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K». 425.
Berlaas-Fernsprecher No. 2858.
Samstag, den 12. September.
Ncdaktions.Fernfprecher No. 52.
1803.
Horgen-Ausgabe.
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FranMfche Schuhustande.
Unser Pariser ^.-Korrespondent schreibt uns:
Seit mehr als zwanzig Jahren ist durch das Unter- richtsgesetz von 1882 der unentgeltliche und obligatorische Schulunterricht in Frankreich eingeführt, und es müßte von Rechts wegen nicht einen einzigen des Lesens und Schreibens unkundigen Soldaten in seiner Armee mehr geben. Nicht allein aber ist die Pahl der dieser Wissenschaften baren Vaterlandsvertcidiger noch sehr groß, sondern es scheint sogar, daß die Ziffer der Analphabeten im Heere zunimmt. Die einzige Erklärung für diese Er- scheinung wäre, daß das Gesetz von 1882 nicht streng ge- handhabt wird. Daß dem in der Tat so ist, erhellt aus einer Enquete, welche die französische Unterrichtsliga Kürzlich angestellt hat. Noch sind zwar die auf die An- fragen äußerst zahlreich eingelaufenen Antworten nicht alle gesichtet, aber schon jetzt steht fest, daß das Endergebnis eine große Überraschung Hervorrufen und die Schäden des Unterrichtswesens in ihrer ganzen Nacktheit anfdeckcn wird. „Man wird gewahr werden", schreibt Eduard Petit im „Bulletin de la Ligue de l'enseignement", „daß ein energisches Eingreifen sich nötig macht."
Um einen Einblick in das französische Elementarschulwesen zu gewinnen, ist es übrigens nicht vonnöten, bas Schlußresultat der Untersuchung abzuwarten. Die vom Schulinspektor des Aisne-Departements, Forfer, ge- ' geben« Statistik ist von der Liga bereits veröffentlicht und genügt vollauf, um von einem Departement einen Schluß auf das ganze Land zu ziehen. Forfer konsta- üerte „mit lebhaftem Kummer", daß in seinem Departement nicht weniger als 3000 Kinder niemals die Schule besuchen. Neben diesen vollständigen Analphabeten, die den Kampf ums Dasein in der denkbar schlechtesten Ausrüstung beginne::, findet sich im genannten Departement
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ZeuiUeLon.
Aus der ungarischen Hauptstadt.
Budapests Bedeutung. — Ein Gong durch die Ringstraße». — Ans der Ofener Festung. — Zigcunermnfik. — In eine« koscheren" Restaurant. — Budapests Zukunft. — Abschied.
Budapest, September 1903.
Selten sind Binnenlandstädte von einer so günstigen Lage bevorzugt wie Budapest. Zwischen den fruchtbaren Kornkammern der großen und kleinen ungarischen Tiefebene einerseits, den erzreichen Karpathen, dem wetn- bauenden Bakonyerwalögebiet und dem industriellen, angrenzenden Österreich andererseits liegt die ungarische Hauptstadt. Ein breiter Strom, bildet die Donau die natürliche Fahrstraße ans den Bezirken der Landwirtschaft in die der Industrie. Dort, wo etwa die Mitte von diesen beiden Extremen, liegt Budapest. Und dieser Lage verdankt auch die gegenwärtig größte Stadt Ungarns ihr rapides Emporblühen.
Und dieses unaufhaltsame Emporblühen tut sich kund in einer Lebhaftigkeit, die an Paris gemahnt, in einer Eleganz der Geschäfte, die mit Berlin wetteifern kann, und in einer Buntheit des Volkslebens, in der Budapest wohl einzig in der Welt dasteht.
Um alles dieses Bunte möglichst grell und lebendig herauszubringen, soll in diesen Zeilen kein trockener Bericht gegeben werden, sondern cs sollen ein paar Bilder, treu nach der Natur ausgenommen, von diesem Übergangsort von westlicher zu östlicher Kultur erzählen.
*
Ein Gang durch die Ringstraßen Budapests gehört für einen Großstädter zu den prächtigsten Spaziergängen. Er kann dabei viererlei beobachten: Die Anlage der Straßen, das Leben in den Straßen, die einzelnen Prachtbauten und die Geschäfte. Und alle diese vier Dinge sind in Budapest großstädtisch, comme il faut.
