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§t». 427. Verlags-Fernsprecher No. 2883. KoMltag, dk« 13.
Redaktions-Fernsprecher N». 52.
1908 .
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Are Belastung des Arbeiterbudgets durch den Alkoholgenuß.
In der Diskussion über den Zusammenhang zwischen Alkoholgenuß und Arbeiterfrage stehen sich, wie man läufig genug beobachten kann, zwei Auffassungen auf das märftte gegenüber. Die eine, dass der Alloholmißbrauch seine Hauptursache in den sozialen Mißständen habe und me andere, daß das Kausalverhältnis das umgekehrte jei, indem mit der Beseitigung des bei uns heute, speziell grch in Arbeiterkreisen, ungemein ausgedehnten Alkohol- «enusses eine der Hauptwurzeln des sozialen Elends aus in Welt geschafft würde. In Wirklichkeit werden wohl mde Ansichten, wenn auch nicht in dieser extremen Form,
E ' ten richtigen Kern insofern enthalten, als ein großer il unserer sozialen Mißstände sowohl Ursache als Folge sines ausgedehnten Alkoholgenusses sind.
Eine soeben von E>i\ H. Blocher und Dr. I. Landmann herausgegebene Schrift „Die Belastung des Ar- beiterbudgets durch den Alkoholgenuß (Basel, F. Reinhardts Verlag, 1903. M. 1) wirft auf diese eben ange- deutete Frage einiges Licht. An der Hand von mehreren Lausend Arbeiterbudgets (6809 amerikanische und 1611 europäische), die vornehmlich den bekannten Erhebungen der Arbeitsstatistischen Ämter amerikanischer Staaten entnommen sind, wird diese Untersuchung geführt. Auf Grund sehr eingehender und mühsamer Berechnungen gelangen die Verfasser zu dem Ergebnis, daß mit steigendem Einkommen die Ausgaben für Alkohol nicht nur absolut, sondern auch prozentual wachsen, natürlich alles innerhalb gewisser Grenzen. Zu denselben Ergebnissen war bereits vor Jahren, woraus in der besprochenen Schrift auch hingewiesen wird, E. Engel auf Grund der Untersuchung der Arbeiterbudgets belgischer Arbeiterfamilien gekommen.
Die sehr dankenswerte Arbeit weist — es ist dies auch den Verfassern bekannt — vor allem einen Mangel auf, daß nämlich die Qualität des verzehrten Alkohols nicht
unterschieden wird; das vorhandene Material ließ diese Unterscheidung nicht zu. Und doch liegt auf der Hand, daß eine vermehrte Ausgabe für Alkohol bei steigendem Einkommen nicht notwendig einen vermehrten Alkohol- genuß bedeutet; es ist nicht nur möglich, sondern sogar sehr wahrscheinlich, daß mit steigendem Einkommen die billigeren Getränke durch teurere erseht werden. Die überaus wichtige Frage also, ob mit steigendem Einkommen auch der Alkoholkonsum steigt, ließ sich auf Grund der zu Gebote stehenden Budgets nicht beantworten. _ So bedauerlich nun auch der Umstand sein mag, daß mit steigendem Einkommen auch die Ausgaben für den Alkoholgenuß steigen, so scheinen die Verfasser doch die soziale Bedeutung dieser Ersä^inung zu überschätzen; ist es doch einleuchtend, daß z. B. bei einem Einkommen von 800 Mark eine Ausgabe von 5% für Alkohol die Lebenshaltung diel mehr beeinträchtigen kann als bei dem doppelten Einkommen eine Ausgabe von 15 % desselben für Alkohol. Denn im letzteren Falle ist — eeteris paribns — immer noch eine größere Summe für Ernährung, Wohnung u. s. w. übrig als im ersten.
Wenn die Arbeit nicht das leistet, was man von ihr vielleicht erwartet, so liegt die Schuld nicht an den Verfassern, sondern an dem Material, das sie zu bearbeiten hatten; sie haben daraus gemacht, was daraus zu machen war. Sind auch viele Fragen, die wir gerne beantwortet gesehen hätten, ungelöst geblieben, so bietet die Schrift jedenfalls doch einen interessanten und dankenswerten Beitrag zur Frage der'Lebenshaltung der Arbeiterklasse.
