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Ml». 388. «erlagS^ernfprecher R». SSL».
Freitag» den 21. August.
Rebaktio«»H«rnsprc»er No. SS.
1908.
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Die Kanalfrage.
L. Berlin, 20. August.
Daß Herr v. Miguel ein sehr kluger Mann war, darüber sind Freund und Feind sich immer schon einig gewesen. Aber er muß noch viel klüger gewesen sein, als die Welt bis dahin geglaubt hat. Wirklich hat er es fertig gebracht, Leute, die sich Wunders wie in seine Ansichten und Absichten eingeweiht glaubten, so gründlich zu täuschen, daß diese Naiven auch heute noch in der Täuschung stecken bleiben. Freilich kann man fragen, ob es -eine gar so große Kunst war, etwa den Abg. Arendt in einen Glauben zu versetzen, von dem Herr .5: Miguel wünschte, daß er ihn haben möge. Indessen wird Herr Arendt nicht der einzige gewesen sein und noch sein, der von der Kanalfreundschaft des Herrn v. Miguel fest überzeugt war und ist. Ter verstorbene Vizepräsident des Staatsministeriums hat wohl noch ganz andere Leute zu Jrrtümern in dieser Beziehung bringen können. Wenn man die Geschichtchen liest, die der Abg. Arendt in einem hiesigen unpolitischen Blatte über Miguel und die Kanalfrage zum besten gibt, so hat man gelegentlich das Gefühl, daß Welt und Menschen auf dem Kopfe stehen. Es wird so dargestellt, als sei Herr v. Miguel ein überzeugter Freund der Kanalvorlage gewesen, als sei er der einzige gewesen, der den Mittellandkanal allenfalls hätte durchsetzen können. Es wird dem klugen Herrn aus dem Kastanienwäldchen die „Lieblingsidee" angedichtet, daß die Staatseisenbcchnen, auf deren Überschüssen die preußischen Finanzen ruhen, an der Grenze chrer Ertragsfähigkeit angelangt seien, und daß deshalb der Mittellandkanal im Interesse der Eisenbahnen und der Finanzen ebenso notwendig sei wie im Interesse der Volkswirtschaft. Wenn Miguel solche Ansichten „nach 9 Uhr abends" (zu welcher Zelt er mit Herrn Arendt zu Plaudern liebte) wirklich entwickelt hat, so haben die Kundigen schwerwiegende Gründe zu der Annahme, daß er den größten Teil des Tages hindurch jedenfalls vor 9 Uhr abends anders über diese Dinge zu denken Pflegte.
Herr v. Miguel hatte noch aus seiner Oberbürgermeisterzeit in Osnabrück und- in Frankfurt am Main ein unbe- siegliches Mißtrauen gegen die Voranschläge der Baumeister ; er wußte, daß die Voranschläge meistens dazu oa seien, nicht innegehalten zu werden, und wenn er schon den Landbaumeistern argwöhnische Gefühle ent- gegenbrachte, so war er vollends skeptisch gegenüber dm Wasserbaumeistern. Die Forderung von 400 Millionm für die Kanalpläne schim ihm tatsächlich gleichbedeutend mit der Forderung von mindestens der doppeltm Summe, und darum war er ein Gegner der Kanalvorlage, die ihm für die preußischen Finanzm verhängnisvoll zu sein schim, während Herr Arendt die liebenswürdige Meinung hat, daß dm verstorbene Minister sie im Jntmesse der Finanzm befürwortet habe. Freiherr v. Zedlitz wird es denn wohl auch anders wissm als der kleine Herr Armdt. Wenn ein Feldzugsplan ausgeführt wird, pflegen die unterm Truppmführer nicht eingeweiht zu werdm, aber der Gmeralstabschef der Organisation der Antikanalkampagne (und das war Herr v. Zedlitz) mußte allerdings Bescheid wissen . und mit ihm noch mancher konservative Führer. Man darf wiederholen: Die Kon- servativm sind in ihre Kanalseindschaft