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WitMkmr Ts

s». Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — BezugS-PreiS: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 27.

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Uo. 486.

Verlags-Fernsprecher No. 2958.

Samstag, den 12. September.

Redaktions-Fernsprecher No. 82 .

1903.

Abend«Ausgabe.

Politische Übersicht.

Wenn uns nicht der Kalender, der doch zum Schluß In Saisonfragen die entscheidende Instanz ist, klipp und klar bewiese, daß wir uns im September befinden, dann könnten wir leicht zu dem Glauben verleitet werden, daß wir mitten im April stecken. An wetterwendischer und zum Teil recht galliger Laune gibt jedenfalls dieser letzte Sommermonat dem berüchtigten April nichts nach. Und wie das Wetter, so auch die Politik. Auch am politischen Himmel wechseln Sonnenschein und Ge­witterwolken, welch letztere sich besonders iiber dem Balkan, diesem europäischen Wetterwinkel, zusammen­gezogen haben.

Über schlechtes Wetter klagen auch die Führer der Sozialdemokratie. Es klappt nicht mehr alles so, wie es sollte, in der sozialdemokratischen Partei, und die „Sieger vom 16. Juni" liegen sich in einer Weise in den Haaren, wie es sich für Genossen eigentlich nicht schickt. Es geschehen wunderbare Dinge im sozialdemo­kratischen Lager. Das Zentralorgan der Partei verweigert dem Obergenossen Bebel die Aufnahme seiner diktatori­schen Verfügungen, Eduard Bernstein, der erst vor zwei Jahren in Lübeck seinen Kotau vor der Partei machte, erhebt wieder trotzig das Haupt, und die Genossen Heine und v. Vollmar müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, daß sie in Kniehosen zu Hose gehen wollen. Das wird in Dresden eine scharfe Auseinandersetzung geben, und man wird aus dem sozialdemokratischen Parteitage nichts von sächsischer Gemütlichkeit, wie sie doch der genius loci mit sich bringen sollte, wahrnehmen. Tie beiden Ober­bonzen, Paul Singer und August Bebel, haben für den Parteitag eine Generalabrechnung angekündigt, und ins­besondere August der Starke wird unter den Revisionisten fürchterlich Musterung halten. „Horch, der Wilde tobt schon an den Mauern!"

Wenn der Deutsche nicht von Haus aus friedlich wäre, auch wenn er, wie die Sozialdemokratie, sich in bombasti­schen, geschwollenen Redensarten gefällt, dann könnte man auf dem Dresdener Parteitag eine Revolution und Kontrerevolution nach serbischem Muster erwarten, aber es wird auch bei den „Genossen" nicht alles so heiß „ge­nossen", wie es gekocht wird. Und das ist eine weise Taktik, denn man hat Exempel, daß einer sich an der Suppe, die er sich selbst cjngebrockt hat, den Mund ver­brennt. König Peter von Serbien weiß davon ein Lied zu singen. Sein jahrelanges Streben ist erfüllt.

aber er dürfte sich das Vergnügen, auf dem serbischen Throne zu sitzen, auch größer gedacht haben. Die Dinge in Serbien gehen drunter und drüber, und König Peter, der nur noch eine Puppe in den Händen der Königs­mörder zu sein fdjcint, spielt dabei die Rolle des bekannten Mannes in vorgerückten Jahren, der auf dem Dache sitzt und sich nicht zu helfen weiß.

Wenn'es ein Trost ist, im Unglück Genossen zu haben, dann kann sich König Peter damit trösten, daß cs seinen beiden Balkankollegm, dem Fürsten Ferdinand und dem türkischen Sultan, zurzeit nicht viel besser ergeht. F e r d i n a nd d e r M u t i g e weilt wieder auf bulgari­schem Boden, aber er tut es ungern. Das bulgarische Volk erwartet von ihm, daß er in Makedonien Helden­taten vollbringe, aber Fürst Ferdinand weiß, daß die Sache schief gehen, würde, und er möchte lieber Fürst ohne Heldentum als Held ohne Fürstentum sein!

