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Mp. 416» Berlags-Ferufprecher N». 2858.
Abend«Ausgabe.
Die WMlMlnljse und der Me MM der Aseublltiner.
L. Berlin, 5. September.
Vor einigen Jahren meldete sich ein junger Naüonal- okonom, Waldemar Zimmermann, zum Eintritt in den Eisenbahndienst als Lokomotivführer. Seine wissenschaftlich-technische Befähigung gab ihm die Eigenschaft dazu, und so wurde er auch angestcllt und versah, den Dienst des Lokomotivführers geraume Zeit. Es ist uns nicht bekannt, ob Zimmermann hierbei dem Vorbilde Paul Göhres gefolgt war und den Eisenbahnangestellten verschwiegen hatte, daß er aus dem höheren Bereiche des sozialen Lebens gekommen war. Vermutlich jedoch hatte er es nicht wie Göhre gemacht. Ein Unterschied zwischen ihm und dem früheren Kandidaten der Theologie, der jetzt der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion angehört, mag auch darin bestehen, daß Göhre von einsichtigen Arbeitgebern in seinem Unternehmen gefördert wurde, während Zimmermann auf die Unterstützung der Staatseifenbahnverwaltung bei seinen Arbeiten im wesentlichen verzichten mußte, obwohl er den Verein für Sozialpolitik hinter sich hatte. Seine „Untersuchungen über die Lage der Angestellten und Arbeiter in den Der- kehrsgewerben" sind neuerdings vom Verein für Sozialpolitik als ein stattlicher Band von 863 Seiten herausgegeben worden, und diese Arbeit rechtfertigt das stärkste Interesse. Das mit vollendeter Sachlichkeit geschriebene Buch rollt ein Bild von Zuständen auf, die schlechterdings als unhaltbar bezeichnet werden müssen. Ob es die Eisenbahner in anderen Ländern und bei anderen Verwaltungen besser als in Preußen haben, ist vielleicht zu bezweifeln. Aber ob ihre Lage in Preußen typisch ist oder nicht, jedenfalls ist sie nicht entfernt so, wie-man wünschen müßte, daß sie sein möge. Eine schnelle und gute Übersicht über den Inhalt des Werkes, die wir in den „Preußischen Jahrbüchern" finden, kann eine brauchbare Anschauung von dem dargebotenen Stoff geben. Me Länge und Art der Arbeitszeit, wie sie dem Eisenbahndienst eigentümlich ist, wird an zahlreichen Beispielen und an der Hand der bestehenden Vorschriften erörtert. Gegenüber der tatsächlichen Arbeitsdauer bezeichnet Zimmermann die offiziellen Bestimmungen als außerordentlich dehnbar. „Es ist viel von „sollen", „in der Regel" und „so weit als möglich" hierin die Rede." Bei einfachen Betriebsverhältnissen kann der durchschnittliche Dienst von 10 auf 11 Stunden täglich verlängert, die monatliche Gesamtdienststundenzahl von 300 auf 330 vermehrt werden. An Beispielen zeigt Zimmermann,
Abseits von der Heerstraße.
Eine tragikomische Sommer-Sonntags-Geschichte.
Von Reinhold Ortmann.
(1. Fortsetzung.)
„Wer, mein Gott, was habe ich ihm denn getan? Daß ich ihm am abendlichen Stammtisch einmal gründlich meine Meinung sagte über seine auf allerlei unver- standene populäre Schriften gegründeten Kurpfuschereien, war doch einfach meine ärztliche Pflicht. An sich selber mag er ja- mit seinen Luftbädern und übergießcn und Einpackungen meinetwegen so viel sündigen, als er will. Abw: der Gedanke, daß er es möglicherweise auch einmal bei dir und deinen armen wehrlosenGeschwistern versuchen konnte, zwang mich, ihm das Gefährliche und Unsinnige seiner Marotte klar zu machen. Daß ich inich durch den, überlegenen Ton seines Widerspruchs und durch seine bissigen Ausfälle auf die studierten Ärzte vielleicht etwas weiter Hinreißen ließ, als klug war, will ich gern zugeben. Tenn es war natürlich nicht meine Absicht gewesen, ihn zu beleidigen. Ich versuchte ja auch einzulenken. Aber er wollte durchaus nichts von einer Verständigung wissen und zu einer förmlichen Abbitte konnte ich mich doch nicht wohl verstehen."
