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St- Jahrgang

Erscheint in zwei Ausgabe«. — Bezugs-Prei«: durch den Verlag La Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. L» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

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N» 422. m. an. Donnerstag, de» 10. September.

Redaktions-Fernsprecher No. 82.

1003.

Abend-Ausgabe.

fine internationale MeiteiTdinttlionfcien).

Auf Grund eingehender Studien und zahlreicher aus allen Industrieländern erstatteten Berichte hat die im September 1902 in Köln abgehaltene Tclegierten-Ver- sammlnng der internationalen Vereinigung für gesetz­lichen Arbeiterschutz zu zwei sozialpolitisch 'äußerst wich­tigen Postulaten Stellung genommeit. Sie erklärte in einstimmig angenommenen Resolutionen, daß der Stand der Gesetzgebung über Frauennachtarbeit in den meisten industriell entwickelten Staaten und der Einfluß dieser Gesetzgebung auf die Lage der Industrie das grundsätz­lich allgemeine Verbot der Nachtarbeit der Frauen recht­fertigt; sie erklärte ferner, daß die großen Gefahren, welche für die Gesundheit der Arbeiter und Arbeiterinnen aus der Verarbeitung, resp. Benutzung des weißen Phosphors und des Bleies erwachsen, eiir Verbot der Verwendung des weißen Phosphors und die weitmög- lichste Unterdrückung des Gebrauches der Bleifarben rechtfertigen.

Tie internationale Vereinigung erachtet ihre Auf­gabe mit der Annahme dieser Resolutionen nicht für er­ledigt. Liegt doch das Wesen ihrer eigenartigen Organi­sation in der Tatsache begründet, daß sic nicht wie z. B. die früheren internationalen Arbeiterschutz-Kongresse oder wie der Verein für Sozialpolitik lediglich Postulate auf­stellt. sondern pielmehr durch gemeinsame Arbeit ihrer Sektionen und der in ihrem Komitee vertretenen Regie­rungen die Durchführung der ausgestellten Postulate mit in ihren Aufgabenkreis einschließt. Dementsprechend - wurde denn von der Kölner Delegiertenversammlung auch beschlossen, eine ständige Kommission einzusetzen, die mit der Ausgabe beauftragt wurde, die Wege zu suchen, wie die Forderungen der internationalen Vereinigung prak­tisch verwirklicht werden könnten. In dieser Kommission sind alle Sektionen der internationalen Vereinigung ver­treten und an ihren Sitzungen nehmen die offiziellen Delegierten mehrerer Regierungen teil. Diese Kom­mission hat seit dem Oktober v. I. ständig auf dein Wege der Korrespondenz die notwendigen Unterhandlungen ge­pflogen und eine internationale Verständigung anzu­bahnen versucht. Sie wurde dabei vom internationalen Arbeitsamte insofern unterstützt, als dieses ihr die not­wendigen Tatsachenunterlagen über die Gesetzgebung usw. lieferte. Die Ergebnisse dieser Vorarbeiten liegen nun­mehr in zwei stattlichen Bänden vor („Die gewerbliche Nachtarbeit der Frauen" und „Gesundheitsgefährliche Industrien", Jena, Gustav Fischer), in welchen sämtliche der internationalen Vereinigung und dem internationalen Arbeitsamte erstatteten Berichte vereinigt sind.

Mit der Veröffentlichung dieser beiden Bände, die der ganzen weiteren Diskussion zur Basis dienen werden, war der Augenblick gekommen, wo die bisherigen schrift­lichen Unterhandlungen durch eine mündliche Diskussion und eine persönliche Aussprache der Sektionsdelegierten und der Regierungsvertreter aus den verschiedenen Ländern nnt Aussicht auf Erfolg fortgesetzt werden konnten. So wurde denn die erste Versammlung der in Köln eingesetzten Kommission einbcrufen. Dieselbe wird von 9.—11. September in Basel ihre Sitzungen ab­halten.

