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Zrettag, 10. September 1913.
KbenÄ-Ausgabe.
Nr. 422. » 63. Jahrgang.
Ein Graben bei Souchez genommen. — Ein Erfolg in den Vogesen. — Vie höhe von pieskq gestürmt. — lvlezanka genommen. — Vordringen an der Sahn nach pinsk. — Sie Russen am Sereth auf Bucnyow zurückgeworfen.
Ler Tagesbericht vom 10. September.
W. T.-B. Großes Hauptquartier, 10. Sept. (Amtlich.)
westlicher Rriegsschauplatz.
Nördlich von Souchez wurde ein vorgeschobener französischer Graben genommen und eingecburt. Die B esatz ung fiel bis aus einige Gefangene im Bajonctt- kampfe.
In den Vogesen wurden nahe vor unseren Stellun- gen am Schratzmännle und Hartman nsweiler- köpf liegende Grüben g e st ü r m t und dabei 2 Offiziere und 109 Mqnn gefangen genommen, K Maschinengewehre und ein Minenwerfer erbeutet. Ein Gegenangriff am Schratzmännle wurde blutig abgewiesen.
(vestlicher Kriegsschauplatz.
Heeresgruppe des Generalfeldmarschallr von Hindenburg.
In Gefechten südöstlich von Friedrich ft adt wurden bei Wilkomierz von unserer» Abteilungen einige 100 Gefangene gemacht. Sonst ist die Lage zwischen der Ostsee und dem Njemen bei Merecz im wesentlichen u n» verändert.
Bei S k i b e l und im Clwianka-Abschnitt ist der Kampf noch im Gange. Die Höhe bei P i e s k y <an der Clwianka) wurde g e st ü r m t. Im Laufe des Tages wurden 1400 Gefangene eingcbracht und 7 Maschinengewehre erbeutet.
Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls Prinz Leopold von Bauern.
Die Heeresgruppe ist im Angriff gegen feindliche Stellungen an der oberen Zelwianka und östlich der A-dzanka. Olezanka ist genommen.
Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls von Mackensen.
Unsere Berfolgungskolonnen nähern sich dem Bahnhofe Kossow an der Straße von Kobrin-Milo- w i d ij. Beiderseits der Bahn nach Pinsk erreichten wir die Linie Culatycze-Owzizze.
Südöstlicher Rriegsschauplatz.
Deutsche Truppen warfen die Russen auf Bucnyow am Sereth, südlich von Tarnopol.
Südwestlich von B u c n h o w und bei Tarnopol sind heftige feindliche Angriffe abgeschlagen.
Oberste Heeresleitung.
Vie neue russische Verteidigungslinie.
Die russischen Kämpfe der zweiten Septem- berwache zeigen ein -wesentlich anderes Brid als das der vorhergehenden Tage und Wochen. In dem regellosen 3 u r ück fluten der russischen Heere ist jetzt ein sichtbarer Stillstand eingctreten. .Handelte es sich in der zurückliegenden Kriegszeit lediglich darum, den abziehenden Kolonnen und Staffeln unter Anlehnung an die noch intakten Festungen den nötigen Zeitgewinn zu verschaffen, so scheint.jetzt dieses Stadium überwunden zu sein. Aus den Kämpfen der letzten Tage läßt sich erkennen, daß die russische Armee tatsächlich die- lenige V crt c idigungs stellung inne hat, welche nicht nur unseren ^Siegeslauf aushalten soll, sondern auch als die Quelle einer aussichtsvollen Offensive von unseren Gegnern angesehen wird. Diese Rechnung scheint aber starke Fehler in sich zu haben. Unbezwingbar ist ^die moralische Kraft unseres deutschen Heeres, welches seit Monaten den Sieg an seine Fahnen zu fesseln weiß. Die schwere Entnmtigung und Verzweiflung in den Reihen unserer Gegner läßt sich nicht über isiacht in einen Siegerglauben verwandeln. Je niedriger die Stufe der Bildung und Moral ist, auf welcher die Angehörigen geschlagener Heere stehen, um io fester wurzeln Mutlosigkeit und Mißtrauen, wenn die erhofften und so oft versprochenen Erfolge immer nur sich in das Gegenteil wandeln. Unser starkes moralisches Plus kann auch die stärkste, russische Derteidigungsstell''ng nicht in ihreGräben hineinziehen. Auch der