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Beilage nun Wiesbadener Taablalt.

No. 419. Morgen-Ausgabe.

Mittwoch, den 9. September.

61. Jahrgang. 1903.

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»' Die Freiheit »nd das Himmelreich gewinne» keine Halben. ife « E. M. Arndt. ^

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(38. Fortsetzung.)

Freiheit!

Roman von Walter Schmidt-Häßler.

Er zog den Paletot wieder an und ging die Treppe hinunter nach dem ispeisesaal. obwohl er drrrchaus keinen Hunger hatte.

Aber auch da sah er nur flüchtig hinein. Der große, hell erleuchtete Raum war ziemlich leer. An einem Eck- tische saß ein junges Paar. Hochzeitsreisende, ganz in ihr Gluck versunken. Am großen Mitteltische unterhielt sich eine Gruppe von Engländern mit der ganzen, diesem Volksstamme aus Reisen so eigenen aufdringlichen Un- geniertheit. Er konnte weder das Polk, noch die Sprache leiden. Sie halten ihn schon beim Lunch mit ihrer Mamerlostgkett gestört. Und nun gar erst jetzt!

Remmingen ging also hinunter ins Caf6.

Das wogende Lebeir und Treiben, das unablässige Kommen und Gehen, dazwischen das Klappern und Klirren der Geschirre tat ihm förmlich wohl. Er konnte heute mcht allein sein. Er ließ sich ein Glas Madeira geben und setzte sich still in eine Ecke. Dort begann er zu träumen.

Wie zwecklos kam er sich vor unter all den Menschen, die ihn umwogten! — Wie bitter erschien es ihm jetzt, wo er ehrlich Einkehr hielt in sich selbst, sich bekennen zu müssen, daß es zu spät war, seine Hand nach dem Glück auszustrecken. das heute neckend noch einmal vor ihm aufgetaucht war. Wozu war denn das eigentlich nötig gewesen? Er hatte doch nun so schön alles in sich nieder­gerungen und sein Empfindungsleben in den Schlaf ge­lullt mit jahrelanger Philosophie, mit all seinem Skepti- zismus. Was batte denn die weise Vorsehung für einen Zweck gehabt, alles in chm wieder aufzurütteln — jetzt, wo es doch zu spät war! — Denn das war es — unwider­ruflich! Er nahm sich vor. ja, er gab sich sein Wort darauf, sich zusammenzunehmen mit aller Kraft, nicht wieder so lächerlich sentimental zu erscheinen, wie heute, wo der Zauber des Wiedersehens ihn wider Willen mit fortgerissen. Diese Frau sollte nichts in ihm sehen, als den korrekten Kavalier, den ergebenen Freund, der aus respektvollster Entkernung wunschlos verehrte. Gemein- sam mit ihr wollte er das Glück der beiden anderen be- gründen — und dann mit Anstand wieder verschwinden, wie er gekommen war. So blieb ihr eine ungetrübte Erinnerung an einen alten, ehrlichen Freund, und ihm die beruhigende Gewißheit, daß er sich bis zum letzten Moment benommen hatte, wie es ihm nach seinen Jahren zukam. Ella hatte recht gehabt: Man soll nicht über mich lächeln.

So saß er stundenlang, bis er anfing müde zu werden, und mit sich selbst vollkommen im klaren, zog er sich auf sein Zimmer zurück.

Auch im Kaiserhotel saßen die beiden Frauen bis spät in die Nacht hinein beisammen. Sie hatten sich ja so viel zu sagen. Schlafen konnten sie nicht, alles, was so

scheinbar abgeschlossen hinter ihnen gelegen hatte, war mächftg aufgewacht und verlangte jetzt sein verjährtes Recht.

„Wie kam es denn aber"? fuhr Ella in dem Gespräche fort, „daß Sie nie wieder von chm hörten?"

„Liebes Kind, daö kam alles sehr einfach und logisch, genau so. wie es bei Ihnen und Herrn Berning auch beinahe gekominen wäre. Ich war ein armes Mädchen, erzogen in den Traditionen meiner Familie, ohne einen anderen Willen, als den der Meinigen. Konvenienzehen warm in unserem Hause genau so erblich, wie der Name und das Wappen. Auf meinem ersten Balle hatte ich beit Leutnant von Remmingen kennen gelernt, der genau ebmsowenig begütert war, wie ich selbst. Wir liebtm uns. wie zwei junge Menschen sich lieben, die beide zum ersten Male empfinden. Ein volles Jahr dauerte das heimliche Glück, und wir täuschten uns wie ein Paar Kinder über alle Gefahren, die unserer Liebe drohten, hinweg. Da wünschten seine Verwandten, Eltern hatte er nicht mehr, eine reiche Heirat. Man hatte für ihn die passende Partie bereits sehr sülvoll arrangiert — aber er weigerte sich mit einer Entschiedenheit, die niemand begreifen wollte: denn die Dame war jung, sehr hübsch und sehr reich. Aber er blieb fest. Da fiel er bei den Seinigen in^ Ungnade. die Familie zahlte des Herrn Leutnants Schulden nicht mehr, und er war gezwungen, seinen Abschied zu nehmen!"

„Armer Mensch", sagte Ella trübe, „und was taten Sie?"

