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**• Jahrgang.

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At>. 383. verlags^ernsprecher 9t». 2961.

Dienstag» den 26. August.

Redaktions-Fernsprecher No. 6».

1808.

Hlorgen-Ausgabe.

Aür: öen Woncrt September:

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der Nachbarorte,

uns dei sämtlichen deutschen Reichspostanstalten.

Modernes NaMlmndenturn.

Städte, ja selbst Landessürsten paktierten im Mittel- alter mit derr Raubrittent. Deren Einfluß und ihre Macht beruhte auf persönlichem Wagemut, persönlicher Willenskraft. Gerade ihr Spielen mft dem Tode, ihre Wildheit, wo es galt, freindes Eigentum entweder zu Mtberl oder selbst, zugrunde gehen, brauchte man in einer Zeit des körperlichen Kampfes, eines Kampfes, der nur zwei Bienschenklassen kannte: die Herren und die Knechte. Wer dazwischen als harmloser Kaufmann zu degetieren versuchte, mutzte früher oder später sich für eines von beiden entscheiden: er mutzte als freier Mann die Waffe führen können, ein Feldherr werden an der Spitze seiner Bagagewagen oder ein Knecht. So wurden die Städte mächtig, well sie lernten, für ihr Hab und Gut mft dem Schwerte in der Hand einzutreten. Tann kamen die Söldner, der Arm entwöhnte sich langsam der Waffe, es kamen Gesetz und was man so Ordnung nennt, das heißt, die Arbeitsteilung.

So wenig nun aber die Welt ohne einen Willen fort- bestehen kann und zwar einen Willen, der nur zu sich selbst ja sagt, so wenig auch dieser Wille zum Leben in unendlich viel kleine Spezialwillen zu teilen war, etwa wie man Spezialberuse schuf und in den Berufen noch wieder Sonderfächer, so wenig vermochte man jetzt etwa die Gewaltsmenschen für jene Ordnung in ihre Atome aufzukösen, so wenig kann im Grunde das Raubrittertum aussterben. Es verändert nur mit der Zeit sein Gesicht. Ein moderner Raubritter rasselt nicht mehr im Harnisch durch die engen Gassen zum Stadthaus. Unsere Ritter gehen ja auch in Lackstiefeln und hohem Kragen einher. Also werden auch die Raubritter sich äußerlich nicht allzu schr von ihnen unterscheiden, schon um den Anschein des Kavaliers nicht zu verlieren. Das Klappern der Reiter­säbel machen heute die Taler. Das Geld leistet die Kultur­arbeit der Speere und Schilde. Das angehäufte Kapital zieht den harmlosen Leuten sicherer ihr Geld aus der Tasche, als die Furcht vor dem Tode. Mit unseren Raub­

rittern paktieren noch heute so gut wie damals Behörden jeder Art. Macht es einer zu laut, daß er anfängt staats­gefährdend zu werden, hält er sich z. B. nicht streng genug an den Ehrenkodex der modernen Geschäftswelt, dann wird ihm eben einmal der Prozeß gemacht. Man muß beachten, daß auch viele Raubritter ein gutes Werk taten, indem sie habgierige Bischöfe ausplünderten oder wuchernde Kaufleute überranuten, indem sie eine wider­spenstige Ortschaft dem Erdboden gleich machten oder un­redliche Klöster bei Nacht heimsuchten. In dem Prozeß nun hieß es allezeit: die Kleinen hängt man, die Großen läßt man laufen.

Ja, es hat sogar stets Raubritter gegeben, die sich einen ehrenvollen Namen zu machen wußten, deren Ruhm zuletzt die Sage verherrlicht. Man denke nur cm die Bitalienbrüder, die um 1400 die ganze deutsche Nordsee- kiiste beherrschten. Ost war das bei der Klein- und Leichtgläubigkeit der Masse garnicht schwer, sich für sie in ein gutes Licht zu setzen. Kneißl und andere Busch- Helden sind ins zlvanzigste Jahrhundert hinüber­genommene Rudimente selbst des primitivsten Räuber- Heldentums.