äußerliche Wechsel im russischen Oberkormnando wird hieran nichts ändern. Mit dem Fall der starken Fe st ungen ist Glaube und Zuversicht aus dem Herzen ihrer Kämpfer entschwunden. Mag auch in gewissem Maße die Krisis in der Herstellung der nötigen Munition überwunden sein, die fiir einen Erfolg notwendigen moralischen Faktoren kehren nicht so schnell zurück wie die Leerwagen an Munition und Waffen. Diese seelischen Umstände waren und sind die Grundlage oller Siege. Unter diesem Gesichtspunkte muß man die kriegerischen Ereignisse dieser Tage betrachten- Unsere bisherigen unvergleichlichen Erfolge weiden auch die
neue russische Verteidigungsstellung zum Weichen bringen. Der nördliche feindliche Flügel lehnt sich an R i g a, der südliche an die Sümpfe des Pripet. Der kühne Vorstoß unserer Flotte in den Rigaer Meerbusen zeigte den Russen, daß die dortige Minensperre nicht unüberwindlich ist, das weitere Borrücken der Armee Mackensen auf Pinsk liefert ihnen den Beweis, daß mrsereTruppen auch ein so schwierigesGelände, arm an Straßen und überreich an Wasser, siegreich zu durchschreiten vermögen. Während die Gegend um Riga gegenwärtig nicht in unserem -Operationsgebiet liegt erlangen wir zwischen Friedrich st adt und Dünaburg neue Erfolge. Wir nähern uns hier einem drftten Brückenkopf bei Kreuzburg. Der Raum zwischen Dünoburg und Wilna erleichtert die russische Verteidigung durch eine Zahl von Seen. Der rechte Flügel der Armee Below verhält sich hier defensiv. Lebhaftere Gesechtshandlungen spiellen sich in dem Raum wosllich Wilna ab. Der linke Flügel der Armee Eichhorn durchbrach die Seenenge bei Nowi° T r o kl, Wilna selbst ist hierdurch ernstlich gefährdet, der Kampf um den befestigten Brückenkopf der Wilija gewiß schon im Gange. Nach der Eroberung der west- polnischen Festungen ist Wilna das letzte starke Tor auf dem Wege in das Innere Rußlands. Ferner ist Wilna das Zentrum der neuen russischen Stellung, welche sich weiter südlich an die User der Kotra, der S e l w j a n k a klammert und dann nördlich des eroberten Wolkowysk aus SI o n i n verläuft. Jim Anschluß an die Armee Eichhorn fechten nördlich des großen Nsemen-Knies bei Grodno die Truppen des Generals Scholz, südlich die des Generals v. Gollwitz und des Prinzen Leopold von Bayern. Dem verzweifelt ringenden Gegner wird energisch zu Leibe gegangen, an den südlichen Zuflüssen des Niemen seine Stellung mehrfach durchbrochen, 'wodurch eine teilweise Räumung herbeigesMrt wird-
Auch aus dem südöstlichen Kriegsschauplatz werden unsere Erfolge und die unserer Verbündeten erne neue russische Verteidigungslinie notwendig machen. Die letzte, nach dem Fall von Dubno noch in russischem Besitz befindliche Festung Rowno wird sowohl von Westen wie Südwesten bedroht. Nachdem bereits seit Wochen die nördliche Verbindung bei Kowell durchschnitten war, ging auch die südliche mit der Erstürmung von B r o d y verloren. Die Sereth- Stellung ist mehrfach durchbrochen, erfundene russische Siege wurden zu empfindlichen Niederlagen. Auch der südliche Flügel weicht unter den Äugen des abwartenden Rumäniens ostwärts zurück. Die gegenwärtigen militärischen Operationen stehen unter dank Zeichen erfolgreicher Durchbrüche. Der gegen eine Wunde Stelle gerichtete Stotz unserer Truppen erbrachte jedes Mal den erwünschten Erfolg, So -besiegen wir unaufhörlich den östlichen Gegner mit derjenigen Methode, mit welcher der Gegner unsere westliche Front so oft ohne jeden Erfolg zu vernichten drohte. Im Westen eine unerschütterte deutsche Linie, im Osten eine zermürbte russische Front — so ist die fiir uns so erfreuliche Kriegslage.
