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Freitag» de» 11. September. Rcdat.i°ns-Fern,vrech°r No. 82 . 1903.
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erscheinenden Ausgabe, wie für
Mp» 424. Nerlags-Fernsprecher No. 2853.
Abend-Ausgabe.
Der Fluch der bösen Tat.
„Muß nicht König Peter sich selbst die Frage vor- legen, ob aus einer Saat von Drachenzähnen eine gedeihliche Ernte entsprießen kann? Wenn es wahr ist, daß die Gerechtigkeit das Fundament der Staaten ist, wie soll dann eine Dynastie Bestand haben, deren Fundament sich aus Blut und Mord aufgebaut hat?" So schrieben wir unmittelbar nach den furchtbar blutigen Vorgängen vom 11. Juni, welche der Dynastie der Obrenowitsch ein Ende mit Schrecken bereiteten. Seit jener Schreckensnacht sind erst drei Monate verflosseil, aber die Ereignisse in diesem „roten. Quartal" haben unserer damaligen Auffassung über die zu erwartende Entwickelung derDinge inSerbien nur zu sehr recht gegeben.
Obwohl nian in Serbien von dem Augenblick an, in dom prahlerisch verkündet wurde, daß nunmehr „eine neue glorreiche Zeit für Serbien angebrochen ist", nichts unversucht gelassen hat, um durch offiziöse Vertuschungen und Lügen die Welt über die wirklichen Zustände in Serbien zu täuschen, herrscht doch heute nirgends mehr ein Zweifel darüber, daß die derzeitige Lage in Serbien nicht erheblich rosiger ist, als sie vor der Blutnacht vom 11. Juni war. An die Stelle der Gewaltherrschaft, die damals König Alexander oder, genauer gesagt, Frau Draga Maschin ansübte, ist jetzt die Gewaltherrschaft der militärischen Königsmörder getreten, unter deren schreckensregiment sich sogar König Peter, der ja den Königsmördern seinen Thron verdankt, beugen muß.
In der Tat führen zur Zeit ganz unverkennbar die . Herren Königsmörder das Regiment in Serbien, und es liegt in der Natur der Sache, daß dies Regiment ein Schreckensregiment ist, König Peter ist dem Terrorismus dieser Verschwörerbande gegenüber wenn nicht machtlos, so doch jedenfalls mutlos, denn er muß befürchten, daß ihm, wenn er den Königsmördern nicht zu Willen ist, dasfelbe Schicksal bereitet wird wie dem Letzten der Obrenowitsch. Die bürgerliche Regierung aber, die in Serbien dem Militär gegenüber niemals eine sonderlich hervorragende Rolle gespielt hat, führt zur Zeit ein vollkommenes Schattendasein. Die serbische Bevölkerung endlich ist ein Faktor, der überhaupt nicht in Rechnung gezogen zu werden braucht; sie hat sich stets damit be- genügt, dem jeweiligen Leithammel Gefolgschaft zu leisten.
So gruppiert sich die gesamte politische Entwicklung in Serbien zur Zeit um das Militär und innerhalb desselben um das Offizierkorps, welches ganz wie im alten Rom die Rolle der Prätorianer übernommen hat. Unter diesen Prätorianern ist es jedoch zu einem heftigen Zwiespalt gekommen, der sich leicht zu einem Kampf auf Leben und Tod zuspitzen kann. Es handelt sich bei diesen
Kämpfen nicht etwa um irgendwelche idealen Beweggründe. Wenn derjenige Teil des serbischen Offizierkorps, welcher vielleicht nur zufällig nicht an der Verschwörung gegen die Obrenowitsch und an dem Königsmord beteiligt war, jetzt die Bestrafung der Königsmörder verlangt, so geschieht das "nicht aus irgendwelchen moralischen oder ethischen Beweggründen, sondern aus ganz gewöhnlichem Futterneid. Darüber muß man sich klar werden, wenn man die jüngsten Vorgänge in Serbien nicht unter völlig falschem Gesichtswinkel betrachten will.
