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Mo. 40D. Morgen-Ausgabe.
Wolle nicht immer großmütig sein, aber gerecht sei immer.
Matthias Claudius.
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(83. Fortictzung.)
Freiheit!
Roman von Walter Schmibt-Hätzler.
Unruhig stand er auf und ging mit langsamen Schrillen, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer ans rurd lkrieder. Eine Korrespondenz mit diesen ihm völlig unbekannten Leuten hatte gar keinen Zweck. Er wollte und mußte sicherer gehen. Und dazu gab es nur einen einzigen Weg. Er mußte selbst inr April nach Berlin, mußte persönlich dort eine Gelegenheit suchen, diesen Paul Röminger und durch ihn Heinz Hermann kennen zu lernen, und dann, mit der Sicherhett, rnit den unwiderlegbaren Tatsachen in Händen, mußte er heimkommen und dem Freunde sagen: „Hier gebe ich dir deine Ruhe rrück, mein Lieber! Du siehst, es ist ganz die alltägliche
'chichte gewesen, und da lohnte es sich nicht, ferner ans Gluck und Sonnenschein des Lebens zu verzichten! Die Medizin ist bitter — aber heilsam!" Die Frühjahrsausstellung gab ihm auch den besten Vorwand zu einer Reise nach der Reichshauptstadt, und ohne daß Berning bis zum entscheidenden Moment etwas merkte, ließ sich alles ganz nach Wunsch arrangieren. Eben hatte er den Brief in seinen Schreibtisch eingeschlossen, als Reinhardt eintrat. Er sah ein wenig bleich aus und um seinen Mund spielte ein seltsames Lächeln, als er dem Freunde die Hand hinstreckte und sich aus einen Sessel warf.
„Na — wo konnnst du denn her zu so ungewohnter Stunde?" fragte Franz, und reichte ihm die Zigaretten hin.
«Wo ich herkomme? Aus dem Venusberg!" Dabei lachte er kurz und bitter auf und lehnte sich zurück.
„Ist das Bild endlich serttg geworden?"
„Bewahre! Ich glaube, das wird überhaupt in diesem Leben nicht mehr fertig, oder ein jämmerliche- Mach- tuerf."
„Na, mein Junge, beichte 'mal, was ist dir denn heute Unangenehmes über den Weg gelaufen?"
„Ach — eigentlich gar nichts. Wer ich bin verstimmt, recht gründlich sogar!"
„Und darf man fragen worüber?'
„Gewiß. Ich bin eS müde, mtt mir spielen zu lassen; denn ich bin kein Krmbe mehr, mtt dem man tändelt, ohne ihn ernst zu nehmen!"
„Oh", machte Remmingen und sah ihn ganz verblüfft an. „Geruhen Durchlaucht am Ende ein lerchtfertiges Spiel mit einem deutschen Künstlerherzen zu treiben? Pour passer le temps? — Dazu sind nun wohl aber Leute wie Reinhardt Berning nicht da, für diesen Zweck .wimmelt es ja um diese italienische Sonne genügend von Trabanten!"
„Das ist es ja eben, was ich nicht länger Mit an- sehen mag", fuhr Reinhardt auf,, „dieses beständige Bedürfnis, ein ganzes Heer dieser überflüssigen um sich zu haben, diese Manie, fortwährend Neues an ihren Triumphwagen zu fesseln! Ich weiß, daß sie keiner davon liebt, ich will ihr nicht unrecht tun; aber eben des-
D onnerstag, freu 3. September.
halb soll sie doch auf diesen Hofftaat verzichten, der ihr doch bei Gott keine seelische Befriedigung gewähren kann! „Wa!" brummte Franz leise.
„Was meinst du mit diesem „Wa"?" .
„Nun — ich finde es von Maddalena Rogni ebenjo weiblich schlau, wie politisch, in ihrem Eroberungszuge eine neue Taktik zu probieren. Sie ist dir bisher zu emphatisch entgegengekommen, hat dir zu deutlich gezeigt, daß sie gern berett sein würde, die Fürstenkrone mtt dem Lorbeerkranz auf deinen braunen Locken zu vertauschen. Sie hat wohl eingesehen, daß du deiner Eroberung dich sicher, zu sicher fühltest, und daß du dir vielleicht deshalb mehr Zett nahmst, nach dem Besitz dieses Schatzes zu greifen, als galant und erklärlich war. Und nun versucht sie es mtt der gefährlichsten Waffe der Frau mtt der Eifersucht!"
„Lächerlich! Eifersüchttg kann doch wohl nur der- jenige sein, der liebt!" .... - ...
„O, durchaus nicht, liebster Reinhardt. Verzech, wenn ich dir widerspreche, aber meine reiche Erfahrung berechtigt mich, dich aufzuklären. Ob man liebt oder nicht, eifersüchttg kann man immer sein, sobald es sich nur um die liebe Ettelkeit handelt. Eifersucht rst ein ganz merkwürdiges Ding, aus dem nur der geübteste Psychologe klug wird. Aus ihrem Vorhandensein direkt auf die Liebe schließen zu wollen, wäre nicht immer zuverlässig, denn man kann sehr gut eifersüchtig sein — ohne zu
lieben!" . r ., . . . 9 „
„Kann man auch lieben — ohne eifersüchtig zu sein? „Wenn es die rechte Liebe ist, ja! Denn Eifersucht rst stets ein Zeichen von Mißtrauen, ein Bekennttns der Un- sicherheit seines Besitzes. Und wo wahre Liebe ist, da rst mrch vor allen Dingen unbedingtes Vertrauen!"
„Also meinst du, daß Maddalena tatsächlich so geschmacklos sein könnte, mich eifersüchttg machen zu wollen?" sagte Reinhardt achselzuckend.