M.
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vie voraussichtliche Nachwirkung des Kalles von vubno.
Berlin, 10. Sept. (Zeus. Bln.) Zu der Eroberung der Festung Dubno schreibt der „B. L.-A.": Mit Dubno ist die zweite Festung des tvolhynischen Festungsdreiecks in die Hände der Verbündeten gefallen, nachdem Sud bereits früher nach kurzem Kampfe genommen worden war. Ter Fall vcm Dubno ist insofern von Bedeutung, als er den vcm Rowno nach sich ziehen dürfte. Mit dem Wegfall des Schutzes, den diese drei Festungen dem rechten Flügel der iwch in Ostgalizien stehenden russischen Heeresteile zu geben vermochten, ist aber auch ein beschleunigter Rückzug der Russen aus Ostgalizien zu erwarten.
Vas Ringen in Gstgalizien.
Berlin, 10. Sept. (Jens. Bln.) Über das Ringen um Ostgalizien bringt die „Voss. Ztg." einen Speziakbericht, aus dem hervorgeht, daß die Offensive der Verbündeten langsam, aber stetig vorwärts schreitet. Am Sereth richteten sich besonders gegen die Verbände der Armee Bothmer außerordentlich heftige Stöße. Es waren schwere Augenblicke. Tag und Nacht hielten die Verteidiger in den zusammengeschossenen Gräben stand. Kaum war ein Angriff abgeschlagen, so fluteten wieder neue Massen heran. In erbittertem Kampfe, in dem sich besonders die Garde- Brigade Leu auszeichnete, wurden die Russen in ihre alten Stellmcgen zurückgeworfen und das Serethufer wieder erreicht.
Freiwilliger Rücktritt des Großfürsten Nikolai?
Generalstabschef Alexcjcw der neue Leiter der Operationen.
Berlin, 10. Sept. (Jens. Bln.) Wie zum Rücktritt des Großfürsten Nikolai noch gemeldet wird, war dessen Posten Rutzki angeboten, von diesem aber abaelehnt worden. Vor
erst werde General Al-cxejew die militärischen Operationen leiten. Bereits nach dem Fall von Bvest-Litowsk habe der Großfürst selbst den Zaren gebeten, ihn von dem Oberbefehl zu befreien, aber erst nach der Aufgabe von G r o d n o habe der Zar diese Frage in einer Sondersitzung des Ministerrates zur Entscheidung gebracht. Der Großfürst sei freiwillig oder jedenfalls nicht widerwillig gegangen.
Englische Beurteilung des Zarenentschlusses.
Amsterdam, 9. Sept- Die „Morning Post" sagt, daß der Entschluß des Zaren, sich an die Spitze seiner Armee zu stellen, nicht nur den Enthusiasmus der russischen Soldaten entflammen werde, sondern vor allen Dingen die religiöse Begeisterung des frommen russischen Volkes Hervorrufen werde, das in dem Zaren nicht nur den Kaiser, sondern auch das Haupt der orthodoxen Kirche sieht.
Ähnlich urteilt auch „Daily Chronicle", das in dem Kommandowechsel den Beginn einer neuen Ära im deutsch-russischen Feldzug sieht. Alle Blätter sind sich darin einig, daß auf alle Fälle die Übernahme der höchsten Kommandogewalt durch den Zaren selbst dem Gerücht über die russischen Absichten eines Sonderfriedens ein jähes Ende bereite, und daß auch auf der Ostfront nicht eher das Wort: „Die Waffen nieder!" erschallen werde, bis einer der beiden Gegner zer-< schmettert zu Füßen des anderen liege.
