Beilage mm Mesdadener Tagtilatt.
Ko. 397. Morgen-Ansgakr.
Donnerstag, den 27. August.
61. Jahrgang. 1903.
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« Nicht die Stärke, sondern die Dauer der hohen Empfindung acht die hohen Menschen.
Friedrich Nietzsche.
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(27. Fortsetzung.)
Freiheit!
Roman von Walter Schmibt-Häßler.
Dann sagte Reinhardt: „Also abgemacht! Das male ich dir. so gewiß ich hier sitze, und zwar wird das die erste Arbeit, sobald wir wieder zu Hause sind. Denn, weißt du. ganz abgesehen davon, daß dieses Engelsgesicht die erste und einzrge Liebe meines Freundes bedeutet, das ist so unbeschreiblich reizend und anmutig ganz an und für sich, daß ich dich sogar bitten würde, es malen zu dürfen!"
„Nicht wahr, sie ist entzückend?" sagte Franz, ohne den Freund anzusehen.
„Über alle Beschreibung, und ich gestehe dir, daß ich jetzt erst ganz begreife, daß dein Herz nach einer solchen Liebe keiner Neigung fürs Leben mehr fähig sein konnte. Wer von einem solchen Munde einmal im Leben das Evangelium „ich liebe dich" gehört hat. dem muß nachher alles andere schal und reizlos erscheinen. Der muß unter seines Lebens großen Errungenschaften einen Strich machen! Das Bild wird gemalt, und zwar so schnell wie möglich, und es soll schön werden, das der- spreche ich dir!"
Damit gab er dem Freunde die Photographie zurück, bie dieser sofort wieder in chr Versteck in der Brusttasche schob.
Dann standen beide auf, Remmingen legte den Arm in den des jungen Malers, und langsam verließen beide tie Ausstellung.
» Sie hatten fick wieder einmal verstanden — wie immer.
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Am selben Abend mit dem Schnellzuge 7 Uhr 38 Mmuten fuhren sie ab, genau zu derselben Stunde, wo Ella in chr Hotel zurückkam. aufs höchste befriedigt von ihrem Besuche bei der Baronin Winterberg ; denn es war alles so gekommen, wie sie heimlich gehofft hatte, sie hatte für lange Zeit eine wirkliche Heimat wieder gefunden, mm Platz, wo sie sich in jeder Beziehung zu Hause fühlte.
, Noch am selben Abend ließ sie ihr Gepäck nach der reizenden Villa in Schwabing bringen und zog bei der Baronin ein. Me Stellung, die sie bei ihr als Gesell- schafterin angenommen hatte, war mehr eine Form, in die M zukünftiger Aufenchalt gekleidet war, um sie eine vuernde Gastfreundschaft annehmen zu lassen, und um ur all die entgegenkommende Liebenswürdigkeit, mit der
ausgenommen worden war. wenigstens scheinbar ein Agmvalent zu bieten. Das fühlte sie selbst nur zu wohl. Und so empfand sie überhaupt nicht das leiseste Gefühl «r Slbhängigkeit mehr, als sie die Schwelle des
Wmterbergschen Hauses überschritt.---
. Ein Vierteljahr später, als der Herbst allmählich in «n Winter übergegangen war, erschien im Buchhandel
ein Roman, der in allen Tagesblättern aufs günstigste besprochen wurde, der, wie selten ein Buch eines bisher kaum genannten Autors, in allen Kreisen berechtigtes Aufsehen erregte und selbst die ernstesten literarischen Fachleute mit hoher Achtung erfüllte:
Freiheit.
Von Heinz Hermann.
Verlag Berlin.
Über jede schriftstellerische Zukunft entscheidet der erste glückliche Wurf. Eine Arbeit, die ganz plötzlich austaucht und allgemein verblüfft, besiegelt mit einem Schlage das Schicksal des Autors. Je geteilter die allgemeine Ansicht darüber ist, desto günstiger für den Erfolg. Nur kein • Mittelding, kein ruhiges, gleichmüstges Hinnehmen. Entweder ein entzücktes Begrüßen, ein lautes, stürmisches Anerkennen, oder eine ebenso spontane Empörung über das Neue, das so kühn und dreist aufzutreten wagt.
Zwei geteilte Lager -— Bewunderer und offene Gegner — das ist das Beste.
Und so war's mit dem Buche von Heinz Hermann. Keiner legte es gleichgülstg aus der Hand, der es gelesen hatte, die einen bewunderten es in seiner Kühnheit und Selbständigkeit der Meinung, in seiner durch nichts beeinflußten starken Individualität, die anderen waren voll heiligen Zornes, voll spießbürgerlicher Jndignaston über den Autor, der es wagte, mit offenem Visier gegen eine Fülle tradistoneller Ansichten und verrotteter Vorurteile zu Felde zu ziehen. Aber gelesen haben mußte es jeder! Und das war die Hauptsache. Das machte den unbÄcmn- ren Heinz Hermann, der bisher nur für Tageszeitungen rmd Journale geschrieben, mit einem. Schlage zu einem von aller Welt bekannten Autor.