Das ist das, was Budapest so sehr zu seinem Vorteil von der anderen Donaustadt, von Wien, unterscheidet. Budapest bringt seine großen Geschäfte auch in eleganten Häusern unter. Fast Haus an Haus ein kleiner Palast, 'igenartia in seinem Stil und nahezu verschwenderi'ch
eine große Zahl von „halben und Viertelsschülern", die nur zuweilen „wie ein Gespenst in der Schule erscl-einen" und infolgedessen nur die mangelhaftesten Kenntnisse für das spätere Leben davontragen, welche schnell vergesse:: sein werde::. Von 60 000 Kindern im schulpflichtigen Alter, berichtet Forfer, besuchten vom 1. Jrmi 1901 bis 1. Juni 1902 nur ungefähr 38 000, also nicht einmal zwei Drittel, die Schule an mehr als 160 Tagen. 8300 Kinder kamen an 120 Tagen, 5000 an 70 Tagen und 4800 an weniger als 50’ Tagen. Wenn wir oben sagten, daß das Aisne-Departement einen Schluß auf ganz Frankreich erlaubte, so ist dies völlig gerechtfertigt, denn in diesem Bezirke liegen die Schulznstände keineswegs besonders im argen und es gibt viele andere Landschaften, wo es bedeutend schlimmer aussieht.
Die Ziffern des Herrn Forfer werden auf viele Franzosen, die auf das Gesetz von 1882 stolz waren, wie eine Enthüllung wirken. Ein Drittel der schulpflichtigenJugend entzieht sich oder wird im Aisne-Departement dem regelmäßigen Unterricht entzogen! Wie werden die Zahlen für die entlegenen Departements lauten? Was die Forfer- sche Statistik besonders interessant macht, ist, daß sie zeit- tich mit der Schließung vieler geistlicher Schulen zusammenfällt. Die der gegenwärtigen Regierung feindlich gesinnte Presse beutet selbstverständlich die gelieferten Zahlen nach Kräften aus. „Der Augenblick ist wahrhaftig gut gewählt", schreibt spöttisch die „Räpublique Fran- eaise", „die Schulen zu schließen, die Eltern noch mehr zu entmutigen und die Zahl der Schüler zu vermindern, wenn man diese für unser Land erniedrigende Entdeckung macht, daß der Unterricht, den man für obligatorisch hielt, Millionen von Kindern in Wirklichkeit abgeht." Ganz unrecht kann man dieser Presse rächt geben, wenn man hört, daß eine kürzlich von offiziösen Zeitungen veröffentlichte Statistik, welche mithin rn dem für die Regierung günsägsten Sinne ausgesührt sein dürste, unzweideutig beweist, Haß gegenwärtig 80 000 Kinder infolge der Zirkulare des Ministerpräsidenten Combes ohne Unterricht sind, da die geschlossenen Schulen nicht sofort durch neue Staatsschulen ersetzt werden konnten. Die Oppositionspresse rechnet bereits heraus, daß die Zahl 80 000 sich nach vollständiger Durchführung der Dekrete verdreifachen und wenn auch die jetzt autorisierten Kongregationen aufgelöst tverden, wie es diese Presse prophezeit, noch bedeutend zunekrmen wird. Die Schätzungen der dem Kabinett entgegenarbeitcnden Politiker mögen arg übertrieben sein. Soviel steht aber fest, daß das Parlament von der Regierung über die dem Kulturkampf anhaftenden, außerordentlich hohen Mehrausgaben, die so schlecht mit dem Defizit des Budgets harmonieren, im unklaren gelassen worden ist. Melleicht hat auch die Regierung in der Hitze des Gefechts nicht mehr ganz klar gesehen. Soviel sicht endlich fest, daß im Schulstaate Frankreich etwas faul ist.
in seiner Ausführung. Nirgends Effekthascherei. Im Gegenteil, das Schwergewicht ist bei allen diesen Baulichkeiten in der Hauptsache auf eine monumentale Wirkung gelegt. Mächtige Schaufenster dienen den wahrhaft weltstädtischen Kaufhäusern als wirksamste Reklame. Und die Auslagen in diesen Schaufenstern können mit denen von Paris, London und Berlin geradezu wetteifern. Konfektionsgeschäfte, Möbelmagazine, Putzmacherläden usw., eines immer prächtiger als daS andere.
