üifsbaitfiux Taglilait.
«*• Jahrgang
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Djl» 418. Verlags-Fernfprcchcr No. 2953.
Dienstag, den 8. September.
Redaktions-Fernfprecher R». 52.
1603.
Abend-Ausgabe.
John Kuli nls Wohltäter der Kuren.
Unser Londoner u.-KorresPoudent schreibt unterm 5. September:
In keiner Station der Welt ist der Wohltätigkeits- firti; höher entwickelt als in der englischen, wie unter anderem schon daraus hervorgeht, daß in Großbritannien alle Hospitäler und andere wohltätige Anstalten lediglich mit Hülfe freiwilliger Beiträge unterhalten werden. Es ist aber eine alte Geschichte, daß, weitn in England für einen der bewußten Zwecke eine Million aufgebracht wird, nur ein Drittel oder allenfalls die Hälfte in den Besitz der Bedürftigen gelangt. Das übrige wird in der Regel durch die linkosten rm Zusammenhänge mit den zahlreichen und hochbezahlten Beamten verschlungen, die man für die Verwaltung als Unerläßlich betrachtet. Was sich in Bezug auf wohltätige Anstalten sagen läßt, gilt in noch höherem Grade von allen staatlichen Verwaltungsdepartements, und dasjenige, welches unter die Buren jene großen Summen zu verteilen beauftragt war, die die englische Nation bewilligte, um wenigstens einen kleinen Teil des vom Kriege hinterlassencn Elendes zu mildern, bildete leider keine Ausnahme von der Regel. Es standen bekanntlich ptwa 6—7 000 000 Pfund Sterling für den bewußten Zweck zur Verfügung, von denen 8 Millionen dazu bestimmt waren, die Wiederansiedelung von Buren zu erleichtern, 2 Millionen sollten in Gestalt von Darlehen demselben Zwecke dienen, und etwa 3 Millionen waren für die Einlösung von Quittungen zurückgestellt, welche englische Offiziere bei der Requisition während des Krieges den Buren ausgehändigt hatten. Schon seit einiger Zeit gelangten ans dem Transval Berichte zumeist in Privatbriefen nach England, denengemäß jene Summen in der skandalösesten Weise verwaltet werden sollten. Die Regierungspresse, also die unionist- jschen und konservativen Blätter, ließen cs sich natürlich angelegen sein, die Sache totzuschweigen, und nur aus den radikalen und liberalen Zeitungen, vernahmen wir etwas über dieselbe. Volle Einzelheiten wurden aber erst soeben durch die bekannte Miß Hobhouse, die Tochter des Lord Hobhouse, an die Öffentlichkeit gebracht. Jene Dame ist von jeher beinüht geweseir, wenigstens einen Teil des Unrechtes init Hülfe eines Appells sin ihre Landslerite wieder gutznmachen, das England dem Burenvolke zugefügt hat. Tie seinerzeit durch lieaai- -rwwr
Abseits von der Heerstraße.
Eine tragikomische Sommer-Sonntags-Geschichte.
Von Rcinhold Ortmann.
(2. Fortsetzung.)
Fräulein Else war ersichtlich aufs äußerste bestürzt über den Empfang, der ihr zu teil wurde und über die jeltsame Aufregung, in der sie ihre Angehörigen vorfand.
„Weil ihr doch so schön schlieft, war ich ein Stück in sien Wald hineingegangen, um Blumen zu pflücken", stammelte sie, glutrot im Gesicht. Ihr Vater aber donnerte sie an:
„So, also Blumen hast du gepflückt, während man ms hier schamlos ausplünderte! Konntest du nicht itzen bleiben, um unser Eigentum zu behüten? Das ist >er Dank, den man für all seine saure Arbeit und seine chlaflosen Nächte von diesen ungeratenen Kindern erntet. Ver weiß, was du da im Walde getrieben hast! Man pflückt nicht eine Stunde lang Blumen, und so lange niuß wenigstens her sein, daß wir uns hier gelagert haben,
ist — aber ums Himmelswillen, wo ist denn meine Uhr?"
