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As« 401« Verlags-Fernsprecher No. 295S.
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Mk Mgen des ÖiWcId WerMomlns.
Tn wtmigeir Tagen, schon am 1. September, tritt eine . völlige Veränderung unserer bisherigen Zuckersteuer-Ge- I setzgebung ein. Das bemerkenswerteste daran ist nicht. Laß die inländische Zuckersteuer von 20 M. auf 14 M. herabgesetzt wird, fonberit daß endlich mit der Prämien- Getvührung gebrochen wird. In der Denkschrift, die die Reichsregierung der Einbringung der Vorlage über die Genehmigung des Brüsseler Zucker-Abkommens im Früh- phr vorigen Jahres beifügte, hieß es: „Die Inanspruchnahme öffentlicher Mittel zu dem Zwecke, der Konkurrenz der Industrien fremder Staaten erirgegenzutreten, kann nur vorübergehend statthaft Mscheinen." So schien denn der Regierung im Jahre 1902 eridlich der Zeitpunkt für die Aushebung der Prämien gekommen.
Aber die Aufhebung der Prämien wäre ohne Belang, wenn nicht der Zuckerschutzzoll derart herabgesetzt würde, daß die willkürliche Erhöhung der Inlandspreise durch das Z ickerkartell und die Gewährung von Ausfuhr- zuschüssen aus den Überschüssen des Kartells unmöglich blreben. Die deutschen Vertreter hatten diese ausreichende Herabsetzung in Brüssel bekämpft, sich aber schließlich gefügt, weil „die Regierung vor die Wahl ge^ stellt war, entweder auf die erwähnte Bindung der Zölle, die nach den bisherigen Erfahrungen für den Schutz des heimischen Gewerbes gegen das Eindringen fremden Zuckers ausreicht, einzugehen oder die Verhandlung zum ^Scheitern kommen zn lassen." In diesem Falle wäre eine Schädigung der deutschen Zucker-Industrie eingetreten. Tenn England war willens, sobald Deutschland dem Brüsseler Zucker-Abkommen fernblieb und Prämien nach wie vor gewährte, Ausgleichszölle einzuführen und dadurch einen wesentlichen Teil der deutschen Zuckerausfuhr zu unterbinden. Deutschland hat im Betriebsjahr 1900/01 rund 11 414 000 Doppel-Zentner Zucker ausgeführt, davon nach Großbritannien 6 287 000. nach Britisch-Ost- wdien 101 000, nach den Vereinigter, Staaten 2 864 000
Samstag, den 28. August.
wppcl-Zentner, 80 v. H. der Ausftihr wären also bv droht gewesen. Nichts hätte ferner für den Fall des Nichtzustandekommens des Zucker-Abkommens Österreich und Frankreich gehindert, ihre Prämier: zu erhöhen und noch auf allerlei geheimen Schleichwegen die eigene Industrie und deren Ausfuhr zu begünstigen. Tie gegenseitige Überbietung mit Prämien wäre alsdann bis zur Erschöpfung fortgesetzt worden. Tie bisherige Prämien- wirtschast hat aber doch auch auf Deutschlands Zuckerindustrie, obwohl sie die erste der Welt geblieben ist, keineswegs günstig eingewirkt. _ Die im Jahre 1896 eingeführte Erhöhung der deutschen Zuckerprämien veranlatzte zugestandenermaßen Österreich und Frankreichs chre Staatszuschüsse gleichfalls heraufzusetzen. Dem durch die Eigenart unserer Gesetzgebung erst möglich gewordenen Zuckerkartell ist der Rückgang des Jnlandsver- brauchs zuzuschreiben. Er ist von 16,21 Kilogramm auf den Kopf der Bevölkerung im Jahre 1899/1900 aus 13,31 Kilogramm im Jahre 1901 zurückgegangen. Auch die Reineinnahme aus der Zuckersteuer für die Reichsfinanzen ist deshalb von 125 396 977 Mk. im Jahre 1900 auf 109 117 000 Mk. im Jahre 1901 zurück- geganaen; für 1902 lagen die Verhältnisse noch ungünstiger. Dabei erhöhte das Zuckerkartell künstlich die Inlandspreise, um dem Auslande unseren Zucker billig zustihren zu können. Der deutsche Zucker war i n L o n d on trotz Frachtund Vermitte lungsgebühren weit billiger als in Magdeburg. Der Engländer, der wußte, welch hohe A:^- fuhrprämie die kartellierten Zuckerfabriken einsteckten, konnte den Preis drücken.
