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L Seilage }iim Wiesdaüener Tagblatt.

Ilo. 427. Morgen-Ausgabe.

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« - Der beste Patriotismus ist nichts anderes als klare A Einsicht in die starken und schwachen Seiten seiner Naiion.

2 H. v. Sybel.

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(42. Fortsetzung.)

Freiheit!

Roman von Malier Schmidt-Häßler.

Erst stand Reinhardt eine Weile ganz nchig und legte nur die Hand über die Augen, als müsse er sich langsam besinnen, ob er träume. Dann fühlte er, wie es ihm heiß durch alle Adern strönrte, wie feuriger Wein, als ob in chm mit einem Male ein hundertfältiges Leben erwachte. Er drückte das Telegramm an die Lippen und fing an, laut mit sich selber zu sprechen, da er doch niemand hatte, dem er sonst all das hätte zujubeln können, was jetzt in ihm stürmte. Er sang und lachte durcheinander, überselig und ausgelassen, wie ein Knabe. Ihm wirbelte buchstäb­lich der Kopf. Hundertmal rief er den Namen der Gelieb­ten, als könnte er sie damit herzaubern, und wie mit einem Zauberschlage stand die ganze ferne Vergangenheit in lustigen Wandelbildern vor seinen Augen. Er sah sie mit den langen blonden Hängezöpfen auf dem Schul­wege, sah deutlich die lange Straße mit dm winkligen Häusern, durch die sie ins Mädchenqymnasium pilgerte, er sah sich neben ihr im Domino auf jenem mwergeßlichen Maskenbälle. Alles, alles sah er wieder — nur das trübe Und Traurige sah er nicht. Was kümmerte ihn auch das in dieser überseligm Stunde? — Was hatte doch hmte die lebenskluge Italienerin gesagt? — „Machen Sie sich's doch nicht so schwer, glücklich zu sein, brechm Sie sich die Rosen, wo sie blühen!" Ja, sie sollte Recht Schalten. Hier waren ja Rosen, duftend, srischblühend ,ein ganzer Mld von Blumen, und lange gmug hatte dieser Zauber» garten auf ihn gewartet.

Er flog in sein Schlafzimmer. Hinter dem Schranke

r -or riß er seinm Reisekoffer, brannte alle .Kerzm an, er erreichm konnte. Licht mußte sein um ihn her! — Und nun öffnete er Kästen und Schibladen und fing an einzupacken, ohne Wahl, ohne Überlegung, was er gerade faßte, stopfte er hinein.

Er hatte ja nur einm Gedanken! Fort, so schnell als Möglich! Fort, zu ihr!

Der Morgm fing an zu dämmem, als er ferüg war. Aber viel ruhiger war er nicht geworden. Schlaf gab es für ihn hmte nicht. Er ging noch einmal in sein Atelier, das jetzt im Grau der Morgenfrühe lag. Vor dem Mlde Mariannms blieb er stehen und eine tiefe Rührung über- kam ihn, als er die Hand auf dm Blendrahmen legte, nm es sorgsam wegzustellen.

„Nein", sagte er leise lächelnd, „dich nehme ich mit. j©ti sollst mich begleiten ins Vaterland. Er soll nicht Watten auf dich, bis ich wiederkomme. Gleich soll er dich haben aus warmer Freundeshand, zum Dank für die Hreude, die er dem Einsamen gemacht. Er soll auch eine Wvmde haben, der ehrliche, einzig Getreue. — Wir reisen Amsmander!"

Da fiel ein rosiger Schein über das holde Gesicht, wie jungfräuliches Erröten heimlichen Glücks, und als Rein-

Sonntag, den 13. September.

Hardt sich umwandte, da stteg über Rom die Sonne empor in königlicher Pracht und Herrlichkeit, daß er sein Auge nicht losreißm konnte von dieser Geburt des jungm Tages. In flammendem Purpur glühte der Horizont, als wenn ein Meer von Rosen darüber gestrmt wäre, breite, leuchtende Strahlen, die aus den goldumränderten Wolken brachen, verkündeten das Nahen des großen Lichtes, das endlich auch in seiner Seele aufging in voller Majestät. Und mft fmchten Augen, mit freiem Herzm grüßte er dankbar das neue Leben.

Mit der Uhr in der Hand ging Remmingm, aufgeregt wie vor einer Bataille, in seinem Hotelzimmer auf und ab. In einer Stunde mußte Reinhardt kommen, sein Telegramm hatte ihn spät in der Nacht aus dem Schlafe geweckt.

Ella hatte keine Ahnung davon. Plötzlich und un­erwartet mutzte er vor ihr stehen, so hatte er mit Mari­anne den Schlachtplan entworfen. Der alte Soldat und die Generalswitwe hatten die gleiche Taktik. Nur kein langes Parlamentteren, keine diplomatischen Verhand­lungen, sondern eine frische, fröhliche Attacke.

Was war das doch für eine entzückende Frau ge­worden! — Viel viel reizender noch und begehrens­werter, als damals, wo der Zauber frühster Mädchen­jugend sie umflossen hatte. So klar, so korrekt in allem — und so voll Geist und Laune, so ganz wie für ihn ge­schaffen. Und wie hatte sie ihm in diesen Tagen, wo sie hennlich Pläne schmiedeten für das Glück anderer, bei aller Reserve merken lassen, daß er ihr doch im großen und ganzen sehr sympathisch war!