Er hatte nach seinem Chronometer greifen wollen und die Westentasche leer gefunden. Von einer fürchterlichen Ahnung durchschauert, fuhr er nun auch in die Tasche seines Beinkleides, und sein Gesicht nahm im nächsten Moment eine geradezu beängstigende bläuliche Färbung an.
„Fort — fort — meine Uhr und mein Portemonnaie: Dieser Raubmörder, dieser Schinderhannes hat mir alles gestohlen!"
Namenlos traurige Minuten waren es, die der neuen niederschmetternden Entdeckung folgten. Herr Klein- michel wetterte und fluchte, seine Gattin saß mit gerungenen Händen wie ein Bild der Verzweiflung da, die Kinder heulten und Fräulein Else hatte ebenfalls das Taschentuch vor dem Gesicht. Da man doch aber schließlich nicht mitten im Walde den qualvollen Hungertod sterben konnte, faßte der Rentier, wie es ihm als dem verantwortlichen Haupt der Familie zukam, endlich einen mannhaften Entschluß.
„Nun hört endlich aus mit Jammern und Flennen, oamit wird nichts gebessert. Wir müssen zusehen, daß wir sobald als möglich zu Menschen gelangen und wir
Mr. Chamberlain aus Südafrika ausgcwiescne Miß Hobhouse wirkt gegenwärtig in segensreicher Weise unter der schwerleidenden Transvaalbevölkerung, und ihr ist es zu verdanken, daß England über die Art und Weise die Augen geöffnet werden, in welcher man die Verteilung des bewußten Geldes, beziehungsweise die Gewährung der Darlehen bewirkt. Unter anderm schreibt Miß Hobhouse in ihrem erst drei Wochen alten Briefe: „Es ist mir bis jetzt noch kein einziger Fall zu Ohren gekommen, in dem ein Mann für feine Requisitionsquittung Zahlung empfangen hat." Von den für die Wiedcransiedelung ausgesetzten 8 Millionen aber wurden 1 400 000 Pfund Sterling durch die Unkosten im Zusammenhänge mit der Verteilung jener Summe verschlungen. _ Es bestätigt das auch die „Rand Daily Mail", die in einen: ihrer Artikel schrieb, daß für jede 20 Schilling, welche den Buren entweder in Gestalt von Waren oder bar ausgehändigt würden, diejenigen, denen die Verteilung oblag, einen Aufwand von 10 Schilling machten. Unter den zahlreichen, die unerträglichen Verhältnisse schildernden Privatbriefen erscheint derjenige eines Schullehrers in Bultfontein ganz besonders bezeichnend. Dieser hatte für Requisitionen sehr bedeutende Ansprüche an die Regierung, der er seine Rechnung mit den nötigen Unterlagen einsandte, worauf ihm mitgteilt wurde, daß er sich nach Hoopstad begeben sollte, wo er Zahlung erhalten würde. Die Reise dahin kostete ihn 14 Pfund Sterling. In Hoopstad teilte man ihm nach drei Tagen des Wartens mit, daß sein Check doch nach Bulfontein gesandt worden sei. Wieder nach Hause zurückgekehrt, vernahm er, die wertvoll Anweisung wäre nach Paardeberg gesandt. Nur: machte sich der Mann nach diesem Orte auf den Weg, wo ihm auch ein Check über 1 sh. 9 d. (Mk. 1.75) ausgehändigt wurde. Eine Verwaltung, die in einem neu annektierten Lande in solcher Weise wirtschaftet, wird gewiß nicht dazu beitragen, die Bevölkerung mit dem neuen Regime auszusöhnen, und es wäre nur überraschend, wenn der Haß der Buren gegen die Engländer nicht ein immer erbitterter werden würde. Aber auch auf anderen Gebieten begeht die englische Regierung gar arge Fehler; so hält sie z. B. noch immer eine Anzahl Buren als Kriegsgefangene auf Bermuda zurück, weil die Betreffenden sich weigern, dem König von England den Treueid zu leisten. Dabei tun sic das aber nicht aus politischen, sondern lediglich aus religiösen Gründen, denn nach ihrer Ansicht kann einem nienschlichen Wesen gegenüber ein solcher Eid nicht geleistet werden. Sie haben sich wiederholt bereit erklärt, sich eidlich zu ver-
haben die Wahl, ob wir nach Prenden weitergehen oder zu der Station zurückkehren sollen. Nach Neuhof wäre cs wohl näher, aber durch den tiefen Sand können wir jetzt in der brennendsten Mittagshitze unmöglich zurückwaten. Wir werden also nach Prenden marschieren, da bleiben wir wenigstens immer im schattigen Walde."
