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Wie so viele große Vereine und Verbände, hatte Heuer auch der Verband deutscher Mielervereine seine Jahres­versammlung in Dresden abzuhalten beschlossen, ein­geladen vom dortigen Mieterverein. Dresden ist seit Jahren der klassische Boden für den Kamps der wider­strebenden Hausbesitzer- und Mieterinteressen, da hier dem Haus- und Grnndbesitzerverein ein gut organisierter und gut fundierter Mieterverein gegenüber steht. Die Ton­art, welche diesen Verbandstag beherrscht, mußte also symptomatisch für die ganze Bewegung sein, um so mehr, als von den 37 Vereinen, die sich zum Verband zn- sammengeschlossen haben und die etwa 15 000 Mieter umfassen, einige zwanzig vertreten waren, norddeutsche sowohl wie süddeutsche. Daß den Bestrebungen der Mieterorganisationen eine wachsende Würdigung auch seitens der städtischen Vertretungen beigelcgt wird, zeigte die anerkennende Begrüßungsrede eines der Herren Dresdener Bürgermeister. Sowohl die Stoffe wie auch der Ton der Verhandlungen zeigten, daß man den ver­änderten Zeitumständen gern Rechnung zu tragen gewillt sei. Der industrielle Rückgang hat auf beiden Seiten mehr ausgleichend als verschärfend gewirkt. Von Miet­steigerungen, die früher viel böses Blut verursachten, wird heute natürlich nicht mehr gesprochen, eher verstehen sich die Hausbesitzer zu Nachlässen, und schon um die Mieter zu halten, werden auch die sonst öfters drückend empfundenen Mietverträge milder gehandhabt, auch wohl bei Erneuerungen zugunsten der Vermieter mitunter um« «gestaltet. Die Mieter erkennen auch gern die Nachsicht an, mit der gar manche Hausbesitzer bedrängten, aber ordentlichen Mietern die Zinszahlung stunden. So

Mittwoch» den 0. September.

haben sich, ohne daß eine Revision der Programme statt- gefunden hätte, doch die Parteien einigermaßen genähert, und es steht zu hoffen, daß auf manchen Gebieten sogar ein Miteinander- statt eines Gegeneinanderarbeitens an­gebahnt werden kann.

In einem der Vorträge erörterte Rechtsanwalt Müller von Berneck-Dresdcn die Rätlichkeit, gesetzlich anzuer- kcnnende Mietschiedsgcrichte zu gründen. Wenn nun auch der Vortragende und mit ihm die große Mehrheit der Delegierten die Zweckmäßigkeit derartiger Schiedsgerichte verneinten, so trat man doch einstimmig dem Antrag des Vereins Kobnrg bei, der von Schiedsgerichten zwar ab­sieht, aber für die Errichtung von Einigungsämtern bei Mietstreitigkeitcn eintritt. In Kobnrg hat sich ein soläies Schiedsamt, das von zwei Hausbesitzern und zwei Mietern gemeinsam geübt wird, so bewährt, daß ihm schon Zwistigkeiten von auswärts zur Ausgleichung mit Erfolg übertragen worden sind. Jedenfalls läßt sich zur Schlich­tung von Streitigkeiten und zur Aufklärung zweifel­hafter Rechtsansprüche, also zur Vermeidung eines gericht­lichen Verfahrens, durch vermittelnde Vertrauens­personen viel tun.

