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»». Jahrga«.

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||u, 410* verlagS-FernIprecher Ro. 2958.

Donnerstag» de» 3. September.

RedaktionS-Fernsprecher No. 52.

1803.

Abend-Ausgabe.

Eine Warnung an Auswanderer.

r. a. Boston, August 1903.

Irgendwo in Europa existiert eine Druckerei, in welcher amerikanische Bürgerpapiere hergestellt werden; ferner werden in Agram (Kroatien) falsche amerikansiche 'Pässe gedruckt, und diese Dokumente werden an Aus­wanderer verkauft. Soweit hier bekannt ist, sind die Bürgerscheine sowohl wie die Pässe in Berlin, Wien und Paris erhältlich; und wahrscheinlich auch in anderen großen Städten, des Kontinents. Es gibt wohl unter den Auswanderern eine Zahl voir Unwissenden, die wirklich glauben, daß man sich das Bürgerrecht auf solche Weise Erkaufen kann; die meisten aber kann man schwerlich Be­trogene nennen, und sie geben ihr Geld für solche Papiere nur hin, um dadurch Vorteile zu erringen, zu denen sie anderweitig nicht berechtigt sind. Aie sind also Mit- fchwindler.

Die Einwanderungsgesetze sind im Laufe der Jahre sehr verschärft worden; einige verfängliche Fragen seitens per Einwanderungsbeamten können leicht zu Antworten verleiten, welche dem Einwanderer das Landen erschwert, wenn nicht gar es verhindert. Diese Gefahr mag von den Verkäufern falscherPässe denAuswanderern in europäischen Hafen- oder anderen Städten weit vergrößert geschildert werden, und so mag es verhältnismäßig leicht sein, ihm das Geld aus der Tasche zu locken. Ein amerikanischer Paß sichert natürlich dem Reisenden freies Betreten des amerikanischen Bodens, ohne all die unangenehmen Unter­suchungen über Vermögensverhältnisse und Vorleben des Landenden; wenn aber entdeckt wird, daß der Paß fälsch ist wird der Einwanderer einfach dahin zurückgeschickt, von wo er herkommt. Zweifellos ist es vielen gegluckt, sich mit Hülfe falscher Pässe in Amerika ernzuschwindeln. Das war, so lange die Behörden keinen Verdacht hatten, daß solche falsche Pässe existieren, die Beamten sind aber nun wachsamer. Erst dieser Tage entdeckten die Ein- Wanderungs-Inspektoren in Baltimore solche gefälschte Papiere an Einwanderern, die mit einem Dampfer des Norddeutschen Lloyd kamen. Alle diese Einwanderer wur­den wieder nach Europa zurückgeschickt.

Die Bürgerscheine dienen einem anderen Zweck. An gewissen Regierungs- und städtischen Arbeiten können gesetzlich nur solche Personen Beschäftigung erhalten, die das amerikanische Bürgerrecht besitzen. Ob solche Gesetze gerecht oder weise sind, soll hier nicht kritisiert werden. Sie existieren eben, und in Staaten, wo sie noch nicht existieren, herrscht eine immer stärker werdende Agitation, sie zu schaffen. Der Auswanderer, der einen solchen

Bürgerschein in Europa kauft, mag wirklich glauben,

daß er sich damit das anicrikanische Bürgerrecht erkauft und damit zugleich die Gelegenheit zu gut bezahlter Atbeit. Ter Besitz und die Nutzbarmachung eines solchen Doku­mentes kann den Besitzer ins Gefängnis bringen.

Vor längerer Zeit wurden falsche Bürgerpaprere in einer Druckerei in der Nähe von New Ijork gedruckt und an Eingewanderte hier verkauft. Ter Regierung gelang es, diese Druckerei aufzuhehen und das Material, Platten usw. zu zerstören. Es scheint nun, daß diese selben Schwindler das Gebiet ihrer betrügerischen Tätig­keit nach Europa verlegt haben und dort ihr Unwesen treiben. ' . r

Jeder Auswanderer sollte instruiert werden, und wahr­scheinlich geschieht dies auch von seiten der Schiffs- Agenten, daß ein Einwanderer in Amerika mindestens fünf Jahre hier zu sein hat, ehe er das Bürgerrecht er­langen kann, und daß niemand für ihn diesen vermin verkürzen kann. Wenn er dann dennoch sein gutes Geld für falsche Papiere ausgibt, dann ist er wissentlich selbst Schwindler und darf sich nicht über die Folgen beklagen, die ihn möglicherweise erwarten.

