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Ao. 413. Bcrlags-Fernsprecher N». 2858.
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Sozialpolitische Umschau.
— Anfang September. —
Es gibt eine Reihe sozialer Aufgaben, an deren Erfüllung mitzuarbeiten eine besondere Pflicht auch der deutschen Gemeindeverwaltungen ist. Zu ihnen gehört natürlich auch die Fürsorge für Gewerbe und Handwerk, und zwar um so mehr, da ein tüchtiger Handwerkerstand auch heute noch einen wichtigen Teil der StädtebevAkerung bildet und ohne ihn nach deutschen Begriffen ein gesundes städtisches Wirtschaftsleben unmöglich erscheint. Bisher sind die deutschen Städteverwaltungen auch noch, immer bereit gewesen, den Interessen dieser erwerbstätigen Kreise zu dienen, soweit sich das mit dem allgemeinen Wohl vereinbaren ließ. Tiefes mutz allerdings auch hier die feste Grenze bilden und so ist es erklärlich, daß manche Forderungen der Kleingewerbtreibenden an die Städteverwaltungen unerfüllt bleiben müssen. So ist es nicht möglich, das Submissionswesen nach gleicher Schablone überall zu regeln, es stößt auf berechtigten Widerspruch, wenn man verlangt, den Konsumvereinen Schwierigkeiten zu bereiten, manchen Großbetrieben Steuerlasten aufzubürden, die ihr Bestehen in Frage stellen und überhaupt eine sogenannte Mittelstandspolitik" zu treiben, die ihre Spitze gegen die Ergebnisse einer natürlichen wirtschaftlichen Entwickelung richtet, die doch nun einmal die ökonomische Grundlage unseres Staatslebens bildet. Es ist scbon oft darauf hingewiesen, daß die Handwerker viel zu wenig bestrebt sind, die auch ihnen leicht zugänglichen Vorteile dieser wirtschaftlichen Entwickelung sich zunutze zu machen. Erst vor wenigen Tagen hat wieder auf dem in Danzig abgehaltenen allgemeinen deutschen Genossenschaftstag ein Vertreter der Reichsbank betont, daß gerade
Sonntag» den 6. September.
von den Kleingewerbtreibenden die Kraft des genossenschaftlichen Gedankens zu wenig beachtet werde. Die Genossenschaften seien es, der enge Zusammenschluß zu kapitalkräftigen Verbänden, die auch dem kleinen Gaverb- treibenden über schlechte Zeiten hinweg zu helfen vermöchten. Dazu gehöre, daß sich die Kleinbetriebe auch die Fortschritte der Teckmik zunutze machten. Von energisch vorwärts strebenden Handwerkern geschieht das bekanntlich. Aber hier gibt es noch ein weiteres anbaufähiges Gebiet, und aus ihm kräftig zu wirken, bringt sicher bessern Lohn, als etwa den Befähigungsnachweis, den Kampf gegen Großbetriebe des Detailhandels und gegen Konsumvereine als das Allheilmittel zu betrachten. Einen wirtlichen Erfolg werden diese unter der Flagge einer falsch verstandenen Mittelstandspolitik segelnden Bestrebungen niemals haben können. Einige Scheinerfolge vielleicht. Aber hat sich die Lage des deutschen Handwerks durch Zwangsinnungen und die gesetzlichen Vorschriften über Lehrlingswesen, Mistertitel usw. auch nur um ein Jota gebessert? In Österreich besteht bekanntlich der Befähigungsnachweis seit einer Reihe von Jahren und die Handwerker klagen heute mehr als vor seiner Einführung. Wer vorwärts will, der muß sich unbedingt dem Strome der natürlichen Entwickelung anpassen und dieser ist dem tüchtigen, fleißigen Handwerksmeister, der seine Zeit und ihre Bedürfnisse versteht, keinesfalls so ungünstig, als das leider vielfach behauptet wird. Allerdings : alles fließt. Auch manche Handwerks- mäßige Erwerbszweige sind und werden durch andere Bedürfnisse, andere. Arbeitsmethoden beiseite geschoben, neue Handwerke und handwerksartige Betriebe entstehen. Alles ist ewigem Wechsel unterworfen. Das war schon in der mittelalterlichen Blütezeit des Handwerks der Fall; Handel, Industrie und Wissenschaft wandelt sich heute wie in aller Zukunft. Aber wer den Bedürfnissen seiner Zeit Genüge leistet, der wird feststehen in diesem ewigen Wechsel. . ..
