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. 390.
Verlags-Fernfprechcr No. 2958.
Samstag» de« 22. August.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1903.
Uber Soldatenmißhandlungen
leitartifelt das „Barl. Tagebl." in Hinsicht aus den mitgeteilten Fall Breitenbach wie folgt:
„Zu den allerpeinlichsten Vorkommnissen in unserem Staatsleben gehören unbedingt die Soldatenmißhandlungen. Wenn die liberale Presse immer und- immer wieder auf diese bedauerlichen Tatsachen zurückkommt und die besonders krassen Fälle ganz besonders hervorhebt, so geschieht dies keineswegs, wie die konservativen Blätter ihren Lesern glauben machen wollen, aus dem Grunde, um die Armee in der allgemeinen Achtung herunterzusetzen, sondern lediglich deshalb, weil sie in derartigen Mißhandlungen ein Übel sieht, dessen Abstellung mit allen irgendwie verfügbaren und natürlich den Gesetzen entsprechenden Mitteln herbeigeführt werden muß.
Nächst einer Reform des militärischen Beschwerderechtes ist besonders die Erörterung jedes Einzelfalles in der unabhängigen Presse ein hervorragendes Hülfs- mittel in dem Kampfe gegen die Soldatenmißhandlungen. Eigentlich sollte es doch jeder Vorgesetzte unter seiner eigenen Würde halten, einen ihm Untergebenen, der ja doch im Augenblicke ihm als ein Wehrloser gegenübersteht, zu mißhandeln. Das ist auch nicht zuletzt der Grund, weshalb in der öffentlichen Meinung die Entrüstung über Soldatenmißhandlungen eine so große zu sein pflegt. Es soll auch gar nicht geleugnet werden, daß sich vieles in dieser Beziehung gebessert hat. Aber wieviel noch auf diesem Gebiete zu bessern ist, das zeigt der Fall des Unteroffiziers Otto Breitenbach, der am 1t. August d. I. vor dem Kriegsgerichte stand.
Die Anklage beschuldigt ihn 1500 leichter und 300 schwerer Soldatenmißhandlungen. Man sträubt sich förmlich dagegen, an -eine derartige exorbitante Menge derartiger Methoden zu glauben. Natürlich entging dieser Unteroffizier, freilich nachdem erst der Soldat Hill vom vierten Garderegimcnt zu Fuß seinem gequälten Dasein durch einen Schuß ein Ende gemacht hatte, seiner Strafe nicht. Er wurde degradiert und erhielt 3s/2 Jahre Gefängnis. Es ist nicht entfernt unsere Absicht, an dieser Stelle etwa eine Kritik an den Urteilsspruch anlegen zu wollen. Wohl aber muß die Frage aufgeworfen werden, wie es denn geschehen konnte, daß ein Unteroffizier sich einer solchen Unmenge von Soldatenmißhandlungen schuldig machen konnte, ohne daß irgendeiner seiner Vorgesetzten davon eine Ahnung hatte oder bekam?
Von den zahlreichen Zeugen, die vom Kriegsgericht vernommen wurden, bekunden fast alle, daß jeder von ihnen zwanzig, dreißigmal und mehr von dem Breiten- bach mißhandelt worden sei. Wie war es denn nur möglich, daß keinem der Offiziere das Treiben jenes
Unmenschen endlich einmal bekannt wurde? Hier muß doch ganz entschieden etwas an dem Beschwerdeapparat sozusagen nicht funktioniert haben. Wie eingeschüchtert muß nicht die ganze Korporalschaft gewesen sein, wenn solch ein unmenschliches Treiben eines Unteroffiziers den Offizieren verborgen bleiben konnte: Deshalb muß es das Eeterum eenseo bleiben: der bisherige Besch Werdeweg mußabgeändert werden. Sonst werden sich derartige schauderhafte Soldatenmißhandlungen niemals ganz beseitigen lassen!