Solange das Brüsseler Zuckerabkommen nicht zustande gekommen war, vermochte das deutsche Zuckerkartell, das stch aus dem Syndikat der Rohzuckerfabriken und dem Raffineriesyndikat zusammensetzt, die Vorteile eines hohen Auslandszolls bei einer verhältnismäßig geringen Steuer auszunutzen. Unter dem Schutz des Äuslandzolles und der Prämien war es dem Kartell möglich, die Inlandspreise hoch zu halten, während der Weltmarktspreis sank. Das Kartell war auf der Basis aufgebaut, daß die Raffinerien dem Rohzuckersyndikat einen festen Inlandspreis von 12,75 Bit', für 50 Kilogramm Rohzucker gewährleisteten und den Unterschied zwischen Weltmarktspreis und diesem sogenannten Inlandspreis bis zu einer Höhe von 3,40 Mk. zahlten. Bei einem Heruntergehen der Weltmarktspreise unter 9,35 Mk. wurde nichts mehr vergütet. Dagegen hatten sich die Rohzuckerfabriken zu verpflichten, für das Inland nur an die Raffinerien zu liefern, wogegen ihr Auslandsgeschäft nicht kontrolliert wurde. In dieser Form kann nach dem Inkrafttreten des Brüsseler Zuckerabkommens das Kartell nicht weiter bestehen. Das hat auch die jüngst in Berlin stattgefundene Versammluna des Rohzuckersyndikats bewiesen
Nun gilt es, sich unter den neuen Verhältnissen einzurichten. Wenn irgend eine Industrie des künstlichen
Retaktio«SHer»s»reLer 91». SI.
1808.
Schutzes nicht mehr bedarf, so ist es die derttsche Zuckerindustrie. Ihr Heil kann nur in der Steigerung des inländischen Verbrauches liegen, die durch die Prämien- und Kartellmißwirtschaft künstlich herabgedrückt wurde. Die neueren Forschungen der Physiologie, die durch praktischen Erfahrungen, z. B. bei Übungsmärschen der Truppen, bestätigt sind,,zeigen, daß Zucker hohen Nährwert besitzt. Die in ihm enthaltenen Kohlenhydrate müssen in erhöhtem Maße der breiten Masse zugesührl werden. Das wird die erste Folge des Brüsseler Zucker- abkommens sein. Wenn mit der am Dienstag ins Leben tretenden Ermäßigung der Zuckersteuer von 20 auf 14 Mk. eine Entlastung der zuckerverbrauchenden Bevölkerung um annähernd vierzig (nach einigen um fünfzig) Millionen eintritt, u n d d e m e n t s p r e ch e n d der Zucker im Preise fallen müßte, so :st der Nachteil für die Reichskasse darum garnicht so bedeutend. Denn den größten Teil der Zuckersteuer steckte das Zuckerkartell in Gestalt von Ausfuhrver- gutuugen ein. Tritt aber erst die Zunahme des Zucker- Verbrauchs ein, so ist der anfängliche Ausfall der Reichskasse bald mehr als gedeckt. Jeder Bürger aber be- denke: Süß ist's, für das Vaterland — Zucker zu essen zumal wenn er billig ist. Man ist allgemein recht gespannt darauf, wie sich der Zuckerpreis in den Läden vom 1. September ab stellt und ob der Handel nicht ettva den Versuch macht, für sich dieSteuer oder einen Teil derselben zu erhebe,:, auf den das Reich verzichtet. Die Verbilligung des Zuckers durch Fortfall eines wesentlichen Teils der Steuer beträgt sechs Pfennige für jedes Kilo- grainm.
44. Allgcmlm GniOiWflsly.
Hg. Danzig, 26. August.
Heute wurde im großen Saale des Schützenhauses die erste Hauptversammlung des 44. Allgemeinen Genossenschaftstages unter Beteiligung von etwa 600 Vertretern von Genossenschaften aller Art aus ganz Deutschland durch den Berbanösdirektvr Prvebst-München eröffnet.
