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^(1, 392, verlagSOernfprccher Ro. 295*.

Montag» de« 24. August.

RedaktionS-Fernfprecher No. 52.

1903.

Abend - Ausgabe.

Wechsel im Aeichsschahantte.

hd. Berlin, 22. August. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt bestätigend: Der Staatssekretär des Reichsschatz­amtes, Freiherr v. Thiclmann, ist, wie wir hören, auf sein Ansuchen in den Ruhestand versetzt worden. Zu seinem Nachfolger ist der König!, bayerische Bevollmäch­tigte im Bundesrat, Staatsrat Freiherr v. Stengel, er­nannt worden.

*

P. Berlin, 23. August.

Als Freiherr v. Thielmann im August des Jahres 1897 den Posten eines Botschafters in Washington mit dem des Staatssekretärs des Reichsschatzamts vertauschte, da mochte er nicht gerade mit großen Hoffnungen an das neue Amt gehen. Schon damals drohte die günstige Lage der 'Finanzen des Reiches sich zu verschlimmern. Graf Posad^wsky konnte noch Anfang des Jahres 1897 auf Grund des Dezember-Abschlusses den voraussicht­lichen Überschuß der Reichskasse auf 21 Millionen Mark, den voraussichtlichen Überschuß der Überweisungen über die Matrikular-Umlagen auf rund 64 Millionen schätzen. Ein Jahr später veranschlagt sein Nachfolger, Freiherr b. Thielmann, den Überschuß ber Reichskasse im laufen­den Jahr auf rund 19 Millionen Mark, den Überschuß der Überweisungen über die Matrikular-Umlagen auf rund 54 Millionen. Die Schätzung blieb daher hinter der auf derselben Grundlage beruhenden für das Vorjahr nur um zwei, beziehungsweise 10 Millionen zurück. Es folg­ten noch manche kurze Lichtblicke. Aber immer größer wurden die Ausgaben, während das Anwachsen der Ein­nahmen damit nicht gleichen Schritt hielt.

Das Deutsche Reich hat in den zweinnddreißig Jahren ieinesBestehens eineSchuIdenIast von nahezu 2 % Blilliar- ben aufgehäuft. Diese Zahl ist noch nicht geeignet, in Schrecken zu setzen, selbst dann nicht, wenn man erwägt, daß auch jeder der Teilstaaten, aus denen sich das Reich zusammensetzt, eine angemessene, zuweilen recht hohe Schuldenlast trägt. Denn andere Staaten, es sei nur England erwähnt, haben weit höhere Schuldenlasten. Aber zum Nachdenken wird man veranlaßt, wenn man sicht, daß die Steigung, neue Schulden zu machen, fort­dauernd anhält. Dabei darf man der Finanzverwaltung des Reiches nicht der: Vorwurf machen, daß sie es ver­absäumt habe, auf die Beschaffung eigener Einnahmen bedacht zu sein. Die Zölle, die Verbrauchssteuern, die Stempelabgaben sind wesentlich erhöht wordm. Aber wenn man bedenkt, daß der Etat des Deutschen Reiches für 1903/4 in Einnahmen und Ausgaben mit 2 417 000 000 Mark (darunter 1 997 220 000 Mark fortdauernde Ausgaben) balanziert, so kann es schließ­lich nicht wundernehmen, daß neben dieser Erhöhung

der Steuerlast eine Vermehrung der Anleihesummen stetig nebenher gegangen ist.

So lange die Einzelstaaten Kostgänger des Reiches waren und ansehnliche Überweisungen aus den Reichs- einncchmen erhielten, verlangte man nicht sonderlich nach einer Finanzreichsreform. Im vorigenJahre setzte der Ruf nach ihr stärker ein. Hier und da wurden sogar in Kreisen, die mit den Einzelregierungen in vertrauter Fühlung stehen, gegen das bisherige Dogma, „die indirekten Ein­nahmen dem Reich, die direkten den Einzelstaaten", ketzerische Anwandlungen laut. Sieben der Reichswehr­und Reichserbschaftssteuer verlangte mau eine Reichs­einkommensteuer. Man dachte sie sich als Zuschlag zu der Einkommensteuer, die die Einzelstaaten — freilich in sehr verschiedener Weise — erheben. Freiherr v. Thiel­mann, der bei Beginn der Debatten über den Zolltarif im Reichstage die Finanzlage schwarz in schwarz malte und eine Erhöhung der Brau- und Tabaksteuer in Aus­sicht stellte, muß sich als gewiegter Rechner klar gemacht haben, daß an eine Reichsfinanzresorm erst dann gedacht werden kann, wenn wir aut Grund des neuen Zolltarifs zum Abschluß von Handelsverträgen gekommen sind. Erst dann läßt sich ein einigermaßen klares Bild über die voraussichtlichen Einahmen des Reiches gewinnen.