hineingetrieben, ohne eigmtlich zu wissm, warum und wie. Wäre die Vorlage früher nicht dagewesen, würde sie jetzt zum ersten Male eingebracht werden, wer weiß, ob die Konservativen sie alsdann nicht freudig begrüßten! Die rätselhaften Wrderspruche ihrer Haltung zeigen sich sofort, wenn man fragt, warum sie zwar den Mittellandkanal verwerfen, den Berlin-Stettiner Schiffahrtskanal aber wollen; denn diesm wollm sie wirklich. Haben die Bedenken, daß die neum Kanäle „Einbruchswege" für ausländischesGetreide seien, überhaupt einen Sinn, so treffen sie allenfalls für dm Großschiffahrtsweg von Bmlin nach Stettin zu. Trotzdem sind die Konservativen, wie gesagt, diesem Teilstück der Vorlage günsüg gestimmt. Es wäre die lohnmde Aufgabe einer klugen Regierung, den Konservativen die Rückkehr zur gesunden Vernunft zu erleichtern. Wie die heutige Regierung das anstellen will, weiß man noch immer nicht. Sollte es wahr sein, daß zunächst nur eine kleinere „wasserwirtschaftliche Vorlage" für den Osten eingebracht werdm soll, dann würde die Regierung allerdings die Waffen gestreckt haben, und alles weitere Erwägen der Möglichkeiten, wie der Mittellandkanal durchgesetzt werden könnte, wäre überflüssig.
Deutsches Deich.
Der preußische Wohnnngsgcsetzentwurf, der vor kurzem veröffentlicht wurde, hat inzwischen den Regierungspräsidenten zur Begutachtung Vorgelegen Nach den bisherigen Äußerungen zu dem Entwurf dürften von seinen vier Hauptgebieten die Bestimmungen über den Bebauungsplan, den Kleinwvhnungsplan und die
ii. tarn
Hygiene auf keine Schwierigkeiten stoßen. Bedenken haben dagegen die Polizeiverordnungsbestimmungen erregt, da sie der Baupolizei sehr weitreichende Befugnisse übertragen. Dieser Punkt dürfte daher auch tm Landtage eine gewisse Beschränkung erfahren. Dem im Entwurf vorgesehenen Wohnungsamt für Städte mit mehr als 10 000 Einwohnern sollen folgende Aufgaben übertragen werden: Feststellung des Standes auf dem Wohnungsmarkt durch fortlaufende Erhebungen. Einführung einer regelmäßigen Wohnungsinspektion behufs Überwachung der hygienischen Verhältnisse. Einführung eines öffentlichen Wohnungsnachweises mit Wohnungsmeldepflicht. Die Wohnungsstatistik soll unter anderem eine Übersicht über die Bewegung des Woynungsmarktes, Durchschnittspreise jeder Wohnungskategorie, Lage der Wohnungen nach Stadtteilen, Zahl der leerstehende» Wohnungen nach Zeitdauer usw. geben.
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* Hof- und Perfonal-Nachrirljten. Der Großherzog von Hessen hat den Senior-Chef des Erbach-Schön- b e r g s ch c n Hauses, den Grafen Gustav, der dieser Tage den 4lljührigen Besitz der Standesherrschaft feierte, in den erbliche« Fürstcnstand erhoben. Graf Gustav ist Chef des Gesamthauses und vollendete vorgestern sein 63. Lebensjahr. Besonders bemerkenswert ist, daß die Erbach-Lchönbcrger die jüngste Linie des- Gesamthauses ist. Die mittlere Linie ist Erbach, die ältere Linie Erbach-Fürstenau.
Der Chef des Generalstabes des Garde-Korps, Generalmajor Sixt v. Arnim, ist zum Direktor des allgemeinen ' KriegS- Dcpartements und der Kommandeur der 5. Garde-Infanterie» Brigade, Generalmajor v. S ch i ck f u s und N e u d o r f f zum Chef des Generalstabes des Garde-Korps ernannt worden.
In Ostors bei Schwerin starb nach langem Leiden General- leutnant z. D. August v. H o I st e i n , welcher seiner Zeit Führer der 84. Jnfanteriebrigade war.
