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Die Heerschau der Klerikalen.

Im Ijeiligen Köln mit seinen zahlreichen Kirchen und slapellen hält dieses Mal das Zentrum seinen Parteitag tb, dem es dm hochtrabenden Namen „Generalversamm­lung der Katholiken Deutschlands" gegeben hat. Zum unfzigsten Male findet diese Generalversammlung statt, lind da man sich im Zentrum auf geschickte Inszenierung versteht, so wird es diesesmal an den Ufern des Rheins besonders hoch hergehen. Man hat auch allen Grund dazu. Obwohl das' Zentrum an Stimmenzahl durchaits nicht die stärkste Partei ist, so verfügt es dank der zer­klüfteten Parteiverhältnisse bei uns über die meisten Reichstagsmandate. Selbst wenn man annehmen tvollte — was aber durchaus nicht der Fall ist —, daß .Zentrum" und „Katholisch" sich völlig deckende Begriffe sind, so hätten die Reichstagsvertreter, die den Reichs­gerichtsrat Spahn und den gewandten Rechtsanwalt Bachem als ihre Führer anerkennen, nur im Namen eines Drittels des deutschen Volkes zu sprechen. Aber schon lange ist bei uns das Zentrum zur „regierenden Partei" geworden. Der Zylinder des Reichsgerichts­rats Spahn hat nicht nur bet den Beratringen riber den Zolltarif eine Rolle gespielt. „Katholisch ist Trumpf", so spricht mancher gute Katholik nicht ohne Bitterkeit, wenn er sicht, wie die Reichs- und preußische Staats­regierung den klerikalen Ansprüchen weit entgegen­kommender ist als manch völlig katholischer Staat und als es sich mit den Rechten, fast möge man sagen, mit der Würde des Staates selber verträgt.

Wer obwohl der jüngst dahingeschiedene Pontifex maximus erklärte, daß in keinem Lande die Gewissens­und Glaubensfreiheit auch für die Katholiken besser ge­währleistet sei als in Deutschland, werden vom Montag ab die alten Klagen über die Zurücksetzung der Katholiken ertönen. Seitdem Domkapitular Dr. Schaedler auf der 48. Generalversammlung zu Osnabrück sich darüber be-

Sonntag» den 23. August.

schwert hatte, daß 5ie Katholiken vielfach bei Besetzung von öffentlichen Ämtern zurückgesetzt würden, hat eine sorgfältige Statistik die Grundlosigkeit jener Beschul­digung erwiesen; außerdem tragen der Staat und auch viele Gemeinden peinlich Sorge dafür, daß bei der Be­setzung von Stellen die Parität gewahrt werde. Freilich darf bei Berücksichtigung der Parität nicht anderes in Mitleidenschaft gezogen werden. Bor allem hat die wissenschaftliche Befähigung des Mannes und sein Charakter den Ausschlag zu geben. Trotzdem soll ge­rade in jüngster Zeit mancher zu einerProfessur gekommen fein, dessen Hauptverdienst weniger auf wissenschaftlichem Gebiete lag als in guten Beziehungen zu einflußreichen Klerikalen. Aber man versteht unter „Zurücksetzung der Katholiken" etwas ganz anderes. Man will die Aus­lieferung aller Bildungsanstalten an die Kirche. Nur der, der sich den Machtgeboten der Hierarchie im Kadaverge­horsam unterwirft, gilt als ein gläubiger Sohn der Kirche, als kein bloßer „Auchkatholik". Darum möchte man am liebsten deir Unterricht ganz den Händen des Staates entwinden. Aus die Volksschule soll das Gyrw nasium und die Universität folgen.

