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Dp. 406a BerlagS-Fernsprecher N». Rlis.

Dienstag» de« 1. September

Nebaktious-Fernsprecher No. 82.

1803.

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Herr tu Mitte.

L. Berlin, 31. August.

Der russische Ministerwechsel wird in hiesigen maß­gebenden Kreisen als ein starker Erfolg Wittes über seine heimlichen und offenen Gegner gewürdigt. Jede andere Deutung dieses Ereignisses geht am Ziel vorbei. Die Stellung des Herrn v. Witte ist ungemein befestigt wor­den, seine Rangerhöhung schließt eine Steigerung seines Einflusses in sich, und wie er die Handelsvertrags-Ver­handlungen fortführen wird, so wird er sich auch sonst als die leitende Kraft erweisen, die er immer schon gewesen ist. Aber er wird seine Ausgaben fortan ohne das Moment lässiger Reibungen erfüllen können, mit denen er bisher zu rechnen hatte. Die Möglichkeit seines späteren Auf­stiegs zum Reichskanzler wird hier ecnsüich ins Auge ge- saßt. Mit dieser Wiedergabe kompetenter Auffassungen erledigen sich die manckierlei haltlosen Kommentare in Berliner Blättern über das wichtige Ereignis, das nach innen wie nach außen seine Spuren bemerkbar machen wird. Was die auswärtige Politik des Zarenreichs be­trifft, so läßt sich wohl annehmen, daß sie unter der Leitung des Herrn v. Witte, zunächst der unauffällig in- . direkten, später vielleicht der ganz offenen und unmittel­baren, keine sonderliche Abweichung vom gegenwärtigen Kurse mit sich bringen wird. Man hat nie davon gehört, daß Herr v. Witte in einen Gegensatz zum Grasen Lambs­dorff oder zu seinem Vorgänger geraten sei, während er allerdings mit Herrn v. Plehwe die heftigsten Kämpfe vuszufechten hatte. Jene russische Polittk also, die unbe­schadet des intimen Verhältnisses zu Frankreich gute Be­ziehungen zu uns und neuerdings auch zu Österreich-

Ungarn sucht, darf wohl als diejenige Richtschnur be­trachtet werden, die auch Herr v. Witte für die zweck- mäßigste vom russischen Jnteressenstandpunkt aus er­achtet. Besonders begierig kann man darauf sein, wie er, ungehindert oder doch weniger behindert als bisher durch die Plqhweschen Tendenzen, der inneren Politik seines Landes seinen Stempel aufzudrücken suchen wird. In der Witteschen Amtsführung sind verschiedene Rich­tungen wahrnehmbar, die sich scharf voneinander ab­heben. Er galt zeitweise als verhältnismäßig liberal, und er überraschte dann wieder durch ein vielberufenes Memorandum an den Zaren, worin er sich gegen die Ausgestaltung der Selbswerwaltung nach den Wünschen der Semstwos erklärte und einer straffen bureankratischen Zenttalisation das Wort redete. Freilich hieß es damals, daß dies Memorandum einen geschickten Schachzng be­deuten sollte, mit dem Herr v. Plehwe durch Anwendung gleichwertiger absolutistisch gefärbter Mttel aus seiner Stellung herausmanövriert werden sollte. Was daran richtig ist, und wie sich Herr v. Witte die Führung der inneren Politik in Wahrheit denkt, darüber läßt sich von hier aus selbswerständlich nur schwer und nur mit Vor­behalten urteilen; aber die Probe auf seine Fähigkeit, dem zerklüfteten Reiche den Frieden zu bringen, wird Herr v. Witte ja nunmehr abzulegen haben.' Daß er Herrn v. Pleske zu seinem Nachfolger im Finanz­ministerium empfiehlt, spricht dafür, daß er es trefflich versteht, sich mit Kollegen zu umgeben, die ihm nicht gefährlich werden können. Denn alles, was man über diesen Herrn v. Pleske hört, auch das Beste und Wohl­wollendste, läuft darauf hinaus, daß er ein sttller, be­scheidener, wahrscheinlich tüchtiger, jedoch jedem politischen Ehrgeiz fernstehender Fachmann ist. llnd andere Neben­minister als solche von diesen rühmlichen Eigenschaften kann ein Mann von der Begabung und Selbstherrlich, keit eines Witte allerdings nicht gebrauchen. Die nächste und wichtigste Probe auf seine staatsmännische Kunst wird er freilich Herrn v. Plehwe gegenüber ablegen müssen. Solange dieser sein gefährlichster Rivale im Amte ist, solange wird Herr v. Witte trotz seiner Rangerhöhung schwerlich ruhig schlafen können.

