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VikMmr TH latt.

«*. Iah*«»«- «rfAcim V» zwei Ausgabe». — BezugS-PreiS: durch den Verlag L« Pfg. monatlich, durch die Post 2 Mk. 6« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

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U-. 414.

Berlagö-Fernsprecher No. 2853.

Samstag, de« 5. September.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

.en zur nächst» wrge getragen.

1908.

AbenJ^flusgabe.

Politische Übersicht.

Graf Bülow und seine Ministerkollegen können sich «och ein wenig der wohlverdienten Ruhe erfreuen. Alle Krisengerüchte sind allmählich verstummt. An Freiherrn v. Thielmann, deflen Abgang wenn auch nicht unerwar­tet, so doch überraschend kam, hätte in unserer schnell­lebigen Zeit kaum noch einer gedacht, wenn nicht der soeben veröffentlichte Abschluß der R e i ch s Haupt­masse über das Rechnungsjahr 1802 an ihn erinnerte. D>er seit den letzten Jahren unvermeidliche Fehlbetrag im lReichshaushalt ist auch wieder da. Aber wir haben immer Trost im Schmerz: Nach den amtlichen Mittei­lungen ergibt sich ein Fehlbetrag im Reichshaushalt von ZO 722 522 M. Andererseits aber übersteigen die Ein­nahmen aus den Zöllen und Verbrauchssteuern, an deren Ertrage die Einzelstaaten durch Überweisungen beteiligt sind, den Voranschlag um 8 404 814 M. Das ergibt in Wirklichkeit einen Fehlbetrag von 22 317 906 M. Im Jahre vorher belief sich der Fehlbetrag im eigenen Haushalt auf 48,5 Millionen Mark, während die Überweisungen an die Einzelstaaten um 15 Millionen zurückblieben. Da­mals also betrug bas Defizit gegen den Reichshaushalt im ganzen 63,5 Millionen Mark, war also nahezu dreifach so groß als in dem nachfolgenden Jahre, über das der Abschluß jetzt vorliegt. Darin bekundet sich eine erheb­liche Verbesserung der Finanzlage, die mit der begonne­nen Verbesserung der allgemeinen Erwerbsverhältnisse im Einklang steht. Aber immerhin bleibt noch ein an­ständiger Fehlbetrag von über 30 Millionen zu decken, Mas auf die Balanzierung eines Etats gerade nicht günstig wirkt. Doch Freiherr v. Stengel scheint die ge­gründete Hoffnung zu haben, durch all diese Fährnisse das Reichsschiff endlich in freies, offenes Fahrwasser zu bringen.

Eine Reorganisation der Reichsfinan­zen steht zurzeit unter den innerpolitischen Aufgaben an «erster Stelle. Heer, Flotte und Kolonien nehmen steigende Mittel in Anspruch, die sozialpolitische Gesetzgebung, die Jnvalidenversorgung, der Pensionsetat erfordern wach­send große Summen. Dabei stellt es sich immer mehr als eine Lebensfrage heraus, auf jede weitere Belastung der Einzelstaaten zugunsten des Reiches zu verzichten, die Leistungen jener in einer für sie erträglichen Weise abzu­grenzen, sodann ebenso die Schuldentilgung des Reiches !zu sichern, als es auch hinsichtlich seines Geldbedarfs auf eigene Füße zu stellen. Es fragt sich nur, wie man diese Grundsätze aus der Theorie in die Praxis überführt. Freiherr v. Stengel, der seinem Ausfrager gegenüber von einer sonst bei höheren deutschen Beamten nicht ge­wohnten Offenheit war, hat sich gerade darüber ausge­schwiegen. Vielleicht ist er in der kommenden Reichstags- session redseliger. Wie es scheint, soll der Tabak mehr

bluten. Außerdem hofft man, daß eine Folge der neu abzuschließenden Handelsverträge eine stärkere Füllung der Retchskasse ist.