/Das gilt auch für das Handwerk. Die Statisttk beweist, daß die Klanen über seinen Rückgang mit sehr großer Vorsicht aufzunchmey sind, sie beweist auch, daß die Behauptungen über das starke Anwachsen des großkapitalistischen Mitbewerbs übertrieben sind. Ein Beispiel hierfür bietet die Statistik der Warenhäuser in Preußen. Aus Grund des Warenhausstenergesctzes wurden im Jahre 1901 in Preußen 169 Steuerpflichtige mit einen. Steuerbetrage von reichlich drei Millionen Mark veranlagt, im Jahre 1902 jedoch nur noch 86 Steuerpflichtige mit knapp zwei Millionen. Zurückge- gangen ist die Zahl der Warenhäuser in Berlin von 20 auf 17, Rheinland 37 auf 26, Schlesien 10 auf 8, Hessen- Nassau von 8 aus 5.
An die von manchem Mittelstandspolitiker verlangte
Nedaktious.Fernsprecher No. 52. 1903»
Unterdrückung der Konsumvereine, die ein sicherer Bestandteil der deutschen Bolkswohlfahrt geworden sind, ist ebensowenig zu denken wie daran, daß auf die Dauer in> Deutschland ein Widerstand gegen dm zehnstündigen Arbeitstag möglich sein wird. Ein großer Teil der deutschen Arbeiter hat den Zehnstundmtag bekanntlich seit Jahren und zahlreiche Fabrikanten halten eine längere durchschnittliche Arbeitszeit auch ihren eigmen Interessen geradezu schädlich. Mt Recht hat man daraus hingewiesen, daß mit der Länge der Arbeitszeit sich die Leistung des Arbeiters verschlechtere und auch der Unternehmergewinn geringer werde. Das ist die Meinung sozial fort- geschrittener Unternehmer, die ihre Erfahrungen in ihren eigenen Betrieben sammelten. Berücksichtigt man diese Tatsache, so wird man es umsomehr bedauern, daß die Forderung der Krimmitschauer Textilarbeiter, den Arbeitstag auf zehn Stunden zu ver- kürzm, wesentlich mit dazu beitrug, daß es seit voriger Woche in jener sächsischm Industriestadt zu einem schweren Konflikt, zwischen Unternehmern und Arbeitern kam, dev die meisten Fabriken geschlossen hat und gegenwärtig 7—8000 Arbeiter feiern läßt. Ter Ausgang dieses Streites ist ein überaus zweifelhafter und es ist nach Lage der Sache nicht zu billigen, daß die Unternehmer die von den Arbeitern gewünschte Vermittelung des Gewerbegerichts abgelehnt haben. Derartige Fragen sollten niemals als reine Machtfragen behandelt werden und es ist nach den Grundsätzen sozialer Gerechtigkeit auch nicht gutzuheißen, wenn Arbeiter, die lediglich eine geringere wirtschaftliche Besserstellung auf dem ihnen ge- schlich gewährleisteten Wege zu erreichen suchen, in ge- wissen Kreisen etwa mit verbrecherischen Elementen gleichgestellt werden. Das zmgt nicht nur von einem be- bäuerlichen Mangel an sozialer Einsicht, sondem auch von geringer christlicher Nächstenliebe. Wenn ein Fabrikant in günstiger Zeit den Preis seiner Ware er- höht, so bleibt er nach dem allgenreinen Empfinden ein ehrlicher Mann — und wenn der Arbeiter dasselbe mit seiner Ware Arbeitskraft versucht, soll für ihn ein anderes Maß gelten?
Auch an den Krimmitschauer Dorgängm kann man wieder erkennen, daß in manchen Kreisen unserer gebilde- ten Bevölkerung das soziale Empfinden noch wenig ge- weckt, die soziale Einsicht gering ist. Die Arbeiter sehen unter diesen Umständen ihr Heil immer mehr nur in dev eigenen Kraft, das Vertrauen der Masse zu dem Wohlwollen der Besitzenden leidet arg und die Arbeiter- Organisationen wachsen selbst in den Zeiten geschäftlicher Krisen. So ist die Mitgliederzahl der deutschen sozial- demokratischen Gewerkschaften nach einer kürzlich ver- offentlrchten Zusammenstellung der Generalkommissionen! von 677 510 im Jahre 1902 auf 733 206 gestiegen trotz
Feuilleton.