Deutsches Deich.

* Hof. «nt Personal-Nachrichten. Nach einer MelöuiH der „Boss. Ztg." soll, entgegen dem offiziösen Dementi, der Z u st a n d des Königs Georg von Sachsen bedenklich sein.

* Wegen Spionage sind, wie schon gemeldet, vor einigen Tagen wieder ein Depotfeldwebel, ein Sergeant und 6 Arbeiter auf dem Fort Graf Haeseler verhaftet worden. Es handelt sich auch diesmal wieder um fehlende

Granaten neuester Konstruktion und Zünder 0. 96, deren Geheimhaltung strenge überwacht wird. Die Sache soll mit dem früheren Spion Hanne aus Montigny, dec nach Verbüßung einer vierjährigen Zuchthausstrafe in Halle nach Frankreich übersiedelte und in Pont ä Mousson eine Anstellung erhielt, Zusammenhängen. Plan vermutet, daß Hanne der eigentliche Leiter der Spionage ist und durch seine Kenntnis von Persollen und Verhältnissen begünstigt, Arbeiter — bei ihm sollen s. Zt. zwei franzö­sische Offiziere in Arbeit gestanden haben, die die Metzev Forts, in denen Hanne Lieferungen hatte, besuchten — hierher sendet, die sich mit Personen, die Geheimnisse zu bewahren haben, in Verbindung zu setzen suchen. Inwie­weit solche Gerüchte zutreffend sind, wird die eingeleitets strenge Untersuchung wohl lehren.

* Rundschau int Reiche. Die „Köln. Volksztg." mel­det aus S a a r l o u i s voll gestern: In vergangenerNacht wurde hier ein Unteroffizier des 30. Infanterieregiments von einem Wachtposten erschossen.

In den Marineetat für 1904 werden die Schlußraten für die Linienschiffe „Braunschweig" und „Elsaß", die Kreuzer „Roon", „Bremen", „Hamburg", und „Ersatz Zielen" eingestellt. Für die Linienschiffe K und L und den Umbau der Schiffe der „Brcmdeuburg"- Klasse werden dritte Raten und für die Linienschiffs N und X und den Panzerkreuzer „Ersatz Deutschland", so­wie die beiden kleinen Kreuzer M und „Ersatz Merkur" und zur Fortsetzung der Umbauten van „Kaiserin Augusta" und „Irene" die zweiten Raten eingestellt.

Eine Anzahl Berliner Polen, meist in be­scheidenen Verhältnissen, hatte im vorigen Winter be­schlossen, sich jeden Luxus zir versagen und die er­sparten Gelder den Parzellierungs- I n st i t u t e n in die Heimat zu schicken. Es waren dies alles nur kleine Summen. Indessen haben die Sammlungen doch schon bemerkenswerte Erträge er­geben,^ denn es wurden jetzt als erste Rate 11 000 M. einem Posener polnischen Parzellierungsinstitut Wer- mittelt.

Ter Aushebung des Spielklubs in A l t e n b e r g im neutralen Gebiet Moresne stellen sich Schwierigkeiten entgegen. Soweit es an der preußischen Regierung liegt, geschieht alles, um eilte baldige Schließung des Spiel- klnbs in dem profitwütigen Nachbarrepublikchen herbei­zuführen.

