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Wiesbadener Tsgblstt.

«• 9 M* 0 M* Serfoo: Lanaaaffe 27 . Anzeigen-PreiSr

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|t(l, 400, verlagSOeruIprecher No. 295t.

Abend-Ausgabe.

.Jules Ferry."

ltnfer Pariser Korrespondent schreibt uns:

Am vergangenen Sonntag feierte man in Cherbourg den Stapellauf eines neuen Panzerkreuzers, welcher eines der schönsten und mächtigsten Kriegsschiffe der französi­schen Marine bilden wird. Marineminister Camille Pelletan präsidierte der Feierlichkeit. Das Schiff erhielt den Namen „Jules Ferry".

Wer hätte vor achtzehn Jahren vorauszusagen gewagt, daß Jules Ferry einst seinen Namen einem Kriegsschrff geben, wer hätte es damals für möglich gehalten, daß dieser verlästerte Staatsmann, den man spöttisch als „Tunesier" und als „Tonkinese" bezeichnete, dermaleinst eine Bronze­statue in Tunis und ein anderes Denkmal in Hanoi, der Hauptstadt Indo-Chinas, haben würde? Als am 80. März 1885 Ministerpräsident Jules Ferry in der Kammer die Niederlage von Langson ankündigte, erhob sich ein Sturm gegen ihn, der in der parlamentarischen Geschichte seinesgleichen sucht. Paul de Cassagnac schrie dem Kabinettschef zu: „An die Türe mit Ihnen! Trollen Eie sich von der Stelle!" Clämenceau rief: „Wir kennen Eie nicht mehr. Sie sind nicht mehr Minister, sondern Angeklagter und des Hochverrats schuldig!" Ribot schleuderte dem Ministerpräsidenten ins Angesicht: „Mit Ihrer Botschaft hätten Sie sich nicht vor der Kammer zeigen sollen. Sofortige Abdankung war Ihre Pflicht." — Der Sturz des Kabinetts Ferry war in der Tat be­kanntlich die sofortige Folge des Unglücks von Langson. Noch schlimmer als im Parlament tobte zu jener Zeit die Entrüstung gegen Ferry in der Pariser Presse. Selten hat ein Staatsmann so viel Beleidigungen, Verwünschun­gen und Verdächtigungen über sich ergehen lassen müssen. Man beschuldigte Ferry, den Text der von den Generalen in Tonkin erhaltenen Depeschen gefälscht, dem Lande die wahre Zahl der Gefallenen vorenthalten zu haben. Dieser Preßkrieg setzte sich noch lange Zeit fort und der Spott­name „le Tonkenois" verlor sich nur langsam aus den Zeitungsspalten.

Unter den wütendsten Angreifern Ferrys tat sich von jeher ein Mann besonders hervor, der jetzige Marine- minister Pelletan. Er war derjenige, welcher sich eine wahre Spezialität daraus gemacht batte, den „Tonkinesen" mit Beschimpfungen zu überschütten, und welcher, auch nachdem es der von ihm geführten Clique gelungen war, Ferry zu stürzen, nicht abrüsten wollte, sondern in unge­heuerlichen Anschuldigungen fortfuhr. Pelletans Kriegs­weise gegen Ferry war keine loyale, wie sie unter Par­teien erlaubt ist, sondern der damalige Abgeordnete und Journalist behandelte seinen Gegner als eine unwürdige Person, welcher man keine Argumente und Ideen ent­gegenhält, sondern der man seine Verachtung schlechtweg

Freitag, de« 28. August.

ins Gesicht sagt. Unzählige Male nannte Pelletan in seinen giftigen Artikeln Ferry einen Vaterlandsverräter. „Wenn er", schrieb Pelletan, „unsere Truppen nach Tunis und später nach Tonkin geführt hat, so geschah es, um die Armee zu schwächen, die Grenzen zu entblößen und Frank­reich ohne Verteidigung dem Feinde zu überliefern. Frankreich kompromittiert, die Republik bedroht: das ist das Werk des Erfinders der verhängnisvollen Kolonial­politik!" Und als besonnene und dankbare Politiker später mit dem Gedanken umgingen, Jules Ferry für die Prä- sideirtschaft der Republik in Vorschlag zu bringen, ver­doppelte und verdreifachte Pelletan seine Angriffe gegen den Staatsmann, welcher „die Unterstützung Bismarcks in Anspruch genommen habe, um die verbrecherische Tonkin- Expedition in Szene zu setzen, damit die französischen Streitkräfte möglichst verzettelt würden."