Es mag hier angebracht sein, die Auswanderer vor einer weiteren Gefahr zu warnen, in die sich viele, aller­dings erst nach längerer Zeit ihrer Landung, begeben. In den großen Städten Amerikas suchen zur Wahlzelt die beiden großen politischen Parteien so viele Stimmen zu machen, wie sie nur können, um ihre Kandidaten er­folgreich durchzubringen. Zu diesem Zwecke werden Ein- gewanderte, die vielleicht erst zwei oder drei Jahre hier sind, überredet, sich naturalisieren zu lassen. Die Heraus­nahme der Vürgerpapiere geschieht vor einem Richter, vor welchem ein Bürger einen Eid abzulegen hat, daß er den Bewerber seit fünf Jahren persönlich kenne. Es finden sich immer politische Parteigänger, welche zur For­derung des Parteiinteresses und gegen Belohnung seitens der direkt Interessierten (Parteiführer, Kandidaten usw.) bereit sind, einen Meineid abzulegen. Man könnte über- haupt Amerika das Land der Meineide nennen. In New Park wurden in manchen Wahlperioden mehr wie 2000 neue Bürger auf solche Art gemacht. Es wird natürlich erwartet, daß der neue Bürger für die Kandidatur jener Partei stimmt, die so freundlich, ihm mittels Meineids zum Bürgerrecht zu verhelfen. Die Bürgerpapiere, die der Applikant erhält, sind in diesem Falle allerdings echt, und auch sonst ist die Gefahr vor Entdeckung, nicht sehr groß, denn die politische Gegenpartei, die in diesem Falle ein direktes Interesse an der Verhinderung der Aus­stellung von Bürgerscheinen hätte, darf die Sache nicht ans Licht ziehen, da sie ja dieselben Sünden begeht und die Bloßlegung derselben befürchten muß. Wie zwei Diebe kein Interesse haben, einander zu verraten, so auch hier Allein manchmal setzen in den Großstädten Reform­

wogcn ein und bringen Elemente an die Spitze der Stadt­regierung, die einen gewissen Grad politischer Unab­hängigkeit haben; dann gibt es Untersuchungs- kommissionen usw. und der unrechtmäßige Besitzer eines Bürgerscheines mag sich vor Gericht zu verantworten haben. Oft sind es unscheinbare Anlässe, Familien-An- gelegenheiten, Zwist mit Nachbarn, Klagen oder Ver- klagtwerden vor Gericht, was zur Entdeckung führt, daß der Besitzer des Bürgerscheins noch nicht fünf Jahre im Lande war, als er Bürger wurde. Bei einem Menschen, den Gewissensbisse leicht plagen, ist die stete Furcht, ent- deckt zu werden, allein genug, lieber seine Zeit abzu- warten, als sich in Gefahr zu begeben, ins Gefängnis zu wandern. Es ist aber wirklich staunenswert, wie wenige der Versuchung, sich vor gesetzlich abgelaufener Frist die Bürgerpapiere zu sichern, widerstehen können, wenn ein politischer Schuft mit solchen Vorschlägen an sie heran­kommt. _ . .

Deutsches Deich.

Zum russischen Handelsverträge.

