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«erlags.Aer»sprecher No. 295».
Dienstag, de« 1. September.
RedaklionS.F«rnIprecher N». 52.
1908.
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Dir Mswahlgefetz-Frage.
Wieder einma"stuken in der Presse Gerüchte herum, nach denen . das k^swahlgesetz in Gefahr sein soll Wir können nur i 1' er wieder sagen: Wir glauben nicht an solche Gefahr, i^Zwar darum nicht, well der Neigung zur Abänderung, ^wohl nicht gestritten werden kann, die nachhaltige Kr, nangllt, mit der allem der Wunsch zur Lat werden i>. In einer Zell, wo sogar in Sachsen die Einsich^ammert, daß die Sozialdemokratie durch WahlcntrechL^nicht geschädigt, sondern erst recht aefördert wird, ha nicht so leicht zu besorgen, daß die dort gemachten A>r ans das Reich übertragen wer- den könnten. Diener des geltenden Wahlgesetzes wollen von der Auchng nicht los, daß das Gesetz mit der Zunahme nameiU' der städtischen mrd der Industrie, bevölkerung und michs fortdauernden Industrialisierung des deutschen Volkesgadezu wie eine Prämie zugunsten der Sozialdemokratitz rke, und wenn auch der Mut und die Entschlossenheit ^Versiu-nmelung des Wahlgesetzes fehlen so will manpngstens die Forderung nicht er- füllen' daß eine nev Wahlkreiseiilleilung, entsprechend den Verschiebungen u; dem Wachstum der Bevölkeriing, durchgeführt werde, «lohnt sich wohl, diese Wahlkreis- frage einmal von cm^n Gesichtspunkten aus als den herkömmlichen zu betten. Ist es denn unweigerlich wahr daß eine NenMung ausschließlich der Sozial- demokratie zugute koM würde? Man möge berück- sichtigen daß das ungpre Anschwellen einzelner Wahl- kreise lediglich durch brrk- und Arbeiterbevölkerung zur Folge gehabt hat,iß diese Wahlkreise jetzt sozial- demokratisch wählen, kelswegs aber, daß sie vollständig sozialdemokratisch gemein sind. Vielmehr gibt cs m
ihnen allen starke Minderheiten, die jetzt nicht zum Worte kommen können. Der wohlhabendste Test von Berlin, Berlin W„ ist im Jahre 1867 mit den südlicksen Bezirken bis in die ärmsten Stadtteile des Südosteiis hinein zu einem Wahlkreise verbunden worden, und die gairze vornehme Bewohnerschaft der einen Hälfte des Wahl- kreises wird von der Masse der Arbeiterbevölkerung in der andern Hälfte überstimmt. Betrachtet man solche Erscheinungen liäher und erwägt man, daß sie sich diirch einen großen Teil des Reichs hindurch wiederholen, so möchte man es des Nachdenkens wohl wert halten, wenn u. a. die „Preußischen Jahrbücher" empfehlen, es möge eine Wahlgesetzreform die Wahlkreise vergrößern, so daß also nach der letzten Volkszählung statt auf 100 000 auf je 142 000 Einwohner ein Abgeordneter käme. „Berlin", so meinen die „Preußischen Jahrbüäser", würde also statt der sechs Vertreter, die es jetzt hat, zwölf bekommen; es ist aber keineswegs gesagt, daß es dann entsprechend dem jetzigen Verhältnis zehn Sozialdemokraten und zwei Freisinnige in den Reichstag senden würde. Die neue Einteilung wird der Natur der Dinge und der Gerechtigkeit entsprechend am besten so gemacht, daß die sozialgleichartigsten Teile zusammengefaßt werden. Wenn dann Berlin W. für sich allein einen Abgeordneten wählt, so wird es ganz gewiß keinen Sozialdemokraten, wahrscheinlich nicht einmal einen Freisinnigen, sondern eineni Nationalliberalen oder einen Konservativen wählen-. Ganz ähnlich steht es in anderen Großstädten: sobald die mehr bürgerlich bewohnten Stadtteile von den Arbeitervierteln getrennt werden, haben sie die Möglichkeit, ihren eigenen politischen Charakter, der jetzt vollständig unterdrückt ist, wieder zur Geltung zu bringen. Hamburg wählt jetzt drei Sozialdemokraten; wenn es in fünf Wahlkreise geteilt wird, werden sie gewiß nicht alle fünf dieser Partei anheimfallen, und der große Nachteil, der sich aus der Versteinerung unserer Eintestung entwickelt hat, daß die Großstädte fast alle ausschließlich durch die Vertrauensmänner der Arbeiterbevölkerung vertreten sind, würde behoben sein. Im Königreich Sachsen find unter 23 Mgcordncten 22 Sozialdemokraten gewählt worden, obgleich auf diese nicht mehr als 58 Prozent der abgegebenen Stimmen gefallen sind. Bei anderer Einteilung würden sicher wieder eine Anzahl Bürgerlicher, vielleicht sogar Agrarier, gewählt werden. Die Sozialdemokraten sind ja zum allergrößten Teil nur mit ziemlich geringer Majorität gewählt worden. Es ist also höchst wahrscheinlich, daß die. Neueinteilung zwar eine große Beschwerde beseitigen und doch in der Verteilung der" Parteien im Reichstage keine sehr wesentliche Verschiebung herbeiführen würde. Die großstädtisch-bürgerliche Bevölkerung, die jetzt mundtotgemacht ist und sich am öffentlichen Leben kaum noch beteiligt, würde wieder
Krtimau
Von
Die Sprache ist sschlietzliches Eigentum des Menschen. Er verdankte seinen höheren geistigen Eigenschaften, denn zum rechen gehört eine Gedankcn- bildung, wie sie eben 1 das menschliche Gehirn erzeugen kann. , „ . , . . . ,
Bereits im grauen Irtum stand her den Grrechcn und anderen Kulturvölk. die Kunst der Rede, dre Rhetorik, in hohem Anse. Schon Aristoteles, Crcero und Quintilian Habente Regeln der Rhetorrk mit großem Geschick und Saänn entwickelt.
Bei den alten Griecho'lt die Bildung ernes Jünglings nicht für abgeschlosewenn er nicht erst Bei den besten Meistern der Redest mit Erfolg studiert hatte. Die Redekunst umfaßt zrvtz- Lehre von der Erfindung, Anordnung und Ausarb^ernerRede aber es gehörte zur Kunst selbstverMch die Fahrgkert, die Rede gut vorzutragen. Im r^nen Sinn verstehen nur ' unter rhetorischem UnterrHauptsachlich dre Kunst, gut sprechen, deutlich aussprech? können. In dieser Hinsicht im Sinne des Spr.Terrichts, ist dre Strmm- hygi'ene von der größten IKtung. In dieser Hinsicht
bedarf die
Rhetorik einerTidlichen Ausbildung der Atmungs- und Sprechw^e. Zum Sprechen be- dürien wir zunächst eines spates, durch welchen dre Stimme in Gestalt ungegliösr, unartikulierter Töne erzeugt wird. Dieser App^ist der Kehlkopf. Zur Sprache wird die Stimme estdurch, daß verschiedene, oberhalb des Kehlkopfes geb> Teile, wie Gaumen, Mund- und Nasenhöhle, di artikulierten Töne zu gegliederten umwandelrr. DFaber im Kehlkopfe die Stimme entstehen kann, mutz« aus der Lunge durch die Luftröhre und den KehlkoNröurch getrieben werden, um die im Kehlkopf ausgistten Stimmbänder in wnende Schwingungen zu venu
Man kann unseren ganzenchmapparat mit einer Orgel vergleichen, die nur eincvne hat. Im Kehlkopfe aber verwandeln wir diepzige Pfeife in ver- 'chiedcnartig erklingende Pseifeuiem wir durch unsren Willenseinfluß auf die Ne und Muskeln den
schallerzeugenden Vorrichtungen des Kehlkopfes und seines Ansatzrohres solche Stellungen und Spannungen geben, daß Töne von verschiedener Höhe und Klangfarbe erzeugt werden.