Ter Oberpostsekretär R. Wagner von Hanau, gegen den bekanntlich wegen Betätigung sozial- demokratischerGesinnung vor «Niger Zeit dasTisziplinar- verfahren eingeleitet wurde, ist laut „Han. Ztg." vor kurzem in die Redaktion der sozialdemokratischen „Leip­ziger Volkszeittmg" eingetreten.

Eine Uorinsiricktion.

Von Frhr. v. Wangenheim-Wölfis.

„Schirowski, Sie scheinen in diesem Winter ein recht beschauliches Leben zu führen!" «

,Llu freilich, wo werd' ich denn nicht! Ein bis zwei Mal in der Woche schießen lassen, ein paar Stunden jTurnen dazu— das ist alles!"

„Instruktion für die alten Leute gibt's wohl bei eurer Kompagnie überhaupt nicht mehr?"

„I, wie sollt's denn! Besichtigt werden sie ja vor der Kompagniebesichtigung doch nicht, wozu also die Auf­regung?"

„Na, wissen Sie, Schirowski", wendete sich jetzt der Adjutant des in C. liegenden detachierten Bataillons an den Oberleutnants „wenn das nur mal kein Unglück gibt! Ich habe gestern eine Postkarte vom Regimentsadjutanten bekommen, auf der sich dieser in allerlei dunklenAndeutun- gen ergeht, daß der Oberst — der Herr Oberst Bitte! — über Nacht den Jnspizierungsfimmel bekommen hat."

„Was, jetzt schon?" rief Leutnant Reimann und schnippte ein Ärotkügelchen dem Adjutanten grad' auf die Nase, „der Olle will doch etwa nicht jetzt schon Rekruten­besichtigung abhalten? Das könnte nett werden!"

Der Adjutcutt zog die Augenbrauen hoch und drohte halb scherzhaft zu dem jungen Leutnant hinüber.

„Schau einer an, so ein Frechdachs! Bei Ihnen wird er wohl anfangen, für die jüngsten Leutnants hat er so eine gewisse Vorliebe. Aber Scherz bei Seite! Ich glaube wirklich, daß der Oberst in den nächsten Tagen angeschrammt kommt, denn wenn nicht dringende Gefahr im Verzüge ist, rührt der Regimentsadjutant gewiß keine Feder an, dazu kenne ich meinen Freund Schwarz zu gut."

„Meinetwegen mag er nur kommen", warf Leutnant Müller von der neunten Kompagnie ein, „meine Männe- kens können alles!"

„Meine auch, unsere auch", schrieen jetzt die drei Übrigen Rekrutenoffiziere, obschon sie genau vom Gegen­teil überzeugt waren, „hoch sollen sie leben, hoch sollen sic leben, hoch sollen sie leben, dreimal hoch!"

Bei diesem elementaren Ausbruch eines verzweifelten Galgenhumors fuhr Oberleutnant Schirowski mit komisch

markiertem Entsetzen in die Höhe und sank dann wie ge­brochen auf seinen Stuhl zurück.

„Gott, was die Hühner wieder schreien, und dabei so falsch, als hätten sie bei Aegir Singunterricht gehabt! Im übrigen aber hoffe ich trotzdem, daß der Herr Oberst die alten Leute nicht inspizieren wird, bis jetzt hat er es wenigstens noch niemals zu dieser Zeit getan. Was ich außerdem dazu tun kann, daß er von meiner Kompagnie keinen auch nur zu argwöhnen bekommt, und mich dito nicht, das soll meinerseits mit militärischer Sorgfalt ge­schehen!"

„Wird wohl auch das beste sein, Herr Oberleutnant Schirowski", bemerkte da eine etwas höhnische Stimme aus dem Hintergründe, „denn besonders grün ist Ihnen der Oberst nicht, das kann ich Ihnen sagen!"

Bei diesen Worten änderte sich blitzschnell das Bild, das die behagliche Ecke im Kasino bislang geboten hatte. Krachend stürzten ein Paar Stühle zur Erde, einige Gläser stürzten ihnen klirrend nach, ohne daß einer ihrer Besitzer auch nur nach ihnen hingesehen hätte, Absätze wurden knallend zusammengeschlagen und mit tiefer Verbeugung begrüßten die Leutnants ihren Kommandeur, den Herrn Major von Saffttg.