Neben der Auslieferung der Schule an die Kirche wird man wieder eine Lanze für die Jesuiten einlegen. Aber selbst in einem so katholischen Bundesstaat wie Bayern scheint keine sonderliche Neigung für die Auf­hebung des § 2 des Jesuitengesetzes zu bestehen. Auch die alte Forderung „Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papstes" wird kaum ernst genommen werden. Ter „Gefangene vom Vaftkan" wird nach dem italienischen Garantiegesetz als Souverän behandelt, er ist unverletz­lich und unverantwortlich; seinen Wohnsitz darf ohne Genehmigung des Papstes kein Staatsbeamter betreten; seine Beleidigung wird wie die eines Königs geahndet. Niemals hat der Papst so rücksichtslos die Aufgaben seines geistlichen Amtes wahrnehmen können, als seit die königlichen Truppen die ewige Stadt besetzten. Das Konklave verlief nie ungestörter, als seitdem im Quirinal ein Sproß Viktor Emanuels regiert. Ebensowenig wie Leo XIII. ein „Gefangener im Vaftkan" war, Äenso wenig wird es Pius X. sein. Wer aber sollte die „Be­freiung" des geistlichen Oberhauptes der katholischen Christenheit vornehmen? Etwa Frankreich, in dem der Kulturkampf jetzt heftiger denn je in Deutschland tobt, oder Österreich und Deutschland, die treuen Verbündeten Italiens?

Im Ernst denkt man gar nicht an die Verwirklichung dieser Forderung. _ Man will nur den Massen etwas bieten. So laut diese auch jubeln, und zu so imposanten Versammlungen sie auch die notwendige Staffage her­geben werden, in den geheimen Konventikeln wird nicht eitel Lust und Freude herrschen. Die Vorgänge bei den letzten Reichstagswahlen wiesen manchen klaffenden Riß

«edaktion»Fer»spre«ber No. tt 1908 .

im Zentrum auf. Die Industrie-Arbeiter Rheinlands und Westfalens gehorchen nicht mehr blindlings der Parole des Geistlichen, und das Nationalpolmturq Schlesiens sucht seine eigenen Pfade.

St­il. F. Köln, 21. August.

Die Hauptstadt des'Rheinlandes rüstet sich zum Emp­fange der 50. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands. Obwohl der Himmel ein sehr trübes Ant­litz zeigt und fast unaufhörlich seine Schleusen weit öffnet, so herrscht doch schon in den meisten Straßen ein sehr geschäftiges Leben und Treiben. Vielfach ziehen sich bereits frisch duftende Guirlanden und Laubgewinde die Häuser entlang. In einigen Straßen werden Bal­dachins, mit dem Mutter-Gottesbilde geschmückt, errichtet und Transparente mit dem Muttergottesbilde angebracht. In den Schaufenstern vieler großer Kaufhäuser sieht man die Büsten des Kaisers und des Papstes. An den herr­lichen Rheinanlagen erhebt sich eine prächtige, aus Anlaß der Generalversammlung eigens errichtete Festhalle, in der wohl 10 000 Menschen Platz finden dürften. Die Halle ist einfach, aber höchst geschmackvoll geschmückt. Dichte Laubgewinde durchziehen den weiten Raum, unterbrochen von Fahnen in allen deutschen Landesfarben und den prächtigen großen Wappen sämtlicher Bistümer Deutsch- lands. Das Podium, die Rednertribüne und die Ehren­sessel sind dunkelrot drapiert. Unterhalb des Podiums sind sehr bequeme Plätze für die Vertreter der Presse hergestellt. Es wird eine ganz außerordentlich zahl­reiche Beteiligung erwartet. In fast sämtlichen Hotels sind für die nächsten Tage alle Zimmer vergeben. Ganz besonders zahlreich werden, gutem Vernehmen nach, die Zentrumsfraktionen des deutschen Reichstages und der deutschen Landtage vertreten sein. Kardinal-Erzbischof Dr. Fischer und Weihbischof Dr. Müller werden den meisten Verhandlungen der Generalversammlung bei­wohnen. Man erwartet aber noch mehrere andere Bischöfe. Mit Bestimmtheit wird angenommen, daß der dänische Bischof Dr. Bitter (Kopenhagen) eintreffen wird. Am Sonntagvormittag findet im Saale der Bürgergesell- schaft eine Versammlung des A.-H.-Verbandes der katho­lisch-technischen Vereinigung „Unitas" statt. Dieser folgt eine Festversawmlung des Augustinus-Vereins. Nach­mittags 2 Uhr wird sich unter klingendem Spiel ein Festzug der katholischen Arbeiter- und Gesellen-Vereine mit ihren Fahnen durch die Stadt bewegen. Nach be­endetem Festzug versammeln fich die Mitglieder des­selben, deren Zahl auf 50 000 geschätzt wird, in der Fest­halle, der Bürgergesellschaft, dem Annohause, dem Kolosseum, Edengarten, Luisensaal und dem Gesellen­haus. In allen diesen Versammlungen wird die Stel­lung des Zentrums zur Arbeiterfrage erläutert werden. Sonntagnachmittag os /2 Uhr werden die Kaiserglocke und sämtliche Domglocken ein feierliches Geläute ertönen

Feuilleton.

