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Verlag: Langgaffe 27.

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Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getra gen.

1908 .

Zum Falle Hllssrnrr

und damit zur Frage der Soldatenmißhandlungen wrrd uns von geschätzter Seite geschrieben:

Schon in mancher Kritik des Falles Hüssener wurde von Zivilpersonen darauf hingewiesen, daß, wie empörend auch das Gebaren des geckenhaften, brutalen Knaben ser, die weitaus größte Schuld dennoch nicht ihn, sondern dav S y st e m treffe. Wie zutreffend diese Behauptung fft, geht aus dem Schreiben eines aktiven, hochbegabten und ideal veranlagten Offiziers hervor, worin es u a. heißt:

„Er ist ein Opfer desSystems geworden, das so mangel- vaste und wenig ausführliche Gesetze und Vorschriften über den Gebrauch der Waffen des Militärs im Frieden besitzt, daß im einzelnen Falle nur ein sehr gereifter, ur­teilskräftiger Mensch das Richtige finden wird Eines dieser Gesetze sagt: bei Fluchtversuchen Arretierter, d H. vorläufig Festgenommener zur Feststellung der Persön­lichkeit, und Verhafteter auf Grund richterlichen Hafk befehls ist der Soldat berechtigt, von seiner Waffe Ge brauch zu macheri. Also Hüssener war nach nu itarffchen Gesetzen völlig im Recht, als er den davonlaufenden Arrestanten niedcrstach. Daß man ihm vorwirft. er hatte den Stich nicht tödlich fuhren sollen, ist lächerlich, denn wenn ich einmal steche, so ist es nur Zufall, ob die Wunde tödlich ist oder nicht. Tausende hatten rn dem lugendlichen Alter unter dem Eindrücke der Vorschriften stehend, das­selbe'getan, und ich glaube, ich hätte Mich als funger Leutnant vielleicht ebenso verhalten .

Das einzige, gegen Hüssener vorliegende Vergehen ist daß die Festnahme an und für^ sich ein Delrkt war, er kannte Hartniann persönlich und dadurch fiel hier feder Grund zur Festnalime fort. Die geringe Bestrafung des H ist somit militärisch vollständig gerechtfertigt. Die ganze Schuld trifft das System, das m völliger Ver- kennung der heutigen Zeit die _ Vorgesetzten Mit einer Dienstgewalt ausrüstet, wie sie dem mittelalterlichen preußischen Junkersystem entspricht."

Wie tröstlich es auch wirken mag, daß hier und da ein Offizier die Ungerechtigkeit und Überlebtheit gar mancher unserer militärischen Institutionen emsteht und sie am liebsten abschaffen möchte, so liefert uns doch u. a. der Abgang des prinzlichen Kommandeurs m «chlesten den unwiderleglichen Beweis dafür, daß man noch weit davon entfernt ist, dem Soldaten in erster ^.ime Manne^,- würde statt kiiechtliche Furcht anzuerziehen. Es bedarf gewiß keines besonderen Scharfblickes, um zu erkennen, daß bereits heute sich der Bürgerschaft, die ihre Sohne

den Offizieren und Unteroffizieren überantworte muß, eine tiefgehende Entrüstung über unser Atilitärsystem be­mächtigt hat, und die Frage: was wird die Folge sein, wenn inail nicht rechtzeitig mit den _ veralteten Tradi­tionen bricht, ist gewiß aktuell und leicht zu losen, Unzufriedenheit wird naturgemäß um so intensiver wer den, je zäher die Militärbehörden an dem nnt Recht ver haßten und veralteten System feschalten. Es konnte ge schehen, daß das Verhältnis Mischen Mannschaften und unbeliebten Vorgesetzten eine derartige Spannung ge­wönne, daß es schließlich in wildem Haß endigt Skun denke man sich Deutschland in einen Krieg verwickelt mit einem Gegner, dem Fortuna nicht ganz so abhold wäre, wie sie es im Jahre 70 den Franzosen war Ware es da ein Wunder, wenn dann so mancher verhaßte Vorgesetzte die Frucht dessen erntete, was er in Friedenszeiten m die Harzen seiner Soldaten gesät! Man wende mcht ern, derartiges sei bei unserer strengen Disziplin gänzlich ausgeschlossen. Absolut ausgeschlossen wäre es bloß dann, wenn unsere Disziplin nur auf echter Dianneszucht be- ruhte, statt wie jetzt vielfach auf blindem Gehorsam und Furcht vor Strafe.