Ein dein öffentlichen Recht angchöriges Gebiet, die Einführung der Wohnungsinspektion und die Förderung der Wohnungspflege, behandelte ein Vortrag von Dr. Scheven-Dresden, in welchem auch die Erwartung aus­gesprochen wurde, daß trotz abweichender Auffassungen in Einzelheiten Hausbesitzer und Meter gemeinsam die Wohnungsinspektion anstreben könnten; haben doch auch die Hausbesitzer auf ihrem letzten Verbandstag zu dieser Frage mit Vorbehalt wieder Stellung genommen. Ganz besonders betonte der Vortragende die Notwendigkeit der eigentlichen Wohnungspflege, d. h. der Kunst, unter den einmal gegebenen Verhältnissen jedes einzelnen möglichst gesund und behaglich zu wohnen, mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit angedeihen zu lassen. Dieser Auf­gabe kann die Wohnnngsinspektion dienstbar gemacht wer­den. Als zweckpläßig dürfte es sich dabei erweisen, eine entsprechend große Anzahl von ehrenamtlichen Wohnungs­pflegern unter einem Wohnungsinspektor anzustellen. Jeder Kreis möchte zwei Pfleger bekommen, einen Ver­trauensmann der Hausbesitzer und einen der Mieter kleiner Wohnungen. Dadurch würde das Interesse an den neuen Aufgaben in die weitesten Kreise getragen. Ilm den landesgesetzlichen Forderungen und Anregungen erhöhten Nachdruck zu verschaffen, stellte Dr. Scheven den einstimmig angenommenen Antrag: „Der Verbandstag des Deutschen Mieterverbandes beauftragt den Vorstand des Verbandes, beim nächsten Reichstag eine Petition einzureichen, die eine reichsgesetzliche Einführung der Wohnungsinspektion erstrebt."

RcdakiionS.Fcrnsprechcr No. 52. 1903 »

Ein Referat des Lehrers Beck-Dresden wandte sich gegen die noch zu Recht bestehenden aber heute veralteten Bestimmungen der meisten deutschen Städteverordnungen, welche den Hausbesitzern eine besonders einflußreiche Stellung in der Stadtvertretung garantieren. Da die Forderung eine alte und selbst von maßgebenden Stellen als eine durchaus berechtigte anerkannt worden ist, auch selbst vom Zentralverband der Hausbesitzer gar nicht inehr emphatisch verteidigt wird, kann man ein aggressives Vorgehen in dem Verlangen nicht erblicken.

Unpolitische aber praktische Erwägungen stellte Maler­meister Sommer über die Vorteile an. welche die Mieter­vereine ihren Mitgliedern zu bieten vermögen. Mge- sehen davon, daß nian durch Erbauung von Kleinwohnun­gen, wie z. B. in Dresden, einer freilich nur beschränkten Zahl von Mitgliedern zu helfen vermöchte, könnten die Vereine durch Einkauf von Kohlen und Gründung von Mietzinssparkassen und Rabattverernen ihren Mitgliedern nützen. Tie Anregung zu gemeinsamen Abmachungen des Verbandes mit Spediteurvereinen betreffs wohl- feiler Übernahme von Umzügen und mit Feuerversiche­rungsgesellschaften betreffs billiger Mobiliarversicherung nach Siegener Vorbild wird sich hoffentlich als fruchtbar erweisen.

Einem Antrag aus Bielefeld, der Verband möge in corpore in den Bund für Bodenreform eintreten, wurde nicht stattgegeben, da die Mieterbewegung sich selbständig zu entwickeln hat und näher liegende Ziele verfolgt als die Bodenreform.

Über „die städtische Bodenfrage" entwickelte der Ge­schäftsführer des „Vereins Reichs-Wohnungsgesetz", Dr. v. Mangoldt-Dresden, auf Grundlage seiner neuesten Nachforschungen, die sich besonders mit der Ent­wickelung des Baustellen- und Baugeschäftes in Dresden befassen, seine Ansichten. Die gänzlich objektive Dar- stellung, durchweht mit einer Menge aus dem Leben ge­griffener Beispiele, gipfelte sin Vorschlag, die Stadt­erweiterung der privaten Spekulation zu entziehen, sie als öffentlich rechtliche Aufgabe zu erfassen und demgemäß nicht nur die Bebauungspläne, die Baupolizei, sondern auchi die Austeilung des baureif gewordenen Terrains städtischerseits in die Hand zu nehmen. In der mangeln­den Konkurrenz beim Angebot der Baustellen erblickt Dr. v. Mangoldt das verhängnisvollste Hindernis einer gedeihlichen „Stadtverjüngung", wie er es nennt. Das Baustellen- und Baugeschäft soll aber nicht vergemeind- licht werden, sondern nur unter andere, nicht dem Privat­recht, sondern dem öffentlichen Recht entnommene Normen (z. B. leichtere Enteignungsmöglichkeit, besserer Schutz der Bauhandwerker usw.) gestellt werden. In

Abseits von der Heerstraße.