So schrieb ein Mann, der unlängst in Tunis der Ent­hüllung der. Ferry-Statue als Minister beiwohnte und der vor wenig Tagen in Cherbourg beim Stapeltaus des neuen Kriegsschiffes in Jules Ferry „einen der großen Namen der Republik" feierte. Jules Ferry hat seine Genugtuung längst vor der Geschichte erhalten. Daß ihm auch sein heftigster Gegner in letzter Zeit zweimal Ge­rechtigkeit widerfahren lassen mußte, ist eine köstliche Be­wahrheitung des Wortes: Die Weltgeschichte ist das Welt­gericht. Der Erfinder der verhängnisvollen Kolonial­politik wird heute gepriesen, weil er ein großes Kolonial­reich und eine zukunftsreiche Schutzherrschaft Frankreich einverleibt hat.

Viele ganz links stehende Zeitungen können es selbst­verständlich Pelletan nicht verzeihen, daß er vor Jules Ferry zu Kreuze gekrochen ist, und belegen ihn bereits mit dem Namen eines Abtrünnigen, eines Nationalisten. Das reumütige Benehmen des gegenwärtigen Marine­ministers ist nicht der erste Vorgang dieser Art. Es be­weist wieder einmal, daß. wer beleidigt, eine Schuld ein-. geht, und daß die Schmähung von heute die Entschuldi- gung von morgen nach sich zieht.

Nom Kölner Katholikentag.

H.F. Köln, 27. August 1903.

Die heutige, letzte geschloffene Generalversammlung wurde unter Vorsitz des ersten Vizepräsidenten, Freiherrn v. Stortzingen, in der „Festhalle" abgehalten. Monsig­nore I)r. Werthmann führte aus: Die zunehmende Ver­wilderung und Vernachlässigung der kirchlichen Pflichten habe seit den letzten 25 Jahren eine erschreckende Zunahme der Konkubinate gebracht. Er empfehle daher die An­nahme folgenden Antrages: „Die Generalversammlung empfiehlt dringend, besonders in größeren Städten, im Jntereffe der kirchlichen und staatlichen Ordnung die Er­richtung von St. Regis-Veretnen zur Verhütung und Ordnung sogenannter wilder Ehen, Legitimierung un­ehelicher Kinder usw., wie solche Vereine schon in Köln,

RebaktionS-Fernlprecher No. 52. 1908«

Düsseldorf, Aachen usw. bestehen." Der Antrag gelangte darauf einstimmig zur Annahme. Abg. Cahensly (Lim­burg a. Lahn) empfahl folgenden Antrag: „Die General­versammlung warnt dringend vor unüberlegter Aus­wanderung in überseeische Länder. Allen zur Auswande­rung fest entschlossenen Glaubensgenossen aber empfiehlt sie, die Reise nur unter dem Schutze und unter der Füh­rung des St. Raphael-Vereins zu unternehmen. Die Generalversammlung bittet den hochw. Klerus, auf das Bestehen und die Ziele des St. Raphael-Vereins öfters hinzuweisen und den Auswanderern die Empfehlungs- karten an die Vertrauensmänner des Vereins auszu­stellen. Gleichzeitig empfiehlt die Generalversammlung, die Bestrebungen des Vereins tatkräftig zu unterstützen, sei es durch Erwerbung der Mitgliedschaft oder seitens der katholischen Presse durch öfteren Hinweis auf seine segensreiche Tätigkeit." Weiter wurde ein Antrag ange­nommen, der dahin geht, den Frauenklöstern, Müdchen- schutzanstalten und Vereinen, welche sich mit dem Ver­dingen ihrer Schützlinge nach dein Auslande befassen, zu empfehlen: 1. die an sie vom Auslände her gerichteten Anfragen um Dienstboten, Gouvernanten usw. zunächst an die in den betreffenden Ländern bestehenden deutschen Anstalten zu verweisen: (Die Adressen dieser Anstalten sind in München, Tegernseestraße 2, und in Freiburg (Schweiz), Peterstraße 12, zu haben.) 2. weder kontrakt­mäßig auf eine gewisse Zeit, noch auf Zusendung des Reisegeldes hin ihre Schützlinge zu verdingen, da beides den Mädchen viel mehr Schaden als Nutzen bringt: — sondern 3. sich damit zu begnügen, sie den im Auslande bestehenden katholischen Anstalten zu empfehlen und zu unterstellen: 4. obengenannte Vereine usw. sind beson­ders gebeten, ihre Schützlinge auch vor Annahme einer Stelle auf Zeitungsanzeigen hin ohne vorherige genaue Erkundigung dringend zu warnen. Der letzte Punkt betrifft auch speziell junge Kaufleute und Gesellen." In einem ferner angenommenen Anträge wurde die Gründung von Jugendfürsorgevereinen, möglichst unter Anlehnung an etwa bestehende Bincenz- vereiue, empfohlen. Von Monsignore Geistlicher Rat Dr. Werthmann wurde weiter folgender Antrag empfohlen: „1. Die Generalversammlung ruft die Lehrer und Er­zieher geistlichen und weltlichen Standes, die Juristen, Arzte und Nationalökonomen zum Studium der A l k o - holfrage auf dem Boden der christlichen Weltanschau­ung auf. 2. Die Generalversammlung empfiehlt als vor­beugende Mittel gegen den Alkoholismus die Erziehung der Jugend zu alkoholfreien Lcbensgewohnheiten, das Darbieten von Ersatzgetränken in Familie, Wirtshaus und Vereinsversammlungen, Fortbildungs- und Haus­haltungsschulen, die ländliche Wohlfahrtspflege, Woh­nungsfürsorge und Schulsparkassen. 8. Die Generalver­sammlung wendet sich an die studierende Jugend, beson­ders an die Mitglieder der katholischen Studentenkorpo­rationen, mit der dringenden Bitte, in den Kampf zur Reform der Trinksitten, insbesondere zur Aufhebung des Trinkzwanges einzutreten. 4. Die Generalversammlung

