Kl. Jahrgang.
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Mittwoch» den 2. Keplemtrrr.
NedakiionS^ernsprcrbcr No. 52.
1908.
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AimIKnWr MiiiliiiiiscymilllLrlsms.
r. n. r. Boston, August 1903.
Eine der beliebtesten Phrasen nordamerikanischer öffentlicher Redner bis vor Beginn des spanisch-amerikanischen Krieges, um unsere höhere Kulturstufe ins rechte Licht zu stellen, war, auf den Militarismus Europas hin- zuweisen, der jede Bürgerfreiheit unterdrücke, und dagegen unsere eigene geringe Armee in Vergleich zu stellen.
Es ist gang und gäbe in den Vereinigten Staaten, am meisten aber in den Neu-England-Staaten, daß die Knaben in den öffentlichen Hochschulen in uniformierte Kompagnien, Bataillone und Regimenter eingeteilt und von einem „militärischen Instruktor" im Exerzieren eingeübt werden. Jedes Städtchen hat seine '„Hochschule", die im erzieherischen Range etwa den österreichischen Realschulen gleichkommen. Die militärischen Organisationen der Herren Jungen haben von Zeit zu Zeit ihre öffentlichen Paraden und Preis-Exerzieren, wobei nicht stellen der Gouverneur mit seinem militärischen Stabe undRegie- rungsbeamten, der Bürgermeister und andere amtliche Personen die Revue abnehmen. Die Zuschauermenge ist in der Regel fast so groß wie bei wirklichen militärischen Schauspielen.
Hier und da kommen auch Revolten vor. So kürzlich in Ost-Boston. Die Hochschüler von Ost-Boston erhielten nicht den ersten Preis, und die Schüler beschuldig- ten den militärischen Instruktor, daß er die Preisrichter zu ihren Ungunsten beeinflußt habe. Sie setzten eine Petillon an die Schulbehörden in Umlauf, in welcher sie die Absetzung des Instruktors verlangten. Das schönste an der Sache ist, daß die Ettern der Jungen ebenfalls die Petillonen Unterzeichneten, ohne zu fürchten, sich dadurch öffentlich lächerlich zu machen, !vie überhaupt
das ganze Bataillons- und Regiments-Exerzieren und der allgemeine Ernst, mit welchen: diese Jugendspielerei betrieben wird, ungemein lächerlich ist, wenigstens in den Augen eines Deutschen.
Daß dabei der inititärische Geist viel gefördert wird, ist. kaum merkbar. Wohl aber etwas anderes. Die militärische Schuljungen-Karriere bringt Beförderungen mit sich; da gibt es alle Chargen von der ersten Stufe bis hinauf zum Obersten und Regiments-Kommandanten. Da sehe inan einmal, wie ein solcher Jugendflegel den Kopf hochtragen und auf seine „Untergebenen" hevabblicken kann. Die amerikanische Presse, die nur zu sehr geneigt ist, allen „gesellschaftlichen Ereignissen" den weitesten Raum zu gönnen, läßt es sich bei Paraden und Preis-Exerzieren nicht nehmen, die „Feldofsiziere" den Lesern in Abbildung vorzuführen. Und das ist es, was schon die Jugend zur Korruptton führt. Um sein Bild und eine schmeichelhafte Erwähnung in der Zeitung zu haben und damit vor Nachbarn und Verwandten prunken zu können, werden allerlei Mittelchen ins Feld geführt, wobei die Söhnchen wohlhabenderer und freigiebigerer Ellern wieder den Vorteil haben. Ein Kistchen seiner Zigarren am Geburtstage und sonstigen schicklichen Gelegenheiten an die richtige Adresse hilft manchmal zu einer vielleicht nicht ganz verdienten Beförderung. So werden die Jungen schon früh gewahr, wie man in dieser Welt andern vorauseilen kann.
Privaterziehungs-Anstalten, sogenannte „Colleges", weisen in ihren Zeitungsanzeigen und Prospekten als Reizmittel besonders darauf hin, daß bei ihnen „militärische Instruktionen" ein Beiprodukt bilden.