Aus der Wett des Wendttch-Klemen.

Bon Dr. Kurt Rudolf Kreuschncr.

Es wird im nächsten Jahr gerade ein Säkulum abge- laufen sein, daß der berühmte Naturforscher und Chemi­ker Dalton zur besseren Erklärung der chemischen und physikalischen Vorgänge die nach ihm benannte Atom­theorie aufstellte, der zufolge alle diejenigen Stoffe, die kvrr als Elemente bezeichnen, aus kleinen, nicht weiter zerlegbaren Teilchen, den Atomen, beständen, die, wenn he mit den Atomen anderer Elemente unter geeigneten Umstände zusammenkämen, sämtliche uns bekannten, °i>er, richtiger ausgcdrückt, sämtliche überhaupt möglichen iäsammengesetzten Körper bildeten, die die Wissenschaft deswegen als Verbindungen bezeichnet. Ursprünglich ^ur als Hypothese gedacht, die das Eindringen in die Gesetze der Chemie und in die Maß- und Gervichtsver- dältnisse der Verbindungen erleichtern sollte; konnte man he damals mit Recht als eine Krücke des naturwissen­schaftlichen Denkens bezeichnen, so gleicht die Atomthevrie heut- einem starken Stabe oder einem zuverlässigen ftuhrer, den der Forscher auf seinen Entdeckungsreisen 'n unbekannte Länder auf keinen Fall entbehren möchte, -lwch hat zwar kein Menschenauge ein einzelnes Atom rder Molekül gesehen, und es kann mit großer Wahr­scheinlichkeit behauptet werden, daß dies nicht nux wegen

winzigen Dimensionen dieser kleinsten Stoffteilchen, Ludern auch aus anderen Gründen hinsichtlich einfacher Moleküle nie der Fall sein wird; trotzdem zweifelt aber he»te kein Chemiker und Physiker mehr an ihrer Existenz; fr rechnet mit der Geschwindigkeit, mit der sie sich rm °haume fortbewegen, und wenn er ihre absolute Größe !>uch noch nicht zu bestimmen wagt, weil sie von Ather- hullen von variabler Dicke umgeben sind, so vermag er °°ch mit Hülfe der kinetischen Gastheorie ihr Ge­richt zu bestimmen, das für das Wasserstoffatom, vas leichteste unter dieser luftigen Gesellschaft, ^-000 000 000 000 000 000 000 002 Gramm, d. h. also zwei ^-uadrilliontel Gramm beträgt, so daß wir in einem

Liter Wasserstoff, der nahezu das Gewicht von ein Zehntel Gramm (genauer 0,089 Gramm) hat, nicht weniger als 50 000 Trillionen Wasserstofsatomc als vorhanden an- nchmen müssen.

Das Studium der Röntgen- und Kathodenstrahlen hat aber zur Annahme von noch viel winzigeren Körper­chen, den sogenannten Elektronen, geführt, von denen man mutmaßt, daß sie noch etwa 2000mal kleiner sind als ein Atom. Die Gründe, weshalb die Wissenschaft ihre Existenz annehmen rrtutz, entziehen sich hier der Dar­legung, weil sie nicht unbeträchtliche Fachkenntnisse vor- aussctzen. Die Wissenschaft ist aber auch mit ihnen noch nicht bei den kleinsten Teilchen der Materie angelangt; sie glaubt vielmehr aus den Beobachtungen, die man an dem vor wenigen Jahren entdeckten, geheimnisvoll leuch­tenden Stoff, Radium, gemacht hat, auf das Vorhanden­sein von noch viel kleineren Körpern schließen zu müssen, die den Namen „Jonen" erhalten haben und sich nach einem von dem Physiker Dr. Kaufmann gebrauchten Ver­gleiche hinsichtlich ihrer Größe zu einem Bakterium ver­halten wie dieses zur Erdkugel. Da diese unfaßbar kleinen Partikelchen nach allem, was wir bis heute von ihnen wissen, keine Unterschiede im Gewicht und in der Größe zeigen, wie man sie den Atomen beilegen muß, ist man mit ihnen vielleicht bei dem hypothetischen Urstoff angelangt, bei der „Hyle" der altgriechischen Philosophen, die eigentlich ein aprioristisches Postulat des Verstandes ist, weil letzterer sich gegen die Vorstellung sträubt, daß das Weltall von Uranbcginn an aus den etlichen achtzig oder mehr Elementen aufgebaut sein soll, die wir nur deswegen als Grundstoffe bezeichnen, weil uns die Hülfs- mittcl zu einer weiteren Zerlegung fehlen.

