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Beilage zum Wiesbadener Tagblalt.

Mo. 413. Morgen-Ansgabe.

Samstag, den 5. September.

8 t. Jahrgang. 1903 .

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Deijenige welcher die Tugend nur in der Hoffnung aus I» Berubmlheit pflegt, rst nahe dem Laster. Napoleon I >

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(35. Fortsetzung.)

Freiheit!

Roman von Walter Schmidt-Häßler.

Nie hatte sie ihrer Freundin gegenüber den Namen des Mannes ausgesprochen, dem ihre erste Liebe gegolten batte, aber dieser Augenblick genügte, um Ella zu zeigen.

.6. ^~ r Zufall lieber einmal einen feinet über- mittlflften Streiche spiÄte. Mt ihrer ganzen Gewandtheit half sie dm Beiden über die peinliche Situation hinweg, md«n sie schnell, als Hütte sie nickst das Mindeste gemerkt, die Vorstellung beendete und den Baron ins Gespräch zog. um vor allen Dingen Marianne Zeit zu lassen sich voll- ständig zu fassen. ’

Er hatte neben Ella Platz genommen und überschüttete sie mrt hundert Fragen.

»Sie leben also in Berlin?"

„Nein, in München. Früher allerdings war ich längere Zeit m Berlin. Jetzt aber habe ich mich in der lustigen Karstadt angesiedelt. und zwar völlig frei und unbeengt von allen kleinlichen Rücksichten, als mein un- bedingt eigner Herr!"

„Es geht Ihnen also gut?"

..Süisgezeichnet. Herr Baron! Was ein bescheidenes weibliches Wesen mit mäßigen Ansprüchen an das Leben sich wünschen kann, daZ Hab' ich. Und was meinem- Glück einen ganz besonderen Beigeschmack gibt, das ist das ange- siohwe Beivußtsein. daß ich alles einzig und allein nur mir selbst zu verdanken habe!"

„Also gänzlich aus eignen Füßen? — Allerdings das Schönste. was man sich wünschen kann!"

. so frei, tote nur möglich. Und so ziehe ich

denn nnt der liebenswürdigsten und geistreichsten aller Freundinnen durch die Welt. lebe, wo es mir gefällt, und sammle Mir. wie die Bienen, überall das, was mir schön und wünschenswert erscheint. Ich weiß sa. daß Sie. lieber Herr. Baron, nicht zu den Herren der Schöpfung gehören die über Frauenarbeit geringschätzend die Achseln zucken! Und so wird es «ie freuen. von mir zu hören, daß ich mit Muck arbeite und daß man mir meine Arbeit so bezahlt, daß ich das Wort „Sorge" nicht kenne!" ■

• ® aron macht ein ganz verdutztes Gesicht".

Mischte sich Marianne ins Gespräch, „und möchte gar zu gerne toiffen, was die kleinen Hände du arbeiten SVd} rmch Ihrer Bescheidenheit nachhelfen, liebe Ella. und den potigen Kommentar geben."

. td|,6ttte baimm. Exzellenz", sagte Remmingcn. "-oonn ich bin wirklich gespannt, welchen Berv.f sich Las

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re^ r&u J cin gewählt hat! — Wenn es also nicht in.

, „Durchaus nicht! Vorher jedoch muß ich eine Frage an Sie richten. Haben Sie den Roman von Heinz Her- Mann. „Freiheit", gelesen? —" l „Selbstverständlich. Gnädigste. Derselbe war für mich

tn mehr als einer Hinsicht interessant, wie ich den Damen spater noch detaillieren werde. Wer hat ihn übrigens nicht

gelesen? Es war ja ein epochemacheiides Buch! Natür- lich habe ich mir schon den neuen wieder erstanden, „Enge Geister"! Er hat mich auf der Reise begleitet. — Diesen Heinz Hermann meinen Sie doch? —"

„Jawohl, den mein' ich!"

„Aber weshalb fragteii Sie nach dem Roman, bevor Sie meine Frage beantworten?"

„Weil beide Fragen sich decken, lieber Baron; denn dieser Heinz Hermann und Ella Röminger sind mit ein­ander so Italic verwandt, wie nur. irgend möglich."

„Ah. so sind sic wohl am Ende gar die Mitarbeiterin dieses genialen Autors geworden?" fragte Remmingen mit einem nicht mißzuverstehenden Blick auf Ella.

„Mehr!" lächelte diese, indem sie seinen Blick mit einem bedeutsamen Kopfnicken quittierte. „Viel mehr!!"

„Soo?!" erwiderte Remmingen gedehnt, und ein ironisches Zucken glitt um seinen Mund. Da war ja die Gewißheit, die er sich morgen bei dem Verleger holen wollte. „Armer Reinhardt!" — Dann sagte er ziemlich fiifjL „Da kann man nur herzlich gratulieren. Als Gatsin eines so bekannten und vielversprechenden Autors muß es Ihnen allerdings geringe Mühe gemacht haben, alles Schmerzliche der Vergangenheit im Glück einer solchen Gegenwart zu vergessen. Me lange sind denn, gnädige Frau schon verheiratet?"

„Mit der Muse seit etwa drei Jahren. Herr Baron", antwortete Ella mit herzlichem- Lachen, denn das Mitz- verständnis amüsierte sie ungemein, „im Privatleben aber, wenn ich bitten darf, immer noch „Fräulein" Röminger. Im Buchhandel und in der breiten -Öffentlichkeit jedoch „Heinz Hermann!"