Ebenso wie die Herren Königsmörder oder wenigsten die Mehrzahl von ihnen ihre Tat nicht begangen hatten, weil sie ihrem Vaterlande zu dienen glaubten, sondern weil sie sich durch den König Alexander und Frau Draga zurückgesetzt sahen, und weil sie von dem Kara- gcorgiewitsch Beförderung und Belohnungen erhoffen konnten, so beruht auch die jetzt sehr verspätet aufgetretene „flammende Entrüstung" unter den nicht an der Verschwörung beteiligten Offizieren lediglich darauf, daß sie sich gegenüber den Königsmördern im Avancement und auch sonst in schwerster Weise benachteiligt fühlen. Die Königsmörder sitzen an der königlichen Krippe und wollen sich von dort nicht verdrängen lassen.; die anderen Offiziere aber wollen auch an der reich besetzten Table d'hüte teilnehmen.
Der arme König Peter! Er würde sich voraussichtlich die Königsmörder-Gesellschaft gern vom Halse schaffen, wenn er nur könnte. Er wird es sich selbst nicht verhehlen, daß er durch die den Mördern verliehenen Auszeichnungen — hat er doch sogar den an dem Königsmord beteiligten Regimentern seinen Namen und den des Kronprinzen verliehen! — den Königsmord gleichsam sanktioniert und privilegiert hat, aber der „Beherrscher" Serbiens schiebt nicht mehr, er wird nur noch geschoben. Noch ist es ungewiß, wie der heftig entbrannte Kamps zwischen den beide:: feindlichen Parteien im serbischen Offizierkorps ausgehen wird, aber einen guten Ausgang können diese Kämpfe, die das Land zerrütten, unmöglich nehmen. Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären!
*
hd. Berlin, 11. September. Zu den Tumulten, die sich gestern in Belgrad ereigneten, wird dem „B. L.-A." aus Belgrad telegraphiert, daß dieselben zweifellos von den Verschwörern vom 11. Juni angezettelt worden sind. Der Leiter der Kundgebungen ist der Oberst Popowitsch, einer der Hauptverschwörer ans der Schreckensnacht. Die Polizei sah den Ruhestörungen ruhig zu und hatte nur Auftrag, einen eventuellen Angriff auf die türkische oder eine andere Gesandtschaft abzuwehren. Heute sollen die Demonstrationen fortgesetzt werden. Der Chef des serbischen Preßbnreaus, der von den Verschwörern bedroht wurde, ist ins Ausland geflüchtet und die Herausgeber des „Narodni Listi" und der „Wetscherna Novosti", derenRedaktionen gestern ebenfalls bedroht wurden, suchten bei der russischen Gesandtschaft Schutz, da sie
diesen bei den serbischen Behörden nicht finden konnten. — Nach einer Wiener Meldung der „Morgrnpost" verlautet aus verläßlicher Quelle, der Zar und Kaiser! Franz Joseph verlangten kürzlich die Bestrafung der serbischen Königsmvrder, weil erst dann ein Empfang des Königs Peter am Petersburger und Wiener Hofe möglich sei. Diese im Offizierkorps bekannt gewordene Tatsache soll den Anstoß zu der Rischer Militärrevolte gegeben haben. Die Bevölkerung des Landes, unter der eine be* deutliche Gärung herrscht, stellt sich ans die Seite der verhafteten Offiziere. In Risch veranstaltete gestern dis Menge vor der Präfektur eine Demonstration und forderte die Freilassung der verhafteten Offiziere. Da man nicht wagte, Militär auszusenöen, das mit der Bevölkerung fraternisiert hätte, schritt die Gendarmerie ein und zerstreute die Menge.
wb. Berlin, 11. September. Die „Voss. Ztg." bericht tet aus Belgrad: Die Straßenkundgebungen am 9* September gegen die Redaktionen der beiden, gegen dis Königsmörder Front machenden Zeitungen scheinen vorbereitet gewesen zu sein. Die Demonstrationen waren angekündigt gewesen und hätten von der Polizei verhindert werden können, was aber nicht geschah. Die Herausgeber der beiden Blätter suchten bei der russischen Gesandtschaft Schutz, da sie solchen bei den serbischen Behörden nicht fanden. Die Zeitungen verurteilen scharf das Verhalten der Polizei, die nicht entschieden genug einschritt. Die Demonstranten sollen von einem Gendarm angeführt worden sein. Eine Militärpatrouille wollte sich ebenfalls den Demonstrationen gegen „Westcerne Ravosti" anschlietzeu, wurde aber von einem Offizier! daran verhindert.
