Wiesbadener TsMt.
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Deutscher Studtetag.
F. Dresden, 3. September.
III.
Der Deutsche Städtetag beschäftigte sich heute mit dem Ergebnis der Deutschen Städte-Ausstellung. Professor Dr. Wuttke (Dresden), der den einleitenden Vortrag hierüber übernommen hatte, teilte mit, daß die Entstehung der Ausstellung mit großen Schwierigkeiten verbunden gewesen sei. Es wurde gesagt: was soll eigentlich ausgestellt werden; es ist doch nur eine Ausstellung für Fachleute. Weiter wurde gesagt: die Städte tonnen doch eigentlich nur Papier, Tinte und Federn und vielleicht noch die heilige Bureaukratie ausstellen. (Heiterkeit.) Man vergaß nur, daß es darauf ankam, die Vergangenheit der deutschen Städte für die Gegenwart zu verwerten. Tie Ausstellung hatte im wesentlichen die Aufgabe, zu zeigen, was die städtischen Verwaltungen zu leisten imstande sind. Die Ausstellung bildet gewissermaßen eine Kampsesarena, es wird geradezu zu Vergleichen herausgefordert. Somit bildet die Ausstellung den Schauboden für die Leistungsfähigkeit der deutschen Städte. Ein sehr gutes Beispiel in dieser Beziehung hat Breslau gegeben. Bedauerlich, ist es aber, daß eine Anzahl Städte es vermieden haben, in die Kampsesarena hineinzusteigen. Man kann aus ben Ausstellungsgegenständen nicht 'ersehen, was in den betreffenden Städten geleistet wird. Hildesheim hat z. B. nur gezeigt, wie es im Mittelalter ausgesehen hat, man vermißt aber die Leistungen der Gegenwart. (Widerspruch.) Einige Städte haben öffentliche Bedürfnisanstalten ausgestellt. (Heiterkeit.) Ich als Nationalökonom vermisse ganz besonders die Ausstellung von städtischen Finanzen, Steuern und Schulden. (Heiterkeit.) Ich habe auch bedauert, daß sich gestern an die Vorträge der Referenten keine Besprechung geknüpft hat. Die Behauptung des einen Redners, daß England uns in sozialpolitischer Beziehung
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Fünf Tage Hast in Rußland.
Bon F. S. Ratzmann.
(Schluß.)
Der begleitende Gendarm stieg ab, sprach kurze Zeit <n gedämpftein Tone mit einem aus dem massiven einstöckigen Steinbau heraustretenden Beamten, näherte sich dann iii ehrerbietigster Haltung dem Schlitten, um zu welden, daß nun seine Mission beendet sei, da er zu seinem Dienste in der Stadt zurückkehren müsse, er aber das fernere Wohl des gnädigen Herrn seinem lieben Freunde Iwan tvarm ans Herz gelegt hätte. Den Zweck dieser Mitteilung erfaßte aus alter Gewohnheit das ziemlich verwirrte Denkvermögen des Herrn von Rhaden instinktiv; er griff in seine Tasche und reichte dem Beamten mit freundlichem Danke die Hand zum Abschied, wobei zwischen den Handflächen esn kleines Stück Papier die Innigkeit des Druckes bedeutend erhöhte. Das Tor schloß sich wieder hinter dem zur Stadt zurückkehrenden Schlitten nebst Reitern — der letzte Faden, der ihn mit der zivilisierten Welt verband, war zerrissen!
Nach Erledigung einiger Formalitäten führte der Be- amte seinen Schutzbefohlenen durch eine enge eiserne Tür in einen dunklen, langen Gang, in dessen Seitenwänden man in regelmäßigen Zwischenräumen Verriegelte Türen sah. Die kleine Laterne in der Hand des Wächters warf einen spärlichen Schein auf die kellerartig gewölbten Wände aus rohem Stein, und es überkam den verwöhnten Bewohner vornehmer Salons ein unbeschreibliches Gefühl von Ekel und Grauen. Unwillkürlich schloß sich seine Hand fester um den Griff seiner- Reisetasche, die nun alles barg, was er aus dem Reich der Zivilisation mit hinübergerettet hatte, den einzigen Tröster, der ihm über dieses Elend hinweghelfen konnte: seine Zigarren!