„Ich? Du lieber Gott, ich war ein blutjunges, un­erfahrenes Ding von kaum siebzehn Jahren, dem man von allen Seiten die häßlichsten Dinge sagte über den Mann, der nun einmal nicht daran denken konnte, sich einm eigenm Herd zu gründen, der auch den Dienst hatte quittieren müssen. Weshalb er es getan, sagte man mir nicht, und er selbst war zu stolz, sich zu'verteidigen. Daß er nur feine Liebe hätte zu verleugnen, seine Über­zeugung zu verkaufen brauchen, um weiter der flotte, ehrenhafte Offizier zu bleiben, daß er zu ehrlich war. seine Hand ohne sein Herz zu verschenken, das erfuhr ich erst nach Jahren — als es zu spät war."

„Und Sie sahen ihn niemals wieder?"

„Nie. Er war zu stolz gewesen, sich vor mir zu recht- ferftgen. und im Trotz ging er davon. Nur einen letzten Brief schrieb er mir. aus dem noch einmal die ganze Zärtlichkeit zu mir emporflammte. Es war sein Lebe­wohl auf immer! Tann blieb er verschollen — ich er­fuhr nur. daß er nach Afrika gegangen sei. Ein Jahr später, als keine Zeile, keine Kunde mehr von chm ge­kommen war — brach das Unglück über unsere Familie herein, eine Katastrophe, die nur ich abzuwenden ver­mochte. Mein Bruder hatte Spielschulden von immenser Höhe gemacht, die mein Vater unmöglich mit all seinem Hab und Gut decken konnte, und da in diesem kritischen Augenblick General v. Winterberg, ein tadelloser Ehren­mann und vollendeter Kavalier, um meine Hand warb, so brachte ich meiner Familie das Opfer — und unser Name war vor unauslöschlicher Schande gerettet!"

„Arme, arme Marianne! Was müssen Sie gelitten haben?"

„Das will ich nicht einmal sagen", erwiderte die andere

ruhig, „ich tat es sogar ohne Kampf, ohne innere Ge­wissensbisse und Unruhe!"

„Aber Sie liebten doch einen anderen?"

„Ja. ich liebte chn — wie man einen Verstorbenen liebt —, aber ich glaubte nicht mehr an ihn, der mich so leicht hatte aufgeben können. Und so vertraute ich ruhigen Herzens dem alternden Gemahl ein Leben an, das für mich absolut keine Zweck mehr hatte, das ab­geschlossen war. bevor es eigentlich noch begonnen hatte. Aber ich ging nicht mit einer Lüge in die Ehe, das wäre meinem Naturell zuwider gewesen. Als der General um ich warb, sagte ich ihm alles — ehrlich und offenl"

„Und — er?"

„Er war der edelste Mensch, den ich finden konnte, liebste Ella, ein Mann, dessen Andenken ich noch im Grabe segne. Er , hat mich mit zartester Aufmerksamkeit ^um­hegt, hat mich mit einer Liebe geliebt. Ke etwas Über­irdisches hatte. Er war mein Freund, zu dem ich aflf- schaute mit innigster Verehrung und mit kindlicher Dank­barkeit. Er war ein kranker Mann, schon als er um mich warb, und für die ideale Freundschaft, die er mir bot. konnte ich nichts geben, als die treue Anhänglichkeit einer Schwester, und ihm sein durch Leiden und körperliche Schmerzen verbittertes Dasein so hell und sonnig machen, als ich nur konnte. In dieser Pflicht. Ella, habe ich eine hohe, eine erhebende innere Befriedigung und Zweck meines ganzen Daseins gefunden; jedes Jahr seines Lebens habe ich durch meine Pflege dem Schicksal abge­rungen. und als er dennoch von mir ging und mir dank­bar. die Hände küßte, in denen die seinigen lagen, dg Wichte ich. daß ich Recht getan hatte!"

„llnd nun. Marianne — nun tritt jener Erste wieder vor Sie hin! Jetzt können' Sie glücklich werden, wie Sie es verdienen!"

„Meinen Sie? — So gewiß ist das wohl noch nicht! Aber ansehen will ich ihn nur einmal, den stolzen Herrn der Schöpfung, der so geduldig fünfzehn Jahre lang auf das Glück gewartet hat. Von Stein bin ich ja nicht — wirklich nicht : —, aber auch nicht von Wachs, und seine Sache ist es wohl jetzt, das Vergangene gut zu machen!"

„Er hat sich wohl sehr verändert?" fragte Ella mit leisem Lächeln.

„O ja! — Aber das ist ein Glück, beste Ella. Was sollte eine Frau von 32 Jahren mit einem so jungen. Dragonerleutnant anfangen? Wie er jetzt ist —- so ge­fällt er mir gerade, wenigstens äußerlich. Seinen inneren Menschen werde ich erst, einmal einer genanen Prüfung unterziehen.. und dabei müssen Sie mir helfen. Es ist ja Ihr Beruf. Menschen zu studieren!"

Ella lächelte. „Nun. bei dem guten Baron Rem­mingen dürfte es Wohl nicht allzuschwer sein, sein! Innerstes zu ergründen! Er hat offene, gute Augen. Marianne, und daraus blickt auch ein ehrliches Herz. Aber seien Sie überzeugt, ich werde mich schnell an diese Aufgabe machen!"

„Und nun lassen Sie uns noch einmal von Ihnen reden, Ella!" sagte die Baronin, indem sie herzlich ihre Hand ergriff. „Was Sie Remmingen beim Mschied sag­ten. das war doch nicht Ihr Ernst, diese kühlen Worte kamen doch nicht aus Ihrem Herzen?"

(Fortsetzung folgt.)

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