Die unfreiwillige Mäßigung der bulgarischen Poli­tiker wird es hoffentlich ermöglichen, daß die Wirren unter den Balkanstämmen endlich auf das übliche Normal- maß zurückgeführt werden. Fürs erste sieht es allerdings im Südosten Europas noch ziemlich bedenklich aus. In Makedonien wird unentwegt weitcrgemordet, und zu allem Überfluß ist es jetzt auch noch in Syrien zu bedenklichen Unruhen gekommen. Die Mächte be­ginnen die Geduld zu verlieren, und der kranke Mann in Konstantinopel beginnt zu erkennen, daß er sich in einer lebensgefährlichen Krisis befindet.

Chronisch ist die Krisis in U n g a r n geworden, wo der Posten des Ministerpräsidenten noch immer ohne Erfolg ausgeschrieben wird. Die Stellung ist wenig be­gehrt, denn bei verhältnismäßig hohem Gehalt kann leider keine „gute Behandlung" zugesichert werden, da die Opposition fest entschlossen ist, jedenr Minister­präsidenten die Hölle heiß zu machen, der nicht der Parole „Los von Österreich" zuneigt.

Los von China! lautet Rußlands Parole mit Bezug auf die M a n d s ch u r e i. John Bull ist über diese Wendung der Dinge in Ostasien schwer ergrimmt, aber die Russen geniert das nicht. England hat auch sonst politische Sorgen genug, ganz abgeschenZoon dem Zwie­spalt im Innern, denn die Tinge in Südafrika gehen schief, und auch der „tolle Mullah" ist wieder auf dem Kriegspfadc.

In so kriegerischen Zeitläuften ist die interpar­lamentarische Konferenz in Wien ziemlich sang- und klanglos verhallt. Tie Konferenz mußte sich begreiflicherweise damit begnügen, Thesen zu entwerfen und Hoffnungen auszusprechen. Aber — was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, die der Mensch, der vergängliche, baut?

Deutsches Mch.

* über die Verhaftung des Oberlehrers Dr. RieS

berichten die in Oldenburg erscheinenden „Nachr. für Stadt und Land": Die Handschrift brachte den Täter anZ Licht. Das von der Staatsanwaltschaft einem Schriftsach­verständigen abgeforderte Gutachten bestätigte ihr den schon vor längerer Zeit aufgekeimten Verdacht, und als sie gestern morgen hier in der Wohnung seiner Eltern den Oberlehrer Dr. Gustav Ries verhaften ließ und der Staatsanwalt ihm feine Tat auf den Kopf zusagte, da ge­stand er alles sofort und ohne Widerrede ein. Dr. Ries ist ein Oldenburger Kind,- er galt stets als ein sehr be­fähigter Mensch. Nach dem Gymnasialbesuch hierselbit und abgelegtem Studium war er jahrelang Lehrer am hiesigen Gymnasium, wo er sich durch seine strenge Recht­lichkeit, sein aufrichtiges Interesse Zur jedes einzelne Kind und seine große Lehrbefähigung ein seltenes Matz von Liebe und Achtung erwarb. Auch bei seinen Kollegen, die zum Teil frühere Lehrer von ihm waren, genoß er hohe Achtung. Am 1. August 1802 mußte^r sich die Ver­setzung nach Jever gefallen lasten. Es hieß damals, er sei hier als Hauptagitator für die Erhöhung der Ober- lehrergehältcr lästig geworden, Dr. Ries soll nun diese Stcllenverändcrung gewissermaßen als eine Strafver­setzung und um so schwerer empfunden« haben, als er seiner Familie sehr warm anhing. Sein Scheiden von hier wurde allgemein bedauert. In diesem behördlichen Schritte scheint — Sicheres ist noch nicht ermittelt — der Grund seiner tiefen Unzufriedenheit, seines brennenden Hasses gegen die in Frage kommenden und dabei mit­wirkenden Männer zu liegen, der ihn zu so verzweifelten Schritten trieb. Er soll darin eine kränkende Zurück­setzung seiner selbst gesehen haben, und deshalb litt es ihn auch nicht länger in Jever, sondern er trat aus dem oldenburgischen Schuldienst aus und erhielt leicht eine gute Stelle im preußischen wieder, und zwar in Barmen. Bon dort und schon von Jever aus unterhielt er fort­während die Verbindung mit Biermanu und seinem „Residcnzboten". In unseliger Verblendung hielt er sich unter seiner Maske — es ist als sicher anzunehmen, daß auch Biermann, der Verleger und Redakteur des „Rest- dcnzbotcn", seinen Namen nicht gekannt hat, da Ri,cs mit ihm unter einem Decknamen, bezw. einer Chiffre, verkehrte — für so sicher, daß er, trotzdem er genau wußte, was hier in Oldenburg polizeilich geschah, noch keine Furcht fühlte, entdeckt zu werden, während sich schon die Schlinge um ihn zusammenzog. Auf einem Besuch bei seinen Eltern — morgen beginnt die Schule in Barmen wieder — ereilte ihn nun gestern das Schicksal. Die Staatsanwaltschaft tat alle vorbereitenden Schritte 'mit der größten Vorsicht, so daß nichts verraren werden

