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No. 403. Morgen-Ausgabe.

Sonntag, den 30. August.

51. Jahrgang. 1903.

■ Personen sind e?. welche die Geschichte mache». Wie cs *

J M-Ht.dah der rechte Mann S »r ^En Zett scheint wird « "in- die Zeit bildet das

^ Genie, aber sie schafft es nicht. H. v7Trcitschke.

M (30. Fortsetzung.)

Freiheit!

Roman von Walter Schmidt-Häßler.

. ^ ~ aI)er du darfst mir, als deinem ein-

zl§en Freunde, die indiskrete Frage nicht übel nehmen — byt du eigentlich nicht doch ein bischen in dieses be­zaubernde Geschöpf verliebt?"

„Noch nicht", erwiderte Reinhardt, und sah lächelnd den freund an. „Wirklich noch nicht! Leider'"

| „Leider?!"

"^.a! Denn ehrlich gestanden, ich gäbe was darum, wmn ich mich mal so recht grenzenlos, so jugendlich un- smnlg verlieben konnte. Und dazil wäre dieser Inbegriff aller Reize doch wie geschaffen. Ich fühle, ich brauche so eine große, bedenkenlose Leidenschaft, die nach nichts auf Erden fragt, die den ganzen iniieren Menschen Mt fortreißt, gleichviel wohin. Um all das Große zu MfsM und zu geben, was ich möchte, muß ich auch Großes empfinden. Verzeih' den trivialen Vergleich aber so eine Kun,tlerseele ist nun mal wie ein Schwamm mufe, tarTut er gehörig hergeben kann. Aber ich glaube, damit i,t s mit mir vorbei. Ich komme mr manchmal vor, wie ein Automat, und wundere mich 5t über -nrch selbst, wo ich die Begeisterung für meine Arbeiten überhaupt noch hernehme!"

„Dies Bekenntnis überrascht mich eigentlich ein wenig, Kmihardt; denn ich hatte tatsächlich geglaubt, daß die ^.euts recht haben, wenn sie behaupten, der „deutsche

= 1 Fürstin Rogni alle ihre feurigen Landvleute aiis dem Felde geschlagen "

„ ."So? Behaupten das die Leute? Merkwürdig, daß andere doch immer so viel mehr wissen, als wir selber! fan ” brr nur wiederholen, ich wollte, es wäre so: aber w Uoeit, unendlich weit davon entfernt

Und soll ich dies ganz offen und ehrlich gestehen — ich ärgere mich darüber, daß es nicht so ist!"

. !p^ug dabei auf, warf den Rest einer Zigarette m he Kerne Bron^schale, die auf dem Tische stand und Mg mrt großen Schritten im Atelier auf und nieder. m.ath V nt # m * r tkut, wenn ich mich mal mit jemandem missprechen kann, Franz, und allein wollte ich von der Geschichte nicht ansangen. Aber es ist ganz ersprießlich wenn man mal zu Zweien vernünftig darüber redet trag ich s za mit mir herum. Zehn Jahre memev Lebens gäbe ich darum, wenn mal so eine große berzehrende Künstlerleidenschaft mich packen wollte die Ä die weinerliche Sentimentalität in mir gründlich zu fische brennen wollte. Jahrelang laufe ich herum wie Hans der Träumer, gehe mit offenen Augen, wie ein ^achtwandler, an allem vorüber, was mich erheben und begeistern könnte, und hänge ewig Dingen nach, die nun Mal unabänderlich sind, und mich ganz zwecklos entnerven und verweichlichen. Urid warurii das alles? Kannst du to sagen, was das im Grunde für einen Zweck hat?"

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Tabei war er dicht vor Remmingen stehen geblieben und sah ihn, die Hände in den Hosentaschen, mit einem so trotzigen und gereizten Gesicht an, daß Franz unwillkür lich lächeln mußte.

„Ja, liebster Mensch, das ist doch nicht meine Schuld! Ich habe dir ja oft genug das Evangelium Merkutios ge- predigt: Ein Feuer brennt das andere nieder! — Mer was hals's? diente de fare! — Da Hab ich's eben auf gegeben!"

„Und ich geb's auch bald auf!" rief Reinhardt, „und mich selbst init all' meiner künstlerischen Begeisterung werde ich auch aufgeben müssen, wenn's noch lange so fort geht! Ich habe mir ja alles tausendmal selber gesagt in langen Monologen, die ich hier oben einsam gehalten habe. Einem Phantom habe ich die schönsten Jahre meiner Jugend,meiner künstlerischen Entwickelung ge­opfert und bin unablässig unter düsteren Zypressen spazieren gegangen, statt mich unter Rosenbüschen be­geistern zu lassen. Entschuldige, aber ich habe dich, meinen besten Freund, mir als warnendes Beispiel in einem fort vor Augeir gehalten. Dein ganzes langes Leben bist du deinem Jugendideale treu geblieben! Und was hast du denn nun eigentlich davon gehabt? — Welchen großen Sieg hast du denn für dich selbst aus diesem Kampfe mit deinem Herzen davongetragen? — Denn jedes Ding muß doch seinen moralischen oder praktischen Zweck haben! — Du fängst langsam an, ein älterer Herr zu werden, hast weder Weib noch Kind und treibst dich als Garyon mit einem heimatlosen Malerjüngling in der Welt umher!"

„Sei nicht ungerecht yegen dich, Reinhardt, deine jugendliche Freundschaft gibt mir mehr, als du selber glaubst."