Aber vorläufig weiß man noch nicht, wie diese Ver­träge aussehen werden. Den ersten Jubclhymnen über den nahe bevorstehenden Abschluß des deutsch-russi­schen Handelsvertrages folgen ernüchternde Botschaften aus St. Petersburg. Fürst Meschtscherski schreibt im „Grashdanin": „Im Resultat hat das gegen­seitige Beriechen dahingeführt, daß die Berliner Dele­gierten abgcreist sind, wie sie gekommen sind, d. h. mit dem Befehl, nicht dem zuzustimmen, was für die russi­schen Interessen dem neuen Handelsvertrag zugrunde gelegt werden muß." Aber diese Schwarzmalerei des fürstlichen Zeitungsschreibers braucht uns nicht sonder­lich zu schrecken. Daß Rußland viel an dem Zustande­kommen eines Handelsvertrages mit uns liegt, beweist am besten der Umstand, daß Herr Witte trotz seines Aus­scheidens aus dem Finanzministerium mit der weiteren Leitung der Handelsvertrags-Verhandlungen betraut ist. Ehe man noch erkannt haben wird, ob die Ernennung des Finanzministers Witte zum Präsidenten des Minister- Komitees eine Beförderung oder, wie viele meinen, eine Kaltstellung ist, wird der Abschluß des Handelsvertrages vollzogen sein.

Rußland, dessen Zustände im Innern alles eher denn erfreulich sind — die Industrie, die Witte künstlich groß- gezüchtet hat, ist zusammengebrochen und ruft ständig blutige Arbeiter-Revolten hervor, die Landwirtschaft seufzt unter einem ungeheuren Steuerdruck und kann die eigenen Landeskinder kaum ernähren — darf sich nicht zu unterschätzender Erfolge im fernen Osten rühmen. Korea fühlt sich immer mehr als Vasall des „weißen Zaren" und in Japan ist der Jubel über die Ehre, die England dem Mikado-Lande durch den Abschluß des Bündnisses erwiesen hat, längst verstummt, weil die Hoffnungen, die die Japaner darauf setzten, sich nicht er­füllt haben.

Um so eher können die Herren an der Newa ihre Aufmerksamkeit den Vorgängen auf dem Balkan zu­wenden. Den Greueln des makedonischen Komitees, das jetzt zu einem förmlich regulären Kriege mit der Türkei übergegangen ist, muß endlich Einhalt geboten werden. Dieser Erkenntnis kann sich ebenso wenig Rußland wie Österreich verschließen. Kaiser Franz Joseph, der seit Jahren die Rolle des um die Er­haltung des status qno auf der Valkanhalbinsel besorg­ten Friedensfttrsten übernommen hat, wird König Edu­ard wohl die Versicherung gegeben haben, daß am Besitz­stand der Türkei in Europa und Asien nichts geändert werden soll. Die Orientpolitik spielte in den Besuch des Königs Eduard in der Wiener Hofburg ganz unwillkür­lich mit hinein, so formellen Charakter auch der Fürsten­besuch haben mochte. Sie wird jedenfalls eine bedeut­same Rolle spielen, wenn der Zar an der blauen Donau Ende dieses Monats als Gast weilt. Es ist nur zu hoffen, daß bis dahin der Krieg auf dem Balkan hell entbrannt

ist. Noch trägt die Türket Bedenken, von ihrer nicht un­beträchtlichen Heeresmacht nachdrücklich Gebrauch zu machen, obwohl die heimlichen Rüstungen Bulga­riens fast ein offenes Geheimnis sind.

Sehr erschwert wird der Pforte diese Zurückhaltung durch die Haltung der nordamerikanischen Union. Trotz­dem sich die ganze Meldung von dem angeblichen Mord­versuch auf den amerikanischen Vizekvnsul in Beirut als eitler Humbug erwiesen hat, beharrt Präsident Roosevelt auf Entsendung amerikanischer Schiffe in die türkischen Gewässer. Vorteil würden davon nur die Aufständischen bet ihren Mordbrennereien haben.

Dabei hätte Uncle Sam, wenn es wirklich nur darauf ankommt, Ruhe und Ordnung zu stiften, in nächster Nähe so viel zu tun. In P a n a m a ist wieder einmal zur Abwechslung Revolution. Die Leutchen dieser Provinz wollen von der Ablehnung des Panamakanal-Vertrags nichts wissen. Sie meinen, daß es gut wäre, wenn man allein die von den Vereinigten Staaten gebotene Abfin­dungssumme schlucken könnte, ohne sie mit den Genossen der anderen kolumbischen Gebiete teilen zu müssen. Im äußersten Fall würde das durch eine Lostrennung Pana­mas von Kolumbien erreicht. So sieht denn Herr Roofe- velt dieser Aufstandsbewegnng mit wohlwollenden Blicken zu.