Diese Kommission setzt sich im wesentlichen wie folgt' zusammen: die deutsche Sektion der internationalen Ver­einigung ist durch den früheren preußischen Handels­minister Frhrn. v. Berlepsch und den badischen Fabrik­inspektor Dr. Fuchs Vertreten, die österreichische Sektion durch den Reichsratsabgeordneten Di'. Groß und den Direktor des internationalen Arbeitsamtes Prof. Bauer, die französische _ durch den früheren Handelsminister Millerand, die italienische Sektion entsendet den Prof. Corsi aus Pisa, die schweizerische endlich den Regierungs­und Nationalrat v. Steiger und Arbeitersekretär Greulich.

Neben diesen Sektionsdelegierten werden an den be­vorstehenden Beratungen der Kommission mehrere Rcgie- rungsvertreter teilnehmen, von welchen bisher die nach­folgenden ernannt sind: die österreichische Regierung wird durch den Vorstand des arbeitsstatistischen Amtes, Sek­tionschef Matasa, die französische durch den Direktor des Arbeitsamtes Fontaine, die italienische durch den früheren Finanzniinisier L. Luzzatti, der Heilige Stuhl durch den päpstlichen Kammerherrn Grafen Soderini vertreten sein; der schweizerische Bundesrat entsendet den Fabrik­inspektor Oberst Rauschenbach. Die Beratungen haben einen vertraulichen Charakter und sind infolgedessen nur für die Delegierten und Regierungsvertreter zugänglich, doch werden über die Ergebnisse der Öffentlichkeit Mit- teilungen gemacht werden.

Deutsches Deich.

* Hof- unb Perfonal-Nachrichten. Das Dezernat für neuere Kunst in, preußischen Kultusministerium, das bisher Geheimer Oberregierungsrat Müller verwaltete, ist, wie ein Berliner Berichterstatter wissen will, vom Vortragenden Rat, Geh. Ober- regierungsrat Schmidt, übernommen morden. Dieser Wechsel soll damit Zusammenhängen, daß Geftcimrat Müller der neueren Richtung in der Kunst ziemlich freundlich gegenübcrchcht.

Der „Rcichs-Angeiger" veröffentlicht eine Bekanntmachung betrcfsend die Ernennung des Staatssekretärs v. Stengel zum Bevollmächtigten des BundcsratS.

* Berlin, 9. September. Tie Behauptung der Frankfurter „Volksstimme", daß der Jüstizminister einen neuen Erlaß habe ergehen lassen, der Anweisungen über ein schärferes Vorgehen in F r a g c n , wo es sich um Majestäts-Beleidigung handeln

könnte, enthält, ist, der „Post" zlifolge, u n z u t r e f f c nf>.- Ein solcher Erlaß sei nicht ergangen.

* In einer Polemik gegen den „Figaro" schreibt die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung": Was das Verhältnis Deutschlands zu der Republik jenseits der Vogesen an­langt, so hat auf deutscher Seite nicht erst seit dem Ab­schluß des russisch-französischen Bündnisses volle Geneigt­heit bestandeil, die gegenseitigen Beziehungen freund-- schaftlich zu gestalteil und zu erhalten. In Wahrheit war die deutsche Politik nach dem großen Waffengange ebenso wie vorher jederzeit bestrebt, mit dem westlichen Nachbarn Deutschlands auf gutem Fuße zu leben.

* Rundschau im Reiche. Der dritte Tag der K a i s e r- M a n öder brachte auf Grund einer angenommenen Veränderung der allgemeinen Gefechtslage eine Ver­schiebung beider Parteien nach Süden. Der Kampf spielte sich in der Nähe von Naumburg ab.

Die Meldung, daß die Zensurbehörde in einem von den Breslauer Rektoren und Lehrern zusammengestellten Lesebuch denjenigen Passus gestrichen habe, welcher einige Sätze aus dem Inhalt der preußischen Verfassung wieder­gab, wird nach einer Meldung aus Breslau dementiert.

In der Spion a g e - A f s ä r e in Ars wird ge- meldet, daß der geständige Zeug-Sergeant von der Spandauer Munitionsfabrik kam und erst seit zwei Monaten auf der Feste Kronprinz beschäftigt war. Für zwei an Frankreich ausgelieferte Granaten erhielt er an- geblich 4000 Frank.

„ Der Vorstand des Duellgegner-Bundes hält am 20. September im Frankfurter Hauptbahnhofe eine Sitzung ab. Fürst von Löwenstein wird den Vorsitz übernehmen.