Der Srnder Serafin.

Novelle von Viktor Blüthge«.

(1. Fortsetzung.)

Und der Blick auf eine weite Taltiefe, drüben von regenverschleierten Waldbergen abgeschlossen, wohl in stundenweiter Ferne. Weißlicher Nebeldunst im Grunde. Bei gutem Wetter hat man wahrscheinlich einen herr­lichen Ausblick hier.

Aber der Bruder draußen wartet, klappt mit seinen Sandalen auf und ab, und der Staatsanwalt entledigt sich seines Regenmantels, fühlt befriedigt, daß die Nässe nicht auf die übrige Kleidung durchgeschlagen, vertauscht Schuhe und Strümpfe mit trockenen, die er der aufge­schnallten Tasche entnimmt, und macht darauf am Wasch- üfch Toilette.

Auf der Bettwandseite murmelt in dein jenseits an­schließenden Raume einförmiges Psalmodieren, auf- und absteigend wie der Strahl eines Springbrunnens. Dann hebt draußen ein Glöckchen an zu läuten, nachdrücklich, eine ganze Weile, und der Bruder Jldefonsus tappt hastiger . . . Türen klappten, Schritte schlurften, un­verständliche Worte wurden gewechselt . . .

Als der Gast aus der Tür trat, schlank und lässig vornehm, kam gleichzeitig der psalmodierende- Nachbar von vorhin aus seiner Zelle, eine hohe, breitschulterige Figur mit einem Charakterkopf, der aussah, als Passe er nicht hierher: der Kopf eines stark angegrauten Sechzigers mit verwitterten Zügen, die ein volles, breit ausgenutztes Leben in der großen Welt draußen gemeißelt zu haben schien. Ein schöner Männertyp im Grunde, aber seltsam finster und schwermütig im Ausdruck, mit tiefliegenden, forschenden Augen unter kräftigen Brauen. Das grau- melierte Haar kurz geschoren; in der Haltung gesicherte Würde. Ter Staatsanwalt blieb unwillkürlich stehen, um die imponierende Erscheinung vorüber passieren zu lassen, der Mönch aber wartete gleichfalls, und als beider Augen sich begegneten, sagte der mit dumpfer Stimme, gleichgültig müde: „Ich bitte!"

Der junge Mann verneigte sich höflich und folgte dem Bruder mit der Laterne: hinter ihm der andere, über den

Flur, jenseits, am Zimmer des Guardian vorbei, zu der Tür geradeaus.

Ins Refektorium, wie sich erwies. Ein Raum, der das ganze Haus vom Hof bis zum Garten durchquerte, mit altersbrauner Holzverkleidung in halber Wandhöhe und einem Kreuzgewölbe oben, einem großen Bogen­fenster auf der Hofseite, einer Bogentür zwischen zwei runden Fenstern aus der Gartenseite. Die Holzverkleidung, nur noch durch eine Tür gegenüber dem Eingang unter­brochen, zeigte gegen die Wand eine keck ausgearbeitete Profillinie, die scharf gegen das grelle Kalkweiß absetzte, und unten zogen sich Bänke hin; die Wandfläche war durch Bogennischen belebt, außerdem durch einige alte Ölbilder, stark gebräunt. Tie Mönche saßen an langer Tafel: die Beleuchtung machten zwei große moderne Petroleum-Deckenlampen aus, während die mächtige Hirschgeweihkroue in der Mitte, mit Lichtern vollgesteckt, unbenutzt war; einfache Bauernstühle bildeten die Sitz­gelegenheit, nur an dem einen Ende, wo der Guardian präsidierte, gab es einen Bestand alter gotischer hoch- lehniger Schnitzstühle. Der Fußboden wies den Luxus alten italienischen Terrazzos auf.