lxl. Belgrad, 11. September. Nachträglich wird bekannt, daß bei der Truppenschau von Banjitza, als König Peter die Front abritt, ein Oberleutnant des 7. Infanterie-Regiments aus der Front getreten sei. und zum! König gesagt habe: Das Blut unseres ermordeten Königs fchreit zum Himmel um Rache. Unsere unschuldigen Kameraden sind eingekerkert, während die Mörder frei umherlaufen. Der König sei kreideweiß geworden und habe den Oberleutnant sofort verhaftey lassen. — Die Königin Natalie hat sich neuerdings au die serbischs Regierung gewandt mit dem Ersuchen, ihr die LeichS König Alexanders auszufolgen, da dieselbe neben der; seines Vaters in Kruschedol beigesetzt werden soll.
Deutsches Deich.
Selbstmörderische Polifik.
L. SB c v 1 1 n , 10. September.
Wenn es die Sozialdemokraten nicht selber sagten^ würde man es nicht glauben wollen, daß ihre Beteili- gung an den preußischen Landtagswahleil bewußtermaßerl auf eine Schwächung des Liberalismus hinauslaufen soll. Aber sie sagen es, und so muß mau es schon glauben.!
Der Bruder Berasin.
Novelle von Viktor Blüthgen.
1 .
Es war in den Ausläufern des ungarischen Hoch- gebirgs nach Mähren hinein; am Anfang des Hochsommers, gegen Abend.
Wundervoll wilder Gebirgswald, rechts und links von einem leidlich gepflegten Fahrweg; und Regen — Regen — Regen . . .
In Strömen goß es; bald nach Mittag hatte es an- gesangen, störend in helle, blaue, heiße Tage hinein: nun hing der Himmel tief und graudunkel, schwer lastend, mit hastig ziehendem Florgewölk drunter, und das schüttete nur so aus hängenden Strähnen. Dabei rührte sich kein Lüftchen. Nur hier und dort blinkte ein Zweigende der alten Fichten, indem es sich senkte und sich von der auf- gesammelten Nässe befreite. Eintönig trommelte der Tropfenfall weithin, klatschte aus dm aufgeweichten dämmernden Weg, auf dem es wie Eidechsen glitzernd herumlief und seitlich abrann.
Auf der Höhe des Fahrwegs tauchte ein Wanderer auf, eine hohe, jugendlich schlanke Gestalt im regenfichern schwärzlichen Gummimantel, ein weiches, graugrünes Touristenhütchen auf dem Kopfe, unter einem tief übergehaltenen Regenschirm. Von den Spitzen des Schirms lief es in sprudelnden Adern herab, der Gummimantel glitzerte von Nässe; ebenso die aufgeschnallte schwarz- lederne Umhängetasche im Rücken, die an einem Achselriemen hing. Ein junger Blondin mit rötlichem Schnurrbärtchen, von norddeutschem Typ, zweifellos den gÄilde- ten Ständen angehörig. Sein schmales Gesicht mit der rötlichen Schmarre auf de'- rechten Wange prüfte mißvergnügt, die grauen Auge verkniffen, den glitschrigen Weggrund, aus dem die von Schmutz über und über besudelten braunen Sommerschuhe bei jedem Auftreten rutschten.
Als das Brombeergestrüpp, das auf beiden Seiten den Weg flankierte zu Ende war, beeilte er sich, rechts hi das Heidekraut uberzutreten und mit weiten, storchenden Schritten vorwärts zu gelangen. Dann auf Grasnarbe. Dann in einer Geröllrinne; immer mit ziemlich steiler Senkung bergunter. Und ringsum dieser schreckliche Regen, der das Gesichtsfeld kreuzte, die graukalte Dänntierung durchblitzte.
Nach zehn Minuten stand der einsame Wanderer still: der Weig teilte sich, lief links abschüssig wester, während eine Abzweigung, sichtlich nicht so viel benutzt, rechts abbog und ziemlich eben weiter lief. „Verwünscht", murmelte der Zaudernde, „wohin jetzt?"
