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Wiksbademr TsgblÄ.

51. Jahrga«-.

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Verlag: Langgaffe 27.

Avonnrnten.

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U0. 403. Kerlags-Fernfprecher No. 29S». S0ttNtltg, -5« 30. AngNst.

RcdaktionS-Fernsprecher No. 52.

1903.

ffiorgegi"flusgabe,

Politische Übersicht.

„Ts kommt immer ganz anders", das Trostwort gilt auch für die berufsmäßigen Deuter der Wetterzeichen am politischen Himmel. Wieviel Minister wollte man nicht nach Abhaltung des vielbesprochenen preußischen Kron- rats in den wohlverdienten Ruhestand senden? Und siehe da, sie sind alle wohl und munter schleunigst wieder ihren Sommerfrischen zugceilt. Nur bei dem Träger einer hohen Reichswürde und Reichsbürde, dem Staatssekretär des Reichsamts Frhr. v. T h i e I m a n n, stellte sich Amts­müdigkeit ein. Ohne die übliche Ministerkrankheit, die Herr v. Lucanus weit besser erkennen soll als der ge­übteste Arzt, leitete er seinen Abschied ein. Er Mit sich zur Durchführung der unvermeidlich gewordenen Reichs- finanz-Reform nicht stark genug. Werden die Schultern des Frhr. v. Stengel, der ja in seiner Eigenschaft als Bundesbevollmächtigter für Bayern wiederholt eine ein- gchende Kenntnis der Reichsfinanzen an den Tag legte, dazu stark genug sein? Man singt ihm jetzt Loblieder. Soviel. scheint sicher, daß er die direkten Reichssteuern (Vermögens- und Erbschaftssteuern usw.) nicht zu einer eRform heranziehen will. Aber er soll eine Reichsfinanz- Reform heranziehen will. Aber er soll eine Reichsfinanz- cr ein Minister für neue indirekte Steuern werden, wie manche fürchten, so könnte er im Reichstag trotz aller Lobreden, die ihm jetzt gehalten werden, auf eine ziem­lich große Gegnerschaft rechnen. Selbst das Zentrum, bas jetzt in Köln so laut seine Reichstreue und gute deutsche Gesinnung betonte, könnte etwas schwierig werden. Schon rechnen einige Pessimisten mit der Auflösung des Reichs­tages im Frühjahr 1904 oder 1905, wenn die beträcht­liche Ncuforderungen erheischenden Pläne des neuen Kriegsministers und des Marinekabinetts zur entscheiden- ben Beratung stehen. Vielleicht gibt die Konferenz der Finanzmini st er verschiedener Ein­zel st a a t e n, die Ende September. oder Anfang Ok­tober in Berlin zusammentreten soll, die rechten Wege da­für an, wie man das Verhalten zwischen Einnahmen und Ausgaben im Reichshaushalt erfreulicher gestalten kann.

Hoffentlich kommt, bei dieser bevorstehenden gemein­samen Erörterung mehr heraus als bei den Besprechun­gen im königlichen Hoflager zu Budapest. Trotz aller Verhandlungen mit den namhaftesten Parteiführern ist :s zu keiner Klärung der Lage gekommen. Vielleicht wird man beim Wiederbeginn der Verhandlungen, der für den 11. September festgesetzt ist, erfahren, ob man wirklich

vor dem Anfang einer völligen Trennung Ungarns vom Kaiserstaat steht. Die selbstbewußten Magyaren, die ein­mal durch die geradezu entsetzlichen Vorkommnisse bei dem Goldbergschen Warenhausbrand gezeigt haben, wie rückständig die Einrichtungen in ihrem Lande trotz allem äußerlichen Kulturfirnis noch sind, sollten nicht allzu sehr nach einer eigenen Armee drängen. Der Ruf „Los von Österreich" könnte ein für sie unangenehmes Echo in Zis- leithanien wecken.