„Nenne es nicht geschmacklos, Bester! Es rst durchaus weder geschmacklos noch unklug, sondern ein ganz vorzüglich gewählter Schachzug, in dem Frauen, besonders geistreiche eine ganz erstaunenswerte Kunstfertigkeit besitzen. Übrigens unterbrachst du mich in meinem Privatissimum über die Eifersucht. Ich bin noch nicht ganz zu ßnbe. Die Eifersucht kann, ich betone dies „kann" ausdrücklich, in vielen Fällen der Weg zur Liebe sein. Durch sie kann ein Herz, das- zwischen Zweifeln und Verzagtheit unentschlossen hin und her schwankt, zur Erkenntnis seines wahren Gefühls kommen, imd plötzlich kühn übet Schranken hinwegsetzen, die vorher unubersteiglich schienen. AlsVorläufer derLiebe, oder, um mich militärisch auszudrücken, als Vorpostenkämpfer, als Avantgarde zur aründlichen Sondierung de§ Terrains ist sie außerordent- lich brauchbar und soll sich schon in den schwierigsten Fällen ganz vortrefflich bewährt haben. Ist die Festung aber ein für allemal gewonnen, ist der glückliche Sieger für immer eingezogen, dann soll er sie nicht mttnehmen in seinen Burgfrieden, denn dann wird sie nur zum häßlichen Spitzel imd versieht dm niederen Dimst des Detektivs. Dixi!"
Me klug du doch bist, Franz, und welch ungemein scharfes Beobachtungstalent du hast!" lächelte Reinhardt.
.Kunststück! — Hat auch viel Mühe gemacht, mir diese lehrreichen Erfahrungen zu eigm zu machm, und viel Geld gekostet. Da ich mein Herz nun doch mal nicht mehr
öl. IaI,rs««S- 1808 .
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beehre Ich mich ergebenst anzuzeigen.
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verschenken konnte, so habe ich mein einsaiiies Leben dazu benutzt, ein zuverlässiger Theoretiker der Liebe zu werden und Weisheit zu sammeln, die anderen zum Nutzen werden kann. Es soll mich freum, wenn 'du etwas profitierst.
„Ich danke dir, Franz! Nun tu aber auch mchts halb, sondern rate mir, was soll ich tun?" ,
„Ja, da ist schwer raten! Behalte deinen Kopf klar, so lange >me möglich, prüfe dein Herz mit der «onde deiner weism Selbstkenntnis, und wenn du fühlst, daN die große Liebe in deiner Seele sieghast einzieht, mtt Hosiannah und Opferglut, dann mach endlich mal alte Tore wett auf imd empfange sie mtt dem ganzen Ent- zücken eines Gemüts, das frei sein will von ollen alten Geschichten, die zu nichts frommm. Worauf wartest du
noch?" ^ .
Reinhardt senkte dm Kopf und schwieg.
„Wer garantiert dir denn, daß jenes Mädchen, das du w schwärmerisch geliebt, nicht längst die brave, hausbackene Frau irgend eines biederm Philisters geworden ist? Wer sagt dir, daß sie nicht schon sett Jahr und Tag über all die Frühlingsromanttk hinaus ist, an der deine verfeinerte .Künstlerseele immer noch wie an etwas unvergänglichem hängt? — Antworte mir einmal ganz ehr- lich und offen auf eine Frage. Wenn du heute durch Zufall erführest, daß diese deine Ella — in erner Ehe ent stilles zufriedenes Glück gesunden hätte und kaum mehr des alten Jugendtraumes gedächte! — Was wurdest du
„Na, aber setzen wir mal den Fall. Par exemplel Denk dich mal mit einiger Phantasie m dre Lage. Was würdest du in solchem Falle machen?"
.Ich glwibe, ich würde nur furchtbar lächerlich vor- kommen", antwortete Reinhardt mit gerunzelter Lttrn, und würde wie aus einem tiefen Schlafe aufwachen, mtt blutendem Herzen, gewiß aber für immer. Me du machen, würde ich es nicht, sicherlich nicht, der eine tief in sich bewahren und sein ganzes Leben vergiften konnte, obwohl er wußte, daß das Mädchen, das er geliebt, eineni andern am Attar -Treue geschworen!
Lieber Freund, das war eine ganz andere Sache! In meinem Falle sprachen tausend andere Dinge mit. Sie war kaum siebzehn Jahre, hinter rhr stand eine Familie, die ihr die Gesetze ihres Handelns diktrertt, denn sie war ein halbes Kind. An eine Zukunst zwischen ihr und mir war nicht zu denken, denn ich war arm tote eine Kirchenmaus und sie hatte auch, nicht viel mehr als ihren altadeligen Namen und ihre süße Jugend, sre könnt« ans den Mann ohne Aussichten nicht wcwten, d« ihr definittv Lebewohl gesagt hatte, als er ihr, den, letzten Brief schrieb. Daß mein lebensfrischer, viel lungerer Vetter mir nach drei Jahren das Majorat hntterlassim würde, konnten wir beide nicht voraussehen. Eher hatte sie darauf warten können, daß- ich m der. Lotterte den Haupttreffer machen würde. Als ich mrt einem Mal ein reicher Mann war, da war sie gerade Exzellenz geworden. Aber einen Trost hatte ich dabei, daß sie einen alten Mann qebeiratet, der ihr Vater sein konnte und für den sie nn> möglich die Wonneschauer einer großen Liebe empfinden konnte. So weiß ich wenigstens, daß sie mein schönes jugendliches Bild — und ich war damals wirklich sehr schön und jugendlich — in ihrem Herzen bewahrt hach und mit hinübernahm in ein neues Leben. Und deshalb dm ich dieser Jugendliebe treu geblieben." (Fort,. folM^
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