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si. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis; durch den Verlag so Pfg. monatlich, durch die Post & Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

«mag:

Anzcigen-PreiSr Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.

Atttkmen-Ämnülnue Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. -r- Für die Aufnahme später cingcreichtcr Anzeigen zur nächst-

“ - g c » ’ erschcmenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Äufnahme an bestimmt vorgeschricbenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Mk». 402. LerlagS^iernsprecher No. 29M.

Samstag» den 89. August.

Rebaktious-Fernsprecher No. SS.

1998.

fibenJ^usgabe.

pie $wtmi in itx foiialticmoferatte.

L. Berlin, 27. August.

Die Verhältnisse in der Sozialdemokratie liegen wohl nicht so einfach, wie es jene bürgerlichen Blätter darzu- stellen lieben, die den Gegensatz zwischen den Radikalen und den „Revisionisten" so besprechen, als sei der Sieg der Gruppe Bernstein-Vollmar so gut wie sicher. Es ist wahr: Die größere Summe von Intelligenz und Lern­fähigkeit ist auf der Seite der Revisionisteir, und man kommt überhaupt in Verlegenheit, wenn man ihnen eine auch nur einigermaßen gleichwertige Anzahl von begab­ten Personen von der anderen Seite her gegenüberstellen will. Wohl ragt hier Bebel turmhoch hervor, aber er ist ein politischer Agitator, will auch garnichts anderes sein und hat sich niemals bemüht, wenigstens mit dem Ver­suche wissenschaftlicher Objektivität in die Probleme der wirtschaftlichen Zusammenhänge einzudringen. Der ein­zige wissenschaftlich arbeitende Mann unter den Radikalen ist Karl Kautsky. Hat man ihn genannt, so hat man wirklich alle und alles genannt, was in Betracht kommen kann, wenn man den radikalen Flügel auf seinen „Jn- tellktualismus" prüfen will. Dagegen sind diejenigen Sozialdemokraten, die der reformerischen Gruppe voran- gchen, großenteils auch gründliche wissenschaftlicheArbeiter, deren Forschungsergebnisse selbst den politischen Gegnern nicht bloß Achtung, sondern auch Anerkennung abringen. Was haben die Radikalen den Schriften von Max Schippet, Eduard Bernstein und Eduard David gegen- iiberzustellen? Wir sehen uns umsonst nach entsprechen­den Leistungen um. Und so könnte es in der Tat scheinen, vis ob die Richtung, die mit dem schwereren Gepäck der Ein­sicht marschiert, die Zukunft für sich haben rnüsse. Aber so bereitwillig man anzuerkennen hat, daß in den Führer­kreisen der Revisionismus überwiegt, so ändert sich das Bild, sobald man den Blick aus die Massen wirft. In den großen Volksversammlungen, die hier in allen Wahl­kreisen am Mittwoch abgehalten wurden und in denen Stellung zum Dresdener Parteitage zu nehmen war, kam der Radikalismus zu so kräftigem Ausdruck, daß die vereinzelten schüchternen Stimmen für Bernstein und die Seinigen schnell genug verstummten. Man mag sagen: Das geschieht in Berlin, aber es ist draußen im Lande nicht viel anders. Höchstens, daß Herr v. Vollmar durch die Macht seiner Persönlichkeit die Münchener Genossen an sich zu ketten weiß. Sonst jedoch kämpfen die Revisionisten bisher vergeblich gegen die Tendenzen der Unversöhnlich­keit an, von denen die Oberschicht der Sozialdemokratie immer noch beherrscht wird. Wir sagen: die Oberschicht, v>eil in der Dreimillionen-Masse der sozialdemokratischer! Wählerschaft scharf zu unterscheiden ist zwischen dem

