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SeUage zum Wiesbadener Tagblalt.

. 395. Morgen-Ausgabe.

Es gibt nur dann keine Zukunft für mich, wenn ich >. nicht inehr sein werde. Die Verleumdung kann mich nur zu J meinen Lebzeiten erreichen. Napoleon I.

( 26 . Fortsetzung.)

Freiheit!

Roman von Walter Schmidt-Häßler.

E. E. — Ella Röminger ! — Was doch solch ein biß­chen Phantasie alles zusammendichten kann.

Vielleicht heißt es: Elms Rosenthal! Und doch mußten gerade sür ihn diese zwei Buchstaben eine ganze Welt von Glück und Sonnenschein heraufbeschwören. Er sah nicht mehr sein Bild, an dem soeben noch seine Augen mit schöpferischem Stolze gehangen hatten, er sah nur das Monogramm, die beiden verschlungenen Buchstaben, die chm den Namen der Geliebten und die süße Gestalt, den reizenden Blondkopf vor die Seele zauberten.

Wie sonderbar, daß das unscheinbare, kleine Tuch auch gerade hier liegen mußte, gerade in dieser Stunde, wo er Abschied zu nehmen gekommen war.

Eine unbeschreibliche Wehmut breitete sich über sein Denken, all das verlorene Glück seines Lebens stieg wie eine Fata Morgana vor ihm auf und ließ das ganze alte Leid mächtig in seiner Seele erwachen.

Endlich knüllte er das kleine Tuch zusammen und schob es in die Brusttasche.

Mcht um eine Welt hätte er es wieder hergegeben, so kindisch er es selber auch fand, ihm war, als habe die Vergangenheit ihn mild und schmerzlich gegrüßt.

In diesem Augenblick riß das Erscheinen des Freun­des ihn jäh aus seiner Träumerei.

- Remmingen hatte sich in der Zeit seiner Abwesenheit don deutschem Boden fast gar nicht verändert. Me paar grauen Haare, die ein Gegenstand seiner steten Selbst- Verspottung waren, schienen sich nicht um ein einziges ver­mehrt zu haben. Im Gegenteil, er sah jugendlicher, frischer aus, als je. Me südliche Sonne hatte ihn etwas gebräunt, was ihm außerordentlich gut stand.

Vor allen Mngen hatte er noch ganz die alten, lieben Augen, die sein Gesicht so unendlich liebenswürdig und jugendlich machten.

Daß er tadellos angezogen war, von dem eleganten grauen Zylinder bis zur Spitze des glänzenden Lackstiefels

— war selbstverständlich.

„Een venuto amico!" rief er Reinhardt zu, der mit ausgestreckten Händen auf chn zukam. „Der Abstecher gilt bekommen? — Gute Reise gehabt? — Wann fahren wir los? — Ich hab's nun satt hier und sehne mich nach der heiligen Roma!"

„Heute abend 7 Uhr 38 fahren wir, wenn es dir Recht ist!"

„Mir ist alles recht! — Weißt du, München ist ja reizend, aber nun Hab' ich genug Hofbräu und Franzis- kaner! Fetzt möcht' ich doch 'mal wieder in der Osteria mit dem roten Weinlaub ungetausten Chianti trinken. Du nicht auch?"

„Vor allen Dingen möcht' ich wieder die Wpen hinter mir haben, Franz. Mir ist, als gehörte ich nicht mehr hierher. Lach' mich nicht aus; aber mir ist auf deutschem

Mittwoch, drn 26. August.

Boden immer zu Mute, als ginge ich über euren großen, westen Kirchhof im AbendnÄel und müßte immer nur vor dem einen Grabe Halt machen und daraus warten, daß der große Galiläer kommt und des Jairus Töchter­lein wieder zum Leben erweckt!" ^

„Na ja! Da haben wir wieder die ganze deutsche Sentimentalität! — Aber weißt du, diese Idee solltest du festhalten und 'nral malen. Kirchhof, Abendnebel, . ein paar stimmungsvolle Kreuze und der melancholische Füngling am Grabesrande. Und ganz hinten, weißt du, so in einer Art mystischen Lichtschimmers, der erscheinende Messias!"

Reinhardt sah Franz mit verblüfften Augen an. ,

„Das mal' ich auch! Ich danke dir, ewiger Skepstker. Du hast mir da einen ganz wundervollen Vorwurf ge­geben!"

„Um Gottes willen nicht, Reinhardt", lachte Remmin- gen, „das wär' ja entsetzlich. Willst du dich am Ende gar auch unter die Mystiker und Hypermodernen ver­irren, die aus ihrem eigenen Labyrinth keinen Aus­gang mehr finden?"

„Beruhige dich!" lächelte Reinhardt, „wenn ich's male, dann mal' ich's nicht für die Leute, sondern für mich ganz allein. Und in mein Atelier häng' ich's, in eine verschwiegene Ecke, und mache einen Vorhang darüber."

„Na, dann meinetwegen verwerte meine geniale Idee! Wer vergiß über dem Träumen nicht das Wichtigste, denke daran, daß du so viel Aufträge hast, mein Junge, daß du die Arme eines Polypen habeir müßtest, um sie auszuführen I"

„Deshalb werde ich auch nur diejenigen erledigen, die nur wirklich konvenieren und von denen ich mir künstlerische Befriedigung verspreche."