Tie Zeiten der mittelalterlichen Gewaltherrschaft, der Unterdrückung und Verdummung sind vorüber, jedes ein­zelne Individuum fordert tägliche energischer die volle Anerkennung seiner Menschenrechte, und ein System, das sich in unverständlicher Verblendung dem widersetzt, das beschleunigt nur seinen Untergang. Es gibt noch ein anderes, weit mächtigeres Motiv, welches uns Wandlung nl fordern heischt, d. i. der Mannesstolz, die Menschen­würde' Wir alle sind Soldaten, nicht weil wir mußten, sondern weil wir wollen; wir alle wagen Gut und Leben für die Verteidigung unserer Scholle, der General nicht mehr als der gemeine Soldat. Und weil unser Einsatz der gleiche ist, deshalb verlangen wir auf das entschiedenste die 'gleiche, gerechte, rücksichtsvolle Behandlung für alle Es ist endlich an der Zeit, daß auch die burger licken Kreise klar und unumwunden ihre Stellung kenn zeichnen zu einer der wichtigsten Institutionen unseres Vaterlandes und zur leider allerwichtigsten unseres Geldbeutels. ^ r . ., ,

Ter in unserer Armee geübte Drill, verbunden mit der Herrschaft der Gewalt und der Furcht, mag für ein Söldnerheer zweckentsprechend gewesen sem, heute aber, wo der Soldat kein Knecht mehr, sondern em freier Mann ist — st frei wie auch der König —, heute, wo der Soldat seine Dienste und sein Leben ohne — mit Aus­nahme der Vorgesetzten — besondere Vergütung dem Vaterlande opfert, heute ist eine Behandlungsweise, wie sie die ständigen kriegsgerichtlichen Verhandlungen zum Schrecken der Nation oft offenbaren, eine andauernde be-

lcidigende Entehrung, welche unser Volk nicht längev dulden darf, ohne sich indirekt der Mithulfe schuldig zu! machen. Wem wirklich daran gelegen ist, einen muster- gültigen Soldatenstand zu schaffen, der wird sede^ Hindernis zu beseitigen suchen, welches der Erreichung dieses Zieles im Wege steht. Nun kann aber kem Zweifel' darüber herrschen, daß die Zuverlässigkeit emes Menschen in Proportion zur Höhe seines moralischen Standpunktes steht, und ebenso zweifellos ist, daß Heuchelei, Mißtrauen^ Rachsucht usw. die besten Mittel sind, diesen Standpunktz auf Skull herabzudrücken. Das System, welches bei uns,, noch in Blüte steht, ist nun aber außerstande, etwas anderes als die eben erwähnten schönen äugenden zst produzieren, denn es gehört ein starker Charakter dazu, auch danii iioch die Wahrheit zu sagen, wenn man weiß., daß der Lohn hierfür vielleicht eine niederträchtig^ Onälerei und Mißhandlung während der ganzen ubrigM Dienstzeit ist. Solchem bedenklichen Lohne der Wahrheits. liebe ist nicht etwa nur der Gemein e ausgesetzt, sondern auch der junge Leutnant hat oft nrchtv andere^ zu erwarten, wenn die Wahrheit dem Vorgesetzten unaw genehm ist; beweisführende Beispiele hierfür ließen sich

zur Genüge anführen. . . .

Wie sehr übrigens die angeführten Mißstande in unserm Heerwesen grassieren, dafür zeugt der viel­besprochene Regimentsbefehl des Prmzen von Sachsen- Meiningen, der einzige Trupvenführer, der bis dahin das moralische Moment des Militarismus erfaßt oder es wenigstens offen zu bezeugen den Mut gehabt hat. ^eder Bürger und erst recht jeder brave Offizier, denen me Zu­kunft des Vaterlandes und unserer Jünglinge nicht nur auf der Zunge, sondern wirklich am Herzeii liegt, haben die Pflicht, gegen ein System Front zii machen, das trotz all seiner Schneidigkeit eine Schmach für uns alle ist.