„Ach, betrüg' dich doch nicht selbst! Ein dürftiges Surrogat bietet sie dir für herrlichere, wertvollere Dinge, um die du dich selber gebracht hast, als es noch Zeit war, mit alten Sachen fertig zu werden. Was wärest du für ein famoser Ehemann, für ein nacbahmungswürdiger Vater geworden? Und sie, um die du dir dein eigenes Leben verödet hast, ist sich des Riesenopfers, das du ihrem Namen gebracht hast, vielleicht gar nicht mal bewußt, entsinnt sich vielleicht gar nicht mehr des Mannes, dem ihre flüchtige Jugendschwärmerei gegolten! —"

„Aber, liebster Reinhardt, besinne dich mal recht, was du mir sagtest, als ich dir in München das Bild des Mäd- chens zeigte, das ich geliebt. Damals fandest du es be- grciflich, daß man nie wieder liebt, wenn man dieser Einen Lebewohl sagen mußte!"

„Begreiflich finde ich's ja noch heute! Mer wider­sinnig finde ich's, und selbstmörderisch im allerhöchsten Grade! Geht mir's denn besser? Ist all das denn nicht auch mein Los, das ich klar vor Augen sehe, ich mag mich dagegen sträuben, wie ich will? — Alles, was ich dir da zusammenpredige, ist ja doch nur Theorie — bis zur Praxis bringe ich's eben nicht — so wenig, wie du!"

„Und doch mußt du dich allmählich durchringen, denn du bist jung, und meine Pflicht als ehrlicher Freund ist es, dich emporzurütteln, dich vor meinem Schicksal zu be­wahren, denn recht hast du, ein bißchen öde ist es ja um mich herum. Vor dir liegt noch das ganze Leben dein frischer, innerer Mensch ist noch großer, glühender Erregungen fähig, und diese eben brauchst du, wie die Luft, in der du atmest, um das zu werden, wozu die Natur dich prädestiniert hat. Aus allem, was du schaffst

weht der Atem des Genies) wie Gottesoffenbarung, und ich gäbe was darum, wenn ich den Wehmutsnebel weg­blasen könnte, der über all deinen Arbeiten hängt! — Vielleicht fängt dein Herz doch Feuer für dieses Weib, das wie geschaffen ist, um in dir den Künstler zu be­geistern!"

Reinhardt zuckte die Achseln und sagte ruhig, indem er sich eine neue Zigarette ansteckte: „Ich glaub's nicht, Franz, so gern ich es selber auch möchte. Versteh mich recht. Es wäre eine Lüge, wenn ich sagen wollte, Maddalena Rogni wäre mir gleichgültig. Ganz und gar nicht. Mer das was ich für sie empfinde, ist so himmel­weit verschieden von dem Gefühl, das bisher mein ganzes Innerstes erfüllte. So denke ich mir die Liebe nicht, auch die nicht, die auf den ersten Jugendrausch als die große Neigung des Lebens folgen soll. Liebe imiß mein Innerstes mit Licht und strömender Wärme erfüllen, wohlig, belebend und erfrischend. Es muß mich heben und tragen, als ob ich Flügel hätte, und dabei sanft und leicht mit jenem unendlichen Wonnegefühl, das einem im- Traum überkommt, wenn man zu fliegen glaubt. Dieser Frau gegenüber faßt es mich manchmal wie rasende Glut, die alle Adern verbrennt und das $erg versengt, ein wildes Begehren, wie Tannhäuser im Hörselberg empfunden haben muß. Nenne mich nicht eitel oder prahlerisch, wenn ich sage, ich weiß, sie ist mein fürs ganze Leben, sobald ich es will, denn sie liebt mich. Wer ich fürchte mich davor, es zu wollen. Ich bin zu ehrlich! Denn ich glaube, ich würde sie belügen, wenn ich ihr sagte:„Jch liebe dich." Wenn eine Frau, wie sie, das schönste Weib dieser schönheitstrunkcnen Stadt, der alles huldigend zu Füßen liegt, meine Gattin werden wollte, mir zu Liebe die breite Kluft des Standesunter- schiedes überspringen, mir mit chrer Hand eine Welt von Zärtlichkeit und einen märchenhaften Reichtum zu bieten gewillt wäre, so hätte sie das Recht, dafür wenig­stens mein Herz ungeteilt, jeden meiner innersten Ge^ danken als ihr heiligstes Eigentum einzutauschen. Und das könnte ich ihr nicht bieten! Zwischen ihr und meinem Herzen würde ewig und immer jene blasse Gestalt aus der Heimat stehen, in ihren Augen würde ich den kind­lichen Blick der Andern suchen und vielleicht einmal selbstvergessen jäh zusammenzucken, wenn ich das keusche Glück der Jugendliebe suche und den Rausch der Leiden­schaft finde! -— Was die Zeit bringt, kann man ja nicht wissen, niemand kann einstehen für sich selbst, aber jetzt, das weiß ich, übt das Alte noch einen mächtigen Zauber!"'

„Na,wie du meinst!" sagte Remmingen. „Jedenfalls glaube ich aber, toernt dir ein Weib einmal gefährlich wird, was wir beide nur wünschen können, dann ist es dieses!"

„Das glaube ich auch. Wer wer weiß, wenn diese Flamme einmal die Rinde niederbrennt, die sich um ment Gemüt gezogen! — Was hilft's, darüber zu philoso­phieren! Was kommen soll, das kommt ja doch!"

Remmingen stand auf und nahm seinen Hut. „Gehst du mit?"

„Wohin?"

„Zu Abend essen! — Lange Gespräche über so seelische Dinge machen mich hungrig. Du siehst, wie. man all­mählich prosaisch und materiell wird, wenn man ohne Liebe durchs Leben pilgert!"

(Fortsetzung folgt.)

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