Vor seinem inneren Auge stieg das Bild seiner behaglichen Häuslichkeit auf, die reichgedeckte Familientafel, um die sich die Seinen in frohem Kreise versammelten,
Freilag» den 4. September.
voraus sei, kann ich nicht unterschreiben. Es hätte auch untersucht werden müssen, wie es kommt, daß in England eine starke Arbeiterpartei besteht, die lediglich die Pflege der Gewerkschaften zum Zwecke hat, während in Deutschland die Arbeiterpartei mit der Sozialdemokratie verwachsen ist. Ich mache einen Unterschied zwischen Arbeiterpartei und der auf dem Programm von Karl Marx sichenden Sozialdemokratie. Sehr wichtig ist die Ausstellung von Markthallen, Straßenbahnen und Schulwesen. Die Ausstellung hat gezeigt, daß Deutschland im Schulwesen große Fortschritte gemacht hat. Nur betreffs der Handwerker und sonstigen Fachschulen sind wir noch hinter dem Auslande zurück. Wir haben noch viel zu tun, bis wir in der Technik England gleichkommen. In den letzten 30 Jahren ist in den städtischen Verwaltungen eine große Anzahl Amtsstellen entstanden. Diese haben wohl auch dazu beigetragen, daß die statistischen Tabellen allmählich eine unheimliche Länge annehmen. (Heiterkeit.) Besser als die langen Tabellen wäre mehr positive stati- stische Arbeit. Viel bleibt noch betreffs der Schulbauten zu _ wünschen übrig. Einige Schulbauten weisen nichtwenigerals vier Karzer auf. (Heiterkeit.) Das Gebäude für den städtischen Arbeitsnachweis in Berlin gleicht einen: Kasten. (Heiterkeit.) Von der städtischen Kunst geben die großen breiten Amtsketten der Stadtväter Zeugnis; diese Ketten sind häufig länger als die Träger selbst. (Heiterkeit.) Von der Ausstellung von Gas, Wasser und Elektrizität hat das Publikum kaum ein Verständnis. Mir kommt es vor, als sei der ganze Charakter dieser Ausstellung nur für den Fachmann verständlich. Die mittelalterliche Kunst hat viel vor der Kunst der Neuzeit voraus. Vermißt habe ich die Ausstellung so mancher gemeinnütziger Bestrebungen. Es bleibt noch viel zu wünschen übrig, ich bin aber überzeugt, bei der nächsten Ausstellung werden die Mängel beseitigt sein. Jedenfalls wird die Städte-Ausstellung dazu beitragen, die deutschen Kulturinteressen fortdauernd zu fördern. Die Ausstellung hat aber auch noch eine politische Bedeutung. Das Aufblühen der deutschen Städte datiert im wesentlichen seit 1870. Es hat sich aus diesem Anlaß ein Gegensatz zwischen Stadt und Land ausgebildet. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß wir eine starke leistungsfähige Landwirtschaft nötig haben und daß die deutschen Städte dafür so manches Opfer zu bringen haben. Nicht berechtigt ist aber das Land, ein Kültur- werk wie den Bau des Mittelland-Kanals zu verhindern, weil dieser in der Hauptsache den Städten zugute kommt. Die Deutsche Städte-Ausstellung wird hoffentlich auch dazu beitragen, die Städtebewohner im Kampfe um ihre heiligsten Kulturinteressen zu stählen. Deshalb muß unser Ruf an die Städte ergehen: „Vorwärts auf dem eingeschlagenen Wege, zum Heile des deutschen Volkes und des deutschen Vaterlandes!" (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) — Oberbürgermeister Struck- mann (Hildesheim): Ich bestreite die Behauptung des
sein Rauchzimmer, in dem sich stets abends Freunde einfanden, um beim Glase Wein mit ihm zu plaudern. Andere erwarteten ihn beim Abendschoppeii im Stammrestaurant, wo er stets der heiterste unter ihnen war, — ob wohl jemals einer unter ihnen von diesem sonderbarm Abenteuer Wind bekam? — Ob es überhaupt ein Abenteuer bleiben würde, oder ob man ihn vielleicht wie so manchen seiner Bekannten im Gefängnis „vergessen" würde, da seine Freunde und Angehörigen keine Ahnung ven seinem Verbleib hatten? Ihn: fiel das harte Schicksal des alten, ihm befreundetm General von Wrangel ein, der zwölf Jahre hindurch verschollm blieb, ohne daß er ahnte, wessen man ihn beschuldrgte. — Sollte man ihn vielleicht für einen Nihilisten halten und unter anderem Vorwände hierher gelockt haben? War sein Name dazn bestimmt, als Held einer Schauergeschichte der Nachwelt überliefert zu werden? Zu spät bereute er, nicht wenigstens einem seiner Freunde das wahre Ziel seiner Reise mitgeteilt zu haben, dann hätten sie vielleicht seine Spur finden können, wenn auch erst nach langen Jahren. — Seine Zähne schlugen vernehmlich aneinander; war es wirklich so kalt, oder hatte er seine Nervm bisher überschätzt?