Die Dorgimge in Serbien.

llck. Belgrad, 9. September. Tie feierliche Ein­reihung des Kronprinzen in die serbische Armee als In­fanterist ist heute im Lager von Bajica erfolgt. Der- selben wohnte die gesamte königlick-e Familie, die Mit- glieder der Regierung und sämtliche Offiziere der Bel­grader Garnison bei. — Der König verlieh dem 7. In­fanterie-Regiment den Namen „König Peter", dem 18. den Namen „Kronprinz Georg", dem 6. den Namen „Prinz Alexander", dem 11. den Namen „Karageorg" und dem 8. „Fürst Alexander".

lick. Berlin, 10. September. Die Revolte in der serbi- schen Armee bereitet dem König Peter fortgesetzt schwere Sorge. Wie die „Morgenpost" aus Wien erfahren haben will, entsandte er einen Kurier air den Zaren mit der Bitte, die von Rußland verfügten Maßnahmen gegen das serbische Offizier-Korps aufzuheben. Der König er­blickt nämlich -in der von Rußland zuerst erlassenen Boykottierung der serbischen Offiziere die Ursache der

Die Tugendrose.

Novelle von Johannes Proeltz (Stuttgart).

Hans Fernau war damals in der altbcrühmten Handelsstadt Theaterkritiker, und zwar an der im Ort gelesensten Zeitung, deren Unterhaltungsteil er redi­gierte. Das gab ihn eine ansehnliche und einflußreiche Stellung, nicht nur in unserem literarischen Kreis, denn das Theater war der Mittelpunkt der geistigen Interessen im gesellschaftlichen Leben der Stadt. Ter gediegene Reichtum der Bürgerschaft ermöglichte es dem Stadt­theater, im Engagement guter Kräfte sich in erster Reihe zu halten. Sowohl Oper als Schauspiel besaßen einen Stamm tüchtiger Künstler und Künstlerinnen, die schon seit langem der Bühne eine Zierde oder wenigstens zirr Stütze gereichten und sich bei gutbürgerlicher Lebens­führung so in die Stadt eingelebt hatten, daß auch die Kirchtumphilister in ihnen, „vollwertige" Mitglieder sahen. Schlug aber dann einmal einer dieser Ein­gebürgerten oder gar ein Neuengagierter über den Strang, den die gute Sitte der losen gezogen hat, so äußerte sich auch die sittliche Entrüstung sehr lebhaft. Die Presse nahm daran nicht teil. Dem Hang gewisser Kreise zum Theaterklatsch gaben die Zeitungen keine Nahrung. Man ließ das Privatleben der Künstler und Künst­lerinnen unbesprochen. Da führte eine merkwürdige Verkettung von Umständen den Fall herbei, daß der ganze gesellige Verein, der die literarischen Elemente der Stadt zusammenhielt, hochnotpeinlich über die Moral einer namhaften Künstlerin zu Gericht sitzen mußte. Und unser Fernau war der Einberufer der Sitzung.

^ Der Brave hatte gut tugendhaft sein in jenen Tagen! vlt frischer Jugendkraft, die Genüsse des Lebens durch poetische Auffassung steigernd, war er seit ein paar vahren verheiratet und lebte im Vollgenuß eines behag­eten Eheglücks, zumal sein munteres Frauchen noch wtmer in feinen hübschen Krauskops verliebt war. Wohl war es sonst nicht seine Art, in der Beurteilung anderer oen Prüden zu spielen, aber der Kiinstlerwelt gegenüber

war er eigentümlich befangen. So fühlte sich sein ästhe­tischer Sinn beleidigt, als die erst kürzlich neuengagierte Inhaberin des Fachs der jugendlichen Heroinen, die er nach ihrem Gastspiel in der Rolle der „Hero" als „edle Priesterin der Kunst" gefeiert hatte, sich höchst unpriester- lich mit einem bereits etwas ältlichen Kunstfreund einließ, der wirklich gar nichts voin „Leander" hatte. Die wenig gebildete Gattin des Kunstfreunds vergrößerte den Skandal durch übertriebene Klatschereien über die Un­treue ihres Mannes, von dem sie sich scheiden ließ.

