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SeiSage zum Wiesbadener Tagblait.

Uo. 421. Morgen-Ansgabe.

Donnerstag, den 10. Keptemder.

91. Jahrgang. 1003.

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Ä^' Gegen einen Feind gibt es kein besseres Gegenmittel,

« als einen zweiten Feind. Fr. Nietzsche. y

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(39. Fortsetzung.)

Freiheit!

Roman von Walter Schmidt-Häßler.

„Doch!" wttgegnete Ella sehr ernst. „Vor seinem Bilde ist mir so vieles klar geworden. Zwischen uns liegen Jahre, in denen wir uns beide geändert von Grund aus. Er ist ein fertiger Künstler geworden und das kleine Mädchen aus der engen Kleinstadt ein reifes, selbst- ständiges Weib. Glauben Sie, daß wir uns heute noch verstehen würden, wie ehedem?"

„Wenn Ihr euch noch liebt — gewiß!"

»Ja, da eben liegt's! Wer sagt mir, daß er mich noch immer liebt? Wenn er es täte, so hätte seine Zuneigung in der langen Zeit der Trennung, die er, nicht ich, zwi- schen uns legte, sicherlich den Weg. gefunden. Daß er es nicht tat, ist mir ein Beweis, daß es Wahnsinn wäre, auf eine Wiedervereinigung zu hoffen. Und sollte ich, die Beleidigte, die Aufgegebene, wohl meiner weiblichen Wurde so drei vergeben, ihm einen Schritt entgegen zu tun? Nein!"

Es klang hart und bitter, dieses „Nein", und nur zu deutlich hörte Marianne daraus den leisen Aufschrei be- leidigter Liebe.

„Und glauben Sie, daß die Vorsehung, die so wunder- bare Wege geht, Remmingen ganz umsonst in unsere Sftäfye führte, völlig ztveckloZ die Vergangenheit herauf- berief?"

„Sie und er sollten sich finden, Marianne. Ist das nicht Zweck genug? Die Macht der Persönlichkeit übt einen wundersamen Zauber auf den Menschen, wischt so vieles fort in einem Augenblick, was Jahre aufgebaut Ware Bermng so plötzlich gestern mit ihm vor mich hin- getreten, hätte ich sein Gesicht gesehen, seine Stimme ge- Hort, vielleicht wäre alles anders, ganz anders gekommen Mein Herz allem hätte gesprochen, mein Verstand wäre mcht kalter Überlegung gekommen. Aber Sie sehen das Schicksal hat es nicht gewollt, und alles muß bleiben', wie es war ! Sie haben ja gehört, wie fremd die Heimat ihm geworden ist, daß er nicht zu bewegen ist, zu kommen. Mr smd getrennt, und wir werden es auch bleiben!"

Damit stand sie auf und ging tief ins Dunkel des -Zimmers hinein, damit Marianne die verräterische Träne E sollte die sich zwischen den langen Wimpern htndurchstahl. Aber schweigend blickte die Freundin ihr nach, und ein feines Lächeln glitt leise um ihren Mund Sw hatte einen Plan gefaßt, den sie ausführen wollte, so, schnell als möglich, und den sie nur noch mit Rem- mmgen besprechen wollte. Daß dieser morgen so früh m~ irgend schicklich kommen würde, davon war sie

fest überzeugt. '

*

Auf der marmornen Terrasse, die in den dämmerigen Garten hmausführte, saß Reinhardt der Fürstin Rogni tzegenüber. Seit vier Tagen war das Porträt fertig

Sie hatten nun mehr Zeit als bisher, mit einander zu plaudern. Man konnte es weder deni Künstler, noch dem Menschen verdenken, wenn er diesem holdseligen Ge­schöpfe gegenüber nichts weniger als empfindungslos blieb. Er hätte vvii Stein sein müssen, wenn nicht end­lich in seinem Innersten eine Flamme emporgelodert wäre, die allmählich sein ganzes leidenschaftliches Naturell in heißem Brand entzündete. Maddalena lag in einem spitzenbesetztcn Gewände zuriickgelehnt in die weichen Seidenkissen des antiken Armstuhles, und das ver- wöhnteste Malerauge hätte sich keinen herrlicheren Vor­wurf denken könnm. Das reiche, fast blauschwarze Haar, in dem eine dunkle Rose glühte, umrahmte das sinnlich, süße Gesicht mit dem südlichen Teint, den vollen, leicht­geschwungenen Lippen und der feinen Nase der jungen Römerin. Die großen Augen mit dem leuchtenden Perl- mntterglanz schienen jeden Augenblick in ihrein Aus- druck zu wechseln, und die geschmeidige Lebhaftigkeit ihres Wesens, ward dennoch durch die wahrhaft klassische Vor­nehmheit der Bewegungen harmonisch gemildert und streng in den Rahmen des tadellos Schönen gebannt. Wie wunderbar sie zu lächeln verstand, während sie plauderte — und doch hatte dieses Lächeln etwas Eigen­artiges, etwas so ganz anderes, als das Lächeln deutscher Frauen.