L. Berlin, 2. September.

Über den Stand der Handelsvertragsverhandlungen mit Rußland werden von hier und von Petersburg Nach- richten verbreitet, die sich liicht vereinbaren lassen. Nach Berliner Meldungm sollen die Verhandlungen einen günstigen Verlauf nehmen und sogar den Abschluß eines neuen Tarifvertrages in naher Zeit erwarten lassen. Ganz andere Tinge weiß man in Petersburg, wer „Grashdanin" beklagt den „Eigensinn" der deutschen Regierung, die weder bei den Getreidezöllen, noch bei den Viehzöllen auch nur im geringsten entgegenkommen wolle. Das russische Blatt stellt es so dar, als seien die Verhand­lungen auf einein toten Punkt angelangt, als sei eine Verständigung unwahrscheinlich, wenn deutscherseits nicht bei den Agrarzöllen erhebliche Zugeständnisse gemacht würden. Nun möchten wir annehmen, daß der „Grashdanin" über den Stand der Dinge besser unter­richtet ist als jene deutschen Blätter, die das baldige Zu­standekommen eines Vertrages ankündigen. Tenn es ist wohl das russische Finanzministerium selber, das sich des „Grashdanin" zu seinen Beschwerden und Mahnungen bedient. Tie größere Glaubwürdigkeit spricht für die Petersburger Mitteilungen schon darum, weil es für aus- geschlossen gelten muß, daß Rußland auf eine Herab­setzung namentlich des Fünfmarkzolles für Roggen ver­zichten möchte, und weil man andererseits noch nicht die geringste Andeutung der Geneigtheit des Reichskanzlers gehört hat, entsprechende Konzessionen zu gewähren. Wann das Unvermeidliche doch gefchebcn wird, in welcher Form die öffentliche Meinung darauf wird vorbereitet werden.

Fünf Tage Hast in Rußland.

Von F. S. Natzman«.

Wie leicht ein ruhiger, ehrenhafter Familienvater in Rußland in die peinlichste Situation geraten kann, be- weist folgende kleine Episode, die einem mir nahe be­freundeten Herrn begegnete und die er mir selbst schilderte.

Auf dem Bahnhof der russischen Stadt X. setzte sich der lange, überfüllte Zug in Bewegung, welcher an jedem Nachmittage die Familienväter und Bruder aus der drückend heißen Stadtluft ihren im Walde oder an dem nahen Seestrande gelegenen Sommerwohnungen zu­führte, um nach des Tages Arbeit in engen heißen Ge- fchaftsräumen Erholung zu suchen.

In einem Coupä zweiter Klasse saß ein in Stadt und Umgegend allgemein bekannter und. beliebter Herr von Rhaden, in eifrigem Gespräch mit zwei Damen ferner Familie, denen er Privatangelegenheiten auseinander- fetzte. Ihnen gegenüber hatte ein fremder Herr Platz genommen, seiner äußeren Erscheinung nach ein polnischer Student, der sich bald in unzarter Weise in das Gespräch mischte und der einer: Dame lästig zu werden begann, was Herr von Rhaden ihm sehr höflich aber nachdrücklich verwies. Die Wirkung dieser Zurückweisung war eine ganz unerwartete; anstatt sich zu entschuldigen oder zu ent­fernen, wandte sich der Student lebhaft gestikulierend an bie übrigen Fahrgäste des Salonwagens mit der Klage, man habe ihn schwer beleidigt, und forderte alle An­wesenden als Zeugen hierfür auf. Tie Damen erhielten aus ihre erstaunten Fragen die Auskunft, daß polnische Studenten öfters darauf ausgingeii, Streit mit gut­situierten Persönlichkeiten herbeizuführen, um mit den erhaltenen Schweigegeldern ihre Studien bezahlen zu können. Diese Mitteilung trug wenig zur Erleichterung der peinlichen Situation bei, da alle Beschwichtigungs­versuche an einer vorbereiteten, absichtlich herbeigeführten Falle scheitern rnußten, in die man ahnungslos geraten war. Die Richtigkeit dieser Annahme zeigte sich, sobald der Zug die Endstation erreichte. Der Student sprang von dem noch rollenden Zuge herab und rief den dienst­

tuenden Gendarm herbei, um Herrn von Rhaden mit seinen Damen beim Aussteigen gleich, behufs Feststellung der Personalien, in Empfang zu nehmen. Gleichzeitig tauchten von allen Seiten polnische Studenten auf und boten ihrem Freunde ihre Zeugeiraussagc an, obgleich sie gar nicht zugegen gewesen waren. Daß ein großer, den beteiligten Personen höchst peinlicher Mcnscheiiandraiig entstand, ist selbstverständlich.

Ter Stationsvorsteher geleitete die Damen aus dem Bahnhofsgebäude und kehrte zurück, um persönlich die Angelegenheit niederzuschlagen. Inzwischen war aber der Student in seinen dreisten Anschuldigungen so weit gegangen, daß Herrn von Rhaden sin Gefühl ferner ge­rechten Empörung über solch flegelhaftes Benehmen rn Gegenwart von Damen die Geduld riß Und ihm das Wort „Flegel" entschlüpfte.