Um so befremdlicher wirkt die Mitteilung, daß gerade jetzt, wo wir erst inmitten der Unterhandlungen für die neuen Handelsverträge stehen, Freiherr v. Thielmann Amtsmüdigkeit verspürt. Ter Staatssekretär war noch nie ein guter Redner, nie ein gewandter Debatter. Seine von größter Sachlichkeit getragenen Ausführungen, in denen er so ganz nüchterner Zahlenmensch war, ermüde­ten die Hörer nur deswegen nicht, weil kaum einer von den Volksvertretern die mit äußerst leiser Stimme ge­machten Darlegungen ordentlich vernahm. Aber diese geringe parlamentarische Begabung hat Herr v. Thiel­mann, der ein feiner Diplomat, ein geschulter Beamter ist, nicht erst gestern und heute verraten. Wohl aber hat er, der die Verhandlungen des jetzt seinem Ende zu­neigenden deutsch-russischen Handelsvertrages im wesent- lichen leitete, in wirtschaftspolitischen Dingen einer ziem­lich liberalen Auffassung gehuldigt. Er war den Agrariern schon lange ein Dorn im Auge. So geht man wohl kaum fehl, wenn man den Rücktritt des Freiherrn v. Thielmann als eine neue Konzession betrachtet, die Graf Bülow den Agrariern macht. ^

hd. Berlin, 22. August. Wie die „Nat.-Ztg." erfährt, ist der langjährige Bevollmächtigte Bayerns im Bundes­rat, Staatsrat Freiherr v. Stengel, zum Staatssekretär des Rerchsschatzamtes ernannt worden. Wie das ge­nannte Blatt hervorhebt, spielt Freiherr v. Stengel, der geborener Pfälzer ist, nicht nur im Ausschuß des Bundes­rats in finanziellen Angelegenheiten eine yervprragcnde Rolle, sondern hat sich auch in den Kommissionen des Reichstages als kenntnisreicher Arbeiter erwiesen. In parlamentarischen Kreisen gilt er neben dem Abgeord­

neten Richter als gründlicher Kenner der Etatsverhält­nisse tat Reiche, und in den Fragen des Steuerwesens ge­nießt Freiherr v. Stengel den Ruf einer Autorität. Daß ein Vertreter Bayerns zum Reichsschatzsekretär ernannt wurde, dürfte in den außerpreußischen Einzelstaaten, zu­mal in Bayern selbst, besonders sympathisch ausgenommen werden.

hd. Berlin, 22. August. Zum Rücktritt des Reichs­schatzsekretärs v. Thielmann bemerkt die „Germania", daß der neue Staatssekretär vor einer sehr schwierigen Aufgabe stehe. Ans dem Plan der Reichsfinanz-Reform werde so lange nichts werden, als man nicht die ernsten Bedenken berücksichtige, welche die Zentrumsfraktion im bisherigen Verlauf der Verhandlungen wiederholt gel, tend gemacht hat.

80. Deutscher Katholikentag.

wb. Köln, 23. August. Die 50. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands wurde heute nachmittag durch einen Fcstzug der katholischen Arbeiter- und Ge- sellen-Vereine eingeleitet. Die Teilnehmer am Zuge vereinigten sich später in 7 Versammlungen. In der» jenigen, die in der Festhalle unter dem Vorsitz öes Ab­geordneten Trimborn abgehalten wurde, sprach Reichs­tagsabgeordneter Sittart über die Jubelfeier der Katho- liken-Versammlungen und über den Erfolg der katho­lischen Arbeiterschaft in der Vergangenheit. Hierauf hielt Kardinal-Erzbischof vr. Fischer eine Begrüßungs* ansprache.

*

ß. & H. Köln, 23. August.

