i Beilage Mm Wiesdaüener Tngblatt.
Uo. 418. Morgrn-Ansgadr.
Sonntag, den 6. September.
51. Jahrgang. 1803.
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_ Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Bose. Friedrich Nietzsche.
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(36. Fortsetzung.)
Freiheit!
Roman von Walter Schmidt-Häßler.
Remmingen war freudig erregt, aber nur innerlich. Auf diesen Augenblick hatte er nur gewartet, jahrelang, und er ubertraf seine schönsten Hoffnungen bei weitem. J^t galt es, vorsichtig zu Werke zu gehen. Er täuschte sich keinen Moment über die Situation. Was Ella jetzt so mit fortriß, war die Überraschung, die Eingebung des 3^shbnt§, ein etwas, das stärker war als sie, denn so ganz leicht träumte er sich den Erfolg doch nicht.
„Leider ist er selbst nicht niit mir gekommen. Ich konnte rhn nicht dazu bewegen, die Hemmt wiederzu- sehen, dre rhm die bitterste Enttäuschung, den unheilbar- sten schmerz seines Lebens gebracht hat. Er lebt, wie uh, in Rom, und die neue Heimat hat ihm Glück gebracht. Er tft ent großer, anerkannter Künstler geworden, aber m .bwsamer Mensch geblieben, wie ich, und so haben wir
Schlffbruchlgen uns nur um so fester aneinander an- geschlossen".
., kommt er auch nicht?" fragte sie leise, kaum hörbar.
Renrniingm zuckte die Achseln. „Wenn nicht etwas ganz Besonderes ihn ruft, dann wohl kaurii." Dann blieben sie wieder still, als hätten sie sich gar nichts mehr zu sagen.
, . bor a ^ cn Dmgen, Herr von Remmingen",
brach Marianne das Schweigen, „führen Sie uns setzt f-nmal hm zu dem Bilde. Ist der Jngmdfrmnd auch selbst mcht da, so grüßt doch aus seinem Werke ein Teil seines Selbst. Und ich interessiere mich dafür!"
Damit stand sie auf und die zwei anderen folgten ihr.
Langsam schritten sie zusammen dem Seiteneinqange -u, jeder mit seinen Gedanken beschästtgt. In den inneren Räumen war es schon ziemlich leer, seit das Kon-
e die meisten rnS Freie gelockt hatte, und so störte kein ränge mehr dre drei in ihrem Kunstgenuß.
, Im vorletzten Saale machte Remmingen Halt und slUtzfch auf die gegenüberliegende Wand.
Sonne schien,, gedämpft durch die gelblichen Tücher, noch voll herein und leuchtete über Reinhardts EZ war ein eigenartiges Gemälde, das der Künstler „Sehnsucht" getauft hatte. Den Bordergriind bü dete^ ze rbröckeltes Mauerwerk, beschattet von biinklen Zypressen und übertvuchert von einem Meere wilder Klettenwsen, die sich aus,allen Ritzen zu drängen schienen. da. moosige Gestein gelehnt, stand ein einsamer
Mann, ein junger Germane, einer der kaiserlichen Leibwächter, und schien, traumverloren hinauszublicken. Und vor ihn: breitete sich im Sonnengolde schwimmend das alte Rom, wie es zur Zeit des Nero oder Hadrian ails- gesehen, mit seinen ragenden Säulenpalästeii und Tenipel- reihen, mit seinen Gärten und Riesenbauten. Vom wolkenlosen Blau des Himmels hoben sich die schneeigen Linien der marmornen Wunder, die Bronzestatuen des Jupiter auf dom Kapitol und die vergoldete Quadriga auf dem Hause der- Cäsaren.
Der einsame Mann aber da droben zwischen den wilden Rosen, mit dem rotbloirden Haar und dem Fell über den nackten Schulten:, blickte hinaus über all die Pracht und Herrlichkeit ins Weite, zu dom bläulichen Schatten der fernen Albanerberge, als wollte er dahinter die Höhen mit sehnenden Blicken suchen, wo die deutschen Buchen und Fichten, rauschen, wo in anspruchsloser Hütte sein Glück vergeblich auf ihn harrt.
Eine wunderbare Stiinmung lag über dem Ganzen, der Hauch der Antike und doch ein so modernes Fühlen, das jeden Beschauer sympathisch berühren mußte.
Ella blieb vor dem Bilde regungslos stehen. Ihre ganze Umgebung war vergessen. Ihr volles, reiches Ge- fühl sprach lebendig aus ihren feuchtschimmernden Augen. Remmingen und Marianne setzten sich auf eines der ferner- slehenden Sofas und überließen Ella völlig ungestört dem, was jetzt in rhr, vorging.
„Wie unendlich rührend ist es doch", begann Marianne, „wenn zwei Menschen, die sich für irmner verloren hatten oder es wenigstens glaubten, plötzlich und unverhofft auf dem Wege sind, sich wiederzufinden!"