„Wenn du mich wirklich lieb hättest, Rudolf, würdest du um meinetwillen auch das über dich gewonnen haben."
„Na, erlaube mal, Liebling, — ein bischen Stolz und Selbstachtung muß sich am Ende doch auch ein Verliebter bewahren. Nachdem mir dein Vater vor so und so viel Zeugen feierlich erklärt hatte, daß er mich hinfort nicht mehr kennen würde und sich auf das entschiedenste jede Annäherung an seine Person oder an einen seiner Ange- hörigen verbitten müsse, blieb mir wohl nichts anderes übrig, als mich zu bescheiden. Früher oder später kommt er schon wieder zur Vernunft."
Aber Fräulein Else schüttelte in hoffnungsloser Traurigkeit den Kopf.
„Du kennst meinen Papa nicht, wenn du das für möglich hältst. Er ist der beste Mensch von der Welt, aber, eine Beleidigung verzeiht er nie. Er hat auf das
Montag» den 7. September.
daß acht aufeinanderfolgende, fast durchweg zwölf- und mehrstündige Dienstschichten (inklusive kleiner Pausen), die entweder über Mitternacht hinausgreisen oder um Mitternacht einsetzen, nichts Ungewöhnliches sind. Die Beschäffigung in sieben aufeinanderfolgenden Nächten ist, wenn auch als Höchstmaß, vorgesehen. Die Ruhepausen werden oft zum großen Test noch durch Säuberungsarbeiten in Anspruch genommen. Zu der reichlichen Arbeitszeit kommt die ungeheuer intensive Inanspruchnahme beim Dienst. Dazu läßt sich feststellen, daß sowohl die quantitative, wie die qualitative Beanspruchung des Lokomotivpersonalr in den letzten Jahren gewachsen ist. Erst nach fünfzehnjähriger Menstzeit erhält der Lokomotivführer 2200 Mark als Höchstgehalt, doch erreicht die Mehrzahl dieses Tienstalter nicht infolge des aufreibenden Dienstes. Ungünstig liegen auch die Verhältnisse bei den übrigen Eisenbahnbeamten. Die Lohn-Aufbesserungen der letzten Jahre bleiben hinter der Lohnsteigerung in sonstigen industriellen Betrieben zurück, ja Zimmermann weist nach, daß die ermittelte Lohn-Aufbesserung von sieben bis zehn Prozent während der Periode von 1895 bis 1899 zum größten Teile durch- die Verteuerung der notwendigsten Lebensbedarfsmittel aufgehoben ist, so daß das Heer der Eisenbahner an der vielfach behaupteten Aufwärtsbewegung der Arbeiterklasse während der letzten wirtschaftlichen Hochkonjunktur keinen bemerkbaren Anteil gehabt hat. Zweidrittel aller Eisenbahnarbeiter beziehen heute noch weniger als 2,85 M. Tagelohn, % weniger als 1,85 M. Noch kein Drittel verdient 3 M. und mehr. Gegenüber diesem Lohnniveau bieten die Pensionskassen der Eisenbahn kein Äquivalent. So ist denn auch der Prozentsatz derjenigen, namentlich jüngeren Arbeiter, die Beschäftigung bei der Eisenbahn nehmen und sehr bald darauf wieder ausscheiden, recht bedeutend. Ter Gesamteindruck, der aus dem Buche ge- wonnen wird, ist der, daß die preußische Eisenbahn-Verwaltung noch außerordentlich viel zu leisten haben wird in sozialpolitischer Beziehung, um den Verhältnissen in Zukunft wirklich gerecht zu werden. Leider deuten die Anzeichen vorerst nicht darauf hin, als ob man bereit sei, große sozialpolitische Reformen einzuführen. Die „Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen" sucht die Verhältnisse als befriedigend darzustellen. In der Furcht vor der Sozialdemokratie wendet mau die schärfsten Mittel zur Aufrechterhaltung der Disziplin an, bisher freilich mit Erfolg, aber ohne dabei zu sehen, daß je länger je mehr die Harmonie zwischen Vorgesetz- ten und Untergebenen zu schwinden droht. „Ter Gedanke an eine sozialpolitische Erziehung des Arbeiters von seiten der Verwaltung aus", sagt Zimmermann, ..hat in dem Eisenbahnbetriebe noch keine Stätte gesunden." Auch auf dem Gebiet der Arbeiterbeschasfung geht die Verwaltung ohne genügende Rücksicht auf die
strengste verboten, in seiner Gegenwart deinen Namen zu nennen. Und er würde mich auf der Stelle verstoßen, wenn er etwas von unserer Liebe erführe."