In dieser so trostlosen Zeit sorgt Herr Castro, der Präsident von V e n e z u e l a , für den so nötigen Humor. Wahrend er es sonst nicht sehr eilig hat, venezolanische Schulden anzuerkcnnen, fand er diesmal schnell heraus, daß die Schweiz und Dänemark Gläubiger Venezuelas sind, und lehnte infolgedessen den schweizerischen und den dänischen Schiedsrichter ab. So blieb Graf Murawiesf als einziger Schiedsrichter übrig, und eine ordnungsmäßige Verhandlung konnte daher vorläufig nicht stattfinden. Ein sachliches Interesse, dem Schiedsgericht Knüppel in den Weg zu werfen, besitzt Herr Castro nicht, denn durch die venezolanische Flottcnaktion Deutschlands, Englands und Italiens ist er gezwungen worden, 30 v. H. der Zollein­nahmen von Puerto Cabello und La Guayra behufs Be­friedigung der auswärtigen Gläubiger in sichere Verwah­rung abzuführen. Der Schiedsgerichtshof hat nur eine Frage der internationalen Gläubigcrversamnvlung zu entscheiden. Doch cs gewinnt den Anschein, als ob man im Haag doch noch zustande käme. Es wäre ein Treppen» witz der Weltgeschichte, wenn Herr Castro die llberflüssig- keit des Haager Schiedsgerichts bewiese.

Deutsches Deich.

Die Rcichstagswahl in Dessau.

Wenn es nach den Bündlern ginge, müßte der Kandidat der Freisinnigen Vereinigung in Dessau, Karl Schräder, in der notwendig gewordenen Stichwahl mit dem Sozial­demokraten, Käppier, unterliegen. Man kann kaum deut­licher, als es in der „Deutschen Tageszeitung" geschieht.

Abseits von der Heerstraße.

Eine tragikomische Sommer-Sonntags-Geschichtc.

Von Rcinhold Ortmann.

Seit vierzehn Tagen schon hatte der Rentier August Kleinmichel täglich stundenlang über der Generalstabs­karte gesessen, bei der er sich für seine Ausflüge Rats zu holen Pflegte, aber erst am Tage vor Beginn der Sommer­serien ließ er sich herbei, seinen Angehörigen das Ergeb­nis seiner angestrengten Studien mitzuteilen.

„Wir werden diesmals nicht auf der großen Heer­straße einhertrotten", erklärte er mit jener Entschieden­heit, die seinen Willensäußerungen im häuslichen Kbeise eigentümlich war. „Es fällt mir nicht ein, mir meine Stimmung und meine Freude an der Natur durch Scharen von singenden und randalierenden Touristen ver­derben zu lassen. Bis Neuhof fahren wir mit der Eisen­bahn und von da wandern wir zu Fuß nach dein idyllisch gelegenen Dörfchen Prenden. Ich habe mich genau über den Weg orientiert. Es sind höchstens drei Stunden; erst eine kleine Strecke zwischen Feldern und Wiesen, dann ober bis ans Ende durch den schönsten Wald. Um acht Uhr geht der Zug. Sorgt also dafür, daß Ihr recht­zeitig fertig seid. Und ich bitte mir aus, liebe Amalie, keinen Toilettenluxus, iveder bei dir und Else, noch bei den Kinder,:. Für eine solche Tour ist das Schlechteste gerade gut genug. Die Kinder sollen sich ordentlich aus­toben, und auch für Erwachsene gibt es nichts lästigeres, pls die beständige Angst, sich die Kleider zu verderben."

Gegen derartige hausväterliche Machtgebote gab es in der Familie Kleinmichel nie einen Widerspruch. Frau Amalie, deren Körpergewicht sich im Laufe des letzten Winters glücklich aus 100 Kilo abgerundet hatte, seufzte nur ganz verstohlen bei dem Gedanken an die drei­stündige Fußwanderung. Der zwölfjährige Paul und sem um zwei Jahre jüngeres Schwesterchen hüpften vor Freude, namentlich in der Voraussicht des verheißenen Uustobendürfens, und die achtzehnjährige Else fügte sich

allem mit jener schwermütigen, schweigsamen Ergebung, die seit einigen Wochen den Grundton ihres Wesens bildete.