Wenn man sieht, in welch umfangreichem Maße die arbeitsstaftstischen Ämter der Vereinigten Staaten an die Aufnahme von Arbeiterbudgets schon seit Jahren herangegangen sind, so weist das auf eine der wichtigsten Aufgaben, die dem neugegründeten Reichsarbeitsamt erwachsen, hin. Vielleicht wird es dann in einigen Jahren möglich sein, auf Grund deutscher Verhältnisse dieser wichtigen Frage von neuem näher zu treten.
vr. Paul Mombert.
Deutsches Deich.
Pins X. »nd Lonbct.
Man muß sagen, die Klerikalen aller Länder sind ziemlich unvorsichtig, indem sie den Papst auf Meinungen und Absichten fesüegen wollen, von denen sie doch nicht wissen können, ob er sie hat. Der Pariser „Univers" versichert unb die deutschen Zentrumsblätter drucken es ihm mit Vergnügen nach, Pius X.werde den Präsidenten Loubet ebensowenig empfangen, wie es Leo XIH. getan haben würde. Wenn sich diese angeblich sichere Mit- teilung nun aber nicht bewahrheiten sollte, was dünn? Aller Voraussicht nach wird der neue Papst einen Weg suchen oder, wenn er ihm gezeigt wird, betreten, der es ihm ermöglichen könnte, das französische Staatsober
haupt doch im Vatikan zu begrüßen. Sollte das Er» eignis, dem der llltramontanismus bei uns und anderwärts mit so viel zitternder Furcht entgegensieht, doch Wirklichkeit lverden, so zweifeln wir nicht, daß unser« klerikalen Blätter alsbald eine Form ftnden werden, mit der sie den katholischen Massen die Sache völlig mundgerecht machen dürften. Wie bequem wäre es nicht z. B„ den Präsidenten Loubet als Bittenden ynfcl Büßenden erscheinen zu lassen, der wohl gar fein schmerzliches Bedauern darüber ausdrücken möchte, daß er als konstitutionelle Spitze in einem parlamentarisch regierten Lande außerstande sei, den von feiner Regierung geführten Kampf gegen die Ordensgesellschaften zu verhindern. Da der Papst selbstverständlich immer recht haben muß, wird die klerikale Presse auch solchen Ent- schließungen, die ihr gegen den Strich gehen, die beste Seite abzugetvinnen wissen.
Bon der Sozialdemokratie.
Um was handelt es sich denn eigentlich bei den Kämpfen in der Sozialdemokratie? Wenn man dem „Vorwärts" glauben darf (und er wird doch nicht die Parteigenossen anlügen wollen oder vielmehr anzulügen versuchen wollen), jedenfalls nicht um die Vizepräfi» dentcnfrage. Denn mit unzweideutiger Bestimmtheit schreibt das Blatt: „Einig ist die ganze Partei darin, daß wir den Anspruch auf den Vizepräsidenten erheben sollen, obwohl wir ihn nur mit Hülfe der bürgerlichen Parteien erlangen können. In diesem Anspruch steckt bas tvirkliche taktische Problem; und darüber sind wir einig. Uneinig sind wir über zweierlei: Erstens über die Bedeutung des Vizepräsidenten .... Die zweite Differenz befrist die Hofgängerei; auch hier handelt es sich nicht um ein« Prinzipienfrage." Nun also! Wer woher denn dev tiefe und weite Riß, der sich nicht schließen und nicht einmal verkleben lassen will? Auch darüber äußert sich der „Vorwärts" inWendungen, die man in den bürgerlichen; Parteien beachten muß, weil sie zugeben, was die Sozialdemokratie sonst bestreitet, weil sie also der bürgerlichen! Presse recht geben, die mst ihren Hinweisen auf di« Heranbildung einer bürgerlich-radikalen Gruppe in dev Partei sonst doch mit Hohn und Spott behandelt wird^ Der „Vorwärts" steht nicht an, zu schreiben: „Es bestcht die Befürchtung, daß manche Parteigenossen sich innerlich von der Sozialdemokratie abgewendet haben und wirklich nicht nur eine neue Taktik, sondern auch neue Prinzipien^ vielleicht auch Prinzipienlosigkeit, Wochen. Man mutmaßt, daß sie mit ihren geheimen Gedanken sich noch nicht herauswagen, daß sie erst auf den richtigen Auaen- blick warten. Ob diese Befürchtung nun gerechftchwigt ist oder nicht — wer kann den Menschen ins Herz sehen! — eine fruchtbare Auseinandersetzung mit derartigen Elementen ist erst dann möglich, wenn ihv „Revisionismus" greifbar ist und sich feindselig und zer- setzend in die Einheit der sozialdemokratischen Aktion drängt; dann ist der Augenblick gegeben, wo es ent- schlossen und fest zugreifen gilt". Das sind denn Wohl
Feuilleton.