Ob er nicht doch-

Er sah auf die Uhr. . Noch fünfundvierzig Minuten.

Ter Bahnhof Friedrichstraße war ja gegenüber, er brauchte sich nicht zu beeilen. Wie ein Kind freute er sich auf das Gelingen des Planes, den er und Marianne mit so liebevoller Sorgfalt zurechtgebaut hatten. Sie wollten schen, ob er bereit war, sein Glück sich auch zu ver» dienen, denn gar zu leicht durfte es ihm nicht in dm Schoß fallen.

Endlich ward es ihm doch im Zimmer zu eng, lieber wollte er auf dem Perron noch ein Viertelstündchen auf und ab gehen.

Remmingen nahm seinen Hut und ging auf den Bahnhof. Es erschien ihm wie eine Ewigkeit, bis der Zug endlich in die Halle brauste. Reinhardt stand schon am Fenster und winkte ihm lachend zu. Nach einer herz­lichen Begrüßung fing Berning natürlich an, ihn mit Fragen zu bombardieren.

„Tu mir den einzigen Gefallen und warte die paar Schritte, bis wir im Hotel sind! Dort erfährst du ja alles haarklein!"

„Du kannst dir aber doch denken, daß mich die Unge­duld umbringt, daß ich nicht so ruhig warten kann, bis du aus deinem göttlichen Phlegma dich aufraffst!"

„Na, wenn die Unruhe dich all die langen Jahre nicht verzehrt hat, so wird sie dir die Viertelstunde auch noch Gnadenfrist lasse,:! Also komm!"

Reinhardt übergab einem Bediensteten des Hotels, den Franz mitgebracht hatte, seinen Koffer und den Gepäck- schein für das Bild.

81. Jahrgang. 1903.

„Nehmen Sie sich mit der Kiste in acht!" schärfte er dem Hausdiener ein.

„Was hast du denn noch für Sondergepäck mttsie- bracht? Du hast doch nicht mit Sack und Pack Italien und dein Atelier verlassen?"

„Eine Überraschung für dich. Wirst es früh genug erfahren!"

Kurz darauf waren beide allein in Remmingens Zimmer, und hier brach Reinhardts volle Glückselig­keit ungehindert los. Franz ließ geduldig den ganzen Freudenparoxismus über sich ergehen und lächelte füll vor sich hin.

„Also vor allen Dingen!" rief Reinhardt dann, indem er beide Hände des Freundes erfaßte, „wann werde ich sie sehen?!"

„Heute mittag noch!"

„Und wo?"

„Im Käiserhof!"

„Sie liebt mich also noch?"

„Ich glaube — ja; aber das mußt du sie selber fragen!"

„Weiß sie denn, daß ich komme?"

„Nein!"

Reinhardt stutzte. „Sie — weiß es nicht?"

„Nein, liebster Freund, sie weiß es nicht, und es ist besser so, daß sie es nicht weiß. Denn sieh, zwischen heute und damals liegen drei lange Jahre, und viel, viel Bitterkeit hat in ihrem Kerzen mit der Liebe zu dir ge­rungen. Sie hat sich von dir aufs tieffte gekränkt ge­fühlt, hat sich aufgegeben geglaubt von dir, da sie auf ihren Brief an dich — nie eine Antwort erhielt!"

„Sie hätte mir geschrieben?"

„Sie „hätte" nicht — sie „hat", mein Junge, daran ist kein Zweifel!"

„Aber der Brief? Wo ist der Brief geblieben?"

„Das weiß ich nicht, und bei der Post heute danach zu recherchieren, wäre zwecklos. Er ist eben nicht in deine Hände gelangt. Daß er dir geschrieben wurde, daß Ella die Wahrheit sagt, bedarf keiner Bestättgung, das mußt du eben glauben, wie ich es glaube!"

„Hat sie dir dies alles gesagt?!" fragte Reinhardt, in­dem er Franz von der Seite ansah.

„Sie selbst hat mir gar nichts gesagt. Ich habe ganz andere und bessere Bezugsquellen. Stumm hat sie vor mir all ihr stilles Hoffen auf dich, all ihr Leid tief ver­steckt, nur einmal, vor deinem Mlde in der Ausstellung, brach ihr Gefühl mächtig aus ihren Augen. Aber sie ist eine stolze, in sich gefestigte Seele, die sich verlassen glmübte von dir, und nie würde sie den ersten Schritt getan haben. So mußt du ihn eben tun, nachdem du mm alles weißt, und ich glaube, du wirst ihn gern und ohne große Selbst­überwindung tun?"

„Ich tue alles, alles, wenn ich sie vergessen machen kann, daß sie meinetwegen gelitten!" rief Reinhardt auf­springend und griff nach seinem Hut. „Vor allem führe mich jetzt hin zu ihr!"-

„Noch einen Augenblick, bis ich dich vollständig orien­tiert habe. Ella befindet sich hier auf der Durchreise mit einer Dame, bei der sie als Gesellschafterin, als Vor­leserin, engagiert ist!"

(Fortsetzung folgt.)

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