazwischen warfen ein paar Grasmücken ihre niedlichen Tonleiterläufe in die blaue Luft. Der einströmende warme Hauch lockte . . .
Der Staatsanwalt ging hinaus, an der Laubenflucht hin. Welch eine wunderbare Aussicht! Er verglich, wie der Tag die dunkel-verworrenen Formen des nächtlichen Ausblicks auflöste. Aber vergebens sah er sich nach Dorf und Schloß um: die Mauer rechts mußte den Blick darauf abschneiden. Ter Klostergarten fiel in steilen Terrassen ob, die gut gepflegte Wein-, Obst- und Gemüsekulturen aufwiesen. Tief unten jene den Garten abschließende Quermauer mit der Tür, von welcher der Bruder Sera- fm gesprochen.
Außer der Mitteltreppe führte da, wo die Lauben- flucht endigte, eine schmalere Seitentreppe hinab, hart an «r Mauer entlang, und der Staatsanwalt konnte der Versuchung nicht widerstehen, niederzusteiqen und sich die Stelle, wo er in der Nacht mit dem Mönch zusammen- weffen sollte, zuvor bei hellem Tageslicht genauer anzu- fthen. Gemächlich schritt er hinab, auf jeder Terrasse Musterung haltend.
Zu seiner Überraschung gab es m der absteigenden
Mauer, in der Ecke, wo die Quermauer ansetzte, auch eine Tür, schmal und klein, gerade nur mannshoch. Sie war alt, verwittert, zeigte in Gesichtshöhe einen herzförmigen Ausschnitt, und als der Jurist durchzusehen versuchte, sah er ins Dunkle.
Er vermutete da einen Raum zum Aufbewahren von Gartengerätschaften.
So bog er denn ab und schritt auf dem Kiesweg der anderen Tür zu, auf welche die Mitteltreppe mündete. Sie zeigte nichts Bemerkenswertes. Er blieb noch eine Weile in Gedanken stehen, in der grellen Sonne, die ihn angenehm durchwärmte — er hatte von dein gestrigen Unwetter noch eine frosttge Nachempfindung — ließ sich von seiner Phantasie den weiteren Verlauf seines Abenteuers ausmalen und überlegte daneben allerlei in bezug auf die Detektivrolle, die er zu spielen, im Begriff stand. Unter keinen Umständen durfte er außerhalb des Klosters als Staatsanwalt auftreten — seine Visitenkarten waren fürs erste nicht mehr zu brauchen. Er mußte darum auch für das Kloster möglichst verschwinden, wo man seine Beziehungen zur Justiz kannte . . .
Bah — das alles war ja verfrüht. Bisher wußte er von dem ganzen Sachverhalt nichts, als was der Bruder Serafin ganz vage angedeutet. Vielleicht ergab oie Zusammenkunft in der Nacht schon, daß keine Aussicht für ihn bestand, dieser dunklen Familicnepisode auf den Grund zu kommen, oder aber die Unwahrscheinlichkeit, daß alles so lag, wie der arme Graf sich einbildete, trat genügend deutlich heraus, um jeden Schritt in dieser Angelegenheit überflüssig erscheinen zulassen.
Er stieg die Mitteltreppe hinauf, hörte im Türmchen der Klosterkirche eine Glocke dreimal anschlaqen -- als er oben angelangt war, erschienen einige Mönche in. der Haupttür. Er trat ihnen mit gelüftetem Hut entgegen und fragte nach dem Guardian, um sich zu verabschieden. Der Guardian war auf seinem Zimmer. So ging er denn, zunächst seine Sachen an sich zu nehmen, suchte den alten j Herrn auf und empfing im Umtausch gegen feinen Dank i dessen gute Wünsche für die fernere Wanderung,
„Suchen Sie nur den Hauptweg wiederuni auf, er führt in das Tal hinunter. Werden Sie heute noch weit wandern?"
„Noch kaum. Hochwürden. Ich gehöre nicht zu den Touristen, die ihr Pensum abmarschieren", wich er aus<
„Schon recht. Also, behüts Gott."
Der Pförtner öffnete ihm, nachdem sein altes kahles Gesicht auf einen Augenblick am Fenster erschienen: dann umfing ihn wieder der Wald, dem man so wenig wie dem Wege das Übermaß des gestrigen Regens anmerkte, so batte die Sorne bereits getrocknet. Die Falter spielten, in den Bäumen zwitscherte es — er ließ sich von der Sonne streicheln mit dem Behagen eines gestreichelten Katers, so curchfröstelt war er selber noch.
Dabei beschäftigte ihn unausgesetzt die traunihafte Vision des armen Grafen und seiner schauerlichen Eröffnung, er hörte das Murmeln der unterdrückt leidenschaftlichen Beschwörung, die sein Eingreifen forderte, sein Entschluß, dieser Sache aus den Grund zu geben, wenn das möglich, stand fest — das erwachte Interesse des Kriminalisten reizte ihn, verlangte Kwrheit Und der Graf forderte seine menschliche Teilnahme heraus. Im übrigen dachte er im Hellen Tageslicht noch nüchterner itber das ganze Problem als in der Nacht. Ein Muttermord — welche psychologischen Voraussetzungen ivaren hrer denkbar, um ihn zu erklären? Ein Vater, der die entarteten Kinder dem Gericht übergeben will und damit nicht durchzudringen vermag, sich deshalb ins Kloster zu- ruckzieht und seinen Besitz in den Händen der Schuldigen läßt — wie absurd!
Die Phantasie des jungen Staatsanwals bemühte sich, das alles als möglich zu konstruieren. Vielleicht war diese Frau ein Teufel gewesen, hatte sie diese Kinder bis zum äußersten gereizt — aber der Graf hatte ihren Namen mit einem so rührenden Klang genannt, daß da alle Wahrscheinlichkeit, abbrach. Vielleicht hatte nur Fahrlässigkeit, Unvorsichtigkeit das Unheil verschuldet, die Ver- zweiflung des Vaters eine Absicht herausgelesen — ein
