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Donnerstag» 9. September 1915.
Abend-Ausgabe.
Nr. 420. ♦ 63. Jahrgang.
Unsere Mrinelustschiffe wieder über der Lity von Londons
Der neue Luftschiffangriff gegen die Hauptstadt Englands.
T.-B. Berlin, 9. Sept. (Amtlich.) Unsere Mariueluftschisfe haben in der Nacht vom 8. zum 9. September den W e st t e i I der City von London, ferner große Fabrikanlagen bei Norwich, sowie die Hafenanlagen und Eisenwerke von Middels- lorough mit gutem Erfolg angegriffen. StarkeExplosionen und zahlreicheBrände wurden beobachtet. Tie Luftschiffe wurden von feindlichen Batterien heftig beschossen. Sie sind sämtlich wohlbehalten znrückgckehrt.
Der Chef des Admiralstabs der Marine.
vie Absetzung de; Großfürsten Nikolai.
„Indem ich mich heute an -die Spitze meiner tapferen Arm.ee stelle . . . so hat Zar Nikolaus an Poincarö telegraphiert, und der Präsident der Republik antwortete dem „Selbstherrscher" aller Reußen: „Ich weiß,
daß Eure Majestät, indem Sie selbst bas Kommando über Ihre heroischen Armeen übernehmen . . ." Wer wird bei diesem Tepefchenwechsel nicht an bas Bismarck- sche Wort erinnert: Gelogen wie telegraphiert! Der arme Zar Nikolaus der Kleine war und ist keine Hel- dennatur. Und nun erst gar bas Kommandieren hat er niemals gelernt, denn er führte auch als Zar nie das Kommando, sondern er stand stets standhaft unter dem Kommanöo der Grotzsürstenpartei, deren Haupt der jetzt zum Kaukasus abgeschabene heimliche Kaiser, der Großfiirst Nikolai Nikolajewitsch ist. Weiß man doch, daß die berüchtigte Mobilmachungs- o r d e r vom 25. Juli 1914, durch welche dieser Weltkrieg in Szene gesetzt wurde, vom Zaren nicht frei- w i l l i g unterzeichnet wurde, sondern erst, nachdem der Großfürst ihm — man sagt sogar unter Anwendung körperlicher Züchtigung -— mit der Entthronung gedroht hatte.
Wer diese Vorgeschichte, wer die traurige Rolle kennt, die Nikolaus in den Händen der allmächtigen Grotzsürstenpartei spielte, der kann die Versicherung, daß er sich jetzt an die Spitze feiner Armeen stellt, daß er bas Kommando übernimmt, daher nur mit einem verständnisvollen Lächeln aufnehmen. Die tatsächliche Leitung der Operationen wird Nikolaus schwerlich übernehmen, sie wird vermutlich in den Händen des neuen Generalstabschefs Alexejew liegen. Die Tatsache jedoch, daß der Zar mit seiner eigenen Verson nun oor aller Welt in die Brosche tritt, ist >darum doch von der allergrößten politischen Bedeutung. Sie kennzeichnet die äußerste Zuspitzung der kritischen Lage Rußlands, sie bedeutet einen bedeutsamen Abschnitt des Krieges. Denn der wahre Sinn .der Veränderung, die Absetzung, des allmächtigen Nikolai Nikolajewitsch ist bas offenbare amtliche Singest and- u i s der bisherigen schweren Niederlagen der russischen Armeen.