Auch die Toilcttenfrage wurde durchaus im Sinne des Herrn August Kleinmichel erledigt. Paul und Grete steckten in ihren ältesten Schulanzügen: Frau Amalie

hatte ein längst ausrangiertes Kleid aus den Tiefen des Schrankes hervorgesucht, und daß Fräulein Else in ihrem einfachen hellen Waschkleidchen so überaus reizend aus­sah, war lediglich auf Rechnung ihrer zierlichen, ge­schmeidigen Gestalt und ihrer ganzen anmutigen Persön­lichkeit zu setzen.

Herrn Klemmichel selbst aber hätte sicherlich niemand für einen behaglich von seinen Zinsen lebenden Rentner gehalten. Sogar auf den weißen Halskragen, der das unscheinbare Grau seines wollenen Fägerhemdes freund­lich belebt hätte, hatte er als auf einen überflüssigen Luxus verzichtet, und es verdarb ihm beinahe die Laune, daß er genötigt war, ein Paar funkelnagelneue Stiefel anzuziehen.

Um sieben Uhr morgens schon war alles bereit. Der Rucksack, der treue Begleiter aller Kleinmichelschen Aus­flüge war strotzend gefüllt mit allerlei guten Dingen, die dem Ausbruch einer Hungersnot Vorbeugen und die Familie von der voraussichtlich sehr mangelhaften Ver­pflegung in Prenden unabhängig machen sollten. Der Zug wurde glücklich erreicht und nach einstündiger Fahrt entstieg die Familie Kleinmichel in Neuhof zur Verwunde­rung der Mitreisenden dem Wagen.

So verlockend, wie der Rentier es den Seinigen ge­schildert hatte, sah es, wenigstens auf den ersten Blick, hier nun nicht gerade aus. Die Gegend war flach, wie ein Teller und so weit das Auge reichte, gewahrte es nichts als Felder, auf denen die junge Saat lustig grünte. Ganz fern nur, am äußersten Horizont, ließ ein schmaler dunkler Streifen den von August Kleinmichel verheißenen herr­lichen Wald ahnen. Aber der lachende Himmel, der sich in wolkenloser Bläue über ihnen wölbte, das jauchzende Geschmetter einer als winziges Pünktchen hoch in den

Lüften schwebenden Lerche und der in einzelnen Tönen von irgendwoher zu ihnen herüberdringende Klang der Kirchenglocken sorgten doch dafür, daß sie die Wanderung in der rechten Sonntagsstimmung begannen — einzig Fräulein Eise ausgenommen, die still und traurig vor sich hinschaute, und in deren Herzen offenbar weder Lerchensang noch Sonnenschein jene Lebensfreude zu wecken vermochtm, die bei ihrer Jugend doch so natürlich gewesen wäre.

Der Sonnenschein war es, der sich unter allen Schön­heiten dieses Sommermorgens den Wandernden bald am deutlichsten bemerkbar machte. Das goldene Tagesgestirn sandte seine belebenden Wärmestrahlen freigebig her­nieder, und es währte nicht lange, bis man den Mangel an Schatten schon ziemlich unangenehm empfand. Dazu kam, daß man zwar nicht auf der von singenden und ran­dalierenden Touristen belebten großen Heerstraße, dafür aber auf einem jämmerlich, schlechten Landwege dahin­wandern mußte. Ter Sand war stellenweise knöcheltief, und Paul und Grete waren bereits mit den fürchterlichsten Strafen bedroht worden, weil ihre ersten schüchternen Versuche, sich auszutoben, sie selbst und die Ihrigen in undurchdringliche Staubwolken eingehüllt hatten. Die „kleine Strecke" bis zum Saume des Waldes aber zog sich recht bedenklich in die Länge.

„Tie Generalstabskarte muß ungenau sein", hatte Herr Kleinmichel wiederholt erklärt, wenn er keuchend für eine Minute rastete, um sich den in Strömen herabrinnen- dcn Schweiß vom Gesicht zu trockiwn. „Man kann sich doch auf nichts in der Welt mehr verlassen, außer auf sich selbst."

„Ach!" seufzte dann statt aller anderen Antwort Frau Amalie, deren rundes, gutmütiges Antlitz längst die Farbe eines gekochten Hummers angenommen hatte. Und es blieb ungewiß, ob dieser Naturlaut eine Äußerung des Mißfallens über die Verfertiger der unzuverlässigen Generalstabskarte oder eine Kundgebung des Vertrauens für ihren Gatten sein sollte. Paul und Grete aber be­nutzten die Gelegenheit, um zu versichern, daß sie noch me