Es wird behauptet, daß dadurch im Volke ein tüchtiger militärischer Geist gefördert wird, der eine hochgradig entwickelte Armee zu Folge haben muß. Das ist ein Irrtum, denn die Armee rekrullert sich nicht aus dsiesen, ben wohlhabenderen Kreisen. Die Rekruten des amerikanischen Heeres, das aus Freiwilligen besteht, kommen aus den ärmeren Klassen: junge Leute, die AÄenteuer- geist in sich verspüren oder ein wenig arbeitsscheu oder sonst mit sich selbst nicht recht einig sind. Das klingt nicht sehr patriotisch, ist aber wahr. Die Söhne der wohlhabenderen, solche, welche nicht allzu jung ihr Brot verdienen müssen, sondern einige Jahre die Hochschule besuchen können, schließen sich höchstens der Sraatsmilrz an; dort kommt man einmal oder zweimal die Woche des Abends in der „Kaserne" zusammen, zieht die Uniform an und spielt Billard oder unterhält sich sonst gesellig und dann wird zum Zeitvertreib ein wenig „crerziert".
Nein, militärischer Geist wird den Jungen durch den Schuljungen-Militarismus nicht eingeprägt, wohl aber, allerdings unabsichtlich, eine große Portion Klassenunterschied, und das schickt sich kaum für eine Bürgerrepnblik, die angeblich auf die „Gleichheit aller" gegründet ist.
Die Bundesregierung in Washington leistet dem Schulmilitarismus den größtmöglichen Vorschub. Unser Kriegsminister Bll. Root, von Beruf ein Advokat, erließ eine Verordnung betreffs Förderung militärischer Aus- bildung in „Colleges" und Schulen im ganzen Lande. Die Negierung verspricht, als JnstcuktorenÄrmeeoffiziece. natürlich kostenfrei, an irgend eine Erziehungsanstalt des Landes zu schicken, welche garantiert, mindestens hundert Schüler unter militärischer Instruktion zu hallen. Dis Schüler werden in Kompagnien und Jnfanterie-Bataillone organisiert, und in jeder Beziehung genau jo wie dis Soldaten der regulären Armee abgerichtet. Der Kriegs- mmister erwartet, daß mindestens 10 000 Schüler unter: die Instruktion kommen, wie sie seine Verordnung vor- schreibt. Tie Regierung verspricht auch den Schülern Gewehre, so wie sie die Kadetten in West-Point zum Exerzieren benutzen, zu liefern. Ein ausgiebiger Geldbetrag soll auch für Munition, einschließlich von Projek- tilen für Kanonen, bewilligt werden. Und weiter wird! versprochen, daß Schüler aus solchen Erziehungsanstalten, welche die Militär-Instruktion der Regierung akzeptiert haben, falls sie sich dem Militärberuf widmen wollen, bei Beförderung zum Offiziersrangs vor anderen den Vorzug haben sollen.
Konstitutionell hat der Kriegsminister gar kein Recht, solche Versprechungen zu machen — derlei könnte nur dev Kongreß tun — indes, dieser Schritt hat ihn« seitens eines Teiles der Presse großes Lob eingebracht und er wurde dafür bewundert, daß er, ein Zivilist, so durch und durch echten militärischen Geist zeigt. Den Brauch, europäische Nationen ihres Militarismus wegen zu der- höhnen, haben wir jetzt uns ftist ganz abgervöhnt.
„Die SeWmörderecke."
Unter diesem Titel veröffentlicht Herr Pastor O. Nöl, deke (Mechtshausen a. H.) in Nr. 15 und 16 der „Kirch. tlchen Gegenwart" (Verlag von Vandcuhoeck L Ruprecht in Göttingen) einen Artikel. Nach einer historischen Ausführung über den heidnischen Ursprung und das durchaus Unevangelische der entehrenden Behandlung der Selbstmörder führt der Verfasser ans:
„Wo alte Observanz, wo richtendes Vorurteil und törichter Aberglaube in einer evangelischen Gemeinde die Sclbstmörderecke nvch halten wollte: mit Hülfe der Gerichte könnte dem bald ein Ende gemacht werden. Denn das später als die in Frage kommenden Verfügungen des hannoverschen Konsistoriums erlassene „Gesell über die Grenzen dcs Rechts zum Gebrauch kirchlicher Straf- und Zuchtmittel" vom 18. Mai 1873 bestimmt in § 1, daß keine Kirche oder Religionsgesellschaft befugt ist, andere Strafoder Zuchtmittel anzudrohen, zu verhängen oder zu verkünden als solche, welche dem rein religiösen Gebiete an-
FeuilleLorr.
