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H. Jahrgang,

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Abendausgabe«

Ier neue Kurs in Dorwegen.

Der soeben beendete Kampf um die Wahlen zum norwegischen Storthing war der interessanteste und heftigste Wahlkampf, den Norwegen seit dem Jahre 1891, wo die Radikalen wieder die Herrschaft an sich rissen, erlebt hat. Als vor zwölf Jahren das radikale Kabmett Stoen, welches über eine starke Mehrheit im Storthmg und im Volke verfügte, ans Ruder gelangte, da hatte es ganz den Anschein, als ob das lose Band, welches Schweden und Norwegen miteinander verbindet, gesprengt und beide Länder in das Verhältnis der reinen Personalunion gedrängt werden sollte,!. Und in Schweden sch man der konunenden Entwicklung mit banger Sorge entgegen.

In Norwegen gefiel man sich damals in der aller­schärfsten Tonart. Das Nationalgefühl der Norweger, die auf ihre verhältnismäßig große Selbständigkeit und ihre freie Regierungsform stolz sind, ist von jeher außer­ordentlich stark gewesen. Als Norwegen im Jahre 1814 mit Schweden vereinigt wurde, war es fast drei Jahr- Hunderts hindurch von Dänemark als eine abhängige Provinz behandelt worden. Und in natürlicher Reaktion auf diese Seit der Unterdrückung wachten die Norweger mit eifersüchftgem Mißtrauen über die Wahrung ihrer Selbständigkeit gegenüber Schweden, mit dem sie außer dem König die Vertretung der auswärtigen Angelegan- heilen und das Konsulatswcsen gemeinsam, haben.

„Das Königreich Norwegen ist ein 'freies, selbst- ■ ständiges, unteilbares und unabhängiges Reich, mit Schweden unter einem König vereint, dessen Regierungs- form ist eingeschränkt und erblich monarchisch." So lautet der erste der 112 Paragraphen des am 17. Mai 1814 auf der Reichsversammlung zu Eidsvold gegebenen norwegischen Grundgesetzes, welches dem Lande eine fast republikanisch freie Verfassung gibt und den König bei­nahe zu rein repräsentativer Bedeutung herabdrückt. Man hätte meinen sollen, daß die Norweger diesen losen Zu- sammenhang mit Schweden nicht als drückend empfinden konnten. Tatsächlich ist aber die Geschichte der letzten 12 Jahre eine Geschichte der Losreißungsbestrebungen Norwegens von Schweden gewesen.

Der Hebel, bei dem zuerst das Kabinett Steen und später das jetzt noch am Ruder befindliche Kabinett Blehr ansehte, war die Konsulatsfrage, während im Hinter- grund als Lockspeise ein eigener Minister des Äußern für Norwegen gezeigt wurde. In Schweden stieß schon das Verlangen der Errichtung eigener Konsulate für Nor­wegen auf heftigen Widerstand, während man die Forde-

rung einer Trennung der auswärtigen Politik nicht recht ernst nahm und mehr als ein Agitationsobjekt der radi­kalen Partei ansah.

Tatsächlich ist auch die Regelung der Konsulatsfrage rn den 12 Jahren, in denen die Radikalen mit einer kurzen Unterbrechung die Herrschaft in den Händen hatten, nicht vorwärts gerückt, und das Kabinett Blehr, welches zuerst darauf bestanden hatte, daß Norwegen die Konsulatsfrage selbständig regeln könne, hatte sich zum Schluß doch zu dem Zugestäudnis verstanden, daß diese Frage in gemeinsamen Verhandlungen mit Schweden erledigt werden solle. Aber das Trennungsprogramm, welches die radikale Partei trotz dieser Verhandlungen als Endziel festhielt, hat elend Schiffbruch gelitten, denn der Ausfall der soeben beendeten Storthingwahlen be- deutet eine vernichtende Niederlage des Kabinetts Blehr und der Radikalen.