Au der gleichen Angelegenheit schreibt man der „Franks. 8tß.":

cv n Ihren Besprechungen der Soldatenmihhand- lnnaen, die wir uns leider gewöhnt haben, als stehende, immer wiederkehrende Rubrik in den Zeitungen zu fin­den haben Sie mit Recht darauf hingewiesen, daß das Hauptübel die Furcht vor der Anzeige und der Mangel an Aufsicht ist. Beides ist wohl so alt wie die Soldateska überhaupt. Als ich im Jahr 75/76 mem Jahr ber der Artillerie zu Wiesbaden diente, ereignete sich unter anderen Mitzhandlnugsfällen auch der folgende: Wir

hatten Sonntagsappell im Stall (es war Wintertag), wobei die Mannschaften ihre Stiefel vorzuzeigen hatten Die Korporalschaftsführer besahen kurz vorher die Stiesel ihrer Mannschaft, wobei ein Unteroffizier die Stiefel, welche nach seiner Ansicht schlecht geputzt waren, dem

Eine Uorinstruküon.

Bon Frhr. v. Wangenheim-Wölfis.

(Schluß.)

Mechanisch drehte er sich um, und ohne sich des Ziels bewußt zu sein, steuerte er dem Kasino zu,. m dem er sich am Morgen in der sicheren Erwartung, den Augen de Oberst zu entgehen, ein solennes Frühstück bestellt hatte, das er sich trefflich schmecken lassen wollte, während die anderen bei der Vorinstruktion schwitzten. ^.etzt war ihm der Appetit vergangen. Er ließ sich an dem gedeckten Frühstückstisch schwer in einen Sessel fallen, schob unwirsch Löffel und Besteck zur Seite und begann mit finster ge­falteten Brauen wie geistesabwesend em Brötchen zu zer­bröckeln, das sich gerade im Bereich seiner Finger befand.

Leise öffnete sich die Tür und fast lautlos schlüpfte re wohlerzogene Kasino-Ordonnanz hinter den Offizier und wartete ein paar Minuten geduldig, daß dieser von ihrem Dasein Notiz nehmen sollte. Es geschah aber nicht, trotz Ederb ölten, respettvollen Räusperns.

„Herr Oberleitnant", begann der Musketier dann halb zaghaft. Keine Antwort. ,

Ein paar Augenblicke vergehen, in denen man nur freu gleichmäßige Ticken des Regulators vernimmt.

„Herr Oberleitnant, soll ich —" werter traut er sich nicht zu reden.

Keine Antwort. . ..

Nun faßt die Ordonnanz sich aber ein Herz, denn sie hat noch mehrRespekt wie vor jedem Offizier vor demKoch, der das Frühstück bereits angerichtet hat und der auf rasche Erledigung seiner Aufträge meistens sehr deutlich ausgedrückten Wert legt. .

„Herr Oberleitnant von Schirowski, soll ichs Früh

f tud£ Ter^Teufel soll das Frühstück holen und Sie und denOberst hat er sagen wollen, aber die Gegenwart des Untergebenen läßt ihn das Wort unterdrücken. ..essen Sie'^ selbst oder machen Sie sonst was damit! Bringen Sie "mir einen Schnaps, einen Rachenputzer — einen Höllenkratzer — aber nur was Scharfes, das die abge storbenen Lebensgeister wieder ins Leben zurückruft!"

Die Ordonnanz eilt, das Gewünschte zu bringen. Schirowski ergrefft das Glas und gießt fon hochprozen­tigen Inhalt mit kräftigem Ruck hinter die Binde. Dann wiederholt er noch einige Male das Manöver, wobei sein Gesicht einen eigenartig pfiffigen Ausdruck anmmmt. Zuletzt nickt er seinen eigenen Gedanken lebhaft Beifall, springt auf, faßt Mütze und Handschuhe und verlaßt mit den Worten des bekannten Kuplets tralalalala, so ward s gemacht" in gehobener Stimmung das Kasino, um sich m

die Kaserne zu begeben. ,

Ist dem Reviere der Kompagnie kommt ihm ganz ve- stürzt der Feldwebel entgegengeeilt, den der Hauptmann chon vor einiger Zeit durch einen geheimen Boten von dem kommenden Unheil in Kenntnis gesetzt hat. trostlos schaut die Mutter der Kompagnie den Leutnant an. mil Mühe bewahrt sie nur die sonst unter allen Umstanden ihr zu Gebote stehende militärische Fassung.