Die Vorgeschichten aller unserer Bankkrachs beweisen, wie viel leichter gerade die Arbeitsteilung es nun dem modernen Raubrittertum macht, sich einen hochritterlichen Leumund zu verschaffen. Die moderne Leichtgläubigkeit wächst natürlich mit der Zahl der in den Spezialbranchen der Herren Räuber Unkundigen. Auch ist unsere Vaga­bundenwelt ebenso gut mit weiblichen Helden zu beleben als mit männlichen, denn die körperliche Kraft ist nickst mehr das Ausschlaggebende.

Ganz einzig trist nun diese Erscheinung im Humbert- Skandal zutage. Labori hat ganz Recht, wenn er sagt, Therese hat sich mit seltener Ungeschicklichkeit verteidigt. Therese Humbert ist, den Eindruck konnte man in der Tat leicht aus dem Prozeß gewinnen, ganz und gar ein Durchschnittsmensch. Sie ist eine jener lebhaften süd- frcmzöfischen Frauen, deren ganze Bildung einzig und allein in ihrer angeborenen Grazie liegt. Zuletzt ist der Typus der parlierenden, causierenden, flirtenden Salon- dame, die immer zu reden weiß, ohne etwas zu reden, auch bei uns nicht fremd. Ja, unsere ganze moderne Ge­selligkeit, unsere Bälle, Luftfahrten, Dees und Saison- sestlicht'esten, die immerfort neue Gruppen zusammen­bringen, die die Menschen wie das Glücksrad die Lose durcheinanderschüsteln, verleiten unbedingt dazu.

Therese Humbert hat Jahre lang in der allerersten Gesellschaft von Paris verkehrt, hat selbst die vornehmsten und teuersten Vergnügungen angeregt und geleitet. Hat denn keiner der Herren Minister, der Advokaten, der Gläubiger, der Wucherer gemerkt, daß Therese Humbert ein recht ungebildetes, schwatzhaftes Geschöpf ist? Man hat sich immer wieder von ihrer Erbschaft von ihren Ver­wandten erzählen lassen, ohne die grenzenlose Taktlosig­keit dieser kleinlichen Ichsucht als widerlich zu empfinden.

Wenn eine kleine Beamtenfrau mit einiger Absicht her­vorhebt, daß sie einen Onkel im Ministerium hat, ein Schwager von ihr Offizier ist, daß ihr Vater ein sehr einflußreicher, eigenartiger Mann war und nun erst chr Schwiegervater, dann zuckt man die Achseln und läßt sie stehen: „Was für eine dumme Gans". Bei Theress Humbert wird derselbe Charakterzug, man darf es ruhig so nennen, aber womöglich als ein Zeichen chres Herrscher­talentes empfunden. Warum hat nicht ein einziger dieser Herren einmal beim Tee Therese Humbert gefragt, ob sie denn nicht ein geräuschloseres Leben dem ihrigen vor­ziehe, wenigstens bis zur Zeit der Entscheidung über die Erbschaft? Warum hat sich niemand über die Hohlheit des Gesellschaftslebens mit ihr unterhalten und sie nach dem vermeintlichen Wert ihres hastigen Lebens gefragt?, Die Antwort hätte sicher in jeder Beziehung schlagend die ganze plappernde Halbheit ihrer Bildung und die große Verlogenheit chres Lebens zum Vorschein gebracht. Wer unter Kavalieren gelten so ausdringliche Fragen, die einem in einer Antwort das eigenste Ich eines Men­schen offenbaren, für unfein. Hier lebt man eben um zu leben.