Im alten Storthing, welches 114 Vertreter zählte, [tcrnbett (6 Radikalen 38 2Kit$Iieb'2r der Rechten gegen- über, so daß die ersteren eine Zweidrittelmehrheit hatten, welche es ihnen ermöglichte, Änderungen der Verfassung durchzusetzen. Hatten die Radikalen bei dem jetzigen Wahltänipf diese Mehrheit behauptet, so wäre zweifellos die Parole „Los von Schweden!" offen als Ziel des Kampfes proklamiert.worden. Aber schon im Laufe der letzten Jahre hatte sich in Norwegen ein starker Um- schwung bemerkbar gemacht. Die Mehrheit der Be- volkerung war des ewigen, fruchllosen Haders mit Schweden müde geworden. Dazu kam, daß die wirt­schaftliche Lage Norwegens sich recht ungünstig gestaltet hat, nicht zuletzt deshalb, weil Norivegen, um Schweden gegenüber mit mehr Nachdruck auftreten zu können, seine militärischen Leistungen auf ein wesentlich erhöhtes Maß schraubte.

Unter diesen Umständen wurde die Unzufriedenheit mit der Politik der Radikalen so groß, daß sich die ge­mäßigteren Elemente als Partei der Moderaten absonder­ten und mit der Rechten gemeinsame Sache machten. Diese Abschwenkung gewann um so größere Bedeutung, als sich auch der hervorragendste radikale Politiker, der Dichter Björnstjerne Björnson, den Moderaten anschloß £o brachten die Wahlen den Radikalen eine vernichtende Niederlage. Im neuen Storthing, welches aus 117 Mit- gliedern besteht, verfügen die Rechte und die Moderaten über 63 Mitglieder, während die Opposttion aus 50 Radikalen und 4 Sozialisten besteht.

Unter diesen Uniständen ist der Rücktritt des Kabinetts Blehr in kurzem zu erwarten, und an seine Stelle wird ein Koalittonsministerium voraussichtlich unter dem Führer der Konservativen Hagerup treten. Die Folge davon wird sein, daß tvcnigstens für die nächste Zeit zwischen Norwegen und Schweden das Kriegsbeil be­graben und die Friedenspfeife angezündet werden wird.

Parteitag der WaldeniakralWn Partei.

F. Dresden, 11. September 1903.

I.

Der Parteitags der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der Sonntagabend im großen Saale des am Schützenplatz belesenen Etablissements „Trianon" beginnt, dürfte außerordentlich zahlreich besucht werden. Der diesjährige Parteitag ist der vierzehnte seit Auf­hebung des Sozialistengesetzes. Es steht zu erwarten, daß die Verhandlungen sich außergewöhnlich interessant und lebhaft gestalten werden. Die Frage, ob die sozial­demokratische Fraktion die Stelle des ersten Vizepräsi­denten im Reichstage beanspruchen soll, und auch die dem Abgeordneten Bebel von seiten der Redaktion des „Vor- warts" verweigerte Aufnahme einer Erklärung werden zweifellos zu sehr lebhaften Auseinandersetzungen Anlaß geben. Die Ergebnisse der Reichstagswahlen und das Vorgehen der Partei bet den preußischen Lanötagswtthlen dürften ebenfalls eine sehr lebhafte Erörterung erfahren. Die Tagesordnung lautet: 1. Geschäftsbericht des Vor­standes, 2. Bericht der Kontrolleure, 3. Bericht über die parlamentarische Tätigkeit, 4. Maifeier, 5. der inter­nationale Kongreß in Amsterdam 1904, 6. Anträge zum Programm und Organisation, 7. sonstige Anträge, 8. Wahl des Vorstandes und der Kontrolleure. — Es ist wiederum eine ganze Flut von Anträgen eingegangen. Von einer großen Anzahl Genossen wird beantragt, auf die Tagesordnung zu setzen: „Die Ergebnisse der dies­jährigen Reichstagswahlen", und als Referenten die Ge­nossen Bebel und v. Bollmar zu bestimmen. Die Partei­genossen in Essen beantragen: Der Parteitag möge die Einführung eines allgemeinen Reichs-Berggesetzes be­raten. Bon den Parteigenossen in Gera wird beantragt, als besonderen Punkt auf die Tagesordnung zu setzen: Die Revisionsbestrebungen der Parteitaktik innerhalb der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Eine große Anzahl Anträge will, daß Genossen nicht Mitarbeiter bürgerlicher Zeitungen seien, zumal wenn letztere An­griffe auf die Sozialdemokratie bringen. Eine Anzahl Genossen wünscht, daß nur eine Abordnung der Reichs- tagsfraktiou und nicht sämtliche Abgeordnete auf dem Parteitag Sitz und Stimme haben. Die Genossen in Köln, Kalk und M.-Gladbach beantragen: In den Be­zirken, wo die Agitation besonders schwierig ist, nament­lich in Zentrums-Gegenden, besondere Parteisekretäre anzustellen. Die Parteigenossen in Chemnitz beantragen: „Der Parteivorstand niöge erwägen, wie am besten und schnellsten eine Schule ins Leben gerufen werden kann, in der Parteigenossen zu Referenten und Redakteuren herangcbildet werden." Die Parteigenossen in Elbing beantragen: „Die Partei möge unter den Proletariern, die alljährlich zur Armee eingezogen werden, vor dem Eintritt in dieselbe in geeigneter Weise Propaganda für den Sozialismus machen. Insbesondere sind die künf­tigen Soldaten über ihre Pflicht gegenüber dem soge-