Eine tragikomische Sommer-Sonntags-Geschichte.

Von Rcinhold Ortmann.

(Schluß.)

„Hören Sie mal, mein Lieber, mit solchen Räuber­geschichten haben Sie bei mir kein Glück. Erzählen Sie Das meinetwegen dem Herrn Amtsvorsteher, der Sie sich morgen oder übermorgen aus dem Polizeigefängnls vorführen lassen wird. Vielleicht glaubt's Ihnen der."

Jetzt packte Herrn August Kleinmichel doch mit einein Mal das Entsetzen.

„Aus dem Polizeigefängnis? Herr, Sie wollen mich doch nicht im Ernst arretieren? Wenn Sie mir nicht glauben, so gehen Sie mit mir zurück bis zu dem Wegweiser. Da werden Sie meine Frau und meine Kinder stnden und können sich von ihnen bestätigen lassen, haß ich nichts als die reine Wahrheit gesagt habe."

„Na, darauf soll mir's schließlich nicht ankommen. Wer Sie werden natürlich mitgehen. Und ich bitte mir aus: keinen Fluchtversuch. Sonst bin ich gezwungen. Sie zu schließen."

August Kleinmichel sah- ihn an, als wollte er ihn mit seinen Blicken töten. Aber er sah wohl ein, daß er sich der Autorität der Volizeigewalt unterwerfen müsse und fügte sich mit dumpfem Schweigen in sein Geschick. Auf demselben Wege, den er eben mühselig bewältigt hatte, wanderte er unter der Obhut seines bewaffneten Begleiters zurück. Und es währte nicht allzulange, bis der Wegweiser vor ihnen austauchte. Schon von weitem aber konnte man gewahren, daß sich dort kein mensch­liches Wesen befand, und das Gesicht des Beamten wurde denn auch mit jedem Schritt strenger und unheilver­kündender.

„Wo sind denn nun Ihre werten Angehörigen, wenn ich fragen darf? Möchten Sie jetzt nicht lieber eingc- stehen, Herr .Hauseigentümer, daß Sie mir ein Märchen ausbinden wollten?"

Me ein Verzweifelter schaute Herr August Klein­michel nach allen Richtungen aus.

„Amalie!" schrie er. „Else! — Paul! — Grete!"

Wer nur ein boshaftes Echo gab ihm Antwort.

> Seine Teuren waren verschwunden, als wenn die Erde sic verschluckt hätte. ^Völlig gebrochen sank August Kleinmichel auf den Stein am Wegweiser nieder.

„Sie müssen nach der Station zurückgegangen sein, weil ihnen die Zeit zu lang wurde", ächzte er. „Oder dieser bayrische Hiesel hat sie umgebracht. Wer wen;, ob nicht hier irgendwo ihre Leichen unter Reisig und dürrem Laub versteckt sind."

„Nun hören Sie aber gefälligst ans mit Ihren Faseleien! —• Vorwärts jetzt! Und nicht gemuckst! Ich habe schon viel zu viel Zeit mit Ihnen verloren."

„Nein, ich gehe nicht von der Stelle," erklärte der unglückliche Neuster. „Der Mensch kann viel aushalten, aber alles hat schließlick eine Grenze. Es ist ja, als hätten sich alle Teufel der Hölle gegen mich verschworen."