Die Fürstin Inblonskn.
Eine Badesensation von Hermann Heinrich.-!-)
Wer im Sommer dcs Jahres 1896 seinen Aufenthalt in dem vornehmen Nordseebaöe genommen hatte, wird sich unzweifelhaft jener Fürstin Jablonsta erinnern, die wie ein glänzendes Meteor am Himmel des Badelebens aufging, kurze Zeit den Mittelpunkt der aristokratischen Gesellschaft bildete, jeden, der in ihre Nähe kam, mit dem Reiz ihrer eigenartigen Persönlichkeit faszinierte, und dann wie ein Meteor plötzlich verschwand. Die Gesellschaft stand damals vor einem Rätsel. Durch die Mitteilungen meines Freundes, des berühmten Pianisten Waldemar Zeisler, bin ich in den Stand gesetzt, das Rätsel zu lösen, und da mein Freund selbst auf längere Geheimhaltung des interessanten Vorgangs keinen Wert legt, so fühle ich mich um so weniger dazu veranlaßt, als die Heldin dieser merkwürdigen Geschichte, wie die Zeitungen melden, kürzlich verstorben ist.
Waldemar Zeisler hatte Norderney ausgesucht, um sich von den Anstrengungen einer Konzert-Tournee, die sich bis in den Juni hinein erstreckt hatte, zu erholen und seine abgespannten Nerven zu kräftigen. Zur Wahl dieses Badeortes hatte der Umstand beigetragen, daß der an das Leben in der großen Gesellschaft gewöhnte Künstler auf den Reiz einer vornehmen Geselligkeit auch im Bade nicht verzichten wollte, und in Norderney einen Freund und Stuüiengenossen, Grafen Raven, einen ebenso ltebenswürdigen als geistig angeregten Mann, wieöcr- sllrben sollte. Um möglichst ungeniert zu leben, hatte er sich als „Privatier" in die Baöeliste eingetragen, konnte aber, als er sich eines Abends im großen Saale des Kur- harffes befand, der Laune des Augenblicks nicht widerstehen, sich an den prachtvollen Flügel zu setzen und in freier Phantasie seinen Gefühlen musikalischen Ausdruck zu geben. Die Aufmerksamkeit der Gesellschaft war sofort gefesselt, und am Schluß des Vortrages lohnte ein
,*) Es dreht sich in dieser Skizze um die Wiedergabe eines wahren Boraangs. Die Namen von Ort und Personen sind willkürlich gewählt
begeisterter spontaner Beifall der Zuhörer dem Künstler. In Gesellschaft seines Freundes verließ er schnell den Saal, um sich in einem abgelegenen Teile deS KurgartcnS zu ergehen.
„Darf ich Sie bitten, Herr Graf, mich mit Ihrem Freunde bekannt zu machen?"
Eine Dame von hoher, schlanker Erscheinung war es, die, ans dem Dunkel des schattigen Laubgangcs hcrans- trctcnö, diese Worte an den Grafen richtete.
„Fürstin Jablonsta!"
Waldemar hatte den Namen schon gehört und die gefeierte Dame bereits aus der Ferne gesehen. Mit einem Gefühl innerer Opposition trat er ihr entgegen. Seine selbständige Natur sträubte sich, dem Zuge der Menge zu folgen und seinen Nacken unter eine Herrschaft zu beugen, die diese Dame allerdings in der geistreichsten und liebenswürdigsten Art ausübtc.
„Sie sind der Pianist Waldemar Zeisler."
„Bitte, der Privatier."