Das war's, was der prüfende Blick des Staats­anwalts im Fluge erhaschte, während er auf den Zuruf des Guardians sich zu einem leeren Stuhl an dessen rechter Seite begab, von neugierigen Blicken verfolgt. Der hinter ihm, mit dem tappenden Sandalenschrrtt, blieb bei dem freien Stuhl zur Linken des Guardians stehen. Allgemeines Ausstehen — ein langes lateinisches Gebet des Oberhauptes — dann begann man dem ein­fachen Mahl zuzusprechen, das aus kalter Küche, Früchten und Bier bestand.

Nur auf dem Platz vor dem Gast stand eine Flasche Wein. Ein guter Nesznwlyer.

Der Bruder Jldefonsus, der seine Laterne an der Tür abgesetzt, hatte sich jetzt in geringer Entfernung hinter dem Stuhl des Guardians aufgepflanzt.

Der Gast,. der in keiner Weise besonders eingeführt ward, hatte einige Mühe, in diesem Kreise seine Unbe­fangenheit zu behaupten, um so mehr, als es schien, daß seine Gegenwart als GSne empfunden wurde. Man sprach nicht viel, abgerissen, halblaut, mit Blicken nach ihm hin. Indessen gab er sich-einen Ruck um wenigstens

mit dem Guardian auf gemütlichen Fuß zu kommen; und über die Erkundigung nach der Ursache, weshalb man hier noch auf Zinngeschirr speise, und nach dm sonstigen Lebensgewohnheiten, der Geschäftsordnung im Kloster, gelangte er zu einer leidlich lebhaften Unterhaltung mit dem alten Herrn.

Nur als er ein paarmal den Versuch machte, auf die Vergangenheit des Klosters, auf seine Stifter, die Räc- zeks, zurückzukommen, zeigte sich der Guardian völlig zu­geknöpft. Er wurde auf einmal wie schwerhörig, und als der Fragende ungeduldige Fältchen iah, wußte er, daß er besser tat, aus irgend welcher Ursache von diesem Gegenstand abzusehen.

Ebenso mißglückte seine Bemühung, den stattlichen Mann drüben, der ihm immer interessanter wurde, je öfter er diesen auffälligen Kopf musterte, ins Gespräch zu ziehen. Er glaubte etwas Höfliches zu sagen, indem er, einem melancholisch verlorenen Aufblick begegnend, hinüber nickte und lächelnd bemerkte: „Wäre ich Maler statt Jurist, so würde ich mir Ihren Köpf füp meine Studienmappe ausbitten, Herr Nachbar. Ich würde dm Kopf allerdings in einer ganz anderen Umgebung, als in klösterlicher verwerten." Worauf der Guardian sofort und mit Nachdruck einwarf: „Damit würden Sie dem Bruder Serafin keine sonderliche Freude bereiten, der den heiligen Franziskus olle Tage inbrünstig bittet, ihn die Eitelkeit der Eitelkeiten, nämlich die Welt draußen, vergessen zu helfen. Es tut nicht gut, ihn darin zu stören." Die Augen des Bruders Serafin aber starrten sein Gegenüber mit plötzlichem Erschrecken so feindselig an, und dann zog sich sein Blick gleichsam zurück und schien sich auf die Lauer zu legen, wie ein gescheuchtes Raubtier, das nicht weiter flüchten kann . . . Als der Staatsanwalt sich beeilt hatte, sich wieder dem Guardian zuzuwenden, mußte sich diese Anwandlung verzogen haben, denn eine gelegentliche flüchtige Musterung ergab gleich darauf, daß die Augen des Bruders Serafin wieder so versunken ernsthaft darein schauten, wie vor dem Zwischenfall, ja, der Gast fand sie nachher einmal mit offenbarem Interesse auf sich gerichtet und in den schlaffen Zügen spielte es wie Gedanken, die sich mit ihm beschäftigten.

Herr von Rechberg hatte gehofft, nach Aufhebung dev