Ihre hübschen Augen standen voll Tränen: der Doktor aber sah gar nicht so entmutigt und niedergeschlagen aus, wie es bei so trostlosen Aussichten eigentlich hätte der Fall sein müssen.
„Er ist sehr ergrimmt, das beweist mir die Beharrlichkeit, mit der er bei zufälligen Begegnungen auf der Straße meinen Gruß ignoriert. Aber es wird schon eine Gelegenheit kommen, das zerrissene Band wieder an- zuknüpfen. Ein so hartherziger Tyrann kann er doch nicht sein, das Lcbensglück seines Kindes einer eigensinnigen Laune zu opfern."
Irgendwo im Walde regte sich etwas, und Fräulein Else fuhr erschrocken zusammen.
„Himmel, wenn man uns entdeckte! Der Papa würde natürlich nicht an einen bloßen Zufall glauben."
„Es ist selbstverständlich auch keiner, mein Lieb! Deine Schwester Grete hat mir gestern abend das Ziel eures Sonntagsausfluges mitgeteilt und in der Zuversicht, daß uns Gott Amor zu einem kleinen Zwiegespräch verhelfen würde, habe ich mich schon mit dem ersten Frühzuge aufgemacht. Ich wußte, daß Ihr auf dem Wege nach Prenden hier vorbeikommen müßtet, denn ich habe bis vor einem Jahr in dieser Gegend praktiziert und kenne sie ganz genau. Da legte ich mich denn in den Hinterhalt und du siehst, daß mein Vertrauen in den liebenswürdigen kleinen Sohn der Frau Venus mich nicht getäuscht hat."
Der größeren Sicherheit halber zog er sie aber doch ein wenig weiter von dem Schlummerplätzchcn ihrer Eltern hinweg in den Wald hinein, und eng umschlungen wandelten sie zwischen den Stämmen dahin, um in der Glückseligkeit ihrer jungen Liebe bei Vogelgezwitscher und lindem Lenzeswehen für eine kleine Spanne Zeit alles Ungemach zu vergessen, mit dem Herrn August Klcin- michels unversöhnlicher Groll sie bedrohte.
Genau um die nämliche Zeit näherte sich aus der entgegengesetzten Richtung her ein einsamer Wanderer dem kleinen Hügel. Er gehörte seiner äußeren Erscheinung nach nicht zu jenen singenden und jauchzenden Touristen,
RcdattionS-Fernsprccher No. 52. 1963.
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Angebotsverhältnissh und vielfach unter Vermeidung bestehender Arbeitsnachweise vor. In den Wohnungszuschüssen wird die Entwickelung der Mietspreise nicht genügend berücksichtigt. Die Frage der Beköstigung der Leute ist nur unbefriedigend gelöst, und die Fürsorge für die Gesundheit der Angestellten ließe sich erheblich ausdehnen. Die Arbeiterausschüsse, die von der Verwaltung eingefichrt sind, haben lediglich eine dekorative Bedeutung, und die Verwaltung hat es leider nicht verstanden, diese Arbeiterausschüsse zu dem Ventil zu gestalten, durch das sich die Mißssimmnng der Angestellten und Arbeiter Luft machen kann. Hierzu bemerken die „Preußischen Jahrbücher": „Tie letztgenannten Punkte sind alle derart,
daß ihre in sozialpolitischem Sinne fortschrittliche Jnan- griffuahme ohne weiteres jederznt erfolgen kann. Die Frage des Lohnes und der Arbeitszeit sind schwieriger zu behandeln, aber wichtig genug, um allen Ernstes an die Besserung der Verhältnisse heranzutreten. Geschieht das nicht, so wird man kaum in der Lage sein, der Sozialdemokratie unter den Eisenbahnern das Wasser abzu- grahen." Das klingt pessimistisch genug, aber die Staatseisenbahnverwaltung sollte solche Warnungen doch be- h erzigen. __
Bei ObeMgernieWr über die WM Auf. Mben ber Mtevermllungen.