Und wie das Geschäftsleben, so auch das Straßenleben. Die knallroten Wagen der Elektrischen sausen alle drei Minuten vorüber. Jüdische Dienstleute mit roten Mützen fragen, ob man keine Beschäftigung für sie habe. Obstverkäuferiniien und Schuhputzerinnen fast an jeder Straßenecke. Zeitungsjungen traben die Straßen tm Schnellschritt kreuz und quer, hinauf und hinunter, und brüllen deutsch und ungarisch ihre Zeitungen aus. Mitten auf dem Darnm thront der Wachtmann mit seinem Federbuschhut, nur in den allerdringlichsten Fallen macht er sich bemerkbar, indem er im Namen deS Gesetzes, das er vertritt, Ruhe und Ordnung heischt.
Ununterbrochen fast rasseln die Fiaker die asphaltierten Dämme entlang. Das geht nicht im gemütlichen Berliner Droschkentrab, sondern in einem Tempo, als gälte es, in einem Wettfahren den Preis zu erringen. Und fast niemals gebraucht der Kutscher für seine Roste die Peitsche. Ein Pfiff, ein einfacher Zuruf genügt, um sie zu lenken, sie anzufeuern oder ihre Gangart zu mäßigen.
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Will man die Festung auf dem Blocksberg besichttgen, so muß man über die Kettenbrücke nach Ofen hinübergehen. Niemand, selbst wer Budapest nur ganz flüchtig besucht, sollte dies unterlassen. Zwei Pfade führen den Berg hinan. Der eine bequem und gut gepflegt, etwa eine halbe Stunde lang, der andere über Geröll und Ge- klipp, kaum überhaupt ein Pfad zu nennen, etwa in zehn Minuten. Eine alte, finstere Mauer, schier uneinnehmbar, vor uns. Steil fällt der Fels ab, herunter zum breiten Bett der Donau. Durch eine knarrende Pforte geht es hinein in das Innere der Festung. Durch alte Wölbungen, die für die Ewigkeit gemauert scheinen, geht es auf den Festungshof, von dem aus eine Treppe hinauf
Deutsches Deich.
Die organische Revision der Krankenversicherung
wird voraussichtlich eine der ersten den: neuen Reichstags zugehenden Aufgaben sein. In den maßgebenden Kreisen der Negierung besteht die Absicht, mit der Revision der Krankenversicherung auf eine allmähliche Vereinheft, lichung der Arbeiterversicherungsgesetzgebung überhaupt hinzuarbeiten, wenn diese auch zunächst wohl nur das innerlich mehr verwandte Kranken- und Jirvaliden- Versicherungsgesetz umfassen würde. Einer eingehenden Regelung bedarf ferner das Berhälftris der Krankenkassen zu den Ärzten und Apothekern. Me Streitigkeiten zwischen den Kassen und den Ärzten fangerr nachgerade an, sich zu einer für die Kassmkranken höchst enrpsind- lichen Schärfe auszugestalten. Daher beginnen die Einzelstaaten ihrerseits durch positive Erlasse hier regelnd einzugreifen. In Baden wird dem Landtage im kommenden Winter eine Vorlage zum Erlaß einer Ärzteordnung zugehen, die u. a. die Bestimmung enthält, daß zur Vermittlung bei Streitigkeiten zwischen Ärzten und Krankenkassen eine gemischte Kommission gebildet werden soll, die aus zwei Vorstandsmitgliedern der betreffenden Kasse und zwei ärztlichen Mitgliedern des zuständigen ärztlichen Ehrengerichts, sowie dessen rechtskundigem Mt- glied zusammengesetzt werden soll. Alle diese selbständigen Versuche, die noch vorhandenen Lücken im Krankenversicherungsgesetz zu beseitigen, beweisen, daß die von der Regierurrg versprochene Revision in möglichst kurzer Frist erfolgen muß. —p—.