* Berlin, 20. August. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Freiherr von R i ch t h o f e n, der sich auf Urlaub befindet, wurde vom Großherzog von Baden, als dieser erfuhr, daß 5er Staatssekretär in der Nähe weile, zu einem Besuch eingeladen. Bei dieser Gelegenheit unterhielt sich der Freiherr von Richthofen mit dem Großyerzog über den gegenwärtigen Stand der auswärtigen Politik. Das Gerücht, wonach auch die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes zur Sprache gekommen sein soll, klingt der „Natronal-Zeituug" indes! sehr unwahrscheinlich. Für den Großherzog von Baden habe sicherlich kein Anlaß zur Erörterung des Themas Vorgelegen und noch weniger habe der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Grund gehabt, diese Angelegenheit zu berühren.
Die Angaben französischer Blstter, der Kaiser habe von den Organisatoren des militärischen Rittes Paris- Rouen-Deauville die Pläne und Bestimmungen dieser Veranstaltung erbeten, um auf ähnlicher Grundlage auch durch deutsche Offiziere demnächst einen derartigen Ubungsritt ausführen zu lassen, sind, wie die „Post" hört, durchaus unbegründet.
Der amerikanische Gesandte in Caraeas und Bevollmächtigte Venezuelas bei den Verhandlungen mit den Mächten, Bowen, weilt zur Zeit in Berlin auf dem
KnterwWHr Grund.
Roman von Anton Freiherrn von Persall.
(24. Fortsetzung.)
Das feurige Getränk war ihr zu Kopf gestiegen, der Mas flüsterte unausgesetzt in ihr Ohr, ihr Gesicht stammte, da erinnerte sie Mukl an die Mutter, sie sei so trank, er habe ihr versprechen müssen, sie bald nach Hause Zu bringen. Von allen Seiten nötigte man sie, zu "toben, der Graf machte eine spöttische Bemerkung über tot Mahner, der ganzen Gesellschaft war der langweilige, Nüchterne Bursche zuwider, der die Lustbarkeit störte.
Nonei konnte sich nicht losreißen, auch sie schämte sich ^oc dem Grafen, so abhängig von diesem gewöhnlichen Menschen zu sein; war die Mutter gesund, mußte sie ja "unter nach der Vorstellung nach Hause, sie wich keine Minute von ihr, nur unter der Bedingung ging sie ja «uf das ganze Unternehmen ein; gerade heute war eine Gelegenheit, sich gehen zu lassen, und nie war sie besser "üzu aufgelegt.
Sie blieb. Es ging schon gegen zwei Uhr, die Unter« Attung wurde immer freier. Da öffnete sich auf einmal 2* Glastüre. Wer mochte noch so spät kommen? Eine kleine Frau, in einem altmodischen Shawl gehüllt, trat ichuchtern ein, geblendet von der Lichtfülle.
^..Sie trat müde näher, den Tisch abspähend; die Männer zogen die Börse, eine Obdachlose — sie sah zwar Mt so ärmlich aus, aber zu dieser Stunde — man befand i 1 «} in großmütiger Stimmung.
Ambros und Nonei achteten anfangs nicht darauf,
sie sich jetzt umwcrüdten, fuhren sie jäh zusammen. "Die Mutter!" Nur ein Gedanke durchzuckte sie beide Und machte sie erröten. — Die Mutter in diesem lächcr- "chen Aufzuge! Ambros schämte sich vor seinen Geissen, Nonei glaubte, sie müsse in die Erde sinken vor Mr Grasen, der, etwas angeheitert, ahnungslos die alte siwu durch sein Monocle fixierte. Verbergen konnte man M nicht mehr — schon hatte sie ihre Kinder erkannt.
■ «Nonei, wir kannst du mich in solcher Todesangst
I lassen? Ich hab's net mehr ausg'halten im Bett — o, du undankbares Kind!"
Sie drohte zu fallen, Ambros setzte sie auf einen Stuhl. „Du undankbares Kind!" stammelte sie ermüdet, ihr Blick irrte über die Versammlung, sie wurde sich plötzlich des Peinlichen ihrer Lage bewußt, sie blickte verlegen auf ihre nachlässige Kleidung, faltete mit zitternden Händen den Shawl über die Brust. „Entschuldigen 's, meine Herren, aber mein Kind — ich kann mein Kind net so herumschwärmen lassen die Nacht durch — 's ist ein gut's Bauernkind, meine Herren."