Der erste und einzige, der das neuerschienene Buch mit einer herzlichen, treugemeinten Widmung zugesandt erhielt, war der alte Röminger. Als er den gelben Umschlag öffnete und auf der ersten Seite von der festen, energischen Hand seiner Nichte die lieben Worte las, mit denen sie, ihr Geisteskind in seine Hände legte, überkam ihn eine tiefe und ehrliche Rührung. Dann setzte er sich ganz füll und ungestört in den großen Backensessel am knisternden Ofen und fing an zu lesen. Und je weiter er las, desto mächstger ergriffen ihn Form und Inhalt, bis er schließlich ganz und gar zu vergessen begann, daß der Autor das blonde Mädchen war, daS so unendlich zart und weich veranlagt schien. Wie knapp und korrekt das alles war, wie verblüffend realistisch, und an manchen Stellen von einer geradezu brutalen Bitterkeit, von einem beißenden Sarkasmus. Was mußte Ella alles schweigend und verschlossen mit sich herumgetragen, ruhig niedergekämpft und verarbeitet haben, um sich zu dieser Klarheit. dieser Reife der Ansichten, dieser Unerbittlichkeit der Logik hindurchzuringen . Mehr als einmal schüttelte der alte Mann nachdenklich den Kopf, ließ das Buch sinken rmd blickte ins Leere.
Seit langer Zeit hatte keine Lektüre ihn so unwider- stehlich gepackt und bis zum Schlüsse festgchalten, wie dieses wunderbare Buch, dessen ganzen Inhalt er mit der Person des Autors in seinen Gedanken so ganz und gar nicht vereinigen konnte. Was würden zu diesem Werke die
engherzigen Eltern sagen, wenn man es ihnen in die Hände legen und sagen würde, das ist von eurem Kinde, dieses Buch hier hat eure älteste Tochter geschrieben mit ihrem Herzblut, das sind die Früchte eures Handelns. Eure Erziehung, die systematische Verblödungstheorie eurer Pädagogik, ‘ hat in dieser Menschenseele den frohen Glauben an so manches Schöne und Ehrwürdige vernichtet, hat dies junge Herz so verbittert, daß es hier in diesem langen Bekenntnis sich aufbäumen mußte zu einer lauten, trotzigen Anklage gegen alle Mütter, die so kurzsichtig, so engherzig sind, wie diese eine, gegen alle Väter, die indifferent wie dieser! blind sind gegen das, was bei jedem Kurde sein heiliges Recht verlangt — die Individualität! — dieses Buch Ellas war mehr als ein Roman, es war ein pädagogisches Werk, aus dem der Ehrliche unendlich vieles beachten und lernen könnte und gegen das die ganze Schar derer, die sich getroffen lühlen mußten, offenbar mit lautem Wutgeheul zu Felde zogen!"
Am meisten erstaunte Röminger über die wunderbar feine Beobachtungsgabe, mit der Ella die wunden Seiten des Kleinstadtlebens zu schildern verstanden. Me sie einem Jeden mit der Genialität des .Karikaturen- zeichners in wenigen Strichen den typischen Zug zu geben wußte, daß all die braven Spießbürger mit verblüffender Leb-enswahrheit porträtähnlich daftanden.
Bis zur Pensionsvorsteherin herunter hatte sie alle verwertet, die den Kreis der geistigen Jnauisitoren bildeten, die eine junge, nach Licht und Freiheit ringende Seele langsam in guter Meinung in Schraubstöcke und Prokrustesbetten einzwängten, bis sie dieselben endlich zu Tode gefoltert hatten.
Ms der alte Mann mit der Lektüre zu Ende war, las er das ganze Buch zum zweiten Male.
Frau Anna fand den Roman bei aller Liebe zu ihrer Nichte im höchsten Grade abstoßend — die Tochter des Hauses durfte es nicht lesen. Vater und Sohn schwärmten dafür.
Ella selbst hatte weder Zeit noch Stimmung, sich über den Erfolg ihres Erfllings zu freuen. Sie kam seit Wochen nicht dazu, auch nur einmal an sich selbst zu denken, denn sie hatte eine Pflicht übernommen, die sie wie eine Art höherer Mission mit Einsetzung ihrer ganzen Persönlichkett zu erfüllen bemüht war.
Sie rang tage- und nächtelang mst dem Tode um ein» kostbare Beute, das Leben einer Frau, die sie vom ersten Augenblick an lieb gewonnen hatte von ganzer Seele! Marianne von Winterberg war wenige Wochen nach Ellas Einzuge in ihr Haus tödlich erkrankt, und von der Sttrnde ab war Ella zur Samarstertn geworden.
Sie hatte das Gefühl, als ob nicht der Zufall, sondern eine weise, höhere Dorbesttmmung sie gerade jetzt in dieses Haus geführt hätte, um einem werwvllen Menschen, der ein Anrecht auf ihr Gemütsleben hatte, indem er ihr, der Einsamen. warme Zuneigung ent- gegenbrachte, nützlich zu sein. Sie mußte dem Tode dieses junge Leben abringen. mit Gefahr ihres eigenen Selbst trat sie für diesen Gedanken mit einer Hingabe, einer Aufopferung ein, deren nur ein Charakter wie der ihrige fähig war.
(Fortsetzung folgt.)
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