Wiesbadener Tagblstt.
_ Jahrgang. $Rf>rfnrt • PrttirtrtnfTe 27 . Anzeiaen-PreiS r
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Dg. 388. «erlagS-Fernsprecher No. 2958.
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In einer der letzten Nummern der „Sozialen Praxis" widmet der Züricher Professor vr. H. Herkner dem ersten badischen Fabrikinspektor, nämlich dem Geh. Ober- regierungsrat vr. F. Woerishoeffer, anläßlich der ersten Wiederkehr seines Todestages einen warm empfundenen Nachruf uni) 1 weist darauf hin, daß nicht nur eine große Zahk hoher Staatsbeamten, auch Prinz Karl von Baden halte einen Vertreter geschickt, sondern auch die Arbeiterschaft Badens den verdienstvollen Mann zur letzten Ruhe geleiteten. Eine der zahlreichen Kranzspenden trug die Aufschrift: Dem Freunde der Arbeiter: die organisierten Arbeiter Badens. Und mit Recht sagt Professor Herkner: „So hatte hier die Wirksamkeit eines außerordentlichen Mannes ein übereinstimmen des Fuhlens in allen Schichten der Gesellschaft erzeugt, wie sie leider in deutschen Landen so selten hervortritt.
Beim Lesen des ganzen Artikels fragt sich der Kaufmann, sowie der Sozialpolitiker vergeblich nach Gründen, welche die Regierung veranlaßt haben könnten, dem Handelsstand eine Institution vorzucnthalten, die sich in Gewerbekreisen so ausgezeichnet bewährt hat. Handelsinspektoren wurden nämlich schon im Jahre 1891 von dem bekannten Volkswirtschastler I)r. Gg. Adler gewünscht. Jedoch erst 1894 wurde in der Kommission für Arbeiter-Statistik beraten, ob es angebracht sei, Kontroll- maßregetn zur Durchführung der sozialpolitischen Gesetzgebung im Handel einzuführen. Infolge der aus be- teiligtenKreisen gegebenen unmotiviertenBerichte undGut- achten wurde die Frage verneint und 1897 bei Beratung des Handelsgesetzbuches wieder gestellt. Damals wurde im Reichstage fast einstimmig ein Antrag an die verbündeten Regierungm angenommen, dahingehend: a) „In Erwägung darüber einzutreten, inwieweit und mit welcher Maßgabe die Bestimmungen 88 120a, 120e und
Donnerstag» den 87. August.
134a bis 139b der Reichsgewerbeordnung unter zweckentsprechender Aiipassnng an die besonderen Bedürfnisse auf das Handelsgewerbe auszudehnen sind;" b) „tunlichst bald dem Reichstage einen dementsprechenden Gesetzentwurf vorzulegen." Seit dieser Zeit wurden wohl verschiedene Anträge, betreffend Ausdehnung der Gewerbeaussicht auf den Handel, gestellt und von Rednern fast aller Parteien in zustimmendem Sinne besprochen, aber die Regierung schien es sich genügen zu lassen, den vorstehenden Antrag zu den Akten zu heften, wo er noch heute ruht.
Welche große Ausgabe den leider vorläufig nur m der Phantasie existierenden Handelsinspektoren winkt, sei in nachstehendem nur kurz angedeutet. Vorerst hätten sie ihr Hauptaugenmerk auf schärfste Durchführung des 8 62 H.-G.-B. zu richten, der davon spricht, daß die Geschäftsräume, und falls die Angestellten in freier Station, auch deren Wohnräume derart beschaffen sind, wie es mit Rücksicht auf die Gesundheit, die Sittlichkeit und Religion der Angestellten erforderlich ist. In den größeren Städten wird in dieser Hinsicht wohl weniger gesündigt; aber man besehe einmal die Verbältnisse an kleineren Plätzen und besonders im Osten unseres Vaterlandes!
