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Filftze -Begriffe unb ßiltnuigsitalt.
Das soziale Leben leidet in^ Deutschland unter falschen Ehrbegriffen und verkehrten Bildungsidealen. Ein schlichter Handwerksmeister kann ein gebildeter Mann sein auch wenn er mit Bürgers Hans Bendix „kein Sterbenswörtchen Latein" versteht, und ein Staatsbürger kann emen hohen Ehrbegriff besitzen, auch toemt er das Duell ransieht. Das ist eigentlich ganz selbstveritandiich, aber trotzdem ist es in Deutschland nicht dre allgemeine Anschauung. Bei uns wird fast Miner die natürliche Anschauung der Dinge von einem Wald grauer Theorien überwuchert. Es ist ein Beweis sur dm zähe Lebenskraft alter Vorurteile, daß wir uns auch rm Lause unserer reichen und grundstürzenden nmeren Entwickelung von den falschen Begriffen über Ehre und Bildung nicht frei zu machen wußten. Sie dnngen noch heute manchen kräftigen Keim früh zum Perdorren, der als Baum reiche Früchte getragen hätte ^ene falschen Begriffe können zum sozialeii Übel nainent- üch dann werden, wenn sie den Maßstab bilden für die Stellung des Mannes im Staat, Gemeinde und Gesell- Ichaft. ^ Und daZ ist heute leider in Deutschland noch immer m breitem Umfange der Fall. Trotz unserer hochge- pnesenen Kultur sind wir nicht einmal soweit, daß wir für den Wert der Arbeit das richtige Maß besitzen. Gerade von uns Deutschen wird ein viel zu großer Unter- Ichied zwischen sogenannter hoher und niedriger, zwischen ge-stiger und körperlicher Arbeit gemacht. Und doch weiß tein Gelehrter und kein Praktiker, wo zwischen beiden eigentlich die Grenze liegt. Auch der einfache Stein- Uopfer am Wege verrichtet eine gewisse Summe geissiger Arbeit und sicher hat seine Tätigkeit für das allgemeine Wohl einen größeren Wert als manche Leistung, die sich heute anspruchsvoll als eine „geistige" ausgibt, während ste eher m das Gebiet der Schmutzarbeit gehört. Nicht Mer der Tinte verbraucht, ist ein geistiger Arbeiter!
Es ist unsere Pflicht als einzelne wie als Gemein- Ichaft, erneu richtigen Maßstab für die Wertschätzung der Arbeit zu finden, ohne, Vorurteil, Überhebung, Selbst- lucht und ohne jene lässige Genügsamkeit, die sich durch nn anspruchsvolles Äußere über den inneren Gehalt
täuschen läßt. Es geht vielen Menschen heute wie modernen Büchern: der Einband macht's Geschäft und die Schätzung! — Mehr Sachlichkeit und Ehrlichkeit, weniger Phrase, Dunst und Schein in der ganzen Lebens Haltung ist nötig. Die aufrechten Männer mit der göttlichen Grobheit werden im öffentlichen Leben immer seltener, wie im kleinen Alltagsdasein jene Charaktere, E sich keiner ehrlichen Arbeit schämen. Wie lächerlich ist doch diese Scham und wie weit verbreitet ist sie, besonders auch im Mittelstände! — Unsere Zeit führt wohl noch immer das schöne Dichterwort im Munde: Arbeit M des Burgers Zierde, aber wenn diese Arbeit nach der Anschauung unserer Tage „niedere" ist, so wird sie in manchen Kreisen eher als Meckel denn als Zierde &e trachtet; „gesellschaftsfähig" macht sie keinesfalls.
Es ist heute kaum denkbar, daß ein wohlhabender Vater von zwei, gleich fähigen Söhnen den einen etwa Offizier oder Jurist und den anderen Tischler oder Schneider werden läßt. _ Ohne Aufsehen ginge die Sache nicht ab; man sähe darin fast eine Versündigung gegen den Geist der Kaste. Dem Offizier würde der Bruder Schneidermeister manche Verlegenheit bereiten und hätte jener das Herz nicht auf dem rechten Fleck, so würde er von diesem Bruder selbst Schwierigkeiten für sein Empor- stergen auf der militärischen Stufenleiter, und zwar nicht mit Unrecht, befürchten. Das kennzeichnet unsere Anschauung, und doch protzen wir mit dem Wort Schillers und doch behaupten wir, die Achtung vor der ehrlichen Arbeit sei die Grundlage unserer Kultur.
