Der Roman
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o Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblalis. l» ;
Nr. 208.
Dienstag, 7. September.
1915.
(9. Fortsetzung.»
Srlc6el$ Liebe.
Roman von Anny
<Siachdruck verbot«.»
Mit einenr unterdrückten Seufzer kehrte der Leutnant um uird nahm der Mutter gegenüber wieder Platz.
..Mein lieber Junge", fing die Gräfin an. „Du weißt wohl, worüber ich nnt dir reden will, deshalb wolltest du mir wie gewöhnlich ausweichen."
„Aber, Mutter, ich bitte dich", glaubte Hans em- Wersen zu müssen. _
„Laß, laß", wehrte die Gräfin. „Ich begreife dich ja auch ganz gut, ich verstehe, daß es dir schwer wird, deine geliebte Uniform an den Nagel zu hängen, um ein Landwirt zu werden. Aber sieh, Hans", •— sie griff nach der Hand des Sohnes — „Inspektor Lüder ist ja ein prächtiger Mensch, aber er sagt selbst, es wäre das Beste, wenn du deinen Abschied nimmst und dich unrer seiner Leitung in die Geschäfte der Bewirtschaftung enrarbeitesl. Ich habe neulich lange mit ihm darüber gesprochen."
„Aber beste Mutter, auf ein paar Jahre wird es doch dabei nicht ankommen. Ich bin noch jung, und unser Bnckenbach liegt in gutem Händen."
„Gewiß, Hans, aber dieselbe Antwort erhalte ich schon seit drei Jahren von dir. Seit der Vater starb. Du weißt, er wünschte in seinem Testament, du solltest die Oberleitung des Gutes übernehmen."
Eindringlich sprach die Gräfin den letztem Satz.
„Ich will ja auch des Vaters Wunsch achten, Mutter, nur gib noch eine kurze Frist, mich ernstlich mit dem Gedanken zu befreunden, meinem geliebten Regiment Valet zu sagen. Es ist eine verdammt schwere Sache, die an die Nieren geht, das kannst du mir glauben."
„Mein lieber Junge", in den Augen der Frau schimmerte es feucht.
„Ach, Herzensmutter, mir nicht sentimental werden. So schlimm ist die Geschichte doch nicht. Ich verspreche dir über das, was du mir gesagt, reiflich nachzudenken und dir recht bald endgültig mitzuteilen. ttxxmt der Artillerist von der Kanonen herunterspringt und ein Krautjunker wird."
„Ich danke dir, Hans, so habe ich doch wenigstens heute etwas bei Dir erreicht."
Sie war froh über sein Zugeständnis und lächelte still vor sich hin, indem sie sich, imchdem ihr Sohn gegangen, in den Garten begab, dort ein wenig nach dem Rechten zu sehen.
Langsamen Fußes schritt sie durch die geharkten Wege, die sich zwischen prächtigen Blumenbeeten hin- schlängelten, und ihre Augen hielten Umschau, ob auch
£ S in Ordnung sei. Kein welkes Blatt, keine welke te entging ihrer Aufmerksamkeit. Aus einer Bank ielt sie kurze Rast. Vor ihr lag das Schloß, um das erum sich in ziemlich weitem Abstand die Wirtschaftsgebäude und Ställe gruppierten.
Das Schloß bestand aus einenr schmucklosen Mittelbau. der aus dem Jahre Achtzehnhundert stammte, die mDen Seitenflügel gehörten einer neueren Zeit an. Mittelbau hatte schon den kleinen Korsen, den
v»n PanhuyS.
Welteroberer, mit seinem Stäbe vorüberreiten sehen« Mehrere frarrzösische Offiziere übernachteten in seinen Mauern. Ein erzwungenes Nachtquartier, das der damalige Bnckenbach zähneknirschend duldete.
Feine glatte Herrchen sollten es gewesen sein,^ die französischen Offiziere, und einer von ihnen lag drüben aus dem kleinen Dorfkirchhof begraben. Unter einem niedergetretenen, schon fast der Erde gleich gewordenen Hügel ruhten die Gebeine des Franzosen. Eine Kugel aus dem Hinterhalt traf ihn, da er gerade mit fernen Kameraden vonr Hofe reiten wollte. Er >war auf der Stelle tot. Den Täter fand inan nicht, er wäre sofort erschossen worden«
Mit haßverzerrten Mienen zogen die Offiziere an der Spitze ihrer Trupps weiter, und die Schloßbewohner waren froh, daß die Kugel, die den Feind getroffen, nicht hundertfältig auf sie zurückprallte, waren froh, daß die Mauern Buckenbachs unversehrt blieben. Und in dankbarer Aufwallung begrub man den jungen Offizier mit kirchlichen Ehren. Nur einer nahm nicht daran teil, das war der fünfzehnjährige Sohp des Schloßherrn. Auf ihn hatte niemand geachtet, da man den Täter suchte. Viele Jahre später erst flüsterten sich die Bauern des Dörfchens Buckenbach zu, daß es der junge Graf gewesen, der den Franzosen erschoß. Vaterlandsliebe und fanatischer Haß gegen den Feind drück- ten dem hübschen Jungen das Gewehr in die Hand.
Droben im Bibliothekzinmier hing sein Bild, es zeigte eine frappante Ähnlichkeit mit Hans und die Gräfin liebte deshalb das Bild. Als Hans noch ein Kadettchen war und in den Ferien heimkehrte, könnt« man meinen, er hätte dem Maler Modell gesessen, ss überraschend wirkte in dem Alter die Ähnlichkeit mit dem kleinen Porträt. Und Hans stand stolz in seiner Kadettenuniform vor dem hübschen energischen Knaben« gesicht und nickte ihm grüßend zu: „Hast recht und tapfer gehandelt, Kamerad", murmelte er anerkennend, und bei sich dachte er, daß er allerdings keinen der Franzoien lebendig vom Hofe gelassen.
Frau Sofie Buckenbach erinnerte sich oft der Zeit, da .Hans noch Kadett gewesen. Damals Lachte noch niemand daran, in chm Len zukünftigen Gutsherrn zu sehen. Er wollte so gern Offizier werden und er durste eS, hatte er doch noch einen älteren Bruder. Der wurde zum Landwirt erzogen und eignete sich vorzüglich dazu. Er starb am Typhus. Hans feierte gerade seinen Eintritt in die Armee. da rief ihn eine Depesche an das Totenbett des Bruders.
Einige.Jahre durste er noch dom geliebten Offiziers« stände angehören, dann mußte er den Bssitz des großen Gutes übernehmen.
Immer wieder verlängerte die Gräfin die Frist. Wie hatte sie sich daraus gefreut, die hübsche Nichte hier als Gutsherrin ihren Einzug feiern zu scheu, die Verlobung ihres Sohnes mst Friede! Sorhagen beglückte sw unendlich. Doch als ihre schönen Hoffnungen 6et* flogen, machte sie chrem Jungen dennoch keinen Dok*