„Aber du kannst doch nicht auf den Strümpfen gehen, August", wandte Frau Kleinmichel ein. „So schlecht sie auch sind, möchtest du nicht die Stiefel da anziehen?"
„Was? Diese Fetzen? Wie kannst du mir das zumuten?"
Dabei stampfte er in gerechtem Zorn mit dem Fuß auf den Boden, aber zugleich verzog sich sein Gesicht auf sehr schmerzliche Weise und ein Wehlaut entrang sich seinen Lippen.
„Verwünscht! Jetzt habe ich mir etwas Spitzes in den Fuß getreten."
Zwar gela-ng es, den eingedrungenen Dorn glücklich wieder zu entfernen, aber Herr Kleinmichel sah ein, daß er, um der Wiederholung solchen Mißgeschickes vorzu- beugcn, sich nun doch entschließen müsse, in die zurückgelassenen Fußbekleidungen des Räubers, den er fortgesetzt mit den ehrenrührigsten Namen belegte, zu schlüpfen.
lind so setzte man sich endlich in Bewegung. Es war vielleicht der trübseligste Zug, den die Wipfel der alten Buchen jemals gesehen hatten. Von Naturfreude und Sonntagsstimmung war auch nicht der kleinste Rest in den Herzen der umglücklichen Familie Kleinmichel. In düsterem Schweigen wanderten sie dahin und nur von Zeit zu Zeit unterbrach ein verzweifeltes Stöhnen des hungrigen Paul oder ein halblauter Fluch dc§ Fanülien- hauptes die unheimliche Stille.
Eine halbe Stunde etwa mochte man gewandert sein, ohne einem nienschlichen Wesen zu begegnen oder auf eine menschliche Niederlassung zu stoßen. Da ertönte plötzlich ein quiekender Aufschrei und Frau Amalie klammerte sich wankend an den Arm ihres Gatten.
„Ach, du mein Gott, jetzt habe ich mir den Fuß vertreten. O, wie das schmerzt •— wie das schmerzt!"
„Na, das hätte uns ja gerade noch gefehlt", knurrte Herr Kleinmichel ingrimmig. „Aber cs wird wohl so schlimm nicht sein. Versuche nur, fest aufzutreten. Man muß nicht gar so wehleidig sein und auch mal einen kleinen Schmerz verbeißen können."
Pflichten, nie wieder die Waffen gegen England zu ergreifen, aber da die Ablegung des Treueides nun einmal das übliche ist, so läßt sich die englische Negierung nicht auf Vorschläge ein, und die betreffenden Buren bleiben einfach Kriegsgefangene, vielleicht bis ans Ende ihrer Tage.
. .
Deutsches Deich.
Ter Zwist im sozialdemokratischen Lager.