In dem prunkvollen Empfangssaale der Stadt Köln, dem „Gürzenich", fand heute abend kurz nach 8 Uhr die Begrützungsvcrsammlung für den Katholikentag statt. Der prächtig geschmückte Saal war bereits eine Stunde vor Eröffnung der Sitzung überfüllt. Insgesamt mochten etwa 8000 Personen anwesend sein. Am Präsidententisch bemerkte man alle bekannteren Abgeordneten der Reichs- tagsfraktion des Zentrums, den Kommissar der General­versammlung, Grafen zu Droste-Erbdroste, und den Präsidenten der bayerischen Abgeordnetenkammer, Gym- nasialdirektor Pr. Orterer-München, der die vor zehn Jahren in Köln abgehaltene 40. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands als Präsident leitete. Als Vertreter der Stadt war das Herrenhausmitglied Ober, bürgermeister Becker erschienen. Nach einem Konzert, vortrage der Kapelle des 53. Infanterieregiments sangen die Vereine „Kölner Liederkranz", „Polhymnia" und der „Kölner Sängerkreis" eine von dem Domkapellmeister Monsignore Cohen komponierte und dirigierte Be­grüßungshymne, die großen Beifall fand. Darauf nahm der Vorsitzende des Kölner Lokalkomitees, Justizrat Custodis-Köln, das Wort zur Begrüßungsansprache. Er führte aus: „Gelobt sei Jesus Christus! Freue sich, dn glückliches, heiliges Köln! Zur 50. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands sind Sie aus allen Gauen

Mterwühlier Grund.

Roman von Anton Freiherrn von Pcrsall.

(26. Fortsetzung.)

Briefe kamen anfangs spärlich, mit sichtlicher Scheu geschrieben, ohne Klage, dann gar nicht mehr, sie schrieb sich auch hart, die Agl; seit zehn Monaten hatte er nichts wehr gehört, da schrieb sie ihm aus Hamburg. Er glaubte aus den wenigen mühsamen Worten herauszu- wsen, daß sie nur aus eine Aufforderung von seiner Seite warte, nach Hause zu kommen, da ihr der Akut dazu fehle. Er antwortete nicht, sie mußte vom Schicksal gedemüsigt, bekehrt zu ihm kommen, sie und die Kinder, gebrochen, Mrmalmt, nur dann war Heilung für immer möglich. Er wollte mit eisernem Willen darauf warten, jede siegung des Gefühls gewaltsam unterdrücken ; daß sie rinst kommen, alle kommen, und daß er dieses Kommen noch erlebe, das war in ihm zur Gewißheit, er zwang Alter und Tod mit diesem starren Gedanken.

Der dritte Winter zog ab in den Bergen, es war em 3ar gestrenger Herr. Gottfried sah mit besorgten Augen ^uf die meterhohe Schneedecke, die monatelang ferne Pflanzen oben begrub — das war eine traurige Zeit für dm! Der an peinliche Reinlichkeit, Ruhe und Selbständig­keit gewöhnte Bauer am Biehl inmitten der schreienden, msenden Kinder- und Frauenschvr, in dem vom Kohlen- ruße geschwärzten Hause, ohne Pflanzen, ohne Arbeit;

kamen sie heraus gekrochen, die bösen Gedanken. Wenn ust innere Stimme ihn doch belöge — wenn sie doch nicht tarnen — zu spät kämm — er spielte dann mit dm ändern, nur um sie zu verscheuchen^ ^ -

. Der schmelzende Schnee nahm sie alle rmt. Beim ftata grünen Anflug begann die Arbeit, es galt, die ätzten zehn Tagwerke aufzuforstcn, auf einmal war es ja ^ kostspielig. s

Cs war heiß mittags, die Frühlmgssonne stand scheitelcecht über dem Schlag und versandte ihre ^trabten uürch gll das verworrene rote Astwerk, das noch vom

Hiebe her ivirr durch einander lag, darunter allüberall neues Leben weckend.

Gottfried saß vor dem Rindenkober, den er für seine KultuiUrbeiter das vorige Jahr errichtet. In Reih und Glied standen sie da, seine kleinm Schützlinge, und sogen gierig die wonnigen Strahlen in ihre zierlichen Körper­chen, andere lagen ermattet unter genäßter Erde auf einem Haufen neben ihm; an der Grenze des Schlages schlossen sich bereits die vor drei Jahren eingesetzten zu einer niederen, sich über das üppig wachsende Gras müh­sam erhebenden Dickung. Ein starker Harzgeruch ent­strömte noch immer dm mächtigm Baumstumpen umher, als sei das Leben noch immer nicht erloschen in ihnen, drei Jahre nach ihrem Fall.