Berliner Stimmungsbilder.
Von Paul Lindenberg.
Ausländische Stimme«. — Amerikanische Ansichtc». — Vom Herr» Bureankratius. — Städtische Krnistpflcge. — „Weltstädtische" Gewohnheiten. — Schutz den Damen! — Was zunächst not tnt. —
Die Menzel-Ausstellung.
Fremdes Lob klingt! Nicht nur einzelne Personen haben den Ehrgeiz, aus anderem Munde Gutes über sich zu vernehmen, auch die Einwohnerschaft einer Stadt oder die Bevölkerung eines ganzen Landes hört gern ein beifälliges Urteil, glaubt doch dann ein jeder berechtigten Anspruch auf einen Teil davon — und nicht den kleinsten! — zu haben. Übrigens kann man in dieser Beziehung interessante Beobachtungen über die Bewertung derartiger anerkennender Würdigungen machen. Bisher galten die französischen Loblieder auf deutsche Verhältnisse am höchsten,- der kleinste Scribifax konnte von jenseits der blau-wettz-roten Grenzpfähle kommen und seine oft recht kindlichen Bemerkungen in dem unbedeutendsten französischen Blatte niederlegen, sie wurden bei uns sofort an die große Glocke gehängt und als „wertvoller Beitrag zur Annäherung der beiden Völker" gepriesen. Jetzt ist Frankreich allmählich ins Hintertreffen geraten und Amerika steht obenan. Wir werden überschüttet mit derlei Auszügen amerikanischer Reiseberichte, die wenigstens vor den französischen voraushaben, daß sie mehr die praktischen Seiten des täglichen öffentlichen Lebens berücksichtigen und hier mit großer Vorurteilslosigkeit das rühmend betonen, was amerikanischen Augen neu und erwähnenswert erscheint. Nicht minder sympathisch berührt es: in diesen Veröffentlichungen auf keinerlei Liebedienerei nach irgend einer Seite hin zu stoßen, während die Flüchtigkeit des Reifens und dementsprechend auch der Kritik zu bedauern ist; alles geyt in Hetze, mit geringen Ausnahmen findet nur die
allgemeine äußere Physiognomie der Städte Berücksichtigung, werden einzelne Erscheinungen des großen, gewaltigen Getriebes hervorgehoben, einzig jenes, welches Amerika und Amerikaner interesiiert, nicht einmal zum Tadel bleibt Zeit. Schade, sehr schade, denn bei vielem Licht gibt's ja hier noch genug Schatten, und der Heilige Bureankratius, der spöttisch ob der aus deutschen Federn stammenden kritischen Glossen, mögen sie auch noch so berechtigt sein, lächelt, er wird nervös, wenn ihm ein Fremdling und nun gar einer aus dem Aankeelande aufS dicke Fell klopft, ihm dabei gehörig die Wahrheit sagend. Dann denkt man plötzlich an Abhülfe, und waS vordem für eine werte Obrigkeit und hochweise Behörde unmöglich war, weil cs durch die Überlieferung und den Staub des Vorurteils unantastbar erschien, es wird im Handumdrehen geändert! 's ist die alte Geschichte: tretet in ein großes Geschäft oder Hotel oder Restaurant ein und sprecht bloß Französisch, bezüglich Englisch, ihr werdet weit schneller und höflicher bedient, als wenn ihr eure gute Muttersprache gebraucht, betont ihr zudem, daß dies oder jenes in Paris, in London, Brüssel, New Port weit billiger sei, so werden womöglich noch die Preise für euch ermäßigt.