Der Städtctag, der vom 1. bis 3. September in Dresden etwa 320 Vertreter 154 deutscher Städte zusammenführte, fesselte ganz besonders durch die programmatischen Darlegungen zweier Oberbürgermeister, die als kommunale Verwaltungsbcamte anerkannte Autoritäten sind und die beide sich durch großzügige Maßnahmen hervorgetan haben. Aus dem Schatz reicher persönlicher Erfahrungen schöpfcud, schauen sie aber doch beide unter recht verschiedenem Schwinkel die modernen Ent- wickelungstcndenzcn unserer Großstädte an. Denn während Herr I)r. Aüickes, der Oberbürgermeister von Frankfurt a. M., die gemeindliche Fürsorge für den Arbeiterstand in den Vordergrund der sozialen Aufgaben stellte, betonte Herr Beutler, der Oberbürgermeister von Dresden, unerschrocken die Notwendigkeit, für den sogc- nannten kleinen Mittelstand hülfreich etnzutreten, mit allem Nachdruck. Unter „Mittelstand" wollte der Redner aber freilich nicht lediglich den kleineren Gewerbetreibenden und Handwerksmeister, sondern ebenso gut den Hand- lungsgehülfcn, das Ladenfräulein, die Volksschullehrer, die subalternen Angestellten in Staat, Gemeinde und öffentlichen Betrieben verstanden wissen. Er führte aus, daß das Reich durch Arbeiterschutzgesetze, durch die Rcichs- versicherung und durch die Unterstützung der gemeinnützigen Bautätigkeit seitens der Lanöesversicherungs- Anstalten für die Arbeiterschaft in großem Umfang sorge,
die Herrn August Kleinmichel so zuwider waren, aber großes Vergnügen würde der naturfreundliche Rentier bei seinem Anblick wahrscheinlich trotzdem nicht empfunden haben. Denn aus den zahlreichen Löchern seines dünnen Röckchens schimmerte ein Hemd von mehr als zweifelhafter Reinheit; seine Stiefeletten bewahrten nur noch wie durch ein Wunder ihren äußerst losen Zusammenhang mit dem Oberleder, und der Knotcnstock in seiner! Rechten sah ebensowenig vertrauenerweckend aus wie sein verwittertes Gesicht mit der blauroten Nase und dem sandgelben, borstigen Schnurrbart.
Für diesen Spaziergänger hatte sich die Natur offenbar ganz umsonst mit ihrem prächtigsten Sommergewand geschmückt, denn er schaute höchst verdrießlich drein und brummte von Zeit zu Feit unverständliche Laute vor sich hin, die nach den begleitenden Bewegungen des Knotenstockes zu urteilen, nichts weniger als Äußerungen einer gehobenen Sonntagsstimmung waren.
Da mit einem Mal hielt auch er lauschend auf seinem Wege inne.
„Donnerwetter", knurrte er. „Ich will auf der Stelle gehängt sein, wenn da nicht einer schnarcht. Den wollen wir uns doch mal ansehen."
Mit dem Spürsinn eines Indianers und der Vorsicht eines weidgerechten Jägers pürschte ec sich an den Hügel heran. Behutsam und lautlos schob sich sein struppiger Kopf durch die Zweige des Gesträuches, und seine wässerigen, vorquellenden Augen stierten geraume Zeit auf das anmufige Bild friedlichen Familienglücks, das das schlummernde Ehepaar darbot.
Herr August Kleinmichel hatte sich im Schlafe ein wenig auf die Seite gedreht; die Sonnenstrahlen ließen seine dicke goldene llhrkette verführerisch funkeln, und die nach oben gekehrte Tasche seines Beinkleides stand einladend offen. Ter einsame Wanderer aber schien plötzlich von einer höchst merkwürdigen Wißbegierde ergriffen, den Inhalt dieser Tasche zu ergründen. Denn nachdem er auf allen Vieren so leise wie ein Kätzchen bis zu dem Schlummernden herangekrochen war, versenkte er seine unsaubere Rechte so geschickt in ihre Tiefe, daß keine verräterische Berührung den Ahnungslosen seiner Traumwelt
