Seilage mm Wiesbadener Tagblatt.
.401. Morgen-Ausgabe.
Samstag, den 20. August.
61. Jahrgang. 1908.
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* Tätig und duldsam bleiben ist wohl das beste und voll- ^ J kommenste Re,ultal aller Strebens nach Nusbilduna und Jl Entwicklung und leider auch das seltenste.
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Frhr. vom Stein.
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( 29 . Fortsetzung.)
Freiheit!
Roman von Walter Schmidt-Häßler.
' In ihrer Vaterstadt wurde, wahrscheinlich von der Familie inspiriert, die Nachricht als authentisch der- breitet, sie sei mit einer englischen Familie nach Amerika gegangen. So suchte denn der treue Freund unermüdlich weiter, in der Hoffnung, Reinhardt doch eines Tages mit einem Resultat überraschen und ihm die alte jugendliche Lebensfreudigkeit wiedergeben zu können.
Da Remmingen sich für alles interessierte, was Kunst und Literatur hieß, und namenllich was das letztere anbetraf. stets gewissenhaft sich auch im Ausland auf dem Laufenden erhielt, so war es natürlich, daß ihm Mich das neue Buch von Heinz Herrmann, das momentan geradezu Sensation machte, in die Hände geriet.
Er las es mit immer wachsendem Interesse, und dabei geschah ihm etwas ganz Wunderliches.
U Das Buch kam ihm so bekannt vor, er wußte selbst nicht, warum.
Diese kleine Residenz, die der Verfasser mit so minutiöser Genauigkeit schilderte, war chm keine fremde Stadt. In diesen winkligen Gassen war er hundertmal spazieren gegangen, diese steifleinenen Hofherren und Junker kannte er persönlich, mit diesen albernen Frauen der sogenannten „Gesellschaft" hatte er manche koschare Stunde verloren.
■. Und dieses nach Freiheit verzweiflungsvoll ringende junge Weib, das an der Sklavenkette zu Grunde geht, weil es nicht werden kann, wie die anderen — das war doch Ella?!
. Er las das Buch zum zweiten und dritten Male, ohne Reinhardt vorläufig etwas davon zu sagen, er studierte es förmlich auf seine Anhaltspunkte, um in seiner Berechnung ganz sicher zu gehen. Er fing mit Kleinigkeiten an; kirn gerade diese schienen chm wichtig.
Der Dersaer beschrieb den Stadtgarten und verweilte dabei besonders in der SchDrerung der Marmorfiguren, die die Allee flankieren. Rechts die Hebe, links die Venus von Milos. Das stimmte!
Heinz Hermann schilderte eins der entsetzlich lang- welligen Symphoniekonzerte, wo die Heldin des Buches zum zwanzigsten Male dm Brautchor hört und dabei das Deckengemälde mustert. Apollo im Sonnenwagm auf impertinent blauem Untergründe, das Meisterwerk eines Einheimischen, dm man dafür zum Hofrat gemacht hatte. Man machte dort alles zum Hofiat.
Das sfimmte wieder. Ganz deutlich sah Remmingen dm Apollo mit dem gräßlichen Haarschopf, der ihn so oft geärgert hatte, und mit der Leyer, die wie ein goldener Laubfrosch aussah.
Und so rechtm sich die Anhaltspunkte zu einer langen Kette an einander, bis es ihm zur unumstößlichm Gewißheit wurde; dieser Heinz Hermann kannte Ella
Röminger, kannte sie so gmau, daß er sie zur Heldin eines epochemachmden Romans machte.
Das war der Weg, dm er verfolgm mußte, wmn er zum Ziele kommm wollte. Slber vorsichtig mußte er dabei zu Werke gehm. Schritt für Schritt galt es, das Terrain zu sondieren, und vor allen Dingm — den Freund nichts merken lassen, bis er im stände war, ihn mit einem kalt accompli zu überraschen.
Unterdessen arbeitete Reinhardt an seinem neuen großen Bilde, das er für die Frühjahrsausstellung in Berlin besfimmt hatte. Dazwischen hatte er eine Unmenge Aufträge zu erledigen, besonders Porträts, so daß seine Arbett trotz all seines eisernen Fleißes nur langsam vorrückte. Unter allen bestellten Arbeiten fesselte ihn eigentlich nur eine einzige, das lebensgroße Bild einer Fürstin Rogni, bekannt als eine der schönsten Frauen Roms, und ebenso beriihmt durch ihren geradezu märchenhaften Reichtum, wie durch ihre fast schon sprich- wörtlich gewordene Exzentrizität. Sie war mit kaum 23 Jahren Witwe und Erbin eines echt fürstlichen Vermögens geworden, war vollkommen unabhängig und die menschgewordene Lebensfreudigkeit, und so gestand ihr jeder vollkommen das Recht zu, ihr Leben auf ihre Weise zu leben, und keiner verargte es ihr, wenn sie der gesamten Männerwelt Roms die Kövfe verdrehte — nicht einmal die Beteiligten. Man verzieh diesem bestrickenden Wesen von vornherein jede noch so tolle Laune, jede Caprice, und wenn sie auf dem Korso am Monte Pincio dahinflog in dem leichten Korbwagen mit den zwei prachtvollen Isabellen, so sah ihr jedes Auge, auch das der Frauen, mit unverhohlener Bewunderung nach.