Stamm erprobter Leute, die als Unteroffiziere neben den Führern die Kleinarbeit der Agitation besorgen, und den Mitläufern, die allerdings keine Ahnung davon haben, was eigentlich der Marxismus will und ist. Solange der Bruchteil, den wir die Oberschicht unter den Wählern nennen, zu Bebel steht (und das tut sie), solange sich ferner die Mitläufer mit der bloßen Ausübung ihres Wahlrechts begnügen, sonst aber um alle diese Kämpfe kaum kümmern, solange ist der große Streit zwischen Links und Rechts in der Partei keineswegs als zugunsten der Gemäßigten entschieden anzusehen. Wir zweifeln nicht daran, daß sich der Revisionismus in Dresden eine Niederlage holen wird, und das sollte die Sanguiniker in den bürgerlichen Parteien wohl stutzig machen. Freilich gilt der geschilderte Tatbestand nur für jetzt und heute. Auch die Radikalen in der Sozialdemokratie sind im Ver­gleich mit den Anfängen der Partei gemäßigter geworden, und sie werden sich der Belehrung in Zukunft auch dann nicht verschließen können, wenn sie sich noch fo hartnäckig weigern. Wer weite Zeiträume überfliegt, der wird zu­letzt ja recht behalten mit seiner Hoffnung, daß die Sozial­demokratie den Revolutionismus durch den Evolutionis­mus ersetzen und wirklich eine Reformpartei, eine sehr radikale selbstverständlich, werden wird. Aber, wie gesagt, einstweilen sehen wir wohl die Ansätze hierzu, mehr jedoch nicht. _

Vom Zionistenlrongreß.

Basel, 28. August. Der Zionisten-Kongreß hat folgende Anträge der Natioualfondskommission ange­nommen. Zweck des Fonds soll sein: in Palästina und den Nachbarlanden Bau-, Acker- und Gartenland, auch Waldungen und Grundstücke jeder Art anzukaufeu, das gekaufte Land zu bebauen oder bearbeiten zu lassen, oder auch an Juden mit Ausschluß der Afterpacht zu ver­pachten: alle möglichen oder denkbaren Unternehmungen, welche diesem Zwecke dienen, zu begründen ober zu fördern: zur Erhaltung oder Erwerbung des Besitz­standes Verträge jeder Art zu schließen, sowie zur Ent­wickelung dieses Zweckes mit industriellen oder finan­ziellen Unternehmungen, sowie mit Regierungen oder Behörden in Verbindung zu treten. Von dem National­fonds sollen % zum Landankauf dienen, % unantastbar bleiben und fruchtbringend angelegt werden. Die Fest­stellung des Statuts für den Nationalfonds ist Aufgabe der nächsten Jahreskonfcrenz. Hierauf folgte eine Debatte über Oppenheimers Referat, betreffend Ansiedelung, wo­ran sich beteiligten: Trietsch-Berlin, Pasmanik-Genf und Sondheimer-Frankfurt, Die Generalversammlung der Aktionäre der Zionistischen Kolonialbank genehmigte den Bericht und die Rechnung. Diese ergibt 2 Prozent Dividende. Die Summe der ausgefertigten und voll einbezahlten Aktien zu einem Pfund ist 241 218 Pfund. In das Direktorium wurden neu gewählt Moser-Brad­ford und Urysohn-Moskau. (Franks. Ztg.)

Deutsches Deich.

Eine Rede des Kaisers.

wl). Kassel, 28. August. Der Kaiser hielt bei der heutigen Tafel für die Provinz Hessen folgende Rede: Indem ich mein Glas auf das Wohl der Provinz erhebe, spreche ich meine Freude aus, so viele der Kurhessen und Nassauer uni mich versammelt zu sehen, und heiße die Herren alle herzlich bei mir willkommen. Es ist mir stets eine Freude, wenn ich inich eine Weile in dem für mich zur zweiten Heimat gewordenen Kassel aufhalten und daran freuen kann, daß die alten Beziehungen der Kasselaner zu mir in der herzlichen und innigen Be­grüßung wieder zuni Ausdruck kommen, wie auch am heutigen^Tage durch den besonders ichönen Schmuck der Stadt. Ich bitte Ew. Excellenz, den Kasselaner in meinem Namen auszusprechen, wie gerührt die Kaiserin und ich durch die spontane freudige Begrüßung der Bevölkerung und die Ausschmückung der Straßen sind, und unseren warmen, herzlichen Dank zu sagen. Ich freue mich, auf dem Boden zu sein, auf dem ich gelernt habe, von kundiger Hand geleitet, daß die Arbeit nicht nur um sich selber willen da ist, sondern daß man in der Arbeit seine ganze Freude finden soll. Die ernsthaften und un­ablässigen Vorbereitungen, die ich in meinen Studien auf dem Gymnasium und unter der Leitung des Geheimrats Hinzpeter hier vornehmen konnte, haben mich be­fähigt, die Arbeitskraft auf meine Schultern zu nehmen, die von Tag zu Tag in wachsender Bürde zunimmt. Wenn schon damals meine Lehrer, überzeugt von der hohen Aufgabe, die ihnen übergehen war, alles dransetzten, wde Stunde und jede Minute auszuuutzen, um mich für meinen kommenden Beruf vorzubereiten, so glaube ich doch, daß niemand von ihnen sich darüber klar sein konnte, welche ungeheure Arbeitslast, welche