Der Gendarm nahm eine drohende Miene an, und wer weiß, bis zu welcher Katastrophe sich die Situation verschärft hätte, wenn nicht im kritischen Augenblick! Herr Doktor Rudolf Leuenberg zum zweiten Mal als Retter in der Not auf der Bildfläche erschienen wäre. August Kleinmichel hatte ihn zwischen den Bäumen da­herkommen sehen und wie elektrisiert war er emporge­fahren.

„Gott sei Dank, da ist ein Mensch, der mich legiti­mieren kann. Herr Doktor! Herr Doktor!"

Ter junge Arzt hatte die beiden schon längst be­merkt. Der Ausruf des Herrn Kleinmichel machte es ihm nicht schwer, die Sachlage zu erraten, übermütig blitzte es in seinen Augen auf. Ganz ohne Strafe für seinen bisher bewiesenen Starrsinn sollte der Vater seiner angebetetcn Else doch nicht bleiben.

„Meinen Sie mich, mein Herr?" fragte er, als er den Wegweiser erreicht hatte. „Womit kann ich Ihnen dienen!"

„Aber um des Himmels willen, Doktor, tun Sie doch nicht, als ob Sie mich nicht kennen! Ich beschwöre Sie, sagen Sie diesem Beamten, wer ich bin."

„Erlauben Sie — aber ich kann mich wirklich nicht mehr erinnern, daß ich jemals das Vergnügen gehabt hätte-"

August Kleinmichel begriff alles. Aber seine Lage war nicht derart, daß er vor einer demütigenden Abbitte hätte zurückschrecken dürfen.

„Sie wollen Vergeltung üben — ich verstehe es wohl.. Aber es wäre nicht großmütig, wenn Sie sich auf solche Art für ein in der Übereilung gesprochenes Wort rächen wollten. Ich nehme alles zurück, ivas ich an jenem Abend gesagt habe; nur befreien Sie mich aus dieser schauderhaften Situation!"

„Sie nehmen Ihr Verbot zurück — das ist allerdings etwas anderes. Sie kennen mich doch, Gendarm?"

„Natürlich, Herr Doktor!" erklärte der Mann des Gesetzes salutierend. „Haben Sie mir denn nicht vor anderthalb Jahren mein zerbrochenes Bein wieder zurecht­gestickt?"

„Dann wird es Ihnen hoffentlich auch genügen, wenn ich für diesen Herrn jede etwa erforderlich scheinende Bürgschaft übernehme."

„Sagen Sie ihm, daß ich der Privatier und Haus- eigentümer August Kleinmichel bin, und daß man mich hier in diesem Walde schmachvoll ausgeplündert hat. Er hält mich nämlich für einen Schwindler."

„Ich bestätige Ihnen alles, was Herr Kleinmichel da sagt. Und ich glaube Ihnen außerdem auch auf die Spur des Spitzbuben helfen zu können, der meinen be­dauernswerten Freund" — und er legte einen ganz be­sonderen Nachdruck auf das letzte Wort — „im Schlafe ausgeraubt hat. Vor ungefähr zwei Stunden sah ich den Steinklopfcr Peterett hier im Walde. Und dem alten Zuchthäusler wäre die Tat wohl zuzutrauen. Wenn Sie sich jetzt gleich ans den Weg nach seiner Hütte machen, gelingt es Ihnen vielleicht, ihn zu überrumpeln, ehe er seine Beute irgendwie in Sicherheit bringen könnte."

Der Gendarm, der vor dem jungen Arzt offenbar großen Respekt hatte, zögerte nicht, seinen Wink zu be- folgen. Doktor Leuenberg aber klärte den schwerge­prüften Rentier vor allem über das Schicksal seiner ver- rnißten Angehörigen auf und begleitete ihn dann zur Försterei, wo auf allen Seiten große Freude über das Wiedersehen war. Mit Tränen der Rührung schilderte Frau Amalie ihrem Gatten die Verdienste, die der Doktor sich um sie erworben, und in einer aus Dankbar­keit und Beschämung gemischten inneren Bewegung schüttelte August Kleinmichel dem hülfreichen Jünger Äskulaps die Hand