„Aber mein verehrter Herr von Rhaden, Sie ver­gessen, daß wir in Rußland sind", flüsterte der Stations­chef ihm zu.

„Das tut nichts", antwortete der Angeredete, „den Kopf kann es nicht kosten ,und ein paar Rubel ist nur der Spatz wert, den Mann einmal beim rechten Namen

cnannt zu haben." .... .

„Das sollst du teuer bezahlen", schrre der Student nun n Chor mit seinen Freunden, und in ihrem Ton lag rehr Triumph als Entrüstung, und alle Umstehenden mßten nur zu gut, daß sie recht behalten wurden. , Mehrere Monate vergingen, die ganze Angelegenheit iar von den Beteiligten fast vergessen, als Herr von khaden eines Tages die Mitteilung erhielt, er sei von em Studenten wegen Verbalinjurie verklagt, derselbe n aber bereit, die Klage zurückzuziehen, falls er sichcher- flichten wolle, bis zur Beendigung seiner Studien die losten derselben zu tragen. , rrr , . s

Dieses Ansinnen lehnte Herr von Rhaden selbstredend b, worauf die Gerichtsverhandlung vor sich gsiig und nit Freisprechung endete.

Nach längerer Zwischenzeit taucht? die Angelegenheit Zeder auf gelegentlich einer Mitteilung, daß der Student ,n eine höhere Instanz appelliert hätte, die aber ohne $rage die Sache gleichfalls ablehnen würde.

Weihnachten ging vorüber und inmitten der vielen Anforderungen dcö geschäftlichen uiid vielseitig geselligen Lebens widmete Herr von Rhaden der Sache gar keinen weiteren Gedanken, bis eines Tages ein Telegramm aus Petersburg ihn eilig dahinrief, da er von . der dortigen höchsten Instanz verurteilt sei, und nutz vielleicht durch persönlichen Einfluß erwirken könne, daß die Haftstrafe in Geldstrafe umgewandelt würde. Ohne Zögern reiste er hin, bot alles auf, erreichte aber nur das Versprechen, daß man höheren Ortes versuchen wolle, zu seinen Gunsten zu wirken, aber auf wenig Erfolg hoffen dürfe, da man im Augenblick gegen Ausländer stark voreingenonimen sei.

Wenige Tage später trat am frühen Morgen ein Herr in das Geschästslokal des Herrn von Rhaden und bat, einige Worte mit dem Chef allein sprechen zu dürfen. Dieser führte ih,r in sein Privatkontor, wo er sich als Polizeibeamtcr zu erkennen gab. In äußerst rücksichts­voller Weise teilte er Herrn von Rhaden mit, daß er bcn Auftrag habe, ihn auf fünf Tage wegen Beleidigung eines Studenten zu internieren, und daß er gekommen sei, uni Rücksprache zu nehmen, wie die Ausführung des lirteils am wenigsten unangenehm für ihn zu bemerk- fettigen sei. Ta Herr von Rhaden von der Vorsehung mit einem fast unverwüstlichen Humor ausgestattet war, faßte er auch diese Sache von der leichtesten Seite auf, gab dem Beamten zu verstehen, daß er selbstredend, ohne fede Schwierigkeit zu machen, bereit sei, die kleine Reise anzutreten, gerne aber einige diesbezügliche Wünsche be­rücksichtigt sähe, wobei er mit der rechten Hand in seiner Tasche,' wie zufällig, Geld klappern ließ, ein Geräusch, das jenseits des kleinen russischen Grenzflüßchens selten seine Wirkung verfehlt. Selbstredend war auch dieser Beamte gern bereit, die Wünsche anzuhören und für deren pünktliche Erfüllung Sorge zu tragen. „Ich bitte", be- gann Herr von Rhaden, „mich heute abend, nach ein­getretener Dunkelheit, mit einem Schlitten abzuholen, und zwar in Zivilkleidung, keine andere Begleitung darf sich uns innerhalb der Stadt zuaesellen. Am Be­stimmungsorte angelangt, verlange ich die Erlaubnis, mir das Essen aus der Stadt schicken zu lassen, und ein Zimmer für mich allein zu erhalten."