Unangenehmes Echo könnten auch die Flintenschüsse der bulgarischen Bandenführer in Sofia wecken, denkt Fürst Ferdinand, und so blecht er dem heißen Boden seiner Residenz noch etwas fern. Inzwischen haben die Make­donier ihre letzten Trümpfe ausgespielt, um eine Inter­vention^ der Mächte zu ihren Gunsten zu erzwingen. Wenn sie auch erfolgt, wird sie kaum im Sinne der Auf­ständischen erfolgen, die durch das von uns vorausgesetzte Nichteingreifen der russischen Demonstrationsflotte einge- schen haben müßten, daß die Großmächte nicht die orientalische Frage aufrollen wollen. Die Sturmwolken haben sich dank der Mäßigung Rußlands und dem fried­fertigen Entgegenkommen der Türkei fast gänzlich ver­zogen. Mag die Revolution in Makedonien noch immer den europäischen Diplomaten schwere Sorge bereiten und für absehbare Zeit sie weiter beschäftigen, ein allgemeiner Kriegsbrand auf dem Balkan wird trotz aller Protest­meetings nicht entfacht werden. Außerdem ist die Pforte jetzt entsprechend der Aufforderung der österreichisch- ungarischen und russischen Regierung mit aller Ent­schiedenheit bemüht, die Ordnung auf dem Balkan wieder- herzustellen. Um so energischer muß jetzt eingegriffen werden, als ein Verbrechertum verabscheuungswürdigster Art dort an der Arbeit ist und nicht davor zurückschreckt, Züge mit friedlichen Reisenden in die Luft zu sprengen im angeblichen Dienste der Freiheit. Und zwar geht die türkische Regierunq nicht nur repressiv vor, sondern sucht auch den durch die unaufhörlichen Provokationen der Komitadschis entfachten mohammedanischen Fanatismus nach Kräften einzudämmen, wie sie andererseits ihre Auf­merksamkeit dem Schutz der gerade jetzt auch strategisch besonders wichtigen großen Schienenwege zuwendet. “

Vielleicht steht auch die Reise des Zaren nach Wien, die demnächst erfolgen soll, im Zusammenhänge mit den Wirren auf dem Balkan. Aber diese erneute Aussprache wird nur das gute russisch-österreichische Ein- vernehmen in der Balkanfrage festigen, so daß das makedonische Reformwerk in friedlicher Weise weiter ge­führt werden kann.

Gleich dem Zaren Nikolaus wird auch der König v o n I t a I i e n sich auf Reisen begeben, und zwar nach

Paris. Als gewiß kann gelten, daß die italienische Re­gierung sich darüber vergewissert hat, daß der Präsident! der französischen Republik den ihm abgestatteten Besuch in Italiens Hauptstadt erwidern wird. Ein neuer Papst ist in dem Vatikan eingezogen, und wenn auch Pius X* noch immer an die Fiktion festhält, daß er ein „Ge­fangener" sei, so scheint jetzt im Vatikan doch eine mildere Stimmung gegenüber unwandelbaren Tatsachen sich geltend zu machen. Zur Zeit Leos XIII. nahm man all­gemein an, daß ein Besuch Loubets im Quirinal zu einem endgültigen Bruche zwischen Frankreich und dem Vatikan führen müßte. Ein solcher wäre der Mehrheit der fran- zösischen Kammer willkommen gewesen und er käme ihr auch heute noch gelegen, allein Herr Loubet selbst und sein Mnister des Äußern denken doch anders über diese Dinge. Heutzutage scheint Herr Loubet begründete Hoffnung zu hegen, daß es ihm gelingen werde, sich mit dem Vaükan freundschaftlich abzusinden und eine Form zu verein­baren, die ihm gestattet, in Rom als Gast des Königs, auch dem Papste seine Aufwartung zu machen. Hat aber einmal Herr Loubet bewiesen, daß das Kunststück, den König von Italien zu besuchen und zugleich dem Papste seine Ehrerbietung darzubringen, für ein Staatsober­haupt eines katholischen Landes heutzutage nicht mehr so schwierig ist wie ehedem, so wird auch Kaiser Franz Joseph vermutlich nicht mehr lange zögern, dem Königs von Italien einen Gegenbesuch- in Rom zu machen.