W. T.-B. London, 10. Sept. (Nichtamtlich.) „Daily News" schreibt in einem Leitartikel: Die Übernahme des
Oberbefehls durch den Zaren wird einen großen mora- I i s ch e n Erfolg haben. In militärischer Hinsicht muß man dem Urteil vorläufig Zurückhaltung auferlegen. Der Großfürst geht offenbar nach einem nebensächlichen Kriegsschauplatz, wo seine Anwesenheit bevorstehende wichtige Entwicklungen wahrscheinlich machen könnte. Man wird später Gelegenheit haben, die Fähigkeit des Generals Alexejew uad, des Großfürsten miteinander zu vergleichen.
Der Zar als Retter aus aller Not.
W. T.-B. London, 10- Sept. (Nichtamtlich. Dvcchd bericht.) Die ,LÜmes" schildert in einem Leitartikel »die Notlage und die erschreckliche Krise in Rußland. <@*e erwähnt die großen Mängel der politischen und trtsüa* tärischen Organisation, die Ränke im Innern, den Mangel an Gewehren und Munifton und die deutschen Umtriebe, die in den deutschfreundlichen rück« schriftlichen Kreisen im Heere und in der Beamtenschaft, selbst am Hose -wirksam gewesen wären. Diesen Einflüssen sei es zuzuschreiben, daß für die russischen Enttäuschungen, die Untätigkeit der Älliierten an der West« front verantwortlich gemacht werde und daß >ür einen Sonderfrieden Stimmung gemacht worden sei. Dazu kamen noch die wirtssastlich en und Geldschwierigkeiten, sowie die Abwanderung von Millionen Heimatlosen, außer dem Verluste in- dusfticller wichtiger Mittelpunkte und die Ungewißheft, ob Riga und Petersburg vor dem Feinde geschützt werden könnten. Das Blatt schließt mit der Bemerkung, daß Rußland bei der Übernahme des Oberbefehls durch den Zaren aus allen Nöten befreit sei.
Die französischen Hoffnungen auf öen Zaren» Heerführer.
W. T.-B. Paris, 9. Sept. (Nichtamtlich.) Die Presse ver» ineidet es, die Absetzung des Grotzfürsten Nikolai zu kommentieren und geht darüber hinweg, indem sie der Übernahme des Oberbefehls durch den Zaren lange Artikel widmet, in denen sie erklärt, daß, abgesehen von Fol. gen strategischer Art, der Zar durch seine Anwesenheit im Heer in jedem Soldaten neue Begeisterung für die heilige Sache Rußlands erwecken werde. Die tiefe symbolische Bedeutung bestehe darin, daß der Landesvater in dem Augenblick, wo der Boden Rußlands durch die Deutschen ent» weiht zu werden beginne, sich selbst an die Spitze des Landes» Heeres stelle, um den Eindringling wieder zu verjagen.
Eine besonders sachverständige englische Rritik.
W. T.-B. London, 10. Sept. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) In einem „Rußlands günstige Lage" betitelten Artikel ver» sucht der militärische Mitarbeiter der „Time s" die jetzige Phase des russischen Feldzugs als für die Russen günstig hinzustellen. Die russische Armee könnte, wenn man den großzügigen strategischen Mahstab anlege, kaum eine bessere Stellung einnehmen als jetzt. Wenn nicht grobe Fehler begangen würden, könnten die Russen ihren Rückzug unge» hindert durchführen und kämpfen, so lange sie wünschten» bis die feuchte Jahreszeit, die bereits begonnen habe, und der Schnee die deutschen Truppen zwingen würde, in dem verwüsteten Land Winterquartiere zu beziehen. Die Deutschen und Österreicher bezwangen nur die Städte, nicht die Armeen. Sie begannen den Fehler, während der zwei kritischen Monate eine Menge verfügbarer Truppen in Galizien zu lassen, anstatt sie in die Front bei Wilna zur Entscheidungsschlacht zu senden. Der Verfasser nennt die Strategie der höheren deutschen Kommandos armselig. Man habe von den zahlreichen Truppen einen schlechten Gebrauch gemacht und zu viel auf einmal gewollt, da, durch habe man eine Gelegenheit Vorbeigehen lassen, die nis mehr zurückkehren wird. Für napoleonische Unternehmungen sei Napoleon notwendig,
