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Po. d§9» Verlags-Fernfprecher Ro. MM.
Samstag, de« 22. August»
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1903.
Morgen-Ausgabe.
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Politische Übersicht.
Von neuen: lagert sommerliche Stille über der Reichshauptstadt. Mach kurzem Verweilen im Neuen Palais zu Potsdam und im altersgrauen Schloß zu Berlin hat der Kaiser Wilhelmshöhe ausgesucht, um ton dort in die Manöver zu gehen. Graf B ü I o w sucht wieder am Strande des von ihm so bevorzugten Norderney nach neuen Zitaten. Seine Stellung ist anscheinend gefestigter denn je und im preußischen Ministerium herrscht, wenn mau den Versicherungen der Offiziösen trauen will, völlige Übereinstimmung und unbe- dingtes gegenseitiges Vertrauen. Mer wer weiß, ob nicht im Herbst, wenn die Blätter fallen, auch einige Kollegen des preußischen Ministerpräsidenten ihre Portefeuilles verlieren? So viel ist sicher, mit diesem Ministerium wird Graf Bülow die Kanalvorlage nicht durchsetzen. Ängstlich haben auch alle offiziösen Auslassungen irgendwelche Andeutung von dem Schicksale der Kanalvorlage vermieden. Kein Wunder, daß man deswegen das Ergebnis des Kronrats als ein Begräbnis dritter Klasse für die Kanalvorlage bezeichnet.
Bekommen wir auch vorläufig keine Kanalvorlage in dritter verbesserter oder verwässerter Auflage, so hat doch die schwer heimgesuchte Provinz Schlesien ihren neuen Oberpräsidenten in dem Grasen Zedlitz- T r ü tz s ch l e r gefunden, der sich in seiner jahrzehntelangen Beamtenlaufbahn ass umsichtige und energische, nicht einseitig von der grauen Theorie beherrschte Persönlichkeit bewährt hat. Über so reiche Erfahrungen ver-
g gt der frühere Polizeipräsident von Berlin, Herr von i n d h e i m, der an des Grafen Zedlitz-Trützschlers Melle das Oberpräsidium der Provinz Hessen-Nassau Übernimmt, nicht. Er ist bis jetzt in Einern Amte jordentlich warm geworden, da er zu den wenigen Glücklichen gehört, an die in maßgebenden Kreisen gedacht wird, wenn man für eine hohe Stelle eine Person sucht. Unmerklich fast vollzog sich die Ersetzung des Kriegs- Ministers von Goßler durch den General von Einem;
war sie doch schon vor drei Monaten beschlossene Sache. So ist denn bei uns in Preußen, mindestens bis die Vorbereitungen der Landtagswahlen beginnen, alles in schö- ster Ordnung.
Nicht so in Österreich-Ungarn. Kaiser Franz Joseph mühte sich schon seit Wochen darum, Ordnung und stetige Verhältnisse zu schassen. Nicht genug damit, daß er seinen Sommerausenthalt in Ischl abbrechen und nach Schönbrunn zurückkehren mußte, ist er jetzt genötigt, in Budapest selbst für die Herstellung eines neuen modus vivendi einzutreten. Allzu große Hoffnungen auf eine günstige Wendung der Dinge wird er selbst kaum hegen. Will man doch sogar wissen, daß der Kaiser sich mit dem Gedanken trage, abzudanken. Jedenfalls wird er mit den Konzessionen nicht so weit gehen, wie es die ungarischen Obstruktionisten verlangen. Der Fortbestand der Großmachtstellung der Monarchie setzt die Gemeinsamkeit der Armee voraus und diese Gemeinsamkeit erfordert, daß die Heeresleitung und -Verwaltung ebenfalls einen einheitlichen Charakter besitzt. Einer Trennung Ungarns von Österreich auf militärischem oder auch auf handelspolitischem Gebiete wird niemand das Wort reden können, dem Kaiser Franz Joseph die Kabinettsbildung an Stelle des Grafen Kyuen anvertraut.