Reinhardt war ihr auf einer Soiree beim Marquese Savelli vorgestellt worden, sie hatte sich lange mit dem deutschen Maler unterhalten, und mit seinen schwermütigen Augen, seinem dunklen Lockenkopfe und seiner ganzen unbeabsichfigt interessanten Art, sich zu geben, schien er einen ganz außergewöhnlichen Eindruck auf sie zu machen, die sonst mit souveränem Lächeln und kühler Gleichgültigkeit die Huldigungen der vornehmsten Männer zu quittieren pflegte. Er hatte ihr nicht ge- huldigt, chatte nur sehr angeregt mit ihr, der geist- und witzsprühenden Frau, über Kunst- und Literatur gesprochen, und von dem Augenblicke an schien sie ein leb- Haftes und ernstes Interesse an Reinhardt zu finden. Sie begegneten sich überall, wo sie sich nur begegnen konnten, neben ihm vernachlässigte sie in allen Gesellschaften ihre bisherigen Getreuen, und ihre schönen Augen leuchteten auf, wenn er im Saale unter den Geladenen erschien. Nie hatte sie sich Mühe gegeben, ihre Sympathien oder Abneigungen zu verstecken, bei ihrer unge- mein impulsiven Natur wäre es auch gar nicht mögfich gewesen, und so machte sie auch hier gar nicht den Versuch, ihre Empfindungen zu verschleiern. Und eines Tages bestellte sie bei ihm ihr Porträt, das er so bald wie möglich beginnen sollte.
Reinhardt hätte kein Maler und kein Mann sein müssen, wenn ihm dieses Entgegenflammen einer so umhuldigten Frauenseele ganz kalt gelassen hätte. Welcher Künstler auf der Welt ist ohne jede persönliche Eitelkeft, besonders wenn er so jung ist, wie Berning, und wenn es ein Weib wie Fürstin Rogni ist, die ihn vor aller Welt in so auffallender Weise auszeichnet?
Der getreue Remmingen empfand bei der Sache sehr
geteilte Gefühle und lebte in einem ganz ungewohnten Widerstreit, während er die Entwickelung dieser Angelegenheit aufmerksam beobachtete. Einerseits wäre es ihm tatsächlich für Reinhardt als ein großes Glück erschienen, wenn aus diesem zarten Minnespiel eines TageS Einst geworden wäre. Eine große Leidenschaft, eine mächtig hochlodernde Liebe statt der sentimentalen Grillenfängerei wäre für den Künstler in Reinhardt gerade das gewesen, was er brauchte, um den letzten Schritt zurVollendung zu tun, um endlich einmal gründlich mit der Vergangenheit ferttg zu werden. Denn so konnte es doch schließlich nicht weiter gehen. Remmingen hatte sich ja in den letzten Jahren oft genug Mich« gegeben, Reinhardts Augen, die beständig aus einen Punft in der Vergangenheit zurückzublicken schienen, auf die lachende Gegenwart zu lenken, hatte mehrfach versucht, in seinem Herzen ein Feuer zu entzünden, das endlich das Bild der Erinnerung zu Asche brennen konnte, das doch nur lähmend auf ihn wirken konnte. Aber es war ihm nicht geglückt. Und jetzt schien es ja alles ohne sein Zutun nach seinen Wünschen zu gehen. Weshalb also konnte er ein Gefühl des Unbehagens nicht los werden? Nur weil er anderseits seit der Lektüre des verhängnisvollen Romans eine Spur der Verlorenen gefunden zu haben glaubte, und weil er, ehrlich, wie er war, für sein Leben gern dem Freunde das verlorene Glück wiedergegeben hätte. Er befand sich also so zu sagen, zwischen zwei Feuern und fühlte sich im allerhöchsten Grade unbehaglich in dieser Situation.
Eines Abends saßen sie beide zusammen in Reinhardts behaglichem Atelier. Die Sonne stand noch in voller Pracht am Himmel, gleißte und funkelte auf den Dächern der ewigen Stadt und flutete in breitem, rotgoldenem Strahle in den weiten Raum, über die angesangenen Bilder, Waffen und Stoffe, die in buntem Durcheinander dem Atelier etwas Trauliches und Wohnliches gaben. Reinhardt hatte sich lang auf der Ottomane ausgestreckt, die Füße gegen den Kopf des großen Königsfiger ge- stemmt, der dm Bodm bedeckte, und blies dm Rauch seiner Zigarette vor sich hin. Remmingm saß ihm zur Seite an dem kleinen maurischen Tischchm, aus dem die Zigarren lagen, und ließ seine Blicke durch das weit ge- öffnete Fenster hinter den goldumränderten WölkckM iehm, die langsam am Himmel dahinsegeltm. Er e sich vorgmommm, heute einmal dem schweigsamen Frmnde ganz energisch auf dm Zahn zu fühlen; er mußte wissm, woran er eigmtlich mit ihm war. Für das, was er jetzt zu tun vorhatte, brauchte er vor allen Dingen absolute Klarheit, einen durch gar nichts gettüb- tm Blick in das Seelenleben des Mannes, für dm er Han- dein, an dessen Glück er arbeiten wollte! Me zufällig stteiste sein Blick das Bild der Fürsttn, das, halb ange- fangm, auf der Staffelet stand.
„Es ist doch eigmtlich ein ganz wundervoll schöner Kopf, diese Vollblut-Römerin mit dm metallisch-schim- memdm Augen!" begann er. „Ich Hab« selten im Leben etwas ähnlich Schönes gesehen. Das muß dich doch ganz über alle Maßen anregm, gerade sie zu malm. Nicht? ft „O gewiß!" antwortete Reinhardt, ohne seine Stellung zu verändern. „Alles Schöne regt mich gleich mächttg an, denn Schönheit ist ja die Lebensatmosphäre für alles, was Kunst heißt. Und diese Frau ist wirklich fd^ört!" _ (Fortsetzung folgt.)
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