Neuerdings brachten einzelne Zeitungen Auszüge der Studienberichte zweier bekannter amerikanischer Architekten, die Berlin besucht und hier verschiedenerlei gefunden, was in besonderem Grade ihre Aufmerksamkeit erregt, u. a. die Uraniasäulen mit rotierenden Neklamebildcrn, bestimmte Vorrichtungen zur Bewässerung der zu Seiten der Bürgersteige gepflanzten Bäume, dreiarmige Lichtmasten für Bogenlampen, Masten für die elektrische Oberleitung in Verbindung mit Straßenbeleuchtung, und derlei mehr. Von den zahlreichen Opfern der Straßenbahnen und den von letzteren hervorgerufenen sonstigen Unfällen — in den drei ersten Monaten dieses JayreS waren es „nur" 190 — erfahren wir nichts, auch nichts davon, daß die hübschen Gartenanlagen. des Leipzigerplatzes fortgesetzt mit häßlichem Eisengitter umgeben sind, während sie
dem müden Großstadtpublikum zum Ansruhen und zur Erholung dienen könnten; gern hätte man ferner eine offene Meinung gehört über die Ausschmückung deS Lützowplatzes, auf welchem seit einem Vierteljahre an dem enorme Kosten verursachenden Herkules - brunnen herumgebastelt wird! Du lieber Himmel, was ist dem modernen Berlin der keulenschwingende Zeussohn! Aber weil auf einer benachbarten Brücke zwei noch vom alten Schaüow stammende, kraftvoll geformte Herkulesgruppen ganz zufällig Aufstellung gefunden, da man für sie keinerlei andere Verwendung hatte, so sorgte man schleunigst für eine dritte Darstellung des Löwentöters. Und was für eine! Durchaus anfechtbar vom künstlerischen wie ästhetischen Standpunkt. Was hat um alles in der Welt ein Herkules auf einem von Najaden und Putten umgebenen Brunnenpostament zu suchen, noch dazu dieser Herkules, dessen Löwenfell die Schulter bedeckt, während andere Körperteile fo, wie sie von Bildhauers Gnaden geschaffen wurden, unbarmherzig unserer wechselnden Witterung ausgesetzt sind! Ein gänzlich verunglückter Herkules zudem, der an Gestalten mahnt, wie man sie gelegentlich auf Zuckerbäckereien steht. Hier hat sich Otto Lessing, dem wir so viele treffliche Gaben verdanken, gänzlich verhauen. Warum überhaupt ein solch Brunnen-Unding auf diesem schönen Platze mit seinen weiten Ausblicken auf prächtige Straßenzüge, die uns nun durch jenen geschmacklosen Sandsteinaufbau versperrt worden sind? Warum nicht ein breites, blumen. umgebenes Brunnenbecken mit sprudelnder Fontäne? Nein, cs muß ein „Denkmal" sein! Schrecklich! Wann wird endlich einmal unserer städtischen Kunstdepu- t a t i o n , die uns schon an den verschiedensten Stellen unserer Stadt so hübsch „verschimpfieret" hat, ein Retter erstehen, der ihr den richtigen Weg weist? Jetzt befindet sie sich auf gänzlich falschem Pfade, der sie und Berlin der Lächerlichkeit preisgibt. Mit bedeutend geringeren Summen könnte bedeutend Befferes erzielt werden. Dabei hat unsere Stadtverwaltung allen Grund, recht haushälterisch zu sein, zeigt doch der städtische Etat für 1902/03