U je, Herr Oberleutnant, das durfte nicht kommen. Ich hab's dem Herrn Hauptmann gleich gesagt, er sollte mich lieber die Rekruten mit aufstellen lassen, damit der Herr Oberst nur den Herrn Oberleutnant nicht zu sehen bekäme. Ach Gott, Hab' ich nicht alles schon voraus

nun trösten Sie sich man, Sie edler Freund und Kupferstecher, denn jetzt hilft kem Mundspitzm. mehr, es muß gepfiffen werden. Schlimm genug hat es w der Oberst mit uns vor, aber wenn er so einen alten Kriegs­kameraden wie mich reinlegen will, muß er doch noch em wmia früher aufstehen, denke ich. Wie ist es, haben Sie schon die nötigen Befehle an die alten Leute für die In­struktion ausgegeben? Wir Haben nur noch eme halbe Stunde Zeit bis dahin."

Zu Befehl, Herr Oberleutnant, schon vor emer Stunde, unmittelbar nachdem mich der Herr Hauptmann benachrichtigt hatte, habe ich überall ansagen lassen, daß um ll Uhr Vorinstruktwn der alten Mannschaften vor dem Oberst sei. Als Uniform habe ich 4. Tuchanzug be­fohlen, der ist in gutem Zustande, denn ich habe ihn gestern schon — als ob ich alles geahnt hatte — m Stand (eben lassen. Und jetzt putzen die Leute auch schon seit fast einer Stunde daran unter Aufsicht der Unteroffiziere Wer was wird es helfen, wenn der Herr Oberst etwas finden will, um eine Aufstellung zu machen, so findet

er doch was, und wenn ich gleich am Anzuge putzen und reinigen lasse, bis die Kirschen blühen. ,

„Das wird wahrscheinlich richtig sem! Doch wa.' ich sagen wollte, Feldwebel, sind vielleicht welche von den alten Mannschaften abkommandlert oder trank im

~° 3 „Ach," Herr Oberleutnant, das ist's ja eben! Hätt ich nur vorher «ne Ahnung gehabt, so hatte ich schon die paar Dümmsten irgendwo untergebracht! Aber letzt ff da nichts mehr zu machen, denn wenn dem Herrn Oberst Leute als krank oder abkommandiert gemeldet werden, läßt er sich immer gleich die Bücher vorlegen, um zu sehen, von welchem Tage die betreffende Eintragung datiert Ter Herr Oberst ist zu mißtrauisch!

„Also damit wäre cs nffcht?"

„Nä!" antwortete kläglich der Feldwebel. „Wenn wir wenigstens nur den Schabowski verstecken tonnten.

9j£u§fcticT ©(fjaboto^Ii ttxir tidTnlict) ber üticrtnntit dümmste Mann in der Kompagnie. Er war ein echter Wasserpolack aus der Konitzer Gegend und konnte, als man ihn vor Jahresfrist in die Kompagme «nstellte, auch nicht em einziges Wort Deutsch Sämtliche erdmibarm Unterrichtsmethoden waren von den bewartesten Instruk­teuren an ihm erprobt worden, aber ohne leben nur einigermaßen genügenden Erfolg. Die Kommandos hatte er mit der Zeit gelernt, auch die Ausdrücke für „Geld, Essen, Trinken und ähnliche materielle Sorgen be- herrschte er leidlich, aber damit war auch die Aufnahme­fähigkeit seines Gehirns erschöpft. Als man ihm dann nach unendlicher Mühe noch auf die Frage „Wer tomman- diert unser Regiment?" die Antwort ,,^-er Herr Oberst von Trex" eingebläut hatte, damit Schabowski wemg- stens dem Zivil gegenüber diese nach militärischen Be- griffen hochwichtige Antwort geben könne, hatte man sich allgemein mit dem erreichten Resultat zufrieden gegeben und war stillschweigend dahin übereingekommen den Musketier Schabowski bei Besichtigungen, Vorinstruk­tionen und dergleichen in die Mannschaftsküche oder zu sonst einer nutzbringenden Beschäftigung abzukommais dieren, bei der er durch seine Dummheit den guteir Ein­druck, den nun einmal die besichtigte gruppe hinterlassen milßte, nicht weiter trüben kormte Diesmal aber batte niemand an dergleichen gedacht und der Feldwebel hatte