Ihre Stimme klang kummervoll, Tränen rannen die gefurchten Wangen herab.
„Nonet, tu mir das net an! Tn weißt ja, was ich für dich g'opfert Hab'."
Sie hielt die Hand vor die Augen und schluchzte laut. — Die Scherze, die Liber dieses interessante Intermezzo tose von Mund zu Mund gingen, verstummten vor diesem Anblick, man sah mit Neugierde der Entwickelung entgegen und ergötzte sich im stillen an der Verlegenheit des Hmtermoosers, der, im ersten Augenblick vom Wein erhrtzt, erbost über den Skandal, wie er sich ausdrückte cm Verein mit Perlmann mit heftigen Worten auf die Mutter eindrang.
,, ^sonei vergaß dann doch über die Augst um die tränke Mutter, die m dieser eisigen Winternacht hierher kam, um sich am Ende den Tod zu holen, ihr falsches Schamgefühl; es war ein sonderbarer Anblick, wie sie in der theatralisch überladenen blitzenden Bauerntracht mit vom Champagner erhitzten Wangen über die alte, Uostotidc Mutter sich beugte, der selbst diese derartigen Gefuhlserregungen gerade nicht sehr zugänglichen Leute packto Ter Graf riet ihr zu einem Glase Kognak.
Mull stürmte fort, um einen Wagen für die Mutter iind Nonei, obwohl ihn die Beine kaum trugen vor namenlosem Entsetzen über das tolle Wagestück der üerlicf; 1 ’ ^ ^Eber, als er sie heute nachmittag
2 tot sprach der alten Frau Mut zu, nötigte ihr e Gla» weit auf zur Stärkung, das sie mit einer B
wegung des Ekels zurückwies. Ein Weinkrampf hatte sie befallen, und an ihrer Tochter sich festhaltend, sah sie mit scheuem, ängstlichem Blick im Kreise.umher, auf dm Tisch mit den. Spuren der nächtlichen Orgie. Tie wemerhitzte^ hocherregte Stimmung rief jetzt in Nonei alle guten Gefühle wach, die in ihr noch schlummerten, und sie gab sich ihnen schrankenlos hin. Sie warf sich weinmd an die Brust der Mutter, küßte sie, schwur, sie wollte nie mehr von ihr weichen; zum erstenmal nach langer Zeit stieg es in ihr auf wie ein Gebet inmitten des Champagner- und Zigarrendunstes.
. «Gott, du wirst mich doch nicht so strafen und durch meine Schuld sie sterben lassen!" Sie dachte nicht mehr an ihre Umgebung, welche diese ganze Szene als einen raffinierten Theaterkoup aufsaßte und darüber bereits wieder Witze machte; sie stieß Ambros rauh zurück, der, verzweifelt über die öffentliche Blamage, sie von der Mutter zu entfernen suchte.
Perlmann wagte es nicht mehr, sich einzumischen, er fürchtete die Heftigkeit seiner Primadonna, und lief verzweifelt im Lokal herum. - Nach solch einem Erfolg solch ein öffentlicher Skandal — wenn es in die Presse kommt, war das ganze Geschäft beim Teufel in der Stadt; alle s wird Partei für die unglücklicheMutter nehmen, der er ihr Kind geraubt!
Endlich kam Mukl mit t>em Wagen, bei seinem An- blrck beruhigte sich Agl, sie streckte hülfesuchend die Arme nach ihm aus; er aber vergaß über das in Tränen auf- gelöste, um seine Mutter bemühte Mädchen fast zuzu- greifen — ein erstaunter, seliger Zug breitete sich über fern Antlitz.
^ uuujiitmui mir, rtcr cmocren Renten, dann fehlt sich nix", sagte er leise.
Sie nickte ihm zu und drückte seine Hand; er mutzte an die Szene im Moor denken, wo er sie nmschluugen hielt das war dasselbe selige Gefühl, das ihn damals durchschauert, wie letzt. Von ihm und Nouei unterstützt wankte Agl dem Ausgang zu. Ambros blieb zurück bei seinen Kameraden. Sie stieg mit der Tochter ein, Mukj schwang sich auf den Bock.