Im gewöhnlichen Leben mag einer reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist; will er aber öffentlich sprechen, so hört das auf, dann muß er zuerst rhetorischen Unterricht nehmen, und zwar möglichst bei einem berühmten Meister, denn die Sprechkunst ist eine so schwere und veredelnde, wie wenig Menschen ahnen. Es steht unzweifelhaft fest, daß jeder Schauspieler oder öffentliche Redner, der in seiner Kunst große Erfolge erzielt, ein guter Sprecher ist. Man glaubt nicht, wie gewaltig der Unterschied zwischen einem guten und schlechten Redner ist. Dieselbe Sache von beiden vorgetragen, wirkt himmelweit verschieden, hauptsächlich durch die Kunst des Sprechens, die Mimik soll garnicht in Betracht kommen.
Jeder, der öffentlich reden muß oder will, sollte daher Stimmhygiene treiben nach den Vorschriften eines anerkannt tüchtigen Lehrers. Es wäre ein Glück für die Heranwachsende Jugend, wenn alle ihre Lehrer rhetorischen Unterricht genommen hätten, wenn sie alle gute Sprecher wären. Die Stimmhygiene sollte schon beim Kinde, sobald es zu sprechen anfängt, von den Müttern in Anwendung gebracht werden. Das Kauderwelsch, welches so viele Kinder reden, die schlechte Aussprache, die Schwierigkeiten, welche sich oft später im Hervorbringen einzelner Laute Herausstellen, ja, selbst Stammeln und Stottern haben meist ihre Ursache in der Vernachlässigung der elterlichen Pflichten zur Zeit der künstlichen Sprachentwickelung beim Kinde.
Sobald ein Kind die ersten Versuche zur Silben- und Wortbildung macht, verfalle man nur nicht in den leider allzu häufigen Fehler Erwachsener, die lallenden Töne des Kindes nachzuahmen und sich darin mit ihm zu verständigen.
Es wird hierdurch nicht nur das Gehör des Kindes gründlich für schärfere Unterscheidung und für Wohlklang verdorben, sondern auch die normale Sprachbil- dung verzögert. Immer spreche Mutter oder Wärterin jedes Wort dem Kinde klar und deutlich vor, wiederhole es mit Geduld recht oft und ermuntere das Kind, es möglichst rein nachzusprechen. Nichts bildet das Sprechorgan des Kindes leichter, nichts unterstützt diese Art von Stimmhygiene mehr, als wenn das Kind gezwungen
Luft bekommen und sich regen". So die „Preußischen Jahrbücher", die noch ans einen weiteren beachtens- werten Umstand Hinweisen. Bei einer solchen Reform nämlich würde die Rechte als Ganzes Wohl nicht gerade viel verlieren, aber innerhalb der Rechten würde das ländlich-konservative Element zurückweichen zugunsten des städtisch-konservativen; denn die Zahl der Älbgeord- neten, die dm Großstädtm neu gegeben werden müßte, inüßte den vorwiegend ländlichen Wahlkreisen genommen werden. Von diesem Gesichtspunkt ans würde die Re- form von der jetzigen konservativen Partei unzweifelhaft und mit aller Kraft bekämpft werden, und auch das Zentrum, das von seinen bayrisch-landwirtschcrstlichen Kreisen einen Teil hergeben müßte, würde wohl nicht so sehr dafür sein. Aber, so mahnt die erwähnte Monatsschrift, die Regierung sollte sich dadurch nicht abschrecken lassen. Tatsächlich umfaßt die landwirtschaftliche Bevölkerung in Deutschland doch schon nicht mehr als etwas über ein Drittel der Bevölkerung, und die große Majorität des Reichstags ist agrarisch. Das ist ein unnatürlicher Zustand, der sich aus die Dauer nicht halten läßt. Sobald die Regierung eine Neueinteilung der Wahlkreise vorschlägt, kann der Reichstag sie nicht ablehnen, und das Deutsche Reich ist stark genug, das, was die Natur der Dinge einmal verlangt, auch auszuführen und sich durch die so neugeschaffenen Verhältnisse durchzutämpfen.
Deutsches Reich.