Knlerwühller Grund.

Roman von Anton Freiherrn von Perfall.

(30. Fortsetzung.)

Er schwankte lange, plötzlich schlug er einen anderen Weg ein, er fing zu laufen an, durch den Hofgraben an der Grubenkneipe vorbei, durch den Wald, — die Lampe am Gürtel leuchtete ihm den Berghang entlang —• dann, als die Seeleit'n hinter ihm lag, herab durch das hohe Gras der Wiesen, sich duckend wie ein schleichendes Raub­tier, mit einem Satz über die Straße in das Moos.— da hielt er hinter einem Latschenbusch, der Atem ging ihm ans.

Mukenmichl war in der Stadt, die Hütte leer, er wollte nur erfahren, ob der Schatz noch da sei, er mußte es wissen, um seine Maßregeln darnach treffen zu können, sonst wollte er nichts. Vorsichtig schlich er näher, vorne war jedenfalls versperrt, der rückwärtige Eingang be- ftattk nur au§ einer alten morschen Stalltllre.

Er horchte vor dem Fenster zur Vorsicht — doch wer sollte denn da sein! Die Türe gab rasch nach, zwei Geißen sahen den schwarzen Mann mit dem schwanken­den Licht neugierig an mit ihren geisterhaften Augen. Er ging durch den Stall, die Stich entür war nur ange- legt — wie unvorsichtig der Alte ist, wenn wirklich der Schatz im Hause ist/— er zweifelte von neuem daran. Er stürzte sich auf das Bett, warf die Kissen heraus und wühlte im Stroh — nichts! Er rückte vorsichtig die Bettlade von der Wand und leuchtete mit der Gruben- lampe umher In der Mauer war ein sonderbarer vier- eckiger Fleck, als ob die Tünche dort frischer wäre — die Lampe zitterte in seiner Hand, er klopfte, es klang hohl — dahinter lag er, kein Zweifel. Fieber schüttelte ihn, er mußte Um sehen, er zog sein Grubenmcsser hervor und sing zu kratzen an, es war Holz dahinter der Rahmen eines Kistchens kam zum Vorschein, er kratzte und schnitt, daß ihm der Schweiß auf der Stirne stand, schon konnte er das Messer in die Fuge stemmen, das Holz knirschte, gab

nach — da knarrte die Diele hinter ihm — das Bett deckte ihn, er blickte entsetzt über den Rand — unter der Türe zur Kammer stand der Vater im Hemde, das Mond­licht beschien ihn grell. Entsetzen befiel ihn, er vergaß, nach der Lampe zu greifen, die neben ihm am Boden stand^und sprang gebückt, mit schlotternden .Knioen in den Stall hinaus — der Vater hinter ihm, Drohungen ausstoßend. Mit einem Satz war er im Freien zwischen den Latschen verschwunden, er sah noch den Alten über den leeren Fleck vor der Hütte laufen. Er konnte chn nicht erkannt haben, damit beruhigte er sich, da fiel ihm erst die Lampe ein — Gott, es gab viel solche Lampen hier; er rannte querseld dem Wald zu — wenn er jetzt rasch einfuhr, mußte der Verdacht weichen.