Der Bruder Kerasin.

Novelle von Viktor Blüthgcn.

(2. Fortsetzung.)

,Hm —" sagte er, „wenn dem dann ist, so ist das ja eine traurige Sache. Nur fühle ich mich denn doch nicht berufen als Fremder, hier nicht Staatsangehöriger, ein­zugreifen."

' . „Ich beschwöre Sie, mein Herr — Sie stehen im Dienst der Gerechtigkeit, und die ist eine auf der ganzen Welt. Aber hier hat man ihr die Augen verbunden und die Arme in Ketten gelegt. Und ich habe den Jammer und die Wut darüber in diese Kutte gesteckt, bete mit den Lippen und knirsche inwendig und fluche, hungre und dürste und schreie nach Sühne, nach dem Schwert der Rache. Sie werden mir glauben, wenn ich sage: Hier siche ich und klage wider meine eigenen Kinder!"

Er hatte die rechte Hand erhoben, das Letzte mit dumpf erhobener Stimme gesprochen, offenbar im Tief- sten erschüttert.

»Das ist ein ungeheuerlicher Fall, in der Tat", meinte der Staatsanwalt mit neu erwachtem Mißtrauen. „Nur — perzeihen Sie — ist mir's rätselhaft, wie das in einem zivilisierten Staat vertuscht werden könnte."

„O, mein Herr, Sie kennen eben Österreich nicht, wissen nicht, was im Schoße der österreichischen Aristo­kratie möglich ist. Sie wissen nicht, welche Hände inan hier vergolden kann. Haben Sie jemals gehört, daß jemand vom hohen österreichischen Adel vom Gesetz gepackr und gezeichnet worden ist?"

„Ja — und Sie glauben, daß ich das bewirken konnte?"

„Das können Sie, Herr, wenn Sie, ein Ausländer, Ihre Sttmme erheben. O, Sie werden sehen. wie man sich beeilen wird, Sie zu fragen, mit welcher Summe Ihr Schweigen zu erkaufen ist. Sie werden sehen, wie diese Schlangen gekrochen kommen, diese bezahlten, gleißenden Kreaturen. Sie umringeln und umschmeicheln, und Sie werden sich sagen, daß Sie mitten in der Lüge, der Ge­setzlosigkeit, der Verderbtheit stehen."

Der Mann im Bett schüttelte heimlich den Kopf. In­dessen reizte ihn bei aller Reserve das Abenteuerliche dieser Reiseeplsode, und für den Juristen blieb noch ein Körn­chen Möglichkeit übrig, daß dem allen etwas Tatsächliches zu Grunde lag. War der Bruder Serafin nicht ernst zu nehmen, so war es vielleicht nicht ungefährlich, ihn gänz- nd) abzulehnen und dadurch zu erbittern.

„Eine Frage voraus: Wer sind Sie? Aus Ihren Angaben folgt, daß Sie keineswegs von jung auf Kloster- bruder sind."