* Zur Kasseler Kaiserrcde äußert sich ». a. das „99. T.": „Der Grundzug der diesmaligen Rede des Kaisers war sozusagen auf Erinnerungen aus seiner eigenen in Kassel verlebten Gymnasialzeit gestimmt. Dieser Rückblick veranlaßte schließlich den kaiserlichen Redner zu dem Selbstbekenntnis, daß kein einziger unter seinen damaligen Lehrern, auch der Geheime Negierungspat vr. Hinzpeter nickt ausgenommen, trotzdem sie allesamt ihren Pflichten aus das pünktlichste nachznkommen bestrebt waren, sich darüber habe klar sein können, welche ungeheuere Arbeitskraft Und welche niederdrückcnde Verantwortung demjenigen anfgcbürdet ist, der für 68 Millionen Deutsche verantwortlich ist. Für den hohen Ernst, mit welchem der Kaiser sein Herrscheramt anffaßt, legen diese Worte von neuem — wenn das überhaupt noch erst nötig war — sicherlich das bündigste Zeugnis ab. Allein die Frage muh anfzuwcrfen erlaubt sein, inwieweit diese Auffassung von der Selbstverantwortlichkeit des Königs für sein Volk mit dem Wesen des Konstitutionalismus im allgemeinen und mit dem des preußischen Staates im besonderen zusammenstimmt. Gerade von dieser nieder- drückenden Verantwortung will die Verfassung den König
wird, alles, was cs wünscht, deutlich und richtig betont auszusprechen.
Hat ein Kind Neigung zu hastiger, verschwimmender oder polternder Aussprache, so ist es unbedingt erforderlich, diesem Übel so früh wie möglich einen Hemmschuh anzulegen, indem man vom Kinde unerbittlich verlangt, die Endbuchstaben, namentlich die Konsonanten, deutlich auszusprechen. Dazu muß man dem Kinde Zeit lasten, gehörig tief etnzuatmen und so viel Luft in den Luftkasten zu füllen, daß diese für normale Redesätze ausreicht. Diese einfache Maßregel hält das Itbereilen zurück, zwingt das Kind, die Silben folgerichtig nach einander zu betonen, hält den Gedanken an, daß er nicht über die Silben stolpert. Diese Maßregel stärkt auch den ganzen Stimmapparat durch richtige und tiefe Atmung und ist ein sicheres Vorbeugungsmittel gegen . das Stottern.
So erzogene Kinder haben cs im späteren Leben leicht, wenn nötig, rhetorischen Unterricht mit Erfolg zu nehmen. Nicht so vorbereitete Menschen verlieren oft den Mut, wenn sie bei einem Meister Sprechunterricht nehmen, und erst wenn sie fühlen, wie die Kehle erleichtert arbeitet, da ihr durch richtiges Atemholen die halbe Arbeit abgenommen wird, erst wenn sie merken, daß der Ton ihrer Stimme von Stunde zu Stunde wächst und in dem Brustkasten die nötige Resonanz findet, die ihn mühelos verstärkt, daun fassen sie wieder Mut und bekommen Freude an dem Sprechunterricht, an der Stimmhygiene.
Es kann natürlich nicht hier angeführt werden, wie man lernt, richtig zu sprechen, das kann niemals theoretisch geschehen, sondern nur praktisch.
Es gehört viel dazu, ein guter Lehrer der Rhetoril zu sein. Das Ohr des Lehrenden mutz durch jahrelange Übung so geschult sein, daß es beim Lernenden jeder Tonfärbung bis auf die Ursache etwaiger entstellenden Nebenklänge nachgehen kann. Der Lehrer der Rhetorik hat nicht etwa, wie der Lehrer der Gesangskunst, Noten zur Verfügung, mit deren Hülfe er hören lernen kann. Er mutz das alles aus sich selbst herausholen und sein eigenes Organ so bilden, daß es zur Nachahmung dient und auffordert. Der Sprachlehrer mutz auch genaue Kenntnisse des ganzen menschlichen Stimmapparates haben, tzw die Funktionen desselben nicht nur zu kennen, sondern dieselben auch iw. Notfall durch Hygiene stärken zu können.