Wollte der Gang denn gar keine Ende nehmen?
Doch alles vergeht, so auch diese bangen Minuten; der Wärter blieb stehen, schloß eine Tür auf und ließ ihn in seinen künftigen Wohnraum eintreten. Mit einem langen Blick übersah er bei der spärlichen Beleuchtung den kleinen Raum, dessen Wände und niedrige Decke weiß getüncht waren. An jeder Längswand stand ein Möbelstück, das wohl ein Bett vorstellen mochte; zwei einfache Stühle zwei kleine Holzschemel mit Waschnäpfen und Wasserkannen und ein Tisch von rohem Holz bildeten das ganze Inventar. Dieses dürftige Domizil war es aber nicht, was sein Herz fast stillstehen ließ, sondern der Anblick einer Gestalt, die, im schwachen Schein einer Kerze nicht erkennbar, sich von dem einen Ser Betten langsam erhob und ihn mit neugierigen Blicken maß. Höchst unangenehm berührt von dem Gedanken, mit einem ganz
Redaktion>-FirnfP«cSrr N«. SS. 1909»
Herrn Vortragenden: mehrere Städte, er nannte ganz besonders Hilüesheim, hätten nicht den Mut gehabt, in die Kampfesarena zu treten. Wir in Hildesheim haben zeigen wollen, was die Städte an Kunst in der Vergangenheit geleistet haben, um an die Kunst in der Neuzeit anknüpfen zu können. Im übrigen haben wir beim Ausstellungskomitee vorher angefragt, ob das, was wir auszustellen beabsichtigen, in den Rahmen der Ausstellung Paßt; es ist uns bejahend geantwortet worden. Wir haben aber auch die Einrichtungen unserer Krankenanstalten, Badeanstalten, Schulhäuser, Museen, Lesehallen und Literatur ausgestellt. (Beifall.) — Geh. Bau rat Stübben (Köln): Er müsse sagen: die Stadt
Hildesheim habe durch die Ausstellung der städtischen Kunst des Mittelalters geradezu vorbildlich gewirkt. Es sei ihm mitgeteilt worden, daß ein Werk über die Ausstellung herausgegeben iverden solle. Er frage, ob dasselbe ein offizielles oder ein Privatunternehmen fei. — Oberbürgermeister Beutler (Dresden): Er halte es für selbstverständlich und ganz erfreulich, daß die Ausstellung einer scharfen Kritik unterzogen werde, dadurch werde es am ehesten gelingen, es bei der nächsten Ausstellung besser zu machen. Er hätte sogar eine noch etwas schärfere Kritik gewünscht. Er, der seit fünf Jahren mit der Ausstellung aufs engste verwachsen sei, kenne die Schwächen derselben am besten. Im übrigen sei er der Meinung, daß der Stadt Hildesheim für,die Ausstellung der städtischen Kunst aus der Vergangenheit der größte Dank gebühre. (Beifall.) Bezüglich der sozialen Fürsorge der Städte sei die Ausstellung etwas mangelhaft gewesen. Dieser Zweig der Ausstellung habe sicherlich nicht der vollen Wirklichkeit entsprochen; das erkläre sich aber aus dem Umstande, daß die soziale Fürsorge der Städte noch neueren Datums sei. Das vom Geh. Baurat Stübben erwähnte Werk sei offiziell. Er wolle nur mitteilen, daß, einem vielfach geäußerten Wunsche entsprechend, er, in Gemeinschaft mit Oberbürgermeister Struckmann, den Antrag gestellt habe, den Vorstand des Deutschen Städtetages durch Zuwahl zu vermehren