Es sind auch heute nur wenige, die auf den Höhen einer wirklich freien Geistes- und Herzensbildung wandeln: wie immer. Der Humanismus ist auch den meisten der „humanistisch Gebildeten" lediglich ein toter Schulbegriff geblieben, ist ihnen kein Seele'und Geist bewegendes Prinzip höherer Sittlichkeit und Wellauffassung geworden, keine Flamine, die das Gemüt läutert und die Schlacke vom Edelmetall scheidet. In seiner Rektorats- rede beklagte rm Anfang dieses Jahres Professor Kämmerer von der Technischen Hochschule in Charlotten- burg mit Recht, daß unserer Schulbildung völlig die Anleitung zur Achtung mich der körperlichen Arbeit fehle, für die jetzt vielfach nur Geringschätzung vorhanden sei Ist es da überraschend, wenn sich alles, was Mittel zum Studium hat, ohne Wahl aber mit Qual nach den sogenannten höheren Berufen drängt? Das Ergebnis ist eine sozial recht schlimm wirkende Überfüllung dieser Berufe und eine Verarmung der „niederen" Erwerbszwerge, des Handwerks an wirtschaftlich und geistig wohlhabendem Nachwuchs. Auch das ist bereits eine alte Klage, aber erst seit kurzer Zeit beginnt man ihr fozialstatistisch mehr Rückhalt zu geben. Übrigens leiden wir in Deutschland rucht allein an ernem Überschuß „studierter Intelligenzen" Ich wähle das Fremdwort absichtlich seines Beigeschmacks wegen, denn leider ist heute das Wort Jahns mehr als zu ferner Zeit wahr, daß viele wissen, wie Brot in allen Kultursprachen heißt, es aber in keiner verdienen können Herite kann man mit Recht in Deutschland und einigen anderen Landern nicht mehr vom „armen Gelehrten"
Feuilleton.
Aus den Tropen.
Wenn von einem australischen Walde, dem „Busch", "je Rede ist, dann stellt man sich denselben gewöhnlich als nn dichtes, schier unentwirrbares Riesengehölz vor, mit Unterholz, das jeden Schritt schmierig macht. In den -i-atern ist dies auch öfter der Fall, aber in den höher ge- egenen Teilen bei dem eigentlichen „Busch" nicht. Der ptere besteht aus einander ziemlich gleichen Bäumen, Tr in ziemlicher Entfernung voneinander wachsen, so daß w Reiter leicht zwischen denselben sich bewegen kann, yne besondere Vorsicht walten zu lassen und indem er leiii Pferd in leidlich schneller Gangart erhält. Diese Wälder haben das Aussehen von endlosen Kreisen, und "leses ist es, was es für jeden anderen als einen Eingeborenen fast unmöglich macht, seinen Weg ohne Kompaß oder andere Hülfsmittel und bestimmte Zeichen darin finden. Die Gleichförmigkeit der Bäume, die regelmäßige Entfernung zwischen denselben, das Fehlen aller Angaben, die helfen könnten, machen den „Busch" viel verwirrender, als es der dichteste deutsche Wald ist.
. «erläßt man aber den eigentlichen „Busch" nnd betritt einen der Wälder, die aus Baumsarren und nmndcr- l^onen Arten von Eucalypti und Acaciae bestehen, dann wird daö Unterholz immer stärker und in manchen kann sich nur mit der Axt seinen Weg bahnen. Wunder- 7 ?uer Duft, den die verschiedensten Blüten ausströmen, Mgt dem Besucher dieser Wildnis entgegen, alle mög- "ch«n Vögel lassen sich hören, dazwischen aber auch der ^.arm der Papageien nnd Bartmeisen. Manchmal tritt eine Minute plötzlich Stille ein, worauf das Schreien Kakadus, das Jubilieren der mit melodischeren Kimmen begabten Vögel wieder beginnt, die, wie in Rotzer Eile hin- nnd herflicgen, gleich winzigen, roten grünen Meteoren. Magnolien und Orchideen in den
prächtigsten Farben sind zu sehen, verschiedene Arten von Jelängerjelieber, Kletterpflanzen und feine Gräser und viele Pflanzen und Sträucher, die wohl nur der Botaniker näher zu bezeichnen weiß. Und darüber wehen in undnrchwirrbarer Menge die Zweige der wundervollsten Farren.