Deutsches Deich.

Die Blnmcnpflege durch Schulkinder ist auf Veranlassung des hannoverschen Provinzial» Gartenbauvereins im Einvernehmen mit der Stadtschul- inspektivn in Hannover zum ersten Male im Sommpr 1867 eingerichtet worden. Im Mai des genannten Jahres wurden 3000 Pflänzlinge verteilt. Im August fand die Ausstellung statt,- von den 3000 verteilten Pflänzlingen wurden 2749 zurückgeliefert,' etwa 8 Prozent waren ein- gegangen oder nicht zurückgekommen. Ermuntert durch den Erfolg des ersten Jahres, beschloß das Komitee, im Jahre 1898 5000 Pflänzlinge zu verteilen. Es wurden 4550 Pflanzen zur Ausstellung zurückgeliefert, 869 wärest eingegangen, 81 aus anderen Gründen nicht zurückge­kommen. Seit dem Jahre 1901 können die Kinder auch die Pflanzen, welche sie in früheren Jahren gepflegt haben, wieder mit zur Ausstellung bringen. Diese Pflanzen bilden eine Gruppe für sich und werden beson­ders prämiiert. Im Jahre 1902 wurden etwa 200 zwei, und mehrjährige Pflanzen eingeliefert. In diesem Jahre sind ebenfalls 6000 Pflänzlinge zur Verteilung gelangt.

Feuilleton.

Sommer 1903.

Auch in diesem Sommer wieder Kam die Menschheit nicht zur Ruh', Aufregungen gingen nieder — Gleich dem Regen — immerzu:

Mord im Königshaus der Serben! Großes Blutbad! Rebellion!

Dragas Macht und Glück in Scherben! Schwarzer Peter auf dem Thron!

Krisen in dem vielgeplagten Österreich-Ungarn immerfort!

Trotz der Schonzeit wilde Jagden Aüf Minister da und dort!

Neues Kabinett in Schweden,

In Italien, Griechenland!

Kaiser Wilhelm-Reisen, -Reden! Häseler im Ruhestand!

Jnt'ressante Staatsvisiten:

König Eduard in Paris,

Und Herr Loubet bet den Briten; Freundschaftsspeeche zuckersüß!

Reichstagswahlen!. Großes Wachsen Derer, die man Sozi nennt, JUsbesondere in Sachsen!

Ginger — Vizepräsident??

Zwischen Türken und Bulgaren An der Grenze Keilerei! Wetterleuchten, Kriegsgefahren In der fernen Mandschurei!

über wirtschaftlichen Wandel Heißer Kampf im Britenreich; „Schutzzoll hie!" — „Hie freier Handel! Hört man wütend schrein zugleich.

Neue Hosenbügelfalte,

Von King Eduard erdacht! Heilsarmeechef Booth, der alte, Kontinent Besuch gemacht!

Immer etwas Neues! Nulla Dies — ohne Sensation!

Großer Sieg des tollen Mullah! Schwere Dampferkollision >

Boxertreiberci'n in China! Einzel-Pestfall in Berlin!

Bahnfahrt Tusis—Celerina:

Neuer Weg ins Engadin!

Bebels Erbschaft! Börsenkrisen!

Treber-, Pommernbank-Prozetz! Preiswettsingen, Bundesschießen!

Turnfest! Täglich fast Kongreß!

Vlut'ge Liebespaartragödie In dem Sprudel-Badeort! Wagner-Denkmal-Zankkomöbie!

Monastirer Konsulmord!

Leos Krankheit! Leos Sterben!

Kritische Konklavesrist!

Sarto auserwählt zum Erben!

Zehnter Pius! Vetozwist!

Tolstoi-Schrift-Prozeßaffäre!