„Aber selbstverständlich! So nötig haben wir ja den Mammon nicht inehr, wenn wir unsere Venus an die Nationalgalerie verkauft haben. Stolz lieb' ich den Spanier! — Da werde ich mich hüten, dir einen Aufstag zu geben, den ich für dich in petto hatte!"

„Du, einen Aufstag? — Wer das ist doch wohl selbstverständlich, daß ich diesen vor allen anderen aus- führe! Für dich soll ich was malen? Eine größere Freude kannst du mir ja gar nicht machen, als wenn du mir endlich 'mal Gelegenheit gibst, dir eine Freude zu machen! Was ist's denn?"

„Darüber reden wir später einmal!"

„Gott bewahre! Gleich reden wir davon, sonst wird die Sache unnötigerweise auf die lange Bank geschoben und dann womöglich gar vergessen! Also heraus mit der Sprache."

„Du lieber Gott", sagte Franz ganz verlegen, „es ist eigentlich nur eine bizarre Idee von mir. Weißt du, so sarkastisch ich sonst auch bin und so sehr dich wohl manchmal mein vorlauter Witz geärgert hat, wenn er über deine Sentimentalitäten herfiel — im Grunde meines Herzens bin ich doch auch ein bischen von dem Erbübel des Deutschtums, von der lieben Melancholie, an­gekränkelt!"

„Weiß ich. Nur drückst du dich falsch aus, mein Bester. Du willst sagen, du hast auch ein Stück Poesie im Leibe, die manchmal wie Heimweh nach irgend etwas Unaussprechlichem durch dein Innerstes zieht und ihre Rechte geltend macht. Das ist ja grad' das Beste an dir!

31. Jahrgang. 1903.

Denn glaubst du, ich könnte für dich diese große Freund­schaft empfinden, wenn ich bei dir nicht „zwischen den Zellen" lesen könnte?"

„Na meinetwegen! Nenn's wie du willst. Du ver­stehst dich ja auf diese seelischen Finessen besser als ich. Es war ja auch nur so ein Gedanke von mir!"

„Nun also! Mal heraus mit dem Gedanken. Was soll ich dir denn malen?"

„Eigentlich— ein Porträt!"

„Was der Tausend! ■— Baron von Remmingen be­stellt ein Porträt bei mir? — Du scheinst deine drei Wochen in München ganz ^^^1^ angewendet zu haben!"

„Nein, mein lieber Reinhardt, so einfach ist die Sache denn doch nicht, wie du glaubst. Die Angelegenheit ist auch durchems nicht neueren Dastims, sondern liegt wert zurück bis in meine Maienzeit. Und jetzt —"

„Fetzt fällt der erste Reis auf deines Schläfe! — Kenn' ich ja! Dieses Wintermärchen von deinen grauen Haar­locken ist mir ebenso geläufig wie dir. Darüber können wir wohl zur Tagesordnung übergehen! Wso?!"

„Na also. Beim Aufkrarnen meiner Sachen fand ich eine alte Brieftasche aus meiner Leutnantszeit und in dieser Brieftasche ein altes, aber noch vorzüglich er­haltenes Bild!"

„Von — ihr?" fragte Reinhardt, jetzt ernstlich aufs höchste interessiert. « ,

„Fa —""von ihr!" nickte Remmingen, in dessen Gesicht mit einem Male der lustige, halbironische Zug wie fort­geblasen war. „Von ihr, die ich geliebt habe, als ich noch ein junger, leichtsinniger, aber glücksfähiger Mensch war. Du, mein Junge, kannst mir am besten nachfiihlen, was bei diesem Bildchen alles in mir aufgervacht ist. Jeden Abend habe ich mir's lange angesehen, mich hineinver- senkt in das liebe, kluge Gesicht, und so kam mir dann langsam und ganz allmählich der Gedanke, das möchte ich von der Hand eines wirklichen Meisters lebensgroß gemalt haben, so über meinem Schreibtisch oder auf eine Staffelet, wo ich's immer vor Augen hätte. Farbe und Leben müßte'es bekommen und mich ansehen mit den großen, schwarzen Augen! Und so ist mir der Gedanke wie zur fixen Idee geworden!"

„Hast du's bei dir?"

„Jrnmer!"

„Dann, bitte, zeig's mir 'mall"

Remmingen nahm aus der Brusttasche ein kleines Visitenkartenetui und aus demselben ein Frauenporträt, das er Reinhardt hinreichte.

Dann lehnte er sich, als ginge ihn die ganze Sache nichts mehr an, in das Sofapolster und schien sich ganz in den Triumphzug der Aphrodite zu versenken.

Mt ehrlichem Fnteresse betrachtete indessen Berrring das kleine Bild,

Es war ein Mädchenkopf von wirklich bezaubernder Anmut.

Ungemein aristokrattsch, und doch dabei von einer wahren Gloriole holdester Kindlichkeit umwoben, ein Ge­sicht, das nicht nur den Menschen lebhaft interessieren mußte, sondern auch den Künstler in Reinhardt unwill­kürlich fesselte, je länger er es betrachtete.

Eine Weile blieben sie beide still.

(Fortsetzung folgt.)

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