n: e d e r d r ü ck en d e V e r a n t w o r t l i ch k e i t dem­jenigen ausgebürdet ist, der für 68 Millionen Deutsche verantwortlich ist. Jedenfalls bereue ich keinen Augen­blick die mir damals schwer vorgekommenen Zeiten. Ich kann wohl sagen, daß die Arbeit und das Leben in der Arbeit mir zur zweiten Natur geworden sind/ und das danke ich dem Kasselaner Boden. Schmerzlich bewegt mich, daß ich am heutigen Tage, ehe ich das Wohl der Provinz ausbringe, zugleich das Scheideglas für Eure Excellenz trinken muß. Wenn etwas meinen tiefen Schmerz noch erhöht, so ist es das, daß ich mit Rührung sehe, wie sich aus allen Teilen der Provinz uneinge­schränkte Trauer kundgibt über Euer Ercellenz Scheiden Wenn auch die Provinz vollinhaltlich begreift, daß, wo die Not am höchsten ist, der Fürst zu dem Manne greifen muß, der ihm der rechte au Ort und Stelle zu sein scheint, da empfindet sie doch tief, daß ihr Oberhaupt genommen wird. Das beweist, daß Eure Excellenz die Ausgaben hier noch in weit höherem Maße zu erfüllen imstande waren.

Vnlerwühlter Grund.

Roman von Anton Freiherr« von Persall.

(31. Fortsetzung.)

Gottfried starrte mit großen Airgen darauf hin, aus önim, ohne daß eine Muskel des Antlitzes sich bewegte, -i-räne auf Träne sich ergoß — das schöne Nonei. ich So weit hatte er sie kommen lassen! Was war denn m Verbrechen, ein unerfahrenes, verführtes Kind init demselben Starrkopf, den er hatte, eine Hintermooserin! "r vergaß alles, was sie ihm angetan, wie Schuppen fiel ihm von den Augen, er war ein schlechter Vater, für feine Erde konnte er sorgen, für seine Kinder nichts an chv allein hing sein Herz und die Kinder blieben ihin fremd. Er war nahe daran, laut ihren Namen zu rufen, ne herabzuholen vo,i den Brettern dort und seiner Agl ne hinzubringen, sie und ihn — wie ein mächtiger Strom brach sich plötzlich die Vaterliebe Bahn in diesem alten Körper — da — was ist das!?

Ein dumpfes Brausen wälzte sich von außen gegen bas Haus — wildes Rufen — Lichter gaukelten durch die Nacht, die ganze Menge wird unruhig, die Tür wird auf-

gerissen.

, »Alle Mann aufs Werk!" ruft ein Grubenarbeiter herein, durch den Ruß leuchtete ein aschfahles Antlitz.

Verdämmung ist gerissen, die Strecke steht unter Wasser, fünf Mann unten —" ..

Augenblickliche Stille, die letzten schrillen Tone Noneis: »Weil i halt a frisch Madl bin —" stachen durch den Nebel — dann wildes Lärmen, ein Donner von Fluchen, Verwünschungen, Jammergeschrei von Weibern und Kindern, unzählige gerufene Namen, ein Wälzen, Dran- überstürzen der Massen nach dem Ausgang - alles aber übertönte ein dröhnender, verzweifelter Rnf aus Gottfrieds Kehle — „Ambros! Ambros!"

„Auch unten! Unglücksrabe!" schrie man aus der Wenge.

L Gottfried warf sich den, Strom entgegen, der ihn mit p) zu reißen drohte. *

Kr mutzte da sein —- er war wohl bei der Schwester hinter der Bühne. Er schlug mit den Fäusten, man fluchte über den alten Narren, aber man wich ihm doch scheu aus, er drang bis zur Bühne vor, der Schaum stand ihm vor dem Mund.

„Wo ist Ambros?" schrie er Nonei an, die wie ange­wurzelt vor ihm stand, tu ihrem Flitterstaat.

„In der Gruben such' ihn, wo du ihn hingehetzt hast!" sagte sie schneidend.

Gottfried prallte vor den Worten zurück und eilte dann keuchend den anderen nach.

