1 . Beilage zum Wiesbadener Tagklatt.
N-. 391. Morgen-Ausgabe.
Sonntags den 23. August.
81. Jahrgang. 1903.
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Arbeit, edle Himmelrgabe,
Zu der Menschen Heil erkoren.
Nie bleibt ohne Trost und Labe,
Wer sich Deinem Dienst geschworen,
Dir entsvringt des Weisen Labe Und Dich »leiden nur die Toren.
St. Badenstedt.
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(24. Fortsetzung.)
Freiheit!
Roman von Walter Schmidt-Häßler.
Baronin Winterberg, Excellenz — war Witwe. Sie stand ganz. allein. Sie konnte höchstens fünfunddreißig Fahre alt sein und war für Ellas Schönheitsbegriffe das Ideal einer Frau. Schlank und elastisch, das blasse Ge- sicht mit dem etwas leidenden Zug, umrahmt von den Lichten Wellen fast blauschwarzen Haares, glich sie einer ölndalusierin, die sich in dm Norden verirrt. Sie war von bestrickender Liebenswürdigkeit und, was Ella vom ersten Moment für sie eingenommen, eine Frau von ge- diegenem Wissen und funkelndem Esprit. Sie hatte für Ella sofort eine ehrliche Sympathie gefaßt, als sie sich auf geineinsamein literarischem Geschmack gefunden, und die Belesenheit der jungen Gesellschafterin, ihr reifes Urteil und ihre mehr als alltägliche Fachkenntnis hatten ihr gewaltig imponiert. Es war tatsächlich keine Redensart gewesen, als sie ihr eines Tages gesagt hatte: „Wenn Eie einmal hier Ihre Stellung aufgeben sollten, Fräulein !>iöminger, dann kommen Sie zu mir nach München."
■ Und nun kam sie wirklich!
Es ist doch ein komisch Ding, das Leben, dachte sie. ..Menschen, an die man manchmal jahrelang nicht denkt, werden einem ganz Plötzlich unendlich wichtig, und ein winziger Zufall verleiht ihnen mit einem Male die allerhöchste Bedeutung."
. ri ? n ,^ r ^ m Plötzlichen Entschluß, Berlin zu verlassen, ziellos in die Welt zu flüchten, war ihr gerade diese Frau eingefallen. Wie ein Schiffbrüchiger plötzlich mitten im Ozean eine kleine Insel auftauchen sieht, an der er vielleicht schon beinahe achtlos vorübergefahren wäre. Und auf diese steuert er nun zu mit aller Kraft, betritt sie dankbar mit einem wahren Heimatsgefühl, und sie wird auf nnmal seine ganze Welt.
Fm Wesen der Baronin war ein Etwas, das Ella vom erftet Augenblicke an seltsam sympathisch berührt hatte. Em großer Zug von Vorurteilsfreiheit und Unabhängigkeit des Urteils, ein gewisses „über dem Stoff- Stehen", und bei alledem ein ganz leiser Anflug von Melancholie, die aber niemals mifdringlich oder gemacht «Wen. Zu dieser Frau hatte sie nun einmal Vertrauen
In Nürnberg stieg die Dame mit den Diamantringen und der: fetten Fingern aus und wurde auf dem Perron don einem ebenso umfangreichen Gatten in Empfang ge- nommen. In Bamberg verschwand auch die Andere, mit- samt ihrem Artilleriepark von Koffern, Schachteln und Kartons, und einem letzten „Entschuldigen Sie", indem ße Ella mit einer riesigen Hutschachtel an den Kopf stieß. Won nun an war sie allein.
Auch die Gegend war reizvoller geworden. In der Ferne zogen sich ab und zu in violettem Dunst leichte Höhenzüge hin, malerische Dörfer und langgestreckte, herbstlich bunte Eichen- und Buchenivälder glitten vorbei, und zwischen den rotblühenden Wiesen ragten schlanke Kreuze mit dem Erlöserbilde auf. Bald kam eine kleine Kirche mtt zwiebelförmigem Dach, bald ein blumiger Laigrund, bald ein weites Kornfeld, aus dem bändergeschmückt ein später Erirtewagen dahinzog. Hier und da ein blauweißer Grenzpfahl, dann wieder Wald in allen Laubschattierungen, oder fonnendurchleüchtete Tannen und Fichten. Und über dem allem ein heller, wolkenlos blauer Herbsthimmel, über den die Wandervögel strichen oder ein verflattertes Wölkchen glitt.
Dann begann es zu dunkeln, und die ersten Lichter blitzten in den Häusern und Hütten auf. An allen kleineren Stationen, an den erleuchteten Bahnhofs-Gebäuden vorüber, donnerte unaufhaltsam der Schnellzug, gleich dem vorwärts hastenden Genie, das sich nicht bei Kleinigkeiten aufhält, wie der Alltagsmensch, der bedächtig zum Ziele kriecht. Immer mehr Schienenstränge zogen sich auf beiden Seiten hin, rote und grüne Signallaterncn flogen wie Irrlichter vorbei, bis der Weg sich zu einem riesigen Eisennetz verbreiterte, über das der Zug rasselnd dahinflog; von den hochschwebenden Bogenlampen goß sich eine Flut elektrischen Lichts herab auf das schwarze Gewirr von stehenden und fahrenden Zügen, Wagen und Lokomotiven; Häuserreihen mit hochragenden, rauchgeschwärzten Giebeln und Fronten, bedeckt mit Affichen und Reklamen, tauchten an einer Seite auf, und langsam rollte der Zug in die riesige Halle.
München!
Ella stand auf, ließ die Reisenden an sich Vorüberströmen und nahm ruhig ihre Handtasche. Es eilte ja nicht, sie hatte Zeit. Niemand erwartete sie auf dem Perron. Dann stiegffie aus, übergab einem Kofferttäger ihren Gepäckschein und nahm eine Droschke.