„Ich werbe Ihren Wunsch, unbekannt zu bleiben, selbstverständlich respektieren, Herr Zeisler. Die große Menge da drin mag in Ihnen immerhin den begabten Dilettanten bewundern. Ich weiß, so spielt nur ein Künstler."
Waldemar Zeisler konnte sich dem wohltuenden Eindruck dieser so schlicht und natürlich klingenden Anerkennung nicht entziehen. Zugleich aber lauschte er auf den sonoren Klang der Stimme, dieser eigenartig dunkel gefärbten Altstimme, die er schon einmal gehört zu haben glaubte. Die Herren begleiteten in lebhafter Unterhaltung die Dame in den Teil des Kurgartens, der durch tausend elektrische Flammen und entzückende farbige Lichtarrangements taghell erleuchtet war und nahmen an einem Tische Platz. Die Fürstin öffnete eine goldene Tabaksdose, drehte mit geschickten Fingern einige Zigaretten und präsentierte sie den Herren. Diese langten zu, gaben der Fürstin Feuer und bewunderten im stillen die Grazie, mit der sie selbst die Zigarette zum Munde führte. Die feine, zarte Hand mit dem funkelnden Solitär kam dabei auf die wirksamste Weise zur Geltung. Die. Augen der Gäste an den anderen Tischen waren mit Interesse auf die kleine Gruppe gerichtet.
„Ich gestehe offen, Herr Zeisler, daß ich aus purem Egoismus um Ihre Bekanntschaft gebeten habe. Sehen
sie, da fern an der Küste lebt ein Fischcrvölkchen in uefer Armut, in materieller und geistiger Bedrücktheit, nnd dabei ist es doch von einer geradezu rührenden Herzensgüte. Ich habe mit dem Lehrer gesprochen, der lOtuvlid) die Armut der Mischer teilt, über geistig weit über ihnen steht. Der größte Schmerz ist diesem braven, netten Menschen der Mangel einer Orgel in der einfachen Dorskirche. Er mutz mit seiner schwachen, ange- Itrengtcn Stimme den rauhen Gesang der Armen leiten und geht auf diese Weise dem Ruin entgegen. Wie wäre es, Herr Zeisler, wenn wir den Leutchen die Orgel schenkten?"
„Wir?"
„Ja; und ich denke so! Wir veranstalten ein Konzert mit Angabe des Zweckes und laden die Badegesellschaft dazu ein. Der Gedanke rumort mir längst im Kopf, es fehlten nur die Künstler. Diesem Mangel ist abgeholfen, Herr Zeisler, werin Sie Ihre Mitwirkung zu» sagen. Einige Lieder, einige Deklamationen zur Abwechselung, den Prolog verfasse ich selbst, Entree nach Belieben, der Wohltätigkeit sind keine Schranken gesetzt — meinen Sie nicht, daß wir die paar tausend Mark zu, sammenschlagen?"
Der Graf stimmte begeistert zu, und der junge Künstler konnte nicht nein sagen, ja er verstand sich sogar dazu, im Interesse der guten Sache den „Privatier" mit dem Pianisten zu vertauschen. Noch an demselben Abend wurde die Idee der Badegesellschaft bekannt gegeben und von dieser mit Begeisterung ausgenommen.
Gedankenvoll ging Waldemar an der Seite seines Freundes dem Hotel zu. Der Graf sprach von der Fürstin in Worten hoher Bewunderung. „Und diese Sorge für die religiösen Bedürfnisse des armen Fischer, volles nennt sie Egoismus. Eine herrliche Fraul"
Waldemar schwieg längere Zeit. Dann entgegnete er langsam: „Ich weiß nicht, ich werde dieser Frau gegenüber ein gewisses unbehagliches Gefühl nicht los. Diese Gestalt, diese Bewegungen, dieser Zigarettenduft, und vor allen Dingen diese Stimme — ich Habe das alles schon einmal mit einer Deutlichkeit wahrgenommen, daß ich glauben möchte, ein Doppelspiel dieser Art sei in der Natur nicht möglich."
«Du glaubst also an Identität«"