Mag cs sich nun damit auch verhalten, wie es will, so erhebt sich doch die unabwcisliche Frage, wie weit unser mit den schärfsten Instrumenten bewaffnetes Auge in diese Welt des Unendlich-Kleinen vorzudringen vermag. Mit Projektionsapparaten, wie man sie zum Entwerfen von Lichtbildern benützt, kann man allerdings eine er­staunliche Vergrößerung erzielen, die schließlich ein Bak­terium, wenn man es genügend stark zu färben imstande wäre, auf dem das Bild auffangendcn weißen Schirme in der Größe eines Kalbes erscheinen lassen würde. Damit

ist jedoch dem praktischen Bedürfnis nicht gedient; denn das Ungeheuer, das auf der weißen Wand erscheint, ist eben nichts als eine Silhouette, deren Umrisse uns so gut wie nichts besagen. Soll eine starke Vergrößerung nutz­bar sein, so muß das Mikroskop eine starke auflösende Kraft besitzen und an dem betrachteten Körperchen die Einzelheiten scharf erkennen lassen. Aus mechanischen Gründen hat man die Vergrößerung unserer schärfften Mikroskope, wie sie z. B. für Bakterienforschungen benützt werden, nicht wesentlich über 3000 hinanstreiben können. Hieraus ergibt sich abchc, wie schon Hclmholtz feststellte, daß die kleinsten Körperchen, bei denen noch etwas Be- merkenswertes erkannt werden kann, eine Größe von ein Zehntausendstcl Millimeter besitzen, während daneben allerdings im Gesichtsfelde des Mikroskopes zahllose noch kleinere punktartige Körperchen aufblitzcn und verschwin­den, deren Größe man auf ein Zwanzigtausendstel Milli­meter und noch etwas kleiner schätzt.

Ein bemerkenswerter Fortschritt in dieser Beziehung ist vor kurzem durch Dr. Zsigmondy und Dr. Sieden- topf in Jena gemacht worden, die die Grenze der Sicht­barkeit um mehr als das Zehnfache des bisher Erreichten hinausgeschoben haben, ohne daß dabei stärkere mikros­kopische Vergrößerungsgläser zur Anwendung kommen. So widerspruchsvoll es auch vom sprachlichen Gesichts­punkte aus erscheint, handelt es sich hier um eine „Sicht­barmachung ultramikroskopischcr Teilchen", die durch ein Verfahren gelingt, das man, um sich allgemein verständ­lich auszudrücken, als einen Kunstkniff bezeichnen könnte. Das zu untersuchende Objekt wird nämlich durch einen von den genannten Erfindern konstruierten Beleuch­tungsapparat einer so starken Bestrahlung ausgesetzt, daß die sonst im besten Mikroskop unsichtbar bleibenden Körperchen sich durch den von ihnen ausgehenden Licht­reflex verraten. Es liegt hier also im winzigkleinen der­selbe Fall vor, wie bei den Fixsternen des unendlichen Weltalls, deren Durchmesser auch mit dem stärksten Fern­rohr nicht gemessen werden kann, die uns aber doch als Punkte sichtbar werden.

Zsigmondy und Siedcntopf haben es damit erreicht, Körperchen sichtbar zu mache«, öercu Durchmesser nur 4 bis 7 Milliontel eines Millimeters beträgt. Man