Berliner Stimmungsbilder.
Von Panl Lindenberg.
Dt« abgesagte Parade. — Allerhand Mntinaßnngen. — Ans de» ® fragen. — Im Opernhause. — Das Kaiserpaar und seine Gaste. — Zwei Th6ätie vsiö-Vorstellinigcn. — Herrn v. Hülsend Premiere. — Ein Erfolg. — Gute Aussichten sür die Zuknnft.
„Wegen Unwohlseins des Schusterjungen Friedrich Wilhelm Adolf Schultze kann die für heute angesagte große Revolution nicht stattfinden", so stand es mit mächtigen Schriftzeichen an einem Hause der Königstraße im Märzmonat des vielgenannten 48er Jahres, und trotz der wildbewcgten, ernsten Zeit lachte ganz Berlin über den guten Scherz. Wie auch Tausende am letzten Montag über eine an einer Mauer der Königgrätzerstratze angebrachte Aufschrift lachten: „Wegen zu schönen Wetters ist die heutige Herbstparade abgesagt morden!" Und jene, die plötzlich so fröhlich waren und sich gegenseitig übermütige Scherzworte zuriefen, sie waren wenige Augenblicke zuvor noch recht verstimmt gewesen und hatten ihrem Arger über die ausgefallene Parade in gerad' nicht immer vorsichtig gewählten Ausdrücken Luft gemacht. Denn auf militärische Schauspiele freut sich der Berliner am meisten und fühlt sich nach seinen eigenen Worten „sehr unangenehm berührt", falls ihm ein solches wider Erwarten verloren geht. Zumal, wenn kein triftiger Grund vorliegt, wie es nach vielfacher Meinung diesmal der Fall gewesen. „Herrjeh, das bißchen Regen am frühen Morgen, das kann doch wirklich nicht die Ursache sein, da sind wir bei unseren Landpartien schon ganz anders eingepaöüert worden, daß kein trockener Feyen an uns war und die Frösche auf uns hätten neidisch werden können, und nu erst unsere Soldaten, die faßt man doch sonst nicht so milde an und schont ihre Kon- stitutschion", das war am Weißbierstammtische die Meinung des Herrn Schlächtermeisters Lehmann, der am besagten Morgen seinen Kälberwagen angespannt, seine geehrte Drei-Zentner-Persönlichkeit nebst Gattin, Jöhren und Schwiegermutter darin verladen hatte und nach dem Tempelhofer Felde hinauskutschiert war, um bald darauf höchst mißvergnügt wieder zurückzukehren und den Spott seiger Kueipgegpsten einzuernten. «Willem, ich weeß den
Jrund, daß die Parade abgewinkt wurde", meinte der eine, „es war jewiß bekannt jeworden, daß du deine Schwiegerolle diesmal mitnehmen mutztest, und da hatte man bejründcte Furcht, det die Pferde scheu werden könnten ....!"
Natürlich fehlte es nicht an hunderterlei Ver- mntiingcu ob der unerwarteten und ungewohnten Absage und allerhand phantastischen Gerüchten war dadurch Tür und Tor geöffnet,' das Einfachste und Natürlichste findet ja in bestimmten Fällen nie recht Glauben. Auch an der ausschlaggebenden Stelle hatte man am Montagmorgen wohl kaum noch auf einen Wittcrungsumschlag gehofft, und die vorangegangcnen herbstlichen Regentage ließen eine Änderung nicht erwarten, aber gleich verwöhnten, schönen Frauen hat auch der Wettergott seine Launen und überraschte uns mit dem prächtigsten Sonnenschein und sommerlicher Wärme, beides willkommene Dinge, durch die wir während der letzten Monde wahrlich nicht verwöhnt worden sind. So herrschte denn auf den Straßen ein buntfarbiges Gekribbele und Gcwibbele, zahlreiche Fremde waren zu bemerken, nicht nur über sämtliche Provinzdialekte konnte man die umfassendsten Studien machen, auch das Ausland war sehr stark vertreten, besonders England und Amerika, und die Wirte unserer vornehmen Restaurants rieben sich schmunzelnd die Hände. Statt der militärischen Bilder gab es eine Fülle anderer, vielleicht noch fesselnderer Szenen voll frischen, abwechölungsvollen Lebens zu beobachten; und die Paradebummler, an welchen Berlin überreich ist, und bei denen alle Stände vertreten sind, kamen somit doch noch zu ihrem Recht. Man nahm eben gegenseitig Parade ab, und die Kritik, hauptsächlich aus holdem, weiblichem Munde, mag oft viel schärfer gewesen sein wie draußen unterhalb des Kreuzbcrges seitens des obersten Feldherrn und seiner Generale beim Krieg im Frieden.