Wir haben nicht den Eindruck, daß Bebel, als er dis Flucht in die Öffentlichkeit antrat, um sich über Mund- totmachung durch den „Vorwärts" zu beklagen, als eigensinniger und unüberlegter Polterer gehandelt habe. Die Auffassung, daß sein Entschluß nur aus der Selbstüberschätzung eines verhätschelten Parteipapstes hervorgegangen sei, überwiegt, soweit wir beobachten, in der bürgerlichen Presse. Aber es heißt, Bebel kleiner machen, als er ist, wenn man seine Handlungsweise nur als Ausdruck verletzter Eitelkeit und einer um die Folgen unbekümmerten Gereiztheit betrachten wollte. Vielmehr will es uns scheinen, und wir befinden uns hier im Einklangs mit ruhigen und unterrichteten Beobachtern, daß Bebel mit kaltblütiger Berechnung den Zeitpunkt klug gewählr hat, um, die Revisionisten zu zerschmettern. Nicht aus Entrüstung über eine ihm zugefügte Vergewaltigung handelt er, sondern mit dem schmunzelnden Behagen eines geschickten Taktikers, dem nichts Besseres geschehen konnte, als daß seine Gegner eine maßlos grobe Ungeschicklichkeit begingen. Tie Männer der gemäßigten Richtung, denen sich jetzt offenbar auch der „Vorwärts" zur Verfügung gestellt hat, mögen sich ja stark genug gefühlt haben, um auf dem Dresdener Parteitage die Oberhand gewinnen und mit den unversöhnlichen Radikalen erfolg- reich abrechnen zu können. Hätten sie diese Empfindung nicht gehabt, so würde der „Vorwärts" sich wohl gehütet haben, Bebel so arg zu brüskieren. Mer schon das erste Stadium der Entwickelung und der Verwicklung, wozu dieser Konflikt geführt hat, beweist für jeden unbefangenen Zuschauer, daß der „Vorwärts" und seine revisionistischen Freunde sich in der Wahl ihrer Mittel vergriffen haben. Es kann kaum eine Frage sein, daß Bebel in der Rolle eines Märtyrers eine Wirkung erzielen wird, auf die er vielleicht hätte verzichten müssen, wenn Wind und Sonne im Kampfe auch weiterhin gleichmäßig verteilt geblieben wären. Oder kann man sich vorstellen, daß die Genossen in Dresden die ihrem Bebel widerfahrene Schmach ruhig werden hinnehmen wollen? Selbst diejenigen Delegierten zum Dresdener Parteitage,
Frau Amalie nahm sich tapfer zusammen, um den wohlgemeinten Rat zu befolgen. Aber schon nach dem Ersten Schritt knickte sie unter erneutem Quieken in dis Kniee.
„Nein, August, es geht nicht — es geht wirklich nicht. Aber ihr sollt euch meinetwegen nicht aushalten. Laßt mich in Gottes Namen hier liegen und sterben."
„Unsinn! Wer redet von sterben! Komm' her, Else, wir wollen versuchen, die Mutter zu stützen."
Fräulein Else gehorchte willig. Aber was bedeuteten ihre schwachen Kräfte dieser Zentnerlast gegenüber, nie sich erdrückend wie ein Felsblock auf ihre zarten Schultern legte. Ein paar hundert Schritte weit hielt sie es wohl aus, daun aber mußte sie erbleichend gestehen, daß sie nicht mehr könne. Und auch Herr August Kleinmichel mochte inzwischen eingesehen haben, daß man auf solche Art nimmermehr bis Prenden gelangen würde. Am Fuße des Wegweisers, auf dem die ermutigende Mitteilung zu lesen war. daß man bis nach Prenden noch 8,3 Kilometer habe, ließen sie ihre holde Bürde auf einen Stein nieder, nnd Frau Kleinmichel beschwor ihre Angehörigen abermals, sie um des Himmelswillen ihrem Schicksal zu überlassen.
Selbstverständlich wollte der zärtliche Gatte davon nichts wissen. Er entschied vielmehr nach kurzem Über- legen, daß alle drei Kinder hier bei der Mutter zurück- bleiben sollten, während er ganz allein den Weg nach Prenden fortsetzen und von dort Hülfe herbeiholen wollte. Paul, der bei dem Gedanken, auf solche Art noch zwei bis drei Stunden hungern zu müssen, in ein erneutes, herzerweichendes Geheul ausbrach, wurde durch einige energische Katzenköpfe an die Pflichten kindlicher Liebe erinnert uird nach einem kurzen, von seiten Frau Amaliens sehr rührenden Abschied machte sich August Kleinmichel wieder aus die Wanderung.
In trostloser Stimmung blieben die anderen zurück. Zu den körperlichen Leiden, die Hunger, Durst und Schmerz ihnen bereiteten, gesellte sich die Furcht vor einer abermaligen Überrumpelung durch die Räuber, die den abgelegenen Wald unsicher zu machen schienen, lind als Paul nach einer Weile plötzlich schreckensbleich ausrief: „Da kommt einer!" stieß Grete ein so fürchterliches Geheul aus, als hätten die Wegelagerer sie schon in den Fingern. Fräulein Else aber, deren Gesicht sich wieder mst einem verräterischen Rot überzogen hatte, rief ihr