Humberts vor dem Schwurgericht' Kaiserschloß-„Zwing-Uri"-Märe! vr. Giesebrecht-Geschicht'!

Auferweckung toter Herzen!? Draga-Schwestern im Exil!

Württembergs „Umgehungsschmerzen"! Hingeschieden Oberst Schiel!

Salisbury ausgcrungen!

Kallay, Levetzow entseelt!

Pcllctan mit einer jungen Volksschullehrcrin vermählt!

Für die tief gefallnen Engel Namens Goßlcr, Thielmann,

Traten mutig Einem, Stengel Die fatalen Posten an.

Unglücksfälle ohne Ende:

Bilek! llberschwemmungsnot!

Eisenbahn- und Feuerbrändc- Katastrophen! Massentod!

Hiobsposten von Touristen!

Ferner mancherlei Malheur Durch die Automobilisten,

Und viel andres Unglück >nchr!

Erdgetöse! Explosionen!

Streiks! Skandale weit und breit!

Alle Tage Sensationen —

Und das nennt man — „st i l l e Z e i t!"

Willy W i d m a » n.

Berliner Stimmungsbilder.

Von Paul Lindenvcrg.

Warnnngszcichen für Berlin. — ..Wenn die Hossnnng nicht wLr'l" — Die ersten Wochen. — Allerhand Bevorstehendes. — Bo« der ..Kaiscrinsel". — Pichelsiveröer nnd Schildhorn. — Premieren im Schanspielhause.

Zwei flammende Warnungszeichen leuchteten in jüngster Zeit von zwei verschiedenen Län­dern her mit grellem Scheine lodernd nach Berlin her­ein: dem schreckensvollen Unglück in der Pariser Unter­grundbahn reihte sich jäh der opferreiche Brand desBuda- pester Warenhauses an. Beides furchtbare Nachtgemälöe voll ergreifender Schauerlichkeit und düsterer Tragik. Und beide gerade in der Neichshauptstadt von doppelt be­ängstigender Wirkung, da ein gleiches Unheil unter fast gleichen Umständen sich hier jeden Tag, jede Stunde er­eignen kann. Zwar fehlt es nicht an beruhigenden Ver­sicherungen aller Art, denen die genauesten Unter­suchungen zugrunde liegen, daß man ähnlichen Ereig­nissen hier in jeder Weise vorgebeugt, aber was wollen selbst die umfassendsten und erprobtesten Vorsichtsmaß­regeln bedeuten, wenn Furcht und Entsetzen sich ein­stellen und plötzliches Grauen die Bewegungsfreiheit von Hunderten, ja Tausenden lähmt. Vergessen im Nu sind alle Warnungen und Ermahnungen, nicht den Kopf zu verlieren und kaltes Blut zu bewahren, vergessen sämtliche Sicherheitsvorkehrungen, mögen sie sich in nächster Nähe befinden, unbeachtet bleiben Wort und Tat der weni­gen Besonnenen, mit verwirrender Angst vermählt sich rohe Gewalt, das Leven zu retten, und Schnitter Tod mäht die Halme in vollster Ernte. Wer, wie der Schrei­ber dieses, die erschütternden Szenen des Moskauer Kodinka-Feldes, auf welchem im Frühling 1896 gelegent­lich der russischen Kaiscrkrönung an 6000 Menschen zu­grunde gegangen, in steter, lebhaftester Erinnerung trägt, der weiß, daß eine von Schreckgebtlden gepeitschte Menge das eigene Verderben in sich selber birgt. — Aber gibt's irgend etwas in unserem Leben, das sich nicht mit der Hoffnung vermischt, mit der Hoffnung, befreit zu bleiben von Ungemach und Leid, das die anderen betroffen? „Warum sollen wir uns fürchten, denen die goldene Sonne glanzt? Warum sollen mir uns sorgen, denen die Freude lacht?" Kaum ein zweites Wort wird so häufig unserem Sprachschätze entnommen wie das: „hoffentlich"