Daß Fernau sich über den Vorfall ganz besonders entrüstete, hatte aber auch einen besonderen Grund. Die „Hero", eine schöne schlanke Blondine, die es vortrefflich verstand, den schwindenden tzugendreiz durch Toiletten­künste geschmackvoll zu heben, hatte nach ihrem Gastspiel die Kritiken auf den Redaktionsstuben wiederholt besucht und sich dabei über die Vereinsamung beklagt, in die sie sich versetzt sähe, nachdem sie früher in Wien der Mittel­punkt eines anregenden Umgangskrcises gewesen war. Da bot ein Wohltätigkeitsfest, das der Verein „Presse" zum Besten der Ferienkolonien armer Schulkinder ver­anstaltete, Gelegenheit, ihr ein persönliches Hcrvortreten in der Gesellschaft zu vermitteln. Fernau, der im Ver- gnugungsausschnß den Vorsitz führte, dichtete einen Pro­log und ersuchte die Künstlerin, den Vortrag zu über­nehmen, was „Hero" mit Vergnügen tat. Übrigens waren die ersten Kräfte der Oper und des Schauspiels fast alle im Programm des glänzend verlaufenden Festes vertreten. Bei dem sich an die Vorträge schließenden Bankett hatte „Hero" ihren Platz zwischen Fernau und dem Oberbürgermeifter, den: sein gereiftes Junggesellen­tum den Sinn für Frauenreiz nicht abgestumpft hatte. Den Ball eröfsnete dann Fernau mit seiner Nachbarin, und in der ersten Pause führte er sie seiner Frau zu, die sie wieder mit ihrem Familienanhang und anderen Gästen bekannt machte. Fräulein „Hero", in einer präch- tigen Toilette von mattgelber Seide, machte manche Er­oberung an dent Abend, vor allem aber befreundete sie sich mit „ihrem Dichter" Fernau. Sie sagte ihm artige Komplimente über seinen Prolog, und er fand, daß ihr

Vortrag den Versen erst Seele eingehaucht habe. Seine Meinung über sie nach dein Fest gipfelte in dem Aus­spruch, daß die ideale schöne Weiblichkeit, die sie so gut auf der Bühne zu verkörpern wisse, auch ihre Persön­lichkeit adle. Und sein Liesel teilte diese günstige Meinung.

Als der Verein einige Wochen später, zufrieden mit seinem Erfolg, den Plan erwog, ein kleines sideles Nachfest zu feiern, zu dem alle Mitwirkenden des großen Festes wie zum Danke eingeladen werden sollten, war es für beide Fernaus eine freundliche Vorstellung, daß ihre neue Freundin ivieder unter den Gästen sein werde. Da, als man in der folgenden Sitzung des Vergnügungs­ausschusses die Liste der Eingeladenen durchging, platzte wie eine Bombe ii^die Debatte die Nachricht von dem Skandal, den die Frau des „Kunstfreundes" in ihrem Zorn so geräuschvoll vergröberte. Die Wirkung war auf alle Anwesenden peinlich. Fernau, aufs höchste entrüstet, wies zunächst das Gerücht heftig als Klatsch und Ver­leumdung zurück. Als aber auch er einseben mußte, daß feine „Hero" wirklich einen Liebhaber, und einen so un­schönen, zum Tröster in der Einsamkeit erkoren hatte, da faßte er dies wie eine persönliche Beleidigung auf, und sein Lieschen daheim schürte das Feuer. Vor ihrer Familie wären sie jetzt blamiert!

Im Verein aber entstanden zwei Parteien. Die eine verlangte, der Name der Kompromittierten sei von der Liste der Einzuladenden zu streichen. Für diese Partei, die Mehrzahl, führte Fernau das Wort. Die andere machte dagegen geltend, die Künstlerin sei einzuladeir wie alle anderen, die beim Wohltätigkeitsfest mitgewirkt hatten. Der Verein sei nicht berufen, an dem Privat­leben der Dame ans Grund von Gerüchten Kritik zu üben. Über diese kitzliche Streitfrage sollte am nächsten Samstag in einer geheimen Sitzung des Vereins abge- stimmt werden.

Als am Mittag dieses Tags Fernau auf dem Heim- weg vom Bureau gerade den Vorgarten seines Hauses betrat, stieß er mit einem Telegraphenboten zusammen, der eben zu ihm wollte. Neugierig nahm er das Tele-