Nun soll also die geheiligte Person des Zaren helfen. Wird aber das Erscheinen des Zaren an der Front, die formale — denn mehr wird's, wie gesagt, nicht sein — Übernahme des Oberbefehls durch ihn den erhofften Umschwung der Lage herbeiführen? Wohl soll t*er Einfluß, den gottbegnadete, große Feldherren, überragende Persönlichkeiten, energische Charaktere auf die Truppen und ihr Heer ausgeübt haben, nicht unterschätzt werden. Ein Friedrich der Große, ein Napoleon I. konnten durch ihre Persönlichkeit allein Wunder vollbringen und das Heer zu ungeahnten Taten fortreißen. „Der Kaiser kommt!", das war der Ruf, der auch die Schwächsten und Verzagtesten wieder belebte, der zu unerhörten Anstrengungen begeisterte und den Sieg an die Fahnen zu heften schien. „Der Kaiser kommt!" Dieser Ruf brachte Schrecken und Verwirrung in die Reihen des Feindes und wirkte lähmend aus die Tatkraft der feindlichen Führer. Bietet aber die Person des Zaren die Aussicht, daß sein Erscheinen allein den inneren Halt und die Widerstandskraft des durch unaufhörlichen Rückzug stark geschwächten russischen Heeres neu kräftigen und wieder beleben wird? Wir vermögen es nicht zu glauben. Wenngleich nicht zu verkennen ist, daß die Russen überall weiteren brrtriäckigsten Widerstand leisten, so ist es doch schwerlich zu erwarten, daß der Wechsel im Oberbefehl an dem Ausgang des furchtbaren Ringens irgend etwas andern wird. Das Schicksal wird weiter seinen Lauf
nehmen; das ist unsere frohe und gewisse Hoffnung im Vertrauen auf Gott und unsere gerechte Sache, im Vertrauen auf unseren obersten Kriegsherrn, unsere unvergleichlichen Heeressührer im Osten und unsere über alles Lob erhabenen, immer weiter vorwärtsdringenden Truppen im Osten. Sie werden — und wenn es auch immer noch ungeheurer Anstrengungen und schmerzlicher Opfer bedarf — ihr Werk vollenden, sie werden den seit Monaten stch vollziehenden, glänzenden Siegeslauf bis zur völligen Vernichtung des Gegners fortzusetzen wissen. Auch trotz des Zaren Nikolaus als Oberbefehlshabers: und nun erst recht!
Der Erlaß des Aaren an den Großfürsten Nicolai Nikolajewitsch.
W. T.-B. Petersburg, 8. Sept. (Nichtamtlich.) Der Zar hat an den Oberbefehlshaber Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch einen Erlaß gerichtet, welcher besagt: Zu Beginn des Krieges verhinderten höhere Erwägungen mich, meiner innersten Neigung zu folgen und mich an die Spitze meiner Armee zu stellen, deshalb beauftragte ich Sie mit dem Oberbefehl über alle Streitkräfte zu Lande und zur See. Unter den Augen von ganz Rußland gaben Ew. Kaiserliche Hoheit im Laufe des Krieges Beweise unerschütterlicher Tapferkeit, welche das tiefe Vertrauen und die frommen Wünsche aller Russen erweckte, welche Ihren Namen durch alle unvermeidlichen Wrchselfälle deS Krirgs- glückes begleiteten. Die Bürde des Dienstes am Batrr- land, die G-tt auf mich gelegt hat, befiehlt m i r heute, da der Feind in das Innere des Reiches eingedrungen ist, den Oberbefehl über die aktiven Truppen zu übernehmen, mit meinem Heere die Anstrengungen des Krieges zu teilen und mit ihm die rnffische Erde gegen die Angriffe des Feindes zu schützen. Die Wege der Vorsehung sind unbekannt, aber meine Pflicht und mein Verlangen bestärken mich in diesem Entschlüsse, der auf Erwägungen des Nutzens für den Staat beruht. Der feindliche Einbruch von Westen her, der sich immer mehr verschärft, verlangt vor allem die st ä r k st e K o n z e n t r a t i o n aller militärischen und bürgerlichen Behörden sowie die Bereinigung des Oberbefehls im Kriege mit der allgemeinen Tätigkeit aller Ber- waltungszweige der Regierung, was unsere Aufmerksamkeit von der Südfront ablenkt. Bei diesem Stand der Dinge erkenne ich die Notwendigkeit Ihrer Hilfe und Ihres Rates auf unserer Südfront an und ernenne Sie zum Bizekönig des Kaukasus und Oberbefehlshaber der tapferen Kan- kasusarmee. Ich drücke Ew. Kaiserlichen Hoheit meine tiefe Dankbarkeit für die Anstrengungen in dem bisherigen Teile des Krieges aus.