In welches Hotel sie fuhr, war ihr gleich, und so entschied sie sich für dm Oberpollinger. Davon hatte der Onkel ihr vorgeschwärmt, der vor beinahe zwanzig Jahren dort logiert hatte. Ein freundlicher Portter nahm sie in Empfang, und eine Stunde später schlief sie träum- los der neuen Zukunft entgegen.
Den nächsten Vormittag benutzte sie dazu, sich München anzusehen, und es ging ihr dabei wie dm meistm Norddeutschen, die zum ersten Male die reizmde Jsarstadt betretm — sie fühlte sich sofort heimisch.
Ein Riesenplakat hatte schon am Bahnhof ihre Aufmerksamkeit erregt, das die Aufschrift trug: Eröffnung der internationalen Kunstausstellung. Das war etwas für sie! Der Kunst, an der ihr ganzes Herz hing, wollte sie in ihrem Tempel dm erstm Besuch machm. Mit der Besichttgung der Kunstausstellung wollte sie ihrm hiesigm Aufenthalt einweihen. Und mit der ganzm Genußfreudigkeit, derm sie fähig war, durchschritt sie langsam die bildervollen Säle. Der erlesene Geschmack der Mün- chmer Meister hatte sein Höchstes getan, all dm fremden und einheimischen Gästen eine wahrhaft ideale Heimstätte zu bereiten. Die ganze Ausstellung hatte durch die feinsinnige Art, wie man alle Arrangements getroffen, etwas
so wunderbar Intimes, bei aller Fülle des vorhandenen Materials etwas so geschmackvoll Trauliches, daß der Beschauer immer nme Reize entdeckte. Ella ward nicht müde, zu sehen, zu bewundern. Alle warm vertretm, derm Namen man mit jener andächtigen Bewunderung ausspricht, die dem Gmie geziemt, Lenbach, Defregger, Gabriel Max, Böcklin und alle Hohenpriester der Malerei und Skulptur. Aber auch eine Unzahl weniger Genannte und gänzlich Unbekannte scharten sich in dm lichtdurch» strömten Räumen.
Wie glücklich mußte doch derjenige sein, dachte Ella, der hier am Rande seines Werkes das kleine, mhalts- schwere Zettelchm mit dem einen Wörtchen „Verkauft" prangen sieht. Mie so manchem, der fremd und unbekannt hier mit klopfendem Herzen eingetretm ist, eröffnet sich von hier aus die Bahn zur Größe, zum Nachruhm! In einem großen Saale blieb sie plötzlich stehen.^ Es war ihr, als hätte sie ein geheimnisvolles Etwas mächttg gepackt, als sie ihre Augen auf ein großes Bild richtete und unter demselben mit steifen schwarzm Buchstaben emen Ramm las, der ihr das Blut erstarrw machte: „Reinhardt Berning".
Sie mußte sich auf den rotm Samtdivan niederlassen, der in der Mitte des Raumes stand, ihre Füße verweiger- len ihr dm Dienst. Mit dem Namen da erwachte die ganze Vergangenheit in ihr mit unwiderstehlicher Gewalt. Sein Bstd! Das Erste, was sie seit Jahrm an ihn er- innerte. Und wie gewaltig dieses Erinnern war! Herr- sicher und größer hätte er nicht vor sie hintretm können! So, ganz so, hatte sie ihn sich von jeher geträumt, so hatte er werden müssen; das hatte sie damals schon gefühlt, als er noch mit seinem dunklen Lockenkopf und dem frischen Jungmqesicht in die Kunstschule ging. Sre vergaß für dm Augenblick alles Trübe, was zwischen ihnen lag, die ganzm Jahre voll Enttäuschungen versankm für sie. Sie sah nur sein Bild.
Herrgott, war das groß und herrlich schön! Welch eine Welt gesunder, überströmmder Schaffenskraft sprach aus dieser gmialm Schöpfung. Aber auch welche Fülle souveräner Sinnlichkeit, hinreißender ^.erdmschaft. Triumphzug der Aphrodite! .
Sie saß regungslos und staunte das gewalttge Bild an Diese kühne Behandlung des Fleisches, das m allen Nuancm schillerte im Lichte der Sonne von Hellas, vom zartestm Jnkamat der Nixen- und Dryadenlerber bw zum Bronzeton der herkulischen Gestaltm, welche die ki.oldschlm- memde Riesenmuschel trugm, auf der, rosenubmflut^ und von weißen Taubm umflattert, der nackte Gotterlelb der Liebeskönigin sich vom Azurblau des Himmels abhob, llnd um sie her schwirrte, flatterte und gaukelte ein Heev von Amorettm, Kinderköpfchm von berauschender Schönheit, junge Körper von bestrickmdem Farbmglanz.
Das hatte er gemalt! Das war sein Werk! Wie im Traum schüttelte sie leise das Haupt.
Da mtdeckte sie untm am Rahmen des BildeS ein« großm Zettel mit der Aufschrift:
„Große goldene Medaille.
Angekauft von der Berliner Nattonal-Galerie."
(Fortsetzung folgt.)
in Krankenhäusern und in der Privatpraxis von vielen Aerzten wegen seiner Reinheit u. seine» hoh. Gerbstoff-Gehaltes i) mit gutem Erfolge bei Magen- und Darm- Krankheiten, insbesondere bei Diarrhoe und dergleichen ange-
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Landesausstellung 1896: „Goldene Medaille für hervorragende Leistungen“; Staatsmedaille für „tadellos gute Fabrikate“. Regelmfissig kontrollirt von der Königl. Untersuchungsanstalt für Nahrungs- und Genussm. in Erlangen.
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