Noch weit krifischer als die Lage in Ungarn sind die Verhältnisse in Serbien. Das neugebfldete Kabinett wird kaum übermäßig lange zusammenhallen. Schon mehren sich die Anzeichen dafür, daß die meisten der Männer, die nach dem' Attentat gegen König Alexander an die Spitze der Landesverwaltung getreten sind, völlig unter dem Einfluß der an dem Königsmord beteiligten Offiziere stehen. Ihrer Diktatur muß sich auch König Peter fügen; daran ändern all die schönen Worte nichts, die sich an die Vorstellung des Kton- Prinzen beim Offizierskorps knüpften. Man scheint in Belgrad die makedonischen Wirren als einen günsfigen Ableiter für die inneren Unruhen zu betrachten.
Auch in Sofia hat man diese Wirren zu eigenem Vorteil auszuschlachten gesucht und tut es noch. Der Bulgare verlangt freies Feld zur Betätigung seiner kulturellen Unzulänglichkeit. Verwöhnt durch billige Kriegslorbeeren im Kampf mit dem unfähigen Serbien, scheuen sie vor einem Wafsengang mit den Türken nicht zurück. Wer in Europa hat man wenig für die Männer der revolufionären bulgarischen Organisafion übrig, bei denen Mord, Raub, Erpressung an der Tagesordnung ist, die alles rücksichtslos medermachen, was nicht gleichen Sinnes mit ihnen ist. Griechen, Rumänen und Serben sind dutzendweis unter den Mordwaffen dieser „Freiheitskämpfer" verblutet. Daher wird weder Österreich-Ungarn, noch auch Rußland, das Hinsteuern auf einen bulgarisch-türkischen Krieg begünstigen. Die Entsendung der russischen Schlachtschiffe nach den türkischen Gewässern sollte keineswegs die Türkei über
rumpeln oder die bulgarischen Revolutionäre ermuügen. TieDiplomaten an derNewa haben auch jetzt weitBesseres zu tun, als die Kriegsfackel in Europa zu entzünden. Nachdem sie sich in der Mandschurei festgesetzt, soll Korea unter die Oberherrschaft des Zaren fallen. Japan, das weiß, wie wenig es aus englische Hülfe rechnen kann, macht gute Miene zum bösen Spiel und versichert, daß seine Beziehungen zu Rußland auch fortan die denkbar besten bleiben.
Die transatlantische Republik wird kaum die Lust dazu verspüren, hier mit gepanzerter Faust einzugreifen. Sie sieht sich vielmehr danach um, in Amerika ihre machtgebietende Stellung weiter auszubauen. Ein neuer Schritt dazu wird durch den Bau des Panama- k a n a l s geschehen, bei dem Kolumbien von den smarten Nankoes recht viel Geld herausschlagen wollte.
MrpAnWg des TrmkWm und) den Tropen.
Boston, 1. August.
Der Krieg mit Spanien hat Amerika die unerwartete Gelegenheit gebracht, auck-, wie andere Ratwnen, Zivilisation nach den Tropen zu tragen. Dieselben Transportschiffe, die amerikanische Lehrer und Schulbücher nach Manila brachten, hatte auch Quantitäten Whisky, Bier und Einrichtungen für amerikanische „Bars" an Bord. Und während in Manila von Schulen, die für die Filipinos errichtet worden sind, wenig sichtbar ist, blüht das Trinkgeschäst herrlich und macht sich, besonders in den späteren Abendstunden, auch'hörbar. Soviel man hier von den dortigen Lehrern weiß, wolle» sie alle wieder zurück nach Amerika; von den Eigentümern der vielen Schanklokale und deren Angestellten hat man so etwas bis jetzt nicht gehört.
Die amerikanische Ausfuhr nach den philippinischen Inseln ist nicht sehr groß; sie wertet ungefähr fünf Millionen per Jahr. Der größte Teil davon schließt Bedürfnisse für die Armee ein — und ein bedeutender Betrag entfällt auf alkoholische Getränke. Noch können sich die Filipinos -mit unserer Zivilisation nicht befreunden, sie scheinen kein großes Bedürfnis für amerikanische Schuhe und Manschetten zu haben. Sie sind aber auch noch nicht zivilisiert genug, ihre Lebensfreuden in alkoholischen Getränken zu suchen — oder zu ertränken. Allerdings haben die Filipinos auch ihre nervenreizenden Getränke, allein im allgemeinen ein moralisch lügend- Haftes und mäßigesBolk, genießen sie deren nicht inKörper und Geist zerstörenden Mengen. Es ist aber natürlich nicht ausgeschlossen, daß, je mehr und je tiefer sich unsere Kultur in den Philippinen festsetzt, die Trunksucht im Volke je mehr und je tiefer um sich greisen wird.