Das Finanz- und das Handelsministerium, die Rerchsbank und die Obcrwerftdirektton haben Vertreter zu den Verhandlungen entsendet, ebenso das Oberpräsidium. Der Regierungspräsident v. Jarotzki, der Polizeipräsident Wessel, sowie als Vertreter der Stadt Erster Bürgermeister Ehlers und Stadtverordueteiivorsteher Kcruth sind persönlich erschienen. Aus Petersburg ist ein Vertreter der russischen Genossenschaften anwesend. Unter den Delegierten wird freudig begrüßt der Senior der Genossenschaftsbewegung, der 86jährige Stadtrat Knorr aus Sommerfeld: Einen lebhaften Widerhall
findet der Hinweis in der Begrüßungsansprache des Vorsitzenden, daß, wenn auch die Schatten der Kämpfe auf dem Krenznacher Genossenschaftstage noch nicht verflogen
Feuilleton.
Ein anständiges Begräbnis.
Es ist schon recht, wir müssen unsere Toten anständig begraben. Fragt sich nur, was man unter anständig versteht. Und wahr ist's auch, wenn wir einen Menschen ver Erde übergeben, von der er genommen ward, dann tragen wir das Verlangen, ihm eine letzte Ehre zu erweisen. Es ist ja das lctztemal, daß wir ihm zeigen können, wie wert er uns war. Ihm? Weiß er es, fühlt er es, sieht er es? Sieht er unsere Tränen, fühlt er unseren Schmerz, tut es ihm wohl, daß wir ihn nun, da er tot sit, mehr ehren, als wir ihn in seinem Leben ehrten? Es Ist ja so, meistens geben wir erst dem Toten, was wir dem Lebenden hätten geben sollen: Liebe, Achtung und — ein anständiges Geleite. Es tut weh, das sagen zu müssen, aber es verschweigen, hieße lügen. Geht es nicht sogar den Großen unter den Menschen vielfach so? Da leben sie und werden nicht verstanden, sie kämpfen und schaffen und werden angeseindet, hier und da ist einer, der sagt: Das sit ein großer Mann! Dabei hat's sein Bewenden. Legt stch der große Mann hin und stirbt, dann schreiben wir einen Nekrolog, und siehe da! Jetzt auf einmal wissen wir, was wir ihm schuldig sind. Wir schauen uns an, was er geleistet hat, wir denken darüber nach, was er wollte und tun beiseite alles, was menschliche Schwäche an ihm war, und wir sagen es der Welt, daß wir einen öroßen Mann zu Grabe getragen haben. Vergessen ist alles, was wir am Lebenden zuerst sahen und was uns abhielt, ihm die Ehre zu erweisen, die wir ihm schuldeten. Die Mängel sahen ivir am Lebenden, am Toten sehen wir die Tugenden. Ehret die Toten!
Cm anständiges Begräbnis. Das ist daS letzte, das cmleren Toten geben können, und es sei ferne von ans, hie Quelle zi: verkennen, aus welcher das Bestreben stießt, den Toten zn ehren. Dem Verstorbenen ist ja allerdings nicht damit gedient, und es wäre in unzähligen Fällen ksrnsendmal besser, wir hätten früher augefaugen, ihn zu Lieben und ihm anständig zu begegnen, aber es
ist schön, daß wir uns wenigstens in letzter Stunde — etwas verspätet zwar, wie wir ja so häufig mit unserem Gutsein zu spät kommen — seines Anspruchs auf unsere Liebe und unsere Achtung erinnern. So begraben wir ihn denn anständig. Er war doch ein Mensch, er war doch unser!
Wir haben in manches Menschenleben hineingeschant, manche Türe hat sich uns geöffnet und manches Herz. D:e Türen oft williger wie die Herzen, denn die Kunst des Schlossers ist nicht so groß wie die Kunst des Herzens, stch vor den Augen der Welt zu verschließen Aber was das Herz verschweigt, künden die Augen, kündet der Mund oft unwillkürlich. Ein einziges Wort sagt unv manchmal mehr als eine lange Rede, und in einem einzigen Blick kommen oft die festverschlossensten Geheimnisse des Herzens zum Vorschein. An manchem Krankenbette haben wir gestanden, wir sahen Junge und Alte, Arme und Reiche, Kinder und Erwachsene sterben, aber selten, sehr selten nur konnten wir uns sagen: Hier ist einer gestorben,der immer geliebt wurde wie im Sterben und immer geachtet wie im Tode.