Und den andern, denen vielleicht doch der ganze Schwindel nicht geheuer vorkam, die schr wohl den wirk­lichen Wert eines Menschen zu beurteilen wissen, warum schwiegen auch sie so lange, ließen Tausende ins Verderben rennen. und genossen noch selbst von dem Überfluß sol- chen Abschaums. Es gilt eben heute, was vor 400 Jahren im Straßenkampf galt: Jeder ist sich selbst der nächste. Bewaffne du dich bis an die Zähne und laß dis andern es ebenso machen oder untergehen. Diese Ge­witzten fielen nicht mit herein, sie machten vielleicht in diesem Milieu nur Studien oder suchten dort die Zer­streuung, die sie für ihre ernste Kulturarbeit zu Hause brauchten. . Es wird so viel heute von sozial geredet," jeder Großindustrielle, der für seine Fabrik eine Kranken­kasse gegründet, glaubt ein soziales Werk getan zu haben; aber wie wenig wir im Grunde sozial empfinden, vielleicht überhaupt sozial empfinden können, das muß, wie es scheint, erst wieder ein Humbertprozetz, ein Sternberg und Treberaktienschwindel an den blauen Himmel unserer sozialen Eintracht schreiben. Wir brauchen uns darüber nicht zu sehr zu entrüsten, so lange wir einen Kaiser Karl, einen König Friedrich und einen Bismarck brauchen, die die Kultur um einige Schritte vorwärts bringen, so lange muß es auch majores domus geben, die um me Herrschaft intriguiereu und kleine brutale Fürsten. Ein Bismarck und der Schloßherr von Klein-Tschirne wuchsen aus demselben zähen BSden des kleinen preußischen Adels. Die Ackerkrume macht keinen Unterschied zwischen einer Distel und einem Roggenfeld, sie ernährt sie beide. Carnegie und die Humberts stehen auf dem Boden des modernen Geschäftsrittertums, es sind Pole ein und der­selben Kraft der waghalsigen Unternehmerwirtschast einer Zeit, in der das Kapital die erste Rolle in der Welt ' spielt. Msnr.

Feuilleton.

Ne unterdrückten Briefe Napoleons I.

Von Eduard Engel (Berlin).

I.

Die vielen Veröffentlichungen der letzten Jahre von und über Bismarck haben ein Werk in den Hintergrund treten lassen, das sonst in Deutschland wie in Frankreich die allgemeinste Teilnahme hätte finden müssen: zwei starke Bande größtenteils unbekannter Briefe Napo­leons I. Obendrein handelt es sich nicht um beliebige Briefe! Nein, mit ihnen hat es eine sehr eigene Bewandt­nis. Als Napoleon III. die Briefe seines Oheims durch eine Kommission herausgeben ließ, verstand es sich für deren Mitglieder von selbst, daß nichts veröffentlicht wer­den durfte, was das Bild Napoleons I. im Andenken der Nachwelt hätte trüben können, und natürlich erst recht nichts, was Napoleon III. ganz persönlich unangenehm sein mußte: die furchtbaren Briese des Bruders an den Bruder, Napoleons I. an den König Ludwig von Holland. Die großartige Briefsammlung, die jene Kommission in 32 Bänden vor etwa 40 Jahren herausgab, war eine be­wußte Geschichtsfälschung. Gerade die am meisten ge­kennzeichneten Briefe wurden weggelassen,' wichtige Seiten in Napoleons I. Charakter und Laufbahn waren llarnicht oder nur sehr schwächlich vertreten. Wer lernen will, wie durch bloßes Weglassen oder sonstige Ände­rungen gefälscht werden kann, der braucht nur die kürz­lich erschienenen zwei Ergänzungsbände der „Lettre» inödites" durchzublättern.

Ich stehe nicht an, diese ergänzende Briefsammlung für eins der lesenswertesten Bücher zu erklären, die über­haupt seit sehr langer Zeit erschienen sind. Auf dem Ge­biete der urkundlichen Geschichtswissenschaft ist außer Bismarcks Denkwürdigkeiten kein zweites Werk von gleich hoher Bedeutung seit unabsehbarer Zest erschie­nen. Gewiß, Napoleon I. ist uns längst kem verschleier­