Der Baron war völlig versteinert. Wenn er aus einem Luftballon gefallen und trotzdent wohlbehalten uisien angekommen wäre, hätte sein Gesicht keinen ver­blüffteren Ausdruck haben können. Aber nur für einen Moment; denn als die vier lustigen Augen ihm so treu­herzig zulachten, fand er selbst seine ganze Heiterkeit wieder, denn eine Bangeslast war ihm ja von der Seele gmommen.

„Ja, ist denn das möglich?! Ist es denn denkbar?" rief er einmal über das andere und wurde nicht müde. Ella die Hand zu schütteln. „Oh. da gratuliere ich Ihnen ja viel tausend Mal und ziehe meinen Hist mit dem fabel­haftesten Respekt! Das haben wir uns allerdings nicht träumen lassen, als wir uns zum letzten Male sahen, von weitem! Das heißt, wir haben uns eigenüich immer nur von weitem gesehen. Darauf wäre ich von selbst sicherlich niemals gekommen und keiner ihrer Bekannten dürfte das bescheidene junge Mädchen von damals unter diesem berühmten Namen suchen. Weiß denn Ihre Familie von all dem unerhörten Glück?!"

„Ich habe keine Familie mehr. Herr Baron!" sagte sie ruhig und ohne Bitterkeit. „Die Meinen haben die ent- laustme Tochter enterbt. Der Fluch ist ja gewöhnlich das Letzte, was man ungeratenen Kindern ins Leben nach­wirft. Sprechen wir von erfreulicheren Dingen — zum Beispiel von Ihnen! Sie leben auch nicht mehr dort?"

„O. schon längst nicht mehr. Gnädigste! Wer hält.es denn in diesem spießbürgerlichen Nest länger aus. als er miiß? Nein, ich mußte heraus aus der chinesischen Mauer, hinter der man sich dort gegen das Eindringen der Sonne von außen verbarrikadiert."

„So leben Sie also jetzt hier in Berlin?"

„Auch das nicht! Ich habe meinen Wigtvam im Süden ansgeschlagen. aus hochklassischem Boden. „Kennst du das Land, wo die Zitronen btühn?", dort atme ich seit über drei Jahren auf dem denkbar internationalsten Terrain, in Rom!"

„Selbstverständlich als beispiellos glücklicher Gatte?"

„Nein! Noch immer nicht!" entgegnete er sehr ernst. „Ich habe eine alte verbitterte Hausgenossin bei mir. die sich eisersüchttg von jeher zwischen alles drängt, was lockend und versprechend in mein Leben getreten ist. Und so sehr ich mich oft bemüht habe, ich kann sie nicht los werden!"

„Na, hören Sie. Herr von Remmingen. das verstehe ich do ~

ich nicht! Ich ließ mich doch nicht tyrannisieren in meinem eigenen Hause!"

„Ich aber muß es — denn diese Hausgenossin hat lebenslänglichen Vertrag und heißt -— Vergangenheit. Sie hat an mich ein unveräußerliches Recht, und ich bin ihr verfallen. Ich habe den ganzen Sommer meines Lebens im Tempel der Erinnerung vor einem süßen Bilde zugebracht und den Manen des entschwundenen Früh­lings geopfert, ein Jahr nach dem anderen, und als ich heraustrat ins Leben, da ging mir's, wie dem Mönch von Heisterbach, da war's —- zu spät!"

Dabei streifte ein flüchtiger Blick Marianne, die lang­sam die Augen senkte, während ein tiefes Rot ihr ver­räterisch ins Gesicht stieg. — Eine kurze Pause trat ein. und eine gewisse Verlegenheit schien sich der drei Menschen zu bemäl^ttgen. die sich an dem kleinen Tischchen da so tvunderbar zusammengefunden hatten, und sich hier der ganzen übrigen Welt, die lachend und schwatzend um sie her wogte, gänzlich entrückt fühlten. Ella hätte für ihr Leben gern- jetzt, eine einzige Frage getan, die ja so natürlich war, die Remmingen gewiß längst, erwartete; aber sie wagte es nicht, und für einige Augenblicke ver­stummte auch sie.

Alle drei schienen der Musik zu lauschen, die den Braut- chor arls Lohengrin spielte.

Endlich nahm Ella das Gespräch wieder auf.

„So sind auch Sie nur vorübergehend in Berlin, Herr Baron?"

„Auf vierzehn Tage höchstens, vielleicht noch kürzer. Ich bin, wie viele Hundert andere, zur .Kunstausstellung hier, mit der mich ein persönliches. Interesse verknüpft. Einer meiner Freunde, oder richttger gesagt, mein ein­ziger Freund", — hier schoß Ella eine Blutwelle ins Ge­sicht — „hat ein ganz wundervolles Bild ausgestellt, das jedenfalls Setisation machen wird. Vielleicht w-erd-en Sw sich seines Namens noch flüchttg erinnern, gnädiges Fräulein; denn auch Sie haben Öjn gekannt: Reinhardt

Berning!" .... „

„Ist er hier?" rief Ella aus, der es rn diesem Augen- blick des Selbstvergessens völlig gleichgültigzu sein schien, ob sie ihr Innerstes verriet oder nicht. Was aus chren Augen herausleuchtete, sagte dem Baron mehr als tausend Worte, unzweifelhaft alles, was er zu wissen brauchte. „Bitte, sagen Sie mtr. ob er mit Ihnen hier ist? — Sein Bild hängt in diesen Sälen, vielleicht wenige Schritte von hier, und ich sah es noch nicht!?"

(Fortsetzung folgt.)

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