Gerade im Interesse der Ansrechterhaltung unserer militärischen Disziplin liegt es, eine der vornehmlichsten Quellen des Unwillens in der öffentlichen Meinung über Soldatenmißhandlungen soviel als nur menschenmöglich zu verstopfen. Man bestrebt sich in der Heeresverwaltung — und das mit vollem Recht — allen agitatorischen Momenten innerhalb der Armee auf das schärfste zu begegnen. Was aber muß den inneren Menschen im Soldaten mehr aufreizen, als das scheinbare geduldige Ertragen und Hinnehmen von Mißhandlungen, von entehrender Behandlung seitens seines brutalen Vorgesetzten? So lange der Beschwerdeweg über diesen frevelnden Vorgesetzten führt, kann von einer Besserung der inneren Zustände in der Armee keine,Rede sein. Alle Bestrebungen aber, gewissen demagogischen Einflüssen den, Zutritt zu dem Heere zu verlegen, werden vergeblich sein, solange nicht in dem Beschwerdeverfahren gründlich Wandel geschaffen wird."
44. Allgemeiner Erwerbs- und WrWsts- genOlWststag.
8. & H. Danzig, 21. August.
Unter Leitung seines langjährigen Anwalts, des früheren Reichstagsabgeordneten 1)r. Crüger-Charlottenburg, tritt am Sonntag hier der Allgemeine Verband der deutschen Erwerbs- und Wirtschafts-Genossenschaften (Schultze-Delitzsch) zu seiner diesjährigen (44.) Hauptversammlung zusammen. Bekanntlich hat dieser Verband in den letzten Jahren verschiedene innere Krisen durchznmachen gehabt. Den Höhepunkt derselben bildete der gelegentlich der vorjährigen Tagung des Verbandes in Kreuznach erfolgte Ausschluß von mehr als 500 Konsum-Genossenschaften, die sich darauf in Dresden zu einem selbständigen deutschen Konsum-Genossenschaftsvcrbande zusammentaten und dabei fast alle noch im alten Verbände verbliebenen Konsumgenossenschaften, sowie die Großeinkaufsgesellschaft der Konsumvereine in Hamburg zu sich hinnberzogen. Dieser Schritt wurde damit begründet, daß der Crngersche Verband das fortgesetzte Wachsen der Konsumgenossenschaften mit scheelen Augen angesehen habe, weil darunter die übrigen Genossenschaften litten, während der Allgemeine Verband den Ausschluß mit der Motivierung vollzogen hat, daß die Konsumgenossenschaften mehr und mehr unter den Einfluß der Sozialdemokratie geraten seien, was sich durch die Entwickelung,
welche die Dinge in der letzten Zeit genommen haben, zu bestätigen scheint.
Durch diesen Ausschluß hat der Verband allerdings einen ganz erheblichen Verlust an Mitgliedern und Einnahmen erlitten, wozu noch kommt, daß die Konsumgenossenschaften stets die größten Umsatzzisfcrn erzielten. Demgegenüber beruft sich der Verband jedoch darauf, daß nunmehr Ruhe und Frieden in seinen Reihen eingekehrt sei und damit ein ganz anderes Arbeiten als früher gewährleistet werde. Die Tagesordnung öes Genossenschaftstages ist wiederum eine außerordentlich reichhaltige und weist eine Reihe wichtiger und interessanter Gegenstände auf. Der Anwalt, Dr. Crüger, wird über die Stellung des Allgemeinen Verbandes im Genossenschaftswesen Bericht erstatten. Von dem Untervcrbande des Allgemeinen Verbandes, dem Verbände der Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften am Mittelrhein, liegt ein Antrag vor, durch den der Allgemeine Genossen- schaststag anfgefordert wird, Protest zu erheben gegen die Bestrebungen, den Kreditgenossenschaften das Recht auf Pflege des Sparkassenbetriebes unter der Bezeichnung „Sparkasse" zu entziehen. Für die Kreditgenossenschaften ist von besonderer Wichtigkeit ein Antrag des Bankdirektors Thorwart von der Deutschen Genossenschafts- Bank, einheitliche Formulare für Geschäftsüversicht, Bilanz und Gewinn- und Verlust-Konto zu beschließen. Justizrat Gebhart-Zweibrückcn wird über die Verpfändung von beweglichen Sachen referieren. Die Genossenschaftsbank Moabit-Berlin stellt den Antrag, den Verbänden die Einführung von gemeinsamen Maßregeln zum Schutze der Verbandsvereine gegen zahlungsunfähige und böswillige Schuldner, sowie gegen andere Personen zu empfehlen, denen gegenüber bet einer Geschäftsverbindung Vorsicht geboten ist oder deren Kreditwürdigkeit nicht einwandfrei erscheint. Als diesem Zweck dienende Schutzmatzregcln werden empfohlen: 1. Die Aufstellung einer allgemeinen Liste der Mitglieder der Verbandsvercine, sowie 2. der Austausch der Namen der von den Vereinen ausgcnommenen und der ausscheidenden Mitglieder. 3. Die Mitteilung der Namen solcher Personen, deren Aufnahme von einem VerbandSverein abgelehnt worden ist. 4. Der Austausch der Namen von Personen, die als Geber und Nehmer von Kellerwechseln, als Weckselschieber oder als solche bekannt geworden sind, deren Treiben geeignet ist, die Vereine zu schädigen. Der Austausch des Materials hat durch Vermittelung der VerbandSvorstände in regelmäßigen, möglichst kurzen Zwischenräumen zu geschehen."