Wie steht es aber weiter mit der Befolgung der Errungenschaften auf dem Gebiete der Sozialreform? Wie oft werden die Bestimmungen betr. Ladenschluß und Mittagspause übertreten? In wie vielen Geschäften ist die gesetzlich vorgeschriebene Sitzgelegenheit für die Angestellten vorhanden, resp. darf solche benutzt werden? Daß verhältnismäßig wenig derartige Fälle zur Bestrafung gelangen, findet seine Erklärung darin, daß die Polizeibehörde nicht befugt ist, die Arbeitsräume betr. Kontrolle zu betreten, sondern erst dann einschreitet, wenn eine Übertretung offenkundig vorliegt oder zur amtlichen Anzeige gelangt. Dieser Umstand ist aber nur geeignet, ein unwürdiges Denunziantentum großzuziehen, falls der Angestellte es nicht etwa vorzieht, sich einfach dem Willen des Geschäftsherrn zu beugen. Eine treffliche Illustration zu vorstehend Gesagtem ist eine in Nr. 16 der „Deutschen Handelswacht" enthaltene Kritik der Arbeitsverhältnisse im Warenhaus für Deritsche Beamte zu Berlin. Ferner hätten die Handelsinspektoren das Lehrlingswesen zu überwachen und den sog. „Lehrlingszüchtern" das Handwerk zu legen. Gibt es doch noch eine große Zahl Betriebe, in denen die Zahl der Lehrlinge die der Gehülfen um das Dreifache übersteigt.
Die Hauptaufgabe der Handelsinspektoren würde aber in der fortlaufenden Beobachtung aller mit den Arbeitsverhältnissen der Handelsangestellten zusammenhängenden Angelegenheiten, und deren Weitergabe an die Behörden liegen. Außerdem wären die alljährlich zu erstattenden Berichte über die Tätigkeit und Beobachtungen
Re-aktiouS-Fernsveecher No. SS. 1988»
eine reiche Fundgrube des Wissens für den Sozial- politi^r usw., von der Erleichterung bei Aufstellung irgend einer dm Handelsstand betreffenden Statisük gar nicht zu reden.
Zum Schluß noch ein Wort über die Einrichtung, resp. Zusammensetzung dieses Verwaltungskörpers. Das beste Vorbild hierfür haben wir in den Gewerbe-Inspektionen unter Oberaufsicht der Gewerberäte. Nur mit ausreichender volkswirtschaftlicher und staatsrechtlicher Vorbildung versehene Beamte, die sich das rein kaufmännische Wissen auf einer Handelshochschule aneignen müßten, könnten einen solchen Vertrauensposten gewissenhaft aus- süllen.
Zu wünschen wäre nur, daß die Forderung nach Handelsinspektoren, um deren Begründung sich der deutschnationale Handlungsgehütsenverband sehr verdient gemacht hat, recht bald zur Zufriedenheit aller verwirklicht werden möge. L. H.
Vom Kölner Katholikentag.
lick. Köln, 26. August. Kardinal Fischer erschien in der dritten geschlossenen Generalversammlung des 50. Katholikentages mit Kardinal Ferrari und dem Bischof von Lüttich, um selbst zu schildern, wie in Italien, namentlich in Neapel und Genua, viele deutsche Katholiken, besonders Dienstboten, ihren Glauben verlören. Nur in Mailand habe Kardinal Ferrari im Verein mit deutschen Jesuiten und mit Priestern, die die deutsche Sprache erlernten, diesen Ubelstand erfolgreich bekämpft. Der Bischof von Lüttich erzählte dasselbe in gebrochenem Deutsch bezüglich Belgiens und Lüttich. Präsident Orterer dankte Ferrari in lateinischer, dem Lütticher Bischof in deutscher Sprache. Die besonders für Berlin und Westdeutschland wichtige Frage des Gottesdienstes für die Polen wird das Episkopat regeln. Die Generalversammlung ermahnte die deutschen Katholiken, nicht zu viele Fe st lich ketten zu verunstalten, durch die der Wohlstand der Familie ruiniert werde. Die nächste Generalversammlung soll 1904 in Regensburg, die für das Jahr 1905 in Aussicht genommene in Straßburg i. E. stattfinden. Mit großem Jubel wurde der Beschluß gefaßt, die Aufhebung des Jesuitengesetzes zu fordern.
lid. Köln, 27. August. In der dritten öffentlichen Generalversammlung des gestern geschlossenen Katholikentages sprach Leusing über die Entwickelung der katholischen Literatur und Presse, I)r. Porsch erörterte die Geschichte der Zentrumsfraktion des Reichs- und Landtages. Der Dominikaner-Pater Damatikus sprach über die katholische Wohltätigkeit und die Vereinigung der Vereine zum Charitas-Verbanöe. Hierbei schilderte er Pius X., der sich bisher stets als Vater der Armen erwiesen.