Mit dem Höhersteigen des Tagcsgestirns wird es strller und stiller im Walde. Die lauten Bewohner desselben scheinen ihn zu vcrlasseu, bald liegt vollkommene Ruhe über ihm. Plötzlich vernimmt man einen Ton. der wie das ferne Läuten einer Kirchenglocke klingt, jetzt noch einmal, nun wieder. Es ist der Glockenvogel, der sich noch einmal hören läßt, dann wird es völlig still. Die Mittagsglut hält alles in ihrem Bann, die Bewohner des Waldes und besten zufällige Besucher, Reiter und Pferde ruhen ebenfalls aus. Morgens und abends ist der australische Wald lebendig, um Mittag schläft er, man kann sich keinen größeren Kontrast denken, als er dann bietet. Des Morgens scheinen selbst dtc Blumen voll Leben, Myriaden derselben, größer und glänzender, als sie unter deutschem Himmel gedeihen, erfüllen die Luft mit den süßesten Gerüchen, der Wind bewegt die Zweige der riesigen Farren, die Elster läßt sich in musikalischen Tönen vernehmen, grüne und gelbe Eidechsen liegen aus alten Baumstämmen, um mit scharfen Augen nach Raub zu spähen, Vögel, groß und klein, fliegen schreiend hin und her, die große Hitze läßt aber alles verstummen und nichts ist zu hören, als das Zirpen der Heuschrecken nnd der schrille Ton eines nicht sichtbaren Insekts. Wenn das Zwielicht hereinbricht, dann beginnt es sich im Walde wieder zu regen, wenn es auch nicht so lebhaft wird wie des Morgens.
Der Wald wird, je weiter man schreitet, desto schöner Eni vollständiges Farrenparadtes tut sich auf, nichts als hohe F-arrenbäume oben und zahllose eigentliche fsarren in allen Größen unten. Die Magnolien, vorher noch in ganzen Büschen ihren Duft aushancheud, sind verschwun-
sondern von einem gekehrten Proletariat reden. In einer französischen Zeitschrift schilderte vor einiger Zeit Henn Bäreuger das gelehrte Proletariat Frankreichs. Die französischen Friedensrichter, die fast alle Doktoren der Rechte sind, haben ein Einkommen von 1800—3000 Frank jährlich und da sie meistens kein Vermögen besitzen, so müssen sie von diesem Einkommen leben. Die akademisch ZEeten Lehrer erhalten in den Kollegien 2000 bis 3000 Frank, in den Lyceen 3500—5000 Frank; auch sie sind merstens ohne Vermögen. Die 3000 Hülfslehrer der Kollegien und Lyceen bringen es nicht über 3000 Frank. Von den 180 000 Lehrern und Lehrerinnen der französischen Volksschulen beziehe 100 000 ein so geringes Gehalt, daß sie stets in bedrängter Lage sind, aber trotzdem sollen in Paris 15 000 Lehrkräfte auf die 150 stellen warten, die jährlich frei werden; welches Prole- tarmt! Alle städtischen Verwaltungen, Jndustriegesell- schasten und Eiseiübahiien sind von einem Heer auf Tech- mschen Hochschulen gebildeter junger Leute umlagert, die sich in heißem Bemühen um Stellen bewerben, die ein Gehalt von 1500—4000 Frank jährlich abwerfm. Die Technischen Hochschulen Frankreichs entlassen jährlich o00 bis 900 geprüfte Ingenieure, von denen nur der "JbA Anstellung findet; oft auch nur mit einem Gehalt, das ein Werkführer ober erster Arbeiter zurück- weisen wurde.