Vom Anwalt Dr. Crüger wird in einem weiteren Anträge den Konsumgenoffenschaften dringend empfohlen, den Sparkassenvcrkehr nur zur Ergänzung des für das laufende Geschäft notwendigen Betriebskapitals zu benutzen. Entschieden zu widerraten sei die Verwendung der Sparkassengelder zum Erwerb von Grundstücken und zur Einführung oder zur Erweiterung der eigenen Produktion. Die möglichste Liquidität dürfe von den Konsumvereinen nicht außer acht gelassen weroenj es müsse ihr Streben sein, sich von fremdem Betriebskapital unabhängig zu machen. Weiterhin werden die Konsum
Unterwühlter Grund.
Roman von Anton Freiherr« von Persall.
(25. Fortsetzung.)
Ein langsamer, aber stetig sich- fortwälzender Schutt- und Steinstrom floß durch den Hofgraben hinaus auf öen^ Anger, in seinem düsteren Grau das frische Grün desselben begrabend.
. Gottfried sah ihn Zoll für Zoll sich einfressen in seinen einstigen besten Grund, wie ein häßliches Ungeheuer kroch er in Schlangenwindungen hervor aus dem dunklen Graben. Rauchende Kohlenfelder bedeckten den Platz, wo er einst gepflanzt mit dem Vater, einen Büchsenschuß unter seinem Anwesen rollten mit dumpfem Getöse lange Züge kleiner Kohlenwagen auf den Schienen dom nahen Bahnhof zu durch gelbe, saftlose Wiesen, die des Düngers entbehrend, nur eine dürftige Grasdecke Zeigten ; der Anblick tat Gottfried an: wehesten ; es war Ihm, als sähe er sein eigenes Kind- langsam verhungern, verdorren. Oben am Berg war alles kahl, Lcinemann hatte in einem Sommer alles aufgearbeitet. Gottfried hatte vor diesem Alaun eine fast abergläubige Furcht, er imponierte ihm fast mit seinen eisernen Kinnbacken, nnt deneir er alles zermalmte, alles fraß, Höfe, Äcker, ganze Wälder. Er machte reine Arbeit. .
Anfangs drohte ihm das Knirschen unzähliger Sägeu, das förmliche Geknatter der Axthiebe das Gehirn Zu zersprengen, er sah mit tiefem Grauen die ihm unfaß- liche Zerstörung eines Tages. Ganze Flächen des herrschen Blätterdaches schienen sich aus einmal zu senken. 3uletzt war er froh daruin, je schneller jener abholzte, desto schneller kam er zum Anpflanzcu. Es: ^eute sich la wie ein Kind darauf. Noch hunderte solcher Wälder mgen ja in diesem fetten, strotzenden Boden, der sich -Jahrtausende von seinen eigeneii Kindern gemästet. löa-s lag da an diesem ! Der dumme Moses, er nahm nur eine Ernte, den eivig gebärenden Schoß ließ er ihm, dessen Urkraft er anbctete, in ihr seinen Gott erkennend.
Das Haus war ang-efüllt bis unter den Giebel mit Arbeiterfamilien, selbst die langgestreckte Tenne war zu Wohnungen umgebaut. Wo einst das duftige Heu, da waren jetzt Muskeln uiid- Sehnen aufgespeichert; alles war besetzt. Tie Gewerkschaft machte Gottfried die schönsten Anerbietungen, abzuziehen, man fürchtete Reibereien der Arbeiter mit dem starrköpfigen Alten ; doch er wich nicht — man hielt ihn für verrückt, er lachte so eigentümlich verschmitzt, wenn man ihm einen solchen Antrag stellte.