Ein Armeebefehl des Aaren.
W. T.-B. Petersburg, 8. Sept. (Nichtamtlich.) Ein Armeebefehl des Zaren, datiert vom 5 . September aus dem Hauptquartier, besagt: Heute habe ich den Oberbefehl über alle Streitkräfte zu Lande und zu Wasser auf den Kriegsschauplätzen übernommen. Mit festem Vertrauen aus die Gnade Gottes und mit der u ner» schütterlichen Sicherheit des endlichen Sieges werden wir unsere heilige Pflicht, das Vaterland bis zum Äußersten zu verteidigen, erfüllen und Rußland keine Unehre machen.
Ein Abschiedserlaß des Großfürsten.
W.T.-B. Petersburg, 8. Sspt. (Nichtamtlich.) Der Großfürst-Generalissimus hat an die Truppen folgenden Tagesbefehl gerichtet: „Tapferes Heer und tapfere Flotte! Heute stellt sich Euer erhabener oberster Kriegsherr, der Kaiser, selbst an Eure Spitze. Ich neige mich vor Eurem Heldenmut, den ihr seit mehr als einem Jahre bewiesen, nud drücke Euch meine herzliche, wärmste und aufrichtigste Dankbarkeit aus. Ich bin fest davon überzeugt, daß ihr von dem Zeitpunkt an, an dem der Zar, dem ihr den Fahneneid geschworen, Euch führt, neue beispiellose Taten vollsühren werdet. Ich glaube, daß Gott vom heutigen Tage ab seinem Erwählten seine allmächtige, zum Siege führende Hilfe angedeihen lassen wird.
Generaladjutant N i k o l a u s."
Der Zar an den bisherigen Vizekönig des Kaukasus.
W. T.-B. Petersburg, 8. Sept. (Nichtamtlich. Meldung der Petersburger Telegraphen-Agentur.) Der Zar richtete an den Grafen Woronzow-Daschkow, Bizekönig des Kaukasus, einen Erlaß, worin er die Bemühungen und Anstrengungen anerkennt, die der Graf zur Verwaltung des Laiwes sowie zur Stärkung der alten Traditionen der glorreichen Truppen des Kaukasus angewandt hat. Der Zar erklärt, er gebe seiner Bitte nach, seine Kräfte einer seinem Gesundheitszustände mehr entsprechenden Arbeit widmen zu dürfen. Er enthebe ihn seines Postens als Vizekönig des Kaukasus und attachiere ihn seiner eigenen Person.
Der Eindruck in Frankreich.
Berlin, S. Sept. (Zeus. Mn.) über den Eindruck in Frankreich heißt es im „Berl. Lok.-Anz": Von Clemeneewo stammt das Wort: ..Nichts ist geändert, es gibt nur einen
Obcrbefeblshcber mehr bei unseren Freunden". Der „Matin" spricht, ohne Len inneren Zerwürfnissen Rußlands Beachtung zu widmen, von dem Beginn eines heiligen Krieges. Der „Tomps" hegt die Hoffnung, daß es dom Zaren als Oberbefehlshaber gelingen werde, in der Gegend von Wilna die MassüNKusammenziebung seiner Truppen zu bewerkstelligen.
Aus der italienischen Presse.
Berlin, 9. Sept. (Jens. Bln) Die italienische Presse vertritt die Ansicht, als ob durch die Übernahme des Oberbefehls durch den Zaren nunmehr der g r ö tz l e Feldherr aller Zetten am Kriege tsilnehme. Nur der „Carriers della Sera" warnt vor trügerischen Hoffnungen auf eine baldige russische Offensive.
Die revolutionäre Bewegung im wachsen begriffen?
Br. Wien, 9. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zerts. Bln.) Die „Neue Freie Presse" meldet aus Tschernowitz, daß dir revolutionäre Bewegung in Rußland im Wachse« begriffen sei. Namentlich die ukrainischen Elemente entwickelten eine rege Tätigkeit. In der Nähe von Jekate- rinoslaw sprengten sie die große Eisenbahnbrücke über den Dnjestr in die Luft. Die Bewegung sei nicht mehr einzn- dämmen, sie werde mit elementarer Gewalt ausbrechen.