Bärenger sieht in der Überzahl der Höhergebildeten für rfraukveich eine soziale Gefahr. Er erklärt die Über- fullung der gelehrten Berufe jedoch einseitig hauptsäch- uch„aus den Vortellen, die mit dem Bestehen gewisser Prüfungen bei der Ei-füllung der Militärpflicht ver- knüpft sind. Sicher ist das ein erheblicher Grund und auch in Deutschland macht man bekanntlich dem Berech- twüngsscheln zum Einjährigendienst den Vorwurf/ die Ubersullung der höheren Lehranstalten sehr wesenllich zu veffchulden Mehtl trägt nach unserer Überzeugung jedoch der falsche Bildungsbegriff, die verkehrte Auffassung! von dem Wert der Arbeit oder, wie sich Professor Kämmerer ausdruckte, die in manchen bemittelten Kreisen vorhandene Verachtung körperlicher Arbeit dazu bei.
>;U Deutschland ist das gelehrte Proletariat kaum ae- nnger wie m Frankreich; leider fehlt uns eine ausreichende Statistik., An deutschen Universitäten sind in diesem, Sommer nicht weniger als 37 813 Studierende Mid Hörer eingeschrieben, etwa 1000 mehr als im letzten Wintersemester.,, Die wert überwiegende Mehrzahl dieser akademischen Burger treibt natürlich ein sogenanntes Brotstudium, das heißt sie studiert nicht zum Vergnügen, sondern um, so bald als möglich durch die erworbenen Kenntnisse einen „standesgemäßen" Unterhalt zu finden Aber wie sieht der auch m Deutschland oft aus! Man redet zwar viel von der Not des Handwerks, aber es ist trotzdem eine Tatsache, daß, heute in Deutschland ein Handwerksmeister mit leidlich gutem Geschäft wirtschaft- Ä ?°nz, erheblich günstiger gestellt ist als viele Ssiidierte Es 'st bitter muß aber gesagt werden, daß selbst zahll reiche Hotelhaustnechte und Oberkellner mit vielen be- titelte,i Akademikern materiell nicht tauschen würden.
*L e ”' hber Orchideen in Mengen und von wunderbarer Schönheit vorhanden. Gummibäume wechseln nun mit den Farren ab und dann auch wohl eine Lichtung, durch die man auf eine Art Plateau gelangt, von dem man oft die wunderbarste Aussicht hat. Weit, weit kann man ^ter dem Plateau sieht man häufig Schluchten, dicht mit narren von riesigen Dimensionen bestanden, erhebt man den Blick, dann fällt er auf Berge, die cbcn- » lmt Bäumen bewachsen -sind. So klar iit die
t* 1 '*'. &a |, man selbst sehr ferne Hügel ganz deutlich er- kcnnt. Wenn der -rag sich neigt, beginnt das magische Blau das so viele Bergdistriktc Australiens überzieht, sich herabzusenken, und fällt gleich einem durchsichtigen Schleier über Berge, Höhen und Abhänge.
Hinter dem Plateau zieht dann oft wieder ein Wald sich meilenweit dahin, bald gleich dem „Busch" eintönig und regelmäßig, bald von romantischster Wildheit und großartigster Schönheit. Doch ist nur ein Teil Australiens, die Norökttste bis zum 20. Grad südlicher Breite und der zum Gebiet des Stillen Ozeans gehörende Küstenstrich von Queensland und Neusüöwales durch Tropenwälder ausgezeichnet, mit ihren kletternden Lianen, Baumorchidcen, Palmen, die anderen zeigen lichte Wälder mit hängender oder auf hoher Kante aufrecht stehender Belaubung oder dichte, aus einer Masse kleiner Gesträuche gebildete Gebüsche.
Die Buschklepper - nicht zu verivechseln mit den Buschmännern, jenem in Südafrika lebenden Volke — die sich den „Busch", den Wald, wohl meist zum Aufenthalt gewählt haben, weil er ihnen in seinem schwer zu erforschenden Innern leicht einen Schlupfwinkel bot mcht, ivcil sie sich an der schönen Natur erfreute» sind wohl nun auch ans Australien meist verschwunden und ein Ritt oder eine Wanderung in den Tropenwald bietet letzt leine anderen Gefahren als die, daß man sich leicht darin verlieren kann, wenn man nicht mit ihm vertraut iö vdcr sich unter ortskundiger Führung befindet