tes Bild mehr. Es gibt eine so ungeheuere Literatur von ihm und über ihn, daß man kaum noch wichtige Auf­schlüsse über ihn erwarten sollte. Nun lese man aber auch nur wenige Seiten dieser zwei Bände, gleichviel, wo aufgeschlagen, und man wird mit einer Spannung weiter­lesen, als handle cs sich um Enthüllungen von höchster augenblicklicher Wichtigkeit. Zum Teil liegt das aller­dings daran, daß die in diesen zwei Bünden enthaltenen Briefe, zusammen über 1200, ausgesuchte Stücke sind, eben alle jenen, die zu Ehren Napoleons I. wie des III. in der großen Gesamtausgabe unterdrückt worden waren und nun in diesen beiden Bänden säuberlich gesammelt und nebeneinander gestellt sind. Da kommt nun gerade das zum Vorschein, was außer der überwältigenden Kraft des Schlachten- und des Völkcrlenkers an Napoleon I am stärksten ausgebildet war: seine maßlose Herrschsucht. Sich in der riesenhaften Macht und Herrschaft über Europa zu behaupten, sie immer unerschütterlicher zu be­festigen, jeden Widerstand zu zertreten,' mit allen Mitteln, wirklich mit allen ohne Ausnahme, auch mit den ver­brecherischsten, seinen Thron zu stützen, das alles kann man erst ans diesen neuen Briefen mit voller Klarheit erkennen. Die beiden Bände enthalten die vollkommene Naturgeschichte eines Tyrannen mit des Tyrannen eigen­sten Worten. Napoleon I. läßt sich nie in Untersuchungen und Rechtfertigungen seiner Herrschaft ein. Er herrscht, und er will weiter herrschen bis ans Ende seiner Tage: ja, diese seine Briefe lesen sich, als ob er die Endlichkeit alles Menschenlebens ganz vergessen und sich eine unbe­schränkte Herrschgewalt über die ganze Erde allen zeit­lichen Grenzen zum Trotz hätte versichern wollen. Gegen diese bis auf die höchste Spitze getriebene Leidenschaft lichkeit der Herrschsucht muß selbst Bismarck in den Schatten treten. Man könnte an der Hand dieser neuen Briefe Napoleons und der Denkwürdigkeiten Bismarcks eine eingehende Vergleichung dieser beiden böchstcn Ver­körperungen des Herrschers anstellen. Der Ähnlichkeiten

! wie der Verschiedenheiten sind unendlich viele. Bismarck erscheint in vielen seiner Mittel, zum Beispiel in der rücksichtslosen Anwenduna der Polizeigewalt und i« der

Verwendung der Presse seinem großen Vorgänger ähn­lich. Die Art namentlich, wie Napoleon zu einer Zeit mit wenig entwickelter Macht der Presse doch schon alle Register zu ziehen wußte, die später Bismarck mit solcher Meisterschaft gespielt hat, das mutz man lesen, nachdem man gerade die drei Bände von Busch aus der Hand ge­legt hat. Napoleon I. überließ obendrein, entsprechend seiner ganz auf sich gestellten Natur, nur die rohe Aus­führung den käuflichen Federn. Im übrigen war er sozusagen sein eigener Lothar Bücher und Busch. Gleich­viel wo, ob auf den Schlachtfeldern Rußlands oder Spaniens, stets findet er Zeit, eingehende Anweisungen zu Artikeln zu geben, die in die Presse eingeschmuggelt werden sollen. Unwillkürlich drängt sich einem beim Lesen dieser Machenschaften, die wir so wundervoll aus den Werken über Bismarck kennen, der Ruf auf die Lippen: „Also das sind die Mittel zur Herrschaft?" - Ja, 's scheint, daß es wirklich so ist, und nur die Frage hängt ich an jenen Nus: aber wie lange hat das Bestand?

Napoleon erscheint in diesen Briefen insofern als ein rsteigerter Bismarck, als bei jenem die Herrschernatur anz unverwischt sich kund tut. Für Napoleon gab es eine Reibungen, wie stwa für Bismarck dte Kämpfe egen den Hof seines Königs. Keine anderen Widerstände testen Napoleon in seinem zermalmenden Weltengange ins, als die in den Dingen selbst liegenden. Für ihn gab s keine „höhere Instanz": für ihn waren Gedanken, sstan und Ausführung gleichbedeutend. Aber trotzdem 'der vielleicht gerade deswegen, welch eine ungeheuere 'lrbcitskraft hat er während seiner ganzen Laufbahn be- ätigen müssen! Hiervon geben diese neuen Briefbände utr ein annäherndes Bild, denn da sie eine Auslese sind, so zeigen sie uns nicht das volle Lebensbild dieses Mannes. Will man dies kennen lernen, so muß man daneben in den 32 großen Bänden der ersten Hauptsammlung blättern: dann wird man für manchen Tag über 30 Num­mern finden, darunter Briefe und Erlasse von vielen eng- gedruckten Seiten, und wie oft entstanden vor einer Ent­scheidungsschlacht ober unmittelbar nachher. Aber auch Lt diesen neuesten Bänden kommen einige Proben dev