Kritische Paradestimmung herrschte am Sonntag- wie Montagabend auch im Opernhausc gelegentlich der DlrMtre pnrä-Vorstcllungen. Fehlte es doch nicht an Stoff zu den mannigfachsten Beurteilungen. Man konnte da gleich beim lieben Publikum anfangen, welches sich in seinen einzelnen Teilen noch immer nicht weltstädtischen Anforderungen fügen will. Es war beim Verkauf der Eintrittskarten für die Besucherinnen und Besucher auf das bestimmteste „Festtoilette, bezüglich Frack und weiße
Binde" vorgeschrieben worden; nun mögen ja über „Festtoilette" die Ansichten auseinandergehen und über gewisse Geschmacksrichtungen läßt sich schwer streiten, denn wer ein fadenscheiniges Waschkleid oder ein schlodderiges, gelb, weißgcstreiftes Reformkostüm für eine festliche Gewandung betrachtet, der mag sich kaum eines Besseren belehren lassen, aber in Sachen des Fracks und der weißen Binde besteht doch keine Meinungsverschiedenheit, und trotzdem und alledem gab's wieder genug Ausnahmen, so viele, daß, wenn ich für jede einen Taler erhalten, ich, eine hübsche Herbstreise unternehmen könnte. Seltsam, daß, was in fast allen anderen Hauptstädten, selbst in viel kleineren wie Berlin, gang und gäbe ist, sich hier so schwer nur einbürgern will. Dieselben Leute, die auf der Straße jedem Schutzmannsworte gehorsam folgen, sie setzen einem höflichen und durchaus berechtigten Wunsche den zähesten Widerstand entgegen, als wollten sie in kindlichem Trotze sagen: „wir werden mal zeigen, daß wir uns nichts vorschrciben lassen!" Gewohnheit und Be» guemlichkeit mögen gleichfalls mitspielen, aber daß dies in so hervorstechendem Maße der Fall ist, das ist eben daA Unweltstädtische in Berlin.
Natürlich bildeten die fürstlichen Hcrrschaf. ten den Mittelpunkt des kritischen Interesses. In der seitlichen Hofloge nahmen am Sonntag der Kaiser mit seiner Gemahlin, sowie das jungvermählte Großherzoglich Sachsen-Weimarischc Paar Platz, in der schmalen Ncbcnloge saßen Prinzessin Leopold und Erbprinz von Hohenzollern, die große Hofloge füllten andere Prinzen und Prinzessinnen aus. Den Kaiser sah man recht ernst, die Kaiserin, die an diesem Abend eine lachsfarbene Seidenrobe mit schwarzen Tüllstickereien und Silberpailletten gewählt, erfreute durch ihr sichtliches Wohlbefinden, sie unterhielt sich angeregt mit ihrer Nachbarin, der Grotzherzogin von Sachsen- Weimar, die bei dieser Gelegenheit zum erstenmal öffentlich in Berlin erschien. Aus verschiedenen Gründen erweckte sie doppelte Teilnahme und warme Sympathien; „einfach reizend", das war das allgemeine Urteil. Ans zarter, schlanker Figur sitzt das zierliche Köpfchen mit den anmutig-pikanten Mienen, aus denen die dunklen Augen strahlend hervorleuchten, nur daß es in ihnen oft entsagungsvoll zu schimmern scheint und sich in das berückende Lächeln ein wehmütiger Zug mischt, der wenig