Ms jetzt sind es fast ausschließlich unsere eigenen Soldaten, die dort unter dem Laster der Trunksucht leiden. Und nach den Berichten aus den Philippinen for-
Fernlletorr.
Kobold und Pickel.
Chemische Plauderei von vr. D. Sandels.
, Kobold und Nickel sind zwei chemische Elemente, zwei Metalle, die den Chemikern und Bergleuten früher manchen Schabernack gespielt haben, daher ihre Namen. Sie waren und sind auch heute noch zwei unzertrennliche Gesellen, das heißt, die Erze, welche Nickel enthalten, führen auch zu gleicher Zeit Kobalt. Der Kobold heißt nämlich seit einiger Zeit Kobalt; so haben ihn die modernen Chemiker umgctauft. Einen Grund haben sie nicht ankegeben, wahrscheinlich schämten sie sich für ihre Vorsänger, die sich so oft von diesem Metall narren ließen. Den reinen Kobalt, das einfache Metall kennt man erst seit 1778, wo es der schwedische Chemiker Brandt zuerst entdeckte und darstellte. Die Kobalterze dagegen kannte man schon lange, denn bereits die alten Griechen und Römer brauchten sie zum Färben des Glases. Kobaltverbindungen geben den Glasflüssen eine weit schönere blaue Farbe als die vielgebrauchten Kupferverbindungen. Die Anwendung der Kobalterze in Deutschland zur Fabrikatton der Dmalte datiert erst aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Der Umstand, daß man Kobalterze so lange nicht zu benutzen verstand, daß ferner ihre Beimengung zu anderen Erzen lKupfercrzen) infolge ihres Arsengehaltes unerwartete und auffällige Veränderungen der verhüttenden Metalle bewirkte, hat in ähnlicher Werse öur Entstehung des Namens Kobold (Kobalt) bcigetragen, wie eS bei seinem ständigen Begleiter, Nickel, der Fall Sewesen ist. Die zum Aberglauben geneigten Bergleute des Mittelalters glaubten in der Tat, ein Berggeist oder Kobold treibe sein Spiel mit ihnen, wenn sie Fahlerz, aus dem Kupfer und Silber verhüttet wurde, ans Tageslicht förderten, welches keine Spur von Kupfer oder Silber enthielt. Sie hatten aber in Wirklichkeit Nickel- und Kobaltverbindungen gefördert, die täuschende Alurlrchkert mit dem Fahlerz und anderen Kupfererzen Hutten. Da die Chemie zu jener Zeit auch auf einem sehr jämmer
lichen Standpunkt stand, so blieb Bergleuten wie Chemikern die Anwesenheit dieser beiden Metalle lange Zeit ein Geheimnis oder Rätsel, und als sie es schließlich entdeckten, belegten sie die beiden mit den bezeichnenden Namen.
So selten Kobalt in der Industrie und Technik verwendet wird, so häufig ist dieses mit dem Nickel der Fall. Und dennoch muß man sich wundern, daß die Anwendung dieses schönen Metalls so lange auf sich warten ließ.
Schon die Chinesen der ältesten Zeiten benutzten das Nickelmetall; es bildete von jeher den Hauptbestandteil ihrer Waffen, die ihrer Güte wegen berühmt waren.
Bei uns wurde Nickel als selbständiges Metall erst im Jahre 1751 von dem Chemiker Constedt entdeckt. Dann fand man es als einen wichtigen Bestandteil der Sonnenatmosphäre, indem es gelang, Nickel und Kobalt in größeren Mengen in den Meteorsteinen nachzuweisen. Dann dauerte es aber noch sehr lange Zeit, bevor man es ganz rein darstellen konnte und man seine guten Eigenschaften entdeckte. Vor allen Dingen besitzt das Nickelmetall eine hohe Widerstandskraft gegen die atmosphärischen Einflüsse, es rostet nicht und beschlägt nicht. In dieser Beziehung steht es beinahe auf derselben Stufe wie die Edelmetalle, Gold und Silber.