Knlermühlier Grund.
Roman von Anton Freiherr» von Pcrsall.
(29. Fortsetzung.)
Zwei Tage darauf war Mukel zurück mit leeren Händen, der Vater gäbe nichts, seinen weiteren Fragen um das Geld wich er sichtlich aus, und doch wußte er offenbar davon. Zwischen ihm und Nonei wuchs das Einverständnis, es ging etwas zwischen beiden ohne sein Wissen vor, es Handelte sich dabei um das Geld, das war Ambros klar; eines Tages verschwinden sie, der Alte gibt Geld und Segen und er sitzt im Trockenen. Es kam ihm öuletzt vor, als hätte er ein bestimmtes Recht auf das Geld . Doch es geschah nichts, Nonei sang wieder, er hatte sich wohl geirrt, der Muk'enmichel gab das Geld wirtlich nicht heraus, auch um Nonei nicht, warum hätte sie sonst gezögert, da ihre Lage immer trauriger wurde. Selbst seine Freunde blieben aus, seitdem sie das offenbare Verhältnis Noneis zu ihrem Kollegen, dem Mukel, erkannt. Ter sich fühlbar machende Mangel erzeugte in ck)m einen Haß gegen alles Bestehende, ein immer brennenderes Verlangen nach Besserung seiner Lage. Hier war seines Bleibens nicht, ohne Geld; er trat der Frage von Tag zu Tag näher, ob es nicht doch besser, mit dem Vater ßch auszusöhnen, am Ende kam ihm Nonei zuvor ans das Dräugeu Mulls hin, der Vater war alt, er könnte einmal Rötzlich sterben, dann fielen ihnen auch die zwcmzig- musend Mark zu — und der Schatz im Moos, und er ging ^er aus. Eine furchtbare Angst befiel ihn, er beobachtete Nonei scharf. Geld um jeden Preis, jetzt wollte er es dem Vater schon zeigen, was damit zu machen wäre, das; es noch dankbarer sei wie seine armselige Erdkrume; er sann Tag und Nacht, wie den; Alten am besten beizukommen sei.
„Mit offenem Arin will ich dich aufnehmen. wenn du nss Kohlenlader kommst im Grubenkittel!" sagte er neulich.
. Das ließe sich ja probieren, es war ja wohl nur so ki»e Redensart von ihm, aber der Anblick wird ihn erschüttern, rühren, er wird seinen guten Willen, sich zn dessern, erkennen und ihn wieder als Sohn aufnehnien,
und dann — dann wird sich das übrige schon finden — dann konnte ihm wenigstens nichts mehr entgehen, in; Hause nichts und nichts — im Moos! Wo er wohl liegen mag, der Schatz? — Er wird arbeiten unten im Moos auf dem Grund des Vaters, oft in die Hütte kämmen zu Mukenmichel! Verdammte Gedanken! Wie sie so langsam wachsen, Zelle an Zelle nnsetzei;, an- schwellen, bis die Blüte plötzlich aufspringt in ihrer ganzen verderblichen, höllischen Pracht!
Dreizehntes Kapitel.
Das war eine Aufregung in dem kleinen Gemeinwesen der Arbeiterfamilien, als eines Tages Ambros, der Sohn des verrückten Alten, des Unglücksraben, der ehemalige Bauer am Bichl, eintrat in das Haus seiner Väter als Kohlenarbeiter im schmierigen Kittet, das Grubenlicht am Gürtel. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde, man empsa;;d ein wohliges Gefühl, einen ehemaligen Be- sitzenden in seinen Reihen zu sehen, ein stiller Trost lag in dresem rücksichtslosen, boshaften Walten des Schicksals; man erwartete voll Neugierde das erste Begegnen mit dem Vater, der eben nicht zu Hause war und wie es schien, von der Geschichte gar nichts wußte.