Gottfried träumte wieder, während die Arbeiter drinnen ihr Mittagsmahl kochten. Er sah die Wurzeln

S en der kleinen Pflänzchen, dm Saft aufsteigen, er e die zierlichen Ästchen sich dehnen und strecken, immer höher, immer weiter, sie schlossen sich zum undurchdring- lichm Dickicht, zur Heimat des Wildes. Dann mußte Raum geschaffen werden, Luft und Licht, die erste kleine Ernte kam, die Stämme rundeten sich, schlaiik wie Kerzen schossen sie in die Höhe — kühles Dunkel umgab ihn, iin Hochwald rauschte der Wind. Man hörte rttcfjt mehr das Pusten der Maschine aus dem Hofgraben, man sieht iücht mehr die schwarzen Rauchwolken sich herauswäkzen — da knackte weit unten das dürre Strauchwerk; er erwachte aus seinem Träumen und blickte hinab. Eine Frau auälte sich mühsam durch, es war keine Arbeitsfrau, die vielleicht zu csim brachte, sie war inehr städtisch gekleidet. Eine heftige Unruhe erfaßte ihn — wenn sie nur nicht seine Pflanzen zertrat — was wollte sie nur hier? Lang­sam kam sie herauf, sie war sichtlich erschöpft, sie fetzte sich aus einen Strunk — er hörte sie bis herauf atmen — jetzt hob sie den Kopf gegen die Hütte — er fuhr jäh auf, das Herz stand ihm still — aber das war ja nicht mög­lich — ein wilder Freu dm ström wallte in ihm einpor. „Agl, Agl!" rief er mit Donnerstimme.

„Gottfried!" tönte es herauf.

Dann wollte die Gestalt sich erheben, sank aber zurück auf dm Stock.

Wie ein Knabe sprang er hinab mitten durch Astwerk imd Holztrümmer.

„Agl, du, du bist's schon!"

Er hob die gebrochene, zusammengesunkene Gestalt mit Jugendkraft empor und drückte sie stürmisch an seine Brust.

„Agl, meine arme Slgl, bist endlich da, wo 'st hin» g'hörst?" stammelte er frmdetrunkcn.

Sie sprach kein Wort, sie hing sich krainpfhaft an ihn. als wolle sie um keinm Preis mehr von ihm lassen; erst allmählich fand sie die Sprache.

Gottfried setzte sich zu ihr auf dm breiten Buchen- abschnitt. Zuerst war sie noch verschlossen, sie fürchtete noch immer den alten Jähzorn ihres Mannes. — Das rast­lose Leben auf der Reise — 's Nonei brauche sie nimmer, sie sei nur im Weg mit ihrem ewigen Kranksein — dann machte sie eine lange Pause.

Gottfried wartete schweigend; er wußte ja alles, wie es gekomnien. —

Mächtig gärte es in, der alten Frau.

„Fortgeschickt hat sie mich", brach es dann plötzlich nnvermitelt heraus, „weil ich ihren Leichtsinn net mit ansehen Hab' können, weil die Stimme ihrer alten Mutter sie immer aufgeschüttelt hat ans ihrem leichten Leben! O, es ist ja ganz recht, Strafe muß sein — wenn der gute Mukl net wär', id) wär' doch net gangen, aber wenn's einer noch reit', noch abhalt' voin Schlimmstm, nachher is der, niemand ande- °. Gottfried", sie faltete die Hände über den Knieen int/ wendete zu ihm ihr gram- verzehrtes Antlitz, „ich habe viel 'büßt um mein' Unver- stand, Hab Erbarmen mit der Agl und nimm mich wieder auf!"

Sie warf sich verzweifelt über feinen Schoß.

„Und hat dich sonst nix fort'trieben als der Undank von deinem Kind, die Reue über deine Tat?" fragte er, sie langsam ausrichtend. „Gar nix sonst? Schau ini an! Agl, gar nix sonst? — Ich weiß recht wohl, ich war mit