„Sie müssen sich endlich einmal losmachen", sagte sie, „von all dem, was Ihnen lähmend im Blute steckt, liebster Berning, ich möchte es das „schwerblütig Germanische" nennen! Das Wort darf Sie nicht beleidigen, aber es ist tatsächlich etwas Typisches, das wie Blei an fast allen hängt, die über die Alpen zu uns herüberkommen. Wir leben hier anders, von Kindheit an, als Ihr, wir sind alle mit ganz anderen ,ich möchte sagen, sonnigeren Anschau- ungcn groß geworden und empfinden naturgemäß leichter, impulsiver, genußfreudiger. Wir sezieren nicht so ängstlich unsere Empfindungen. Es kommt mir vor, wie wenn man ängstlich erst von jeder frisch gebrochenen Frucht mit einem Tuch das Schönste herunterwischt — weil man sich vor Bazillen fürchtet. Früchte und Rosen muß man brechen und genießen mit der ganzen unbe­sonnenen Leichtlebigkeit, die dem Südländer eigen ist. Das gehört vor allen Dingen dazu, wenn man als Künst- ler Großes erreichen will!"

„Ich verstehe Sie sehr wohl, Fürstin", gab Reinhardt zurück, „und all das habe ich mir tausendmal selbst ge­sagt. Aber dieses Schwerfällige, wie Sie es nennen, das steckt uns nun einmal tief und unausrottbar im Blute, und wenn es sich wirklich ver-flüchtigt, so geht es nur sehr langsam. Gewiß lebt der Südländer leichter als wir, weiß zehnmal besser mit einem wahrhaft be- neidenswerten Egoismus den Gehalt jeder Stunde aus­zukosten — dafür aber empfinden wir um so tiefer!"

„Ist das wirklich ein so großer Vorzug? Sie sehen mich erstaunt an, aber ich meine es wirklich so. Ich finde, um mich richtig auszudrücken, daß das gerade das Zweck- lose, das Schlimme bei der Sache ist. Dieses tiefe Emp- finden zwingt euch, alles von der schweren und tragischen Seite zu nehmen, alles Bittere doppelt zu fühlen, anstatt es mit raschem Entschluß bei Seite zu werfen und aus dem Schatten in die Sonne zu flüchten. Ihr vernünftelt euch in alles Dunkle förmlich hinein, anstatt euch das Licht zu suchen, wie und wo es eben scheint. Von der

Kunst zum Beispiel verlange ich ein heitcn-es Genießen, ein frohes Erheben, und wie soll ein Mensch durch seine Werke andere zu dieser Hellen Fröhlichkeit mit fortreißen, ivenn es in ihm selber dunkel und trübe ist? Das Leben ist doch wahrhaftig gerade monoton und grau genug. Man muß nicht noch mehr Schatten hineinkünsteln, als es ohnehin schon gibt. Leicht muß der Künstler denken, sogar ein wenig leichtsinnig, muß alles Lähmende von sich abschütteln können, wenn er seinen Beruf erfüllen will, andere zu begeistern. Sonst wird er einseitig und lang­wellig. Das kann ich Ihnen gar nicht oft genug predigen!"

„Sie haben ja im Prinzip unstreitbar recht, aber es gibt doch nun einmal solche Naturen, die sich nur schwer dazu aufraffen können, diese große Lebeirsweisheit zu adoptieren, die göttlich-leichtsinnige Theorie zur Praxis zu verwirklichen!"

„Dann sollen diese Leute keine Künstler, . sondern Eremiten werden!" lachte Maddalena, „denn sie haben keinen Zweck! Ich kann mir nicht helfen, liebster Freund, aber es ist nun 'mal meine Meinung!"

Reinhardt sah sie an und lächelte. „Ich möchte nicht", sagte er, „daß Sie auch mich eines Tages zu dieser Kate­gorie zählten. Ich bin im Grunde eine heiter veranlagte Natur, ich liebe das Leben, und nichts liegt mir ferner, als jene fade Blasiertheit, mit der so viele meiner Be­rufsgenossen kokettieren, lediglich um sich beim Publikum interessant zu machen, uni sich mit dem Nimbus des Welt- schmerzes zu umgeben. Aber es gibt eben in jedem Men­schenleben ein Etwas, worüber mancher nicht hinaus­kommt!"

„Das müssen Sie aber, gerade Sie, denn Sie haben, wie wenige, die Berechtigung, groß und berühmt zu wer- den. Ich denke, ich habe Ihr Vertrauen verdient. Also seien Sie lieb, beichten Sie einmal, und ich will versuchen. Ihnen darüber hinweg zu helfen!"

Reinhardt sah sie an, wie sie vor ihm saß, die ver- körperte Lebensfreude mit dem siegbewnßten Lächeln um die vollen Lippen und mit den forschenden Augen, die in seiner Seele lesen wollten.

Und dabei war ihm ganz seltsam zu Blute. Nicht um alle Schätze der Welt hätte er ihr die Geschichte seiner Liebe erzählen können, ängstlicher als je drängte er das Ge­heimnis zurück in sein Innerstes.

„Vielleicht werden Sie alles furchtbar alltäglich und bedeutungslos finden", begann er, „aber für mich ist es eben die Quelle eines beständigen Wehs. Ich habe — eine Schwester verloren, an der ich mit innigster Zu­neigung hing, und diese leere Stelle in meiner Brust mahnt mich immer und ewig an etwas, das unersetzlich für mich ist."

„Das ist wohl sehr traurig — aber unabänderlich, und Sic müssen sich bemühen, mit diesem Schmerz ein für allemal fertig zu werden, sonst wird ein Dämon daraus, der Ihr Leben zerfrißt. Totes und Vergangenes hat nun einmal kein Recht mehr an das, was noch lebt. Das eine gehöill dem Lichte an das andere der Verwesung!"

„Sehr weise und vor allem sehr praktisch ist ja dies- Ansicht — unleugbar. Aber sagen Sie, offen und ehrlich, Maddalena, würden Sie, wenn Sie etwas Ihnen unend­lich Teures verlören, so leicht darüber hinwegtändeln können?!"

(Fortsetzung folgt.)

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