Ein neues Arbeitsprogramm für Duma und Reichsrat.
W. T.-B. Kopenhagen, 8. Sept. (Nichtaurtlich.) „Ber- lingske Lidende" meldet aus Petersburg: 24 Vertreter der Mehrheitsparteien der Duma, von den nationalen Pro- gressisten bis zu den Kadetten und äußersten Fortschrittlern! sowie Mitgliedern des Zentrums und Mitglieder des ReichS- rats, haben nach einer Reihe von Besprechungen ein Arbeitsprogramm für beide gesetzgebenden Kammern ausgearbeitet. Gleichzeitig ist ein Zusammenschluß aller fortschrittlichen Gruppen zuftandegekommen. —- Der „Matin" meidet aus Petersburg: Das gemeinsame Programm der Prozessisten-Partei der Duma und des StÄ>t- rates umfaßt außer der Bildung eines Ministeriums oes öffentlichen Vertrauens eine Reihe administvativer, politischer, sozialer und religiöser Reformen.
Die russischen Grodno-Truppen in Sicherheit?
Br. Rotterdam, 9. Sept. iEig. Drahtbcricht. Zens. Mm)! .Daily Mall" meldet aus Petersburg, daß die russischer» Grodnotruppen sich in Sicherheit besingen.
Das Schicksal Rigas:
Englische Hoffnungslosigkeit.
W.T.-B. London, 8. Sept. (Nichtamtlich.) Die „Westminister Gazette" schreibt: Die Nachrichten aus Rußland' sind nich: gut. Den Deutschen' ist es gelungen, den Brückenkopf von F r i e d r i ch st a d t zu nehmen, der ihnen zwei Übergänge über die Dwina gibt. Das Schicksal Rigas-, hängt schließlich von dem Besitz der Dwina ab. Es schien in den letzten Tagen, daß Rußland in diesem Teile der Frouk eine solche Kraft entwickelte, um den Feind anshalten zw können. Aber es konnte es nicht. Es wird fraglich sein, ob' die deutsche Bewegung gegen Riga aufgehalten werden kann.
Die Staats- und Polizeibeamten haben sich reisefertig gemacht.
Br. Kopenhagen, 8, Sept. (Mg. Drahtbericht. Zens. Bln.) „Politiken" melden aus Petersburg: Auf dem Bahnhof in Riga steht eine lange Reihe Wagen mit Gütern von den geräumten Gegenden zur Abfahrt bereit. Vorbereitungen zur Abreise der Polizei werden getroffen. Die Rigaer Polizei- bureaus sind längst geschlossen, ebenso alle übrigen Staatsanstalten. Die Pässe wurden seit mehreren Wochen nicht mehr nachgesehen. Die Polizeibeamten versehen nur noch den Dienst, ihr Gepäck ist aber schon nach Jurjew verbracht. Mit den Arbeitern, die artdauernd fortgeschafft werden, reifen auch die Ärzte und das Krankenhauspersonal ab.
Der Rommandant von Riga berichtigt den russischen „Seesieg."
Stockholm, 9. Sept. (Zens. Bln.) Trotzdem die amtliche deutsche Darstellung über die Vorgänge im Meerbusen von Riga bereits seit langein völlige Klarheit über die dort stattgehabten Kämpfe geschaffen hat, gibt es immer noch gewisse! Blätter des feindlichen Auslandes, die von ungcheuren Verlusten der deutschen Marine fabeln. In Anbetracht des falschen Bildes, das diese Gerüchte notwendigerweise beim russischen Volke Hervorrufen mutzten, hat sich jetzt das russische Oberkommando selbst zu einem Dementi entschlossen. Der Kommandant der Stadt Riga teilt amtlich mit, daß die i» der Nähe von Pernau gesunkenen feindlichen Schiffe klein-« alte Dampfer gewesen sind, die van den Deutschem selbst versenkt wurden, in der offenbaren Absicht, die Mündung zu sperren,