Auch Ambros erwartete ihn mit bangem Gefühle. Ob er sich täuschen ließ, ob er nicht durch den Kittel hin- durch in sein Herz sähe und alles darin lese mit seinen scharfen Augen.
Die Mutter knickte zusammen bei dem Anblick ihres Sohnes, qualvolle Vorwürfe regten sich in ihrem Innern, sie zitterte vor dem Erscheinen Gottfrieds. Endlich kam er, er stutzte, als ihm Amdros cntgegeutrat.
„No. da bin ich als Kohlenlader, wie du g'wünscht hast, empfing dieser ihn.
, r ~ 0 . c ^ Gottfried breitete die Arme nicht aus, prüfend flog sein Blick iiber die Erscheinung, er erkannte auf den ersten Blick die Maske, der Übergang war zu plötzlich, zu unmotiviert. Anibros kam nur in einem anderen Gewand, um ihn zu ,irgend etwas herumzubringen; doch Packte ihn das buchstäbliche Eiutreffsn seiner einstigen Vision und gab lhui neue Hoffiiiing aus die Wahrheit auch der übri- gen. Wenn es auch Koinödie war, die jetzt Ambros n;it
ihm spielte, eine unsichtbare, hohe Macht, an die er fest glaubte, führte ihn wohl wider seinen Willen an das Ziel.
„Probier's, es ist wenigstens eine ehrliche Arbeit", sagte er kurz. Keine Spur von Mitleid, Nachgiebigkeit, von einem nur leise angedeuteten Anerbieten.
Anibros war bitter enttäuscht, er rechnete sicher, daß die Komödie genüge, alles wieder gut zn machen, er war so erbost darüber, daß ihm augenblicklich der Gedanke kam, über seinen Waldgrund zu verfügen, der ja ihm gehörte, das wäre die empfindlichste Rache gewesen an dem unbarmherzigen Vater; doch damit verdarb er sich am Ende alles •— was tat er mit dem Wnldgrund, was könnte er dafür lösen? Auf die zwanzigtausend sMark Alten hatte er es abgesehen! Er ivollte ihn schon noch zahm machen, länger wie vierzehn Tage arbeitete er nicht in der Grube, das glaubte er bestimmt zu wissen.
Zwei Tage darauf zog Franzl ein mit dein kleinen Gottfried, der eigene Kummer, den der Alte in ihrem vergrämten bleichen Aiitütz gleichsam wiedergespiegelt sah, packte ihn mächtig: der erste Anblick des Enkels dagegen hob ihn über alles Leid empor. Er küßte ihn unter hellen Tränen.
Ambros war bei dem Wiedersehen nicht zugegeu. er brauchte sich nicht zu verstellen. Die treuen, blauen Augen, der kräftige Körper des Kindes zeigten ihm aus den ersten Blick, daß die Fäulnis noch nicht so weit gedrungen, als er schon gefürchtet — das war ein echter Hintermooser. das Ebenbild des kleinen Ambros, wie er ihm einst auf seinen Armen seinen künftigen Besitz zeigte. Neue, traf» tigc Wurzeln schlugen seine welkenden Hoffniingen in dem Knaben.
Das war ein eleydes Leben in der Grube. Ambros' Körper litt Qualen unter der Anstrengung, lange durfte es nicht dauern, sonst gab er seinen feinen Plan auf.
In der Grubentneipe machte er seinem Unmut Lust, er führte die schlimmsten Redensarten, lästerte aus die Direktion, welche die Arbeiter zu Tode schinde um die Paar Groschen täglich, drückte seine Verwunderung aus. wie man sich das jahrelang gefallen lassen könne, sprach vom Recht der Arbeit, von einer neuen Weltordnnng, alles, was er au derlei Sprüchen während seines Stadt-