und diesen zu beauftragen, dahin zu wirken, daß der Deutschs Städtetag eine ständige Einrichtung werde. Ter Vorstand wird beauftragt, ein ständiges Bureau zu errichten, das die Vorarbeiten für ben nächsten Deutschen Städtetag übernimmt. Dieser soll innerhalb der nächsten drei Jahre zusammentreten. (Lebhafter Beifall.) — Auf Vorschlag des Vorsitzenden Oberbürgermeisters Kirschner (Berlin) wird beschlossen: den letzten Antrag gesondert zu behandeln. — Stadtbourat Richter (Dresden) trat ebenfalls für die Stadt Hildesheim ein. — Prof. Dr. Wuttke: Er habe das, was Hildesheim Positives auf der Ausstellung geleistet, rückhaltslos anerkannt. — Oberbürgermeister Körte (Königsberg i. Pr.) bezeichnete es als notwendig, das erwähnte Werk so auszugestalten, daß es den deutschen Städten Nutzen bringe. Es wäre auch erwünscht, wenn die Statistik der Städte einen mehr ein
fremden Menschen, vielleicht gar russischem Verbrecher, Tag und Nacht eingeschlossen zu sein, wendete Herr von Rhaden sich vorwurfsvoll an den Beamten, mit dem Hinweis darauf, daß ihm eine Zelle allein für sich zugesagt worden sei. Dieser zuckte die Achseln und deutete auf die fremde Gestalt. Verzweifelt wollte er nochmals seine ganze Überredungskunst, in Gestalt einiger Papierrubel, in Tätigkeit setzen, als eine wohlklingende Stimme ihn beim Namen nannte, und auf hochdeutsch bat, keine weiteren Schritte zu tuu; es werde ihm bald alles klar werden. Ein deutsches Wort in diesem russischen Grabe wirkte elektrisierend. Der Beamte erhielt trotzdem seinen gepolsterten Händedruck und entfernte sich rückwärts schreitend mit tiefen Bücklingen, die Versicherung stammelnd, daß die Herren ja nur zu befehlen brauchten, er, der alte Iwan, wolle ihnen jeden Wunsch erfüllen, auch jede Botschaft übermitteln. Noch murmelnd schloß er hinter sich die knarrende Tür und schob den Riegel vor; die beiden Leidensgefährten waren allein.
Sobald die schlürfenden Schritte im Gange verhallt waren, trat der Fremde vor, schlug nach Art der liv- ländischen Edelleute die Hacken aneinander, indem er den Kopf kurz neigte, und stellte sich als Baron Wolf, Besitzer des Majorates K„ vor. „Ich bin Ihnen Rechenschaft schuldig für mein eigenmächüges Eingreifen in Ihre Angelegenheiten", begann er, „und hoffe auf Ihre Absolution. Sie sehen in mir einen rückfälligen Bewohner dieses gastfreien Schlosses; ich bin zum dritten Male hier und fürchte, daß es nicht das letzte Male sein wird, wenn es mir nicht gelingt, für meine Zunge eine Vorrichtung zu erfinden, die es mir ermöglicht, dieselbe in Momenten höchster Empörung auszuschalten, wie beim Telephon. Ich benutze meine freie Zeit in diesen Räumen dazu, über dieses Problem zu grübeln, dessen Lösung allein imstande wäre, russische Staatsbürger vor ähnlichen traurigen Erfahrungen zu schützen. — Doch davon später, erst wollen wir es uns gemütlich machen."
Diese Worte klangen wie Hohn in solcher Umgebung, doch schien es den: Sprechenden wirklich ernst damit 31*