„Bitte, bitte, meine Herren, lassen Sie sich nicht stören, ich bleibe nur einen Augenblick! Ja, Schirowski, seit der verdammten Hundegeschichte hat der Oberst eine gehörige Pike auf Sie."

„Leider, Herr Major, und ich war doch dabei so un­schuldig . . ."

„Jawohl, Sie sind ja immer unschuldig, das kennen wir! übrigens, meine Herren, habe ich Ihnen eine recht erfreuliche Mitteilung zu machen — na, Leutnant Rei­mann, Sie werden ja schon ganz blaß — ich habe soeben vom Regimentsbureau die erfreuliche Nachricht bekommen, daß der Herr Oberst von Trex morgen früh neuneinhalb Uhr hrer eintreffen wird, um eine Vorbesichtigung der Rekruten abzuhalteu. In 14 Tagen haben wir dann das Vergnügen', auch den Herrn General' zur ordentlichen Rekrutenbesichtigung bei uns begrüßen zu können — Leutnant Kraus, bitte. Sie brauchen sich nicht weiter zu bemühen, ich habe den Feldwebeln bereits die nötigen Befehle diktieren lassen. Ter Oberst wird vornehmlich die Vormstruktton der Rekruten aller vier Kompagnien

besichtigen, die Themata wird er selbst stellen. Von den ölten Mannschaften _ will er nur die der neunten Kom­pagnie im Turnen inspizieren. •— Sie sind ja wohl mit Ihren Leuten weil genug, Herr Oberleutnant von Souda, um eine Besichtigung nicht fürchten zu brauchen?"

„Zu Befehl, Herr Major, meine Turnabteilungen können jeden Tag inspiziert werden!"

„Freut mich, soll mich außerordentlich freuen, wenn es so ist. Jetzt will ich nicht länger stören. Wünsche viel Glück, meine Herren, für morgen! Adieu!"

Eine stumme Verbeugung sämtlicher Offiziere folgte diesen Abschiedsworten des Gestrengen, der in dem Rufe stand, eine recht beträchtliche Portion Schadenfreude sein eigeit zu nennen. Kaum hatte sich die Tür aber hinter ihm geschlossen, als auch schon Oberleutnant! von Schirowski auf dem nächsten Tische stand und mit seiner Falsettstimme, mit der er ein Regiment in Marschkolonne überschreien konnte, ries: „Kinder, das nenne ich Schwein! Darauf gebe ich eine Flasche Wachenheimer aus, die Ihr mittrinken dürft, wenn Ihr recht artig seid ! Ordonnanz, eine Bulle herangeschwenkt auf Regimentsunkosten und für jeden der Herren ein Glas!"

Doch die fröhliche Stimmung, die vor dem Erscheinen des Majors in dem Kreise der jungen Offiziere geherrscht hatte, wollte trotz des freigebig gespendeten Sekts nicht wiederkehren. Einer der Herren nach dem anderen ver­schwand und man konnte sie bald nachher iin Reviere ihrer Kompagnien erblicken, wie sie ihren Rekruten nochmals jene Themata vortrugen, die erfahrungsgemäß bei Vor­instruktionen von den hohen Vorgesetzten am meisten be­vorzugt werden. Nur Leutnant Schirowski blieb noch eine Zeitlang bei einer neuen Flasche sitzen, bis auch er sich endlich, nachdem ihm ein Befehl seines Kompagniechefs übermittelt worden war, morgen bei der Aufstellung der Kompagnie zur Vorinstruktion behilflich zu sein, in Be­gleitung seiner beiden Terrier Mar und Moritz nach Hause und zu Bett begab.

Punkt neuneinhalb Uhr erschien am nächsten Morgen der Oberst von Trex in der Kaserne und wurde vomMajor, den Hauptleuten und den nicht an der Besichtigung direkt beteiligten Leutnants feierlichst empfangen. Er schritt - zunächst auf den Major zu und schüttelte diesem kräftig die