Unzählige Lichter schwankten iin Dunkeln gespenstisch bergauf dem Sofgrabeu zu, Zurufe. Flehen zum Himmel, die Wasiermaschinen keuchten und stöhnten, zur äußersten Kraftanstrengung gezwungen, ein glühender, weißlicher Dampf lag über dem engen Tal: um das Fahrgerüst am Mundloch gaukelten dunkle Gestalten, das dumpfe Rollen der Hunte tönte heraus. Alles drängte sich zusammen und verlangt Gewißheit, wie, was geschehen, tver noch unten, ob noch Hoffnung, ob alles verloren.

Die hölzerne Abdämmung war dem Wasserdrang an einer Stelle gewichen, das klüftige, unsichere Gestein wo der Tamm eingebaut war, stürzte durch die Gewalt' des Wassers gelost, nach, die schadhafte Stelle erweiterte sich trotz aller aufopfernden Versuche der Arbeiter, durch eine Notverzimmerung zu helfen, mit einer rasenden Schnellig­keit; es galt nur noch, das Leben zu retten. Vor dein wscndeu eiiisturzeuden, die Strecke stillenden Wasser tljekiend. erreichten von den zehn beschäftigten Arbeitern acht glücklich die ^ahrt und fuhren aus, nur zwei wurden vermißt. Neulinge, die wohl bei der Flucht den Weg verfehlt, m irgend einen Abbau sich verirrt; unter diesen zweien befand sich auch Ambros Hintermooser, der andere .junger Mann ohne Familie, ein Ausländer. 4.le Gemüter warm einmal erregt, alle Nerven zitter­ten noch von der überstandeneu Angst, die rings in allen Herzen sich regende, dankbare Freude, nicht direkt be­teiligt zu sein, die sich in Umarmung der sich Wieder- fiiideiu eii, m bellen Tränen Luft inachte, ging zuletzt tu hingebeude Teilnahme für den alten Hintermooser über.

Tie Fäuste gegen die Zeche geballt, die ihm alles ge- nommen, Wald. Feld, Hans und Kind, stieß er bald baßliche Verwünschungen aus, bald flehte er um Rettung fernes Sohnes, bot alles, was er hatte; doch das war nicht mehr nötig, es giebt keinen Stand, tu dem mehr Pflicht­gefühl, aufopfcrungsfähige Kameradschaftlichkeit, ent- schlosseuer Mut, tiefstes Bewußtsein der Solidarität in jeder Gefahr besteht, als im Bergmannsstand.

. Ter Ingenieur hatte nur zu tun, die Leute vom nutz- losen Wagen abzuhalteu. Es waren sofort die nöügen Maßregeln getrofsm worden, wenn irgend möglich, die beiden Unglücklichen zu retten. Waren dieselben noch am Leben, den Wassern glücklich entgangen, mußten sie sich in einem Abbau, der durch feine höhere Lage vor dm eindriugendeu Wassern wenigstens auf geraume Zeit ge­sichert war, befinden. Es war jetzt nur noch möglich, durch einen erst vor kurzen! geschlagenen Wetterschacht hinunter zu gelangen, von der schwarzen Strecke aus war der Weg schon längst verschlossen.

Alles eilte au die Mündung 'des Schachtes und horchte hinab. Der Lärm der Ventiliermaschiuen, deren Kolben im Licht der Lampen hin und her blitzten, ließ nichts der- nehmen; ein kalter Luftzug wehte herauf.

Gottfried drängte sich an die Fahrt, er mußte gewalt- sam zurückgehalteu werden, plötzlich schienen seine Kräfte gebrochen, er blickte apathisch in den flunklen Schacht, auf die auf und ab steigenden Saugkolben.

Hinter ihm stand Nouei mit Mukel, den Flitterstaat beschmutzt, die Haare gelöst, die Schminke ließ die bleichen Wangen durchschimmern. Kein Wort fiel, alles lauschte atemlos.

Jetzt regte sich was, mau leuchtete auf die Fahrt hinab, die Leitern verloren sich in endloses Dunkel. Ein roter Punkt wie ein Stern tauchte schwankend auf, er wuchs und wuchs, ein Manu kam eilig die Fahrt herauf — Bot­schaft! Man schrie ihm entgegen, die Antwort war un­verständlich — endlich war die Gestalt sichtbar — ec kani allein.

„Im Abbau sind sie, der Eingang ist verschütt', einer