In diesem Augenblick setzte rechts der Ton eines Glöckchens ein, das eintönig bimmelte. Das Gesicht des jungen Mannes klärte sich auf. „Jetzt bloß irgend einen Unterschlupf!" Und er wählte den Weg rechts, der allem Vermuten nach dahin führte, woher der Glockenton kam. Der hörte bald auf. Noch ein paar Wegbiegungen, dann tauchte burgartiges Mauerwerk auf, zinnengekrönt, dahinter ein langes Ziegeldach mit einem quergestellten Anhängsel. Aus einem Schornstein wälzte sich dicker, schwerer, verhüllender Rauch wie graugelb aufgelöster Nebel, den die strömende Nässe zerschlug, in Fetzen teilte. Ter Weg führte an einen: Kapellchen vorbei, in dem sich ein Kruzifixus auf einen: blumengeschmückten Altar befand, eine bemalte Holzschnitzerei; durch den offenen Bogen regnete es hinein. Dann lenkte er gegen ein Lattentor in der Mauer; seitlich hing eine kleine Glocke, an der ein Strick baumelte.
Ter Wanderer erfaßte ohne Besinnen den Strick und zog, und die Glocke gab ein paar schrille Töne von sich. Nun erst getvahrte er, daß es hinter dem Gitter einen überwölbten Durchgang gab, rechts ein Fenster, hinten ein festes, nägelbeschlagenes Tor.
An dem Gittertor raschelte etwas, der eine Flügel lockerte sich, und der Ankömmling beeilte sich, seinen Regenschirm zu schließen und sich hindurchzudrängein, worauf der Flüqel von selbst zurückging und ein Riegel
in die einfache Mechanik des Öfenverschlusses herabfiel.! Zugleich öffnete sich das kleine viereckige Fenster und das! glatte hagere Gesicht eines alten Mönches, von dem braunen Kragen der Franziskanertütte emgerahmt, wurde sichtbar. „Der Herr wünscht?" fragte er heiser.
„Kann ich hier Obdach finden? Ich möchte diesem verwünschten Regen entgehen, der mich übel zugerichtetj hat."
„Ich werde den Herrn melden. Wenn's gefällig ist; wie heißt der Herr?"
„Staatsanwalt von Rechberg aus Görlitz; übrigens erlauben Sie .. . ." Er griff auf die Brust unter den nassen Gummimantel, brachte eine Brieftasche zum Vorschein und suchte eine Visitenkarte hervor, die er in das Fenster reichte. „Verzeihung: das ist ein Kloster hier?" „Jawohl, Sankt Velten; vom heiligen Franziskus.^ Der Mönch verschwand; der junge Staatsanwalt bewegte sich etwas in dem kleinen. Raum, mit interessiertem Gesicht, musterte durch das offen gebliebene Fenster flüchtig die dürftige Pförtnerklause. Dann rührte sich's an dem alten Tor, eine kleine Tür darin ging auf und dev Pförtner wurde in ganzer Figur sichtbar, *
„Belieben der Herr nur einzutreten."
Ein mäßig großer Hof, von der Außenmauer, dem kahlen zweistöckigen Hause nebst Kirchenanbau gegenüber, und Nebengebäuden rechts und links eingeschlossen; seitlich ein Ziehbrunnen; das Ganze schwerlich von Haus aus ein klösterliches Anwesen, sondern wohl, wie die grausteinerne Wappenplatte über dem Hauseingang andeutete,, ein alter Rittersitz, der dem frommen Werk überlassen worden. Alles schmucklos, auf das Notwendige gestellt, lind alles öde, stumm bis auf den rieselnden Regen, Sie betraten einen weiten, mit ausgetretenen Steinfliesen gepflasterten Flur: hinten eine Treppe und eins Bogentür, links ein offener Gang, rechts eine Tür gegenüber; Halbdunkel, schwach durch eine ewige Lampe von einer ölgemalten verräucherten Kreuzabnahme an dep linken Wandfläche aufgehellt, und frostige, feucht, dumpfige Luft,