Die Binnenwanderungen in Deutschland.
Die Wwanderung der arbeitender: Bevölkerung in Deutschland von einem Landesteil in den anderen hat im letzten Jahrzehnt mit dem industriellen Aufschwung und der großen Verringerung der überseeischen Auswande- rung einen riesiger: Umfang angenommen und zeigt immer noch eine Steigerung. Als Haupttendenz zeigt sich eine ganz bedeutende Abwanderung von den östlichen nach den westlichen Provinzen und noch mehr aus den ländlichen Bezirken in die Großstädte und ir: die industriellen Distrikte. Am meisten haben bei dieser Binnenwanderung verlören Schlesien mit 221 000, Ostpreußen mit 210 000 und Posen mit 144 000 Abge- wanderten. Der Zustrom vom Westen nach dem Osten erscheint auf den ersten Blick in der Stattstik gleichfalls nicht unbedeutend. Der Grund liegt darin, daß Berlin und Hamburg mit ihrem starken Zustrom von Menschen noch zum Gebiet östlich der Elbe gehören. Nimmt man die Ziffern für Berlin und Hamburg aus der Statistik^ so tritt die Wanderung nach dem Westen nodji viel stärker in Erscheinung. Zwei Provinzen, Ostpreußen und West- Preußen, geben nur Menschen an andere Landestefte ab, während sie von nirgendwo eine Zuwanderung erhalten«
auf den Mauerkranz führt, der von einem eisernen Geländer eingefaßt, die prächtigsten Ausblicke gewährt. Ein breites, mächtiges Band, schlingt sich die Donau durch die Landschaft. Flußaufwärts die blau vordämmernöen Höhen der Karpathenausläufer, flußabwärts die Sümpfe und Niederungen Kumaniens, die sich bis nach Mohacz hinunterziehen. Jenseits des Flusses das Häusermeer von Pest mit seinen Türmen und Kuppeln, mit seinen Schloten, Schiffswerften und Fabrikanlagen. Auf der Donau ein buntes, bewegtes Bild, Dampfer, Propeller, Kähne, Flöße. Und mitten im Bett des mächtigen Flusses ein grüner Smaragd: die Margareteninsel. Die engen, schmalen Berggaffen des Ofener Stadtteils, in dem auch die Festung liegt, auf der wir stehen, klettern hügelan. Landeinwärts: Weingärten über Weingärten und
Pfirsichhaine über Psrrsichhaine. * Helles Grün und dunkles Grün und mitten aus dunklem Grün die prächtigsten, rotwangigsten Früchte. Das ist ein Bild — das Bild von Budapest. Dieses Bild gräbt sich unauslösch- lich dem Gedächtnis ein, eine Erinnerung, die man getreulich bis ans Lebensende aufbewahrt.
Budapest hat zwei Spezialitäten. Sie ist die Stadt der „feschen Madels" und der „Zigeunermusik". Uber das erste zu plaudern, wäre gewagt und heikel, deshalb dafür das letztere ausgiebiger behandelt. Fast jedes Restaurant, fast jedes Kaffeehaus hat seine Kapelle. NM jene wilde, zerlumpte, ungewaschene und ungekämmte Gesellschaft, die man sich gewöhnlich — und soweit es das ungarische Flachland anbetrifft, auch mit Recht — als Zigeuner vorstellt, sondern wohlfrisierte, mehr oder minder europäisch gekleidete, mitunter sogar befrackte Gesellen, deren braune Gesichtsfarbe, deren brennende Augen und deren schwarzes Kraushaar nur daran erinnern, daß man es mit den nomadisierenden Söhnen der Pußta zu tun hat.
Schon des Sagenkranzes wegen, den der Volksmund um sie gewoben hat, sind sie uns interessant. Nun aber sitzen sie leibhaftig vor uns. Dumpf seufzt das Cymbal und feurig fliegt der Bogen. Der ganze Körper dieser schlanken, hageren Gesellen wiegt sich und windet sich im Takte der Musik. Sie haben vergessen, daß sie in einem hellerleuchteten Nestaurationssaale sitzen, sie haben ver- aeffen, daß sie Frack, Kragen und weißen Schlips tragen