Der Verbrauch von Nickel ist seit der Einführung nickelhaltigcr Münzen ganz gewaltig gestiegen. Ich sagc nickelhaltiger Münzen, denn so ist die richtige Benennung Unsere Nickelmünzen bestehen nämlich nicht, wie man meistens glaubt, hauptsächlich aus Nickel. Das Verhältnis ist 75 Teile Kupfer und nur 25 Teile Nickel.
Das reine Nickelmetall wird in der Technik niemals verwandt, seine Legierungen dagegen spielen eine gewaltige Rolle. Im Jahre 1824 gründete Gcitner in Schnceberg im Königreich Sachsen die erste Argentan- odcr Neusilberfabrik. Argcntan oder Neusilber ist nämlich eine Mischung von ungefähr 68 Teilen Kupfer, 82 Teilen Zinn und 4 bis 5 Teilen Nickel. Wie gewaltig diese Industrie bis heute gewachsen ist, das ist bekannt. Alle silberähnlichen Legierungen von Vebcutung und Ruf sind nämlich Nickelmischnngcn.
Chinasilbcr, dem wohl der erste Rang zukommt bei
den das Silber ersetzenden Legierungen, ist auch Argen- tan oder Neusilber, nur stark versilbert. Dann folgt als beste Silber-Imitation Pariser Alfenide und Christofle- metall. Auf gleicher Stufe steht auch das österreichische Alpaka. Eines weniger guten Rufes erfreut sich Las Berliner Fabrikat. Alle diese Imitationen sind zu empfehlen, denn sie sind unschädlich beim Gebrauch. Die Behauptung, daß diese Legierungen fast immer Arsenik enthielten, daher der menschlichen Gesundheit ans die Dauer schädlich seien, ist völlig hinfällig, denn eine arsenikhaltig« Legierung würde niemals den stlberähnlichen Glanz, sondern eine braungelbe, schmutzige Farbe haben.
Eine große Rolle spielen heute auch die vernickelten Gegenstände. Man vernickelt Eisen und andere billig« Metalle. Diese Vernickelung geschieht meist auf galvanischem Wege. Man benutzt dazu das Ammonium-Nickel- Sulfat. Diese Verbindung ist die beste, da sie sich durch Einhängung einer Nickelelektrode fortwährend selbst ersetzt und stets ein neutrales Bad ergiebt.
Kupfer, Zinn und Nickel geben auch ein herrliches Glockenmetall, dessen Farbe und Ton unübertrefflich sind. Dagegen sind die Versuche, Kanonen aus ähnlichem Metall zu gießen, völlig mißglückt, da die Widerstandsfähigkeit dieser Mischung nicht genügend ist.
Die Technik ist auf dem Gebiete dieser Silber-Jmita- Konen weit vorgeschritten, man findet Legierungen von Kupfer und Nickel, die von Silber nicht zu unterscheiden sind, selbst nicht mit Hülfe des Probiersteines. Diese Mischungen bestehen ans ungefähr gleichen Teilen von Kupfer und Nickel. Diese Mischungen sind gewöhnlich Geheimnis der einzelnen Fabriken. Legierungen, die gleich gelb werden, taugen nichts, sie haben zu wenig Nickelgehalt. Diese gelbe Farbe schwindet in diesem Fall« niemals, da hilft kein Putzen, sie kehrt immer wieder. Als Pntzmittcl für Silber und Nickel wird in letzter Zeit eine „Silberseifc" durch Reklame sehr empfohlen. Da diese Seife hoch im Preise gehalten wird, hier ihre Vorschrift: 20 Teile Fettsäure (das billige Olein oder die Stearinsäure der Apotheken). 80 Teile Kalkerde und 5ll Teile geschlemmte Kreide. Diese Mischung kann sich jeder iür wenig Geld leicht Herstellen.