„Ja", erwiderte Remmingen, „das Glück kommt nun mal ungerufen und läßt sich nicht erzwingen. Darum soll es jeder feschalten, wenn es einmal einkehrt." .
„Sehen Sie, Baronin, ich bin für diese zwei Leutchen so eine Art Vorsehung gewesen. Meine Aufgabe geht ihrem Ende zu. Ich habe nur noch dafür zu sorgen, daß sie sich nicht wieder verlieren."
„Nun, ich denke mir, das ist nun nicht mehr zu er- warten!"
„Gott gebe es! Reinhardt ist ein ganz eigenartiger Mensch, den man ganz fermen muß, um ihn richtig zu beurteilen. ES ist die höchste Zeit gewesen, daß ich die Gesirchte fand!"
„Wie meinen Sie das?"
„Ich will Ihnen alles sagen, denn vielleicht bedarf ich sogar Ihrer Hülfe. Eine Frau sieht nun mal in solchen Dinger feiner und schärfer, als wir Männer. Reinhardt hat qualvoll gelitten, hat wie ein Held gekämpft, um sich zur Klarheit durchzuarbeiten. Er bat nach der Verlorenen gesucht mit rührender Geduld, hat cm sie geglaubt. wie an sein Talent. Als aber keine Nachricht kam, als Monde und Jahre vergingen, da fing ich an, diese Liebe, die sein Dämon zu werdm begann, mit aller
Energie zu bekämpfen. Ich habe ihn förmlich gequält« seirr einsames Herz einer anderen Zuneigung zu öffnen« und fürchte mich jetzt vor dem Gedanken, daß es mir gelungen sein könnte!"
Marianne sah ihn erschrocken an: „Mein Gott!
Warum taten Sie das?"
. „Weil ich das der Freundschaft schuldig war, Baronin« weil ich ihn, dm jungen, lebmsfrischm Menschen, bewahren mußte vor einem Schicksal, das bitterer ist, als Sie vielleicht ahnen — leer durchs Leben zu gehen. —- Der Künstler gehört der Welt, und wenn er schaffm soll« muß er Liebe gebm und empfangen. Ich mußte den Jüngling schützen vor meinem eigenen Lose, denn Sie könnm sich wohl schwer einen Begriff davon machen, was es heißt, über einen Punkt nicht hinauskommm zu könnm zur Freiheit — einsam alt werden zu müssm! —- Davor wollte ich ihn bewahren!"
Marianne fall, ihn schmerzlich an. Er hatte sich halb abgewandt und blickte zu Ella hinüber, die noch immer völlig weltabgeschieden vor dem Bilde stand.
Sie wußte ja auch nur zu wohl, daß hinter ihr zwei Menschen saßen, die sich länger als zwölf Jahre nicht gesehen und doch beständig aneinander gedacht hatten. Sie mochten sich manches zu sagen habm.
Marianne konnte einige Augenblicke mit Muße den Mann betrachten, dessen jugendliches Bild bis hmte vor ihr gestanden hatte, als hätte die Zeit keine Macht über ihn. Das feine, vornehm geschnittene Gesicht war noch ganz dasselbe, das Alter hatte noch keine allzu tiefen Kerbschnitte hinein gemacht. Aber an den Schläfen war das einst so lockige Haar dünner geworden und wie ein leichter Reif lag das erste Grau darüber gestreut. — Und sie selbst war jung geblieben, daS sagte ihr täglich der Spiegel, so wenig eitel sie auch war. Schöner als je saß sie nÄen ihm in ihrer zauberhaften Anmut, die fast noch etwas Jungfräuliches hatte.
„Was denken sie nun zu tun, Baron?" fragte sie.
„Ich?" erwiderte er, wie aus einem Traume erwachend. „Ich werde mir einbildm, in einer kaum Frühlingsnacht sei vor meiner alternden Seele noch einmal wie ein Wschiedsgruß der Jugend mein vergangenes Glück aufgetaucht in gleicher Schöne, und dankbar für dies unverhoffte Gnadengeschenk vrerde ich meine einsame Straße weiterziehm!"
„Nun, gar so eilig werdm Sie es Wohl mit dem Weiterziehm nicht haben, denn Sie sagten ja vorhin galant, Sie hättm nie etwas vor, und die alte Haus- genossin da untm in Italien kann ein wmig warten"
■ „Sie meinen — die Vergangenheit?!"
„Ja, die meine ich! — Wer weiß, vielleicht gebm Sie ihr doch noch mal dm Abschied. Glauben Sie einer ev- fahrmm Hausfrau, gar zu alte HauSgenossm werdm tyrannisch! Nehmm Sie statt ihrer die Gegenwart mitl — Was meinen Sie?" (Fortsetzung folgt.)
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