„Sie haben recht. Ich bin Leopold Graf von Raczek — war es, bis ich, ein gebrochener Mann, mich als Bruder serafin in die Klosterzelle sperrte, um dem Himmel näher zu sein, zu dem ich um Rache schrie. Ans Sankt Velten unten sitzen die Verruchten, die mir das Schwert aus den Händen gewunden haben, die Elenden, die Mörder. Und unten in der Gruft modert mein Weib, meine schöne Marion, die sie mir geraubt, gemordet, eingesargt haben, während ich sie suchte in der Welt draußen, mit Haß, ^ainmew Verzweiflung . . . Ach, mein Herr — ich weiß, daß Sie es sind, den mir der Himmel auf mein inbrünstiges Flehen zugeführt hat. Als ich gestern hörte, daß ein Fremder bei un§ Zuflucht suchte, wußte ich eS Sie haben eine Mission. Dieses Unwetter war die gewal- ttge Hand des gerechten Gottes. Sie werden sich nicht weigern, einige Zeit in der Gegend zu verweilen, um zu erforschen, ob ich Ihnen die Wahrheit gesagt habe. Sie werden uns den Frieden schaffen, mir und der armen Seele meines gemordeten Weibes, oie nicht zur Ruhe kommt, bis nicht gesühnt ist, was man ihr angetan hat Und ich werde Ihnen behülflich sein. Bei allem, was ^hnen heilig ist, beschwöre ich Sie: wollen Sie?"

Alles in,dem nämlichen verhaltenen dumpfen Ton leidenschaftlicher Deklamation, der theatralisch wirkte, aber doch so tief innerlich wahr und überzeugend klang.

Ter Staatsanwalt schwankte. Daß hier ein Familien- tragodie vorlag, ließ sich sein unmittelbares Empfinden Nicht abstreiten. Vermutlich war es gar nicht so schwie- rig, ihr auf den Grund zu kommen. Vielleicht ist dieser Graf in Mönchskutte da nicht als ein Querulant, dem es zu Kopf gestiegen, daß man ifm mit einer vorgefaßten

törichten Meinung im Stich ließ. Was tut's, wenn er ein paar Tage drauf wendet, der Wahrheit nachzugehen?

Man erlebt nicht oft Reiseabenteuer von so drasti- schem Reiz.

Draußen war der Mond durchgebrocheng sein Schein fiel nicht direkt ins Zimmer, aber es war aufgehellt, und da stand der seltsame Besucher mit ausgeftrecktem Arm, heimliches Licht in den düsteren Augen, mächtig, ge- spcnsterhast . . .

„Ich will, wenn Sie durchaus wünschen."

Die hohe Gestalt des Bruders Serafin raffte sich be­friedigt zusammen. „Ich wußte es", nickte er.

„Ihre Kinder bewohnen das Schloß drunten?"

»Zur Zeit sind sie da. Sie sind in Ihre Hand ge­geben. Sie erkennen die Hand der Vorsehung, mein Herr."

„Befindet sich ein Dorf da — ein Wirthaus, in dem ich Unterkunft finden kann?"

„Der Schloßgärtner wird Sie aufnehmen. Ich selbst werde Sie ihm zuführen."

„Kann denn das unauffällig geschehen? Es liegt auf der Hand, daß die Beziehung zwischen mir und Ihnen im Dunkel bleiben muß. Wenn man auf der anderen Seite Verdacht schöpfte und alle Vorsichtsmaßregeln träfe, würde meine freie Zeit schwerlich hinreichen, um zu einem Resultat zu kommen."

„Den: wird vorgebeugt werden. Am Fuße des Kloster- gartens zieht sich eine Mauer hin, und in dieser Mauer befindet sich eine Tür. Wenn Sie sich morgen Nacht gegen zehn Uhr an dieser Tür aufhalten wollen, so werbe ich Sie dort empfangen. Das weitere überlassen Sie mir."-

„Gut, ich werde zu Ihrer Verfügung stehen. Dev Schloßgärtner ist demnach Ihr Vertrauensmann, und ich werde von ihm die ersten Anhaltspunkte und die wünschenswerte Förderung erwarten dürfen?"

, „So ist's, mein Herr ... Sie werden mich nicht im Stich lassen? Ich darf zum erstenmal feit, geraumer Zeit ruhig schlafen können? Ich habe Ihr Wort?"

Es klang wie Plötzlich erwachte Angst durch das halb, laute Murmeln dieser Schlußwendung.

Der junge Jurist zögerte noch einen Augenblick. Ep