Gottfried war auf die Bitte Mukenmichcls, der in die Stadt fuhr, die eine Nacht in der Hütte geblieben, obwohl er nicht mußte, was der Alte zu beschützen hatte.

„Was nur der Kerl in der armseligen Hütte zu finden hoffte?" fragte er sich, als er von der vergeblichen Ver­folgung des Diebes zurückkchrte.

Da erblickte er erst die brennende Lampe am Boden, eine Grubenlampe. . Ein Bergmann also! Er untersuchte sie genau, sie hatte einen so sonderbar gebogenen Haken — er sah ihn erst vor kurzem, deir Haken —' wo denn? Er achtete doch sonst nicht auf so etwas! Heiliger Gott! Die Lampe entfiel seinen Händen. Bei Ambros sah er ihn, auf dem Boden klebte ein schmutziger Zettel, A. H. war deutlich darauf zu lesen. Jetzt trat die dunkle Gestalt wieder deutlich vor seine Augen, wie er sie nur einen Augenblick gesehen — cs war nur-ein Wischer unter der Stalltür — seine Größe, seine hagere, lange Figur — Ambros! Ja, was wollte er denn hier? Jetzt erst fiel sein Blick auf die abgeschürfte Mauer, auf die Holzlade, die daraus hervorsah, in der noch das Messer stak. Ter Schatz, von dem die Sage ging! Es war also doch Wahr- sind Ambros wollte ihn stehlen — das war auch Wahrheit. Ein Dieb! Ein Mörder, wenn es sein mußte, sein Kind! Ec knickte zusammen vor denk qualmenden Licht, dann sprang er plötzlich auf, auf den Schatz, auf das

k Versprechen, das er Mukenmichel gegeben, auf alles ver­gessend, kleidete sich sofort an und eilte dem Entflohenen nach. Es konnte doch ein Irrtum sein, es mußte ja einer sein, und er mußte Gewißheit haben, wenn ihm nicht das Herz brechen sollte.

Er fragte Bergleute, die eben aus der Grube kamen, als er sein Haus betrat, sie wollten Ambros zur Mitter­nachtsschichte haben einfahren sehen, auf eine halbe Stunde früher oder später kain es ihnen nicht an.

Gottfried atmete auf, er irrte sich wohl mit der Laterne oder ein anderer hatte sie verwechselt. Sein Wächteramt in Mukenmichls Hütte fiel ihm wieder ein, jetzt wußte er auch, warum dieser so ängstlich war. Wenn der Dieb unterdes zurückgekehrt wäre! Er eilte durch die Nacht zurück, alles war so, wie er es verlassen, es war ihm, als erblickte er wieder den sonderbaren Schein hinter der Bettlade hiervor, das starre Auge, das über den Rand ihn« entgegenglotzte, die lange, hagere Gestalt — ganz der Ambros! Er kannte wohl das Geheimnis der Hütte von Mukl her — wer sollte' es sonst wissen? Bis zuin Dieb herab ließ er ihn sinken unter seinen Augen und rührte keine Hand, er, der Vater! Durfte er das? Und Nonei, war es nicht mit Nonei gerade so! Sie schrieb ihm neulich einen jammervollen Brief, sie bat um Ver­zeihung, er anttvortete ihr nicht einmal: das Schicksal

sollte sie zerbrechen, zu seinen Füßen hinwerfen, die Frevler. Wenn er sie aber entehrt, als ewig verloren zu seinen Füßen wirft, konnten sie ihn dann nid)t anklagen? War er berechtigt zu so strengem Gericht, er, der Rächer seines Grund und Bodens!

Qualvolle Gewissensangst erfaßte ihn; er sah Ambros und Nonei im Verbrechergewand auf der Anklagebank, bleich, ihn vorwurfsvoll anblickend! Wenn es morgen schon zu spät wäre! Er hätte am liebsten Ambros in der Grube aufgesucht, wäre in die Stadt geeilt, Nonei zu sehen, und da mußte er sitzen und den Schatz des Muken- michels hüten vor — vor seinem Sohn! Er war es, er zweifelte nicht mehr daran trotz der Aussage der Arbeiter.

Das war eine qualvolle Nacht, jeden Augenblick glaubte