Indes kam er mit seinen neuen Hausgenossen über Erwarten gut aus. Es lag eine eigene Würde über dem Greis, der immer deii Eindruck machte, als warte er aus etwas, dessen Eintreffen er init Sicherheit voraus wußte. Jeder Arbeiter wurde davon gepackt und behandelte ihn mit Achtung, -auch sein herbes Schicksal ging den guten Leuten, die ja selbst hart zu kämpfen hatten mit dem Leben, zu Herzen, man tat ihm -eher jeden Gefallen, als daß man ihm lästig siel. Er hingegen hatte kein warmes Interesse für die Leute, für ihren Beruf. Als Dollblut- bauer schätzte er nur den landwirtschaftlichen Arbeiter, wenn er sich auch ihm gegenüber als Herr fühlte, gegen die Bergleute hatte er ein Vorurteil, das sich aus seinem Hasse gegen das Bergwerk natürlich ergab; er hatte überhaupt einen instinktiven Haß gegen alle Industrie, welche den gefährlichen Zunder im Staat anhäufte, vor dein sein konservativer Sinn sich schreckte, ihre Segnungen waren ihn ja fremd, ihre absolute Notwendigkeit nicht klar.
Jetzt war er plötzlich rings eingeschlossen von diesem fremden Element. Ter arbeitete einst in dieser, der in jener Fabrik, der kam vom Rhein, der aus Österreich, Maschinisten, Kohlcnladcr, Werkmänner aller Branchen gab es hier. Ta saß er oft des Abends unter den rußigen Gesellen vor dem Hause und lauschte ihren Erzählungen von fremden Ländern und Verhältnissen, von ihren Schmerzen, Wünschen oder übertriebenen Forderungen.
Die zwei Schlagwörter, von denen er so oft gelesen: Kapital und Arbeit, wurden ihm jetzt in ihier ganzen Schroffheit klar, dieser Riesenkampf, von dessen Aus-
dehnung und Erbitterung er sich früher keinen Begriff gemacht, imponierte ihm. Er schlug sich in Gedanken aus die Partei der Arbeit. Auch, seinen Hof, seinen Wald fraß ja, das Kapital, gewiß nicht gewaltsam, nach Recht und Gesetz fraß es ihn, das schien ihm noch schlimmer.
Das hatte er nie geahnt, daß sie einen gemeinsamen Feind hätten — Arbeiter und Bauer. Es blieb stets bei theoretischen Erörterungen, die Arbeitsverhältnisse_ der Leute waren ja so vortrefflich, daß sie nicht die geringste Veranlassung zur Klage hatten. Einmal ließ er sich sogar überreden, mit einzufahren, er betrachtete mit ehrfurchtsvollem Staunen, die glitzernden Kohlengänge, die begrabenen Wälder der Vorzeit, plötzlich, ergriff ihn der Schwindel, unsagbare Angst, zitternd, bleich-, kam er wieder heraus aus diesem starren, leblosen Bereich, er mußte die Scholle unter den Füßen haben, sonst konnte er nicht leben.
Ein Umstand machte ihn den Leuten etwas mißliebig, er horchte auf jedes Gespräch derselben über dm Fortgang des Betriebes, fragte jeden darnach aus; hörte er irgend eine ungünstige Nachricht, sei es, daß die Kohle gerade „schlecht herging" oder dasWasserSpektakel machte, konnte er seine Freude nicht verhehlen.
„Ich Hab' mir's gleich gedacht, das wird noch- ganz anders kommen", sagte er dann mit eigentümlichem Lächeln, als wisse er mehr davon.
Die abergläubischen Bergleute, deren Brot an dem Gedeihen des Unternehmens hing, betrachteten oft mit Mißtrauen den Unglücksraben, wie sie ihn nannten, seine geheime Hoffnung, der Grund werde einst ihm, das heißt, Ambros wieder zufallcn, dem Kontrakte nach, den er mit der Wcrkschaft abgeschlossen, -konnten sie nicht ahnen.
Im Dorf galt er als ein ausgemachter Narr, der Kummer hatte ihn wohl dazu gemacht. Das bischen Geld, was ihm geblieben, verwendete er zur Anpflanzung des von Leinemann abgetriebenen Waldes und zur Kulti- Vierung seines Moosanteiles über dem See drüben.
TaS war absolute Narrheit. Für wen tat er das? Für seine Kinder, die ihn verließen, die schon längs nichts