Wir sind Menschen allemitcinander und das Gute vermengen wir beständig mit dem Bösen. Selbst die uns am liebsten sind, betrüben wir unzähligemal, Gott sei Dank, weniger aus bösem Willen, als aus menschlicher Schwachhett. Aber schlimm ist's doch. Da wird aber das anständige Begräbnis zu einer erhebenden, läuternden Totenfeier, wo wir dem Toten Nachrufen können, daß w:r ihn immer geliebt haben, und daß unö jede Stunde w:e e:n Ste:n auf dem Herzen liegt, in der wir ihm wehe taten. '
Wie selten ist das der Fall!
Ein mühseliges Menschenleben hat aufgehört. Ein Gre's ist gestorben. Noch vor Wochen schleppte er sick durch die Gassen: man konnte ihn täglich sehen, und wer :hn anredete, der mußte Mitleid mit dem Alten habe». Seme stimme zitterte, sein Blick ivar erloschen, sein Ruck-n war gekrümmt. Er ging — nicht betteln und doch betteln. Denn wie ein Bettler erschien er hcutc bc: diesem, morgen bei jenem seiner Kinder, um sich seine Mahlzett zu holen. Lebt er denn noch immer? In
jeder Gebärde der Kinder kam die harte Frage zum Ausdruck in der Art, wie man ihm die Schüssel reichte, wie man ihm den Stuhl air den Tisch rückte. Was tut so ein alter Mann auf der Welt! Sich selbst unö uns zur Last. Selten nur ein liebevolles Wort, und der Alte dürstete darnach. Ein Wort der Liebe hätte ihn mehr gesättigt als zwei volle Schüsseln. Er fühlte selbst das Nutzlose seiner Existenz und schaute beständig nach dem Tod aus wie nach einem guten Freund, der ihn erquicken und laben werde. Aber es war, als sei sein Name aus öer Liste des Freundes gestrichen. Er ging an ihm vor- bc: und hielt — bei seinen Kindern Einkehr. Die blühenden, jungen Enkelkinder raffte er hinweg, eins ums andere. Fast schämte sich der Alte, hinter den kleinen Leichen herzugehen: wie Sünde kam es ihm vor, daß er leben und die sterben mußten, die noch ein großes Recht ans Leben hatten. Und in den Herzen seiner Kinder zttterte die Frage: „Warum diese und nicht jener? Warum die Enkel und nicht der überflüssige Großvater?
Endlich, endlich kam auch seine Stunde: Unö nun erlebten wir das Schauspiel. ' Die Kinder weinten: sie küßten dem Toten die Hände, sie zeigten der Welt an daß sie einen „schmerzlichen, unersetzlichen Verlust" erlitten hatten. Sv stand's im Wvchenblättchen und die Welt nahm es für bare Münze. Ja, wer die trauernden Hinterbliebenen sah in ihrem Schmerze, der mußte daran glauben, auch wenn er es nicht schwarz auf weiß gelesen hatte. Einen unersetzlichen Verlust nannten sie es, daß sie etwas verloren hatten, was sie gerne schon längst zn verlieren gewünscht hatten! Es gab einen teuren Sarg billig war er zwar im Verhältnis zu manch anderem aber teuer im Verhältnis zu dem Vermögen der Hinterbliebenen. Der Sarg wurde geborgt, es gab ein großes, ein anständiges Begräbnis. Schade nur, daß der Alte nicht erfahren hatte, wie lieb ihn seine Kinder hatten Ihnen aber tat'S wohl, so sich selbst mit der Ehrung des Verstorbenen ein vor der Welt gültiges Zeugnis über :hre Kindesliebe und ihre Pietät ausgestellt zn haben Der Pfarrer bestätigte das Zeugnis mit seiner Grabrede. Das anständige Begräbnis war zum Hohn auf die Men, schcnliebe geworden.
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