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Beilage zum Wiesbadener Taaklatt.

N». 385. Morgen-Ausgabe.

Donnerstag den 20. August.

51. Jahrgang. 1903.

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Die Sinnlichkeit übereilt oft dos Wachstum der Liebe, sodaß die Wurzel schwach bleibt und leicht aiiszureiiien ist.

Friedrich Nietzsche.

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(21. Fortsetzung.)

Freiheit!

Roman von Walter Schmidt-Häßler.

„Gewiß, dürfen Sie das. Sie müssen es sogar wissen, damit Sie sich nicht in Haß und bitterer Enttäuschung von einem Mädchen abwenden, das unglücklicher ist- als Sie! Nichts auf der Welt liegt mir ferner, als Sie kränken zu wollen, der mir in dieser Stunde näher ge­kommen und teurer geworden ist, als sonst jemals ein Mensch. Was Sie mir gesagt haben, wird noch in ferner: Jahren wie heller Sonnenschein über mein Leben leuch­ten, und niemals werde ich diese Stunde vergessen. Aber, sehen Sie, was Sie in diesem Augenblicke empfinden an brtterer Enttäuschung, das habe ich vor Ihnen viel, viel schmerzlicher erfahren müssen. Sie sind ein Mann, dem das gütige Schicksal verschwenderisch alles gegeben har, um glücklich zu sein und unendlich gliicklich zu machen, und werl Sie ein Mann sind, so wird Ihr Herz sich von emer ersten fehlgeschlagenen Hoffnung wieder erholen, schneller vrellercht, als Sie heute für möglich halten. Wenn em solcher Sturm aber über ein Frauenherz dahinbraust, dann zerstört er alles, was drinnen grürü und blüht und jju Hoffnungen berechtigt, schonungslos für alle Zeitei: Das :st aber der traurige Unterschied und deshalb allein — müssen wir Abschied nehmen von einander, denn ich bin zu ehrlich, um Ihnen für eine Welt von Liebe ein Verödetes Herz zum Tausch zu bieten!"

. "So — lieben Sie einen Andern?" fragte Egon tonlos, und seine Augen bekamen etwas Geisterhaftes als er ihr erwarümgsvoll ins Gesicht starrte mit dem Ausdruck namenlosen Erschreckens.

„Ja!" hauchte Ella kaum hörbar, indem sie die Hände don semen Schultern löste und tief das Haupt auf die Brust sinken ließ.

„Und dieser Andere", fragte Egon weiter, „liebt er Sie wieder? L:ebt er Sie so, wie der Mann Sie lieben muß, der wert sein will. Sie zu erringen?"

Ella schüttelte schmerzlich den Kopf. „Er hat mich vergessen, hat mich aufgegeben, in der schwersten Stunde memes Lebens. Aber ich liebe ihn mit allen Schmerzen, Ml allem Lerd ernes vereinsamten Herzens und deshalb, Ichen Sw, bin ich unglücklicher, elender als Sie. Ihnen gehört d:e Welt, Ih nen bleibt, wenn der-erste Schmerz über eme fehlgeschlagene Jugendhoffnung vernarbt ist, me Wahl unter allem, was schön und gut ist, denn nur toer&en Sie wählen, mir hingegen bleibt nichts — Ms das Leid der Entsagung und die Qual der Erinne- mmg Mein Herz hat das Recht verloren zu lieben, nur ^^kann ich empfinden und dieses eine wage ich Ihnen ms Abschredsgeschenk zu bieten, meine ganze, innige Freundschaft!"

,.. Damit streckte sie ihm die Hand hin und sah ihn mit tränenfeuchten Augen voll ins Gesicht. Egon atmete Ichwer aus.

Mit einem langen seltsamen Blicke sah er auf die dar­gebotene Hand.

Dann ergriff er sie langsam mit beiden Händen und zog sie an seine Brust, wo er sie fest hielt, daß sie die Schläge seines pochenden Herzens fühlte. Dann sagte er: „Lassen wir's also so, wie es ist, Ella! Mt dem Schicksal zu streiten, hat keinen Zweck, denn es ist stärker, als wir armselige Menschen. Ich nehme, was Sie mir bieten. A,;ch nehme es dankbar an, denn lieber ein Almosen, als gar nichts. — Sie sehen, ich habe all mein bißchen Stolz verloren und werde vor Ihnen zum Bettler. Diese Freundschaft gibt mir immerhin ein gewisses Recht auf Sie! Sie zeigt mir, daß Sie mich schätzen, und das ist besser, als wenn Sie sich im Zorne von mir wendeten. Tuese Stunde hat mich zum Mann gereift, und ein neues Leben beginnt für mich. Was ich gehofft habe, wonach ich mich gesehnt, das begrabe ich nicht, wie Sie vielleicht jetzt erwarten. Nein, wahrhaftig nicht! Ihr Herz blutet unter einer frischen Wunde, die ein anderer ihm schlug. Hätte ich das geahnt, so hätte ich heute nicht gesprochen, sondern ruhig gewartet! Denn so jung ich auch bin, auch ich verstehe mich ein wenig aus die Geheimnisse der Menschenseele, glauben Sie mir. Auch Ihr Herz wird heilen, und wenn aus dem Grabe der Vergangenheit Veil­chen blühen, dann werde ich wieder vor die „Freundin" hsutreten! Ich bin ja noch jung! — Ich kann warten! Em Gluck wie das. Sie zu besitzen — muß man sich ver­dienen, und noch habe ich ja nichts getan, um Ihrer wert zu sein. Versprechen Sie mir eins, Ella! Das Letzte!"

„Alles — und gern!" erwiderte sie, indem sie sich ver­geblich bemühte, ihrer Rührung Herr zu werden.

„Wenn die Erinnerungen an Vergangenes in Ihnen müder werden und allmählich verblassen, und wenn Ihr Herz sich eines Tages nach einem andern Herzen sehnt, das reich und voll zu lieben versteht — versprechen Sie mir, daß Sie dann — nach mir rufen!"

„Ich verspreche es Ihnen!"

„Ihr Wort?"

„Mein Wort!"

„Leben Sie wohl!"

_ Sie fühlte den Druck seiner Hand, hörte wie im Traum se:nen Schntt dumpf über die Teppiche hallen — hörte das Offnen und Schließen einer Tür. Dann war alles ruh:g, ruhig wie im Grab! Vielleicht war soeben das Glück von ihr gegangen für immer!

Wer konnte es wissen?

Nachdem sie noch lange so gestanden, mit dem Rücken an den hochlehnigen Eichenstuhl gelehnt, ohne irgend etwas Bestimmtes zu denken, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können, durchschritt sie langsamen Ganges die Zimmer und stteg d:e Treppen hinauf :n ihr kleines Domizil. Dort öffnete sie ihren Schreibtisch, nahm mechanisch all ihre Pap:ere und Manuskripte heraus, band alles zusammen und ordnete ihre Effekten.

Dann saß sie regungslos und wartete, bis sie unten den Wagen der Gräfin Vorfahren hörte. Denn nun kam das Schwerste für sie.

Hochatmend stand sie auf, preßte einen Augenblick be:de Hände auf das klopfende Herz und stieg dann lang­sam, Schritt für Schritt, hinunter ins Parterre.

Wohl zwei Mnuten brauchte sie zu dem Entschluß, an der Tur der Hausfrau zu klopfen, und das freundliche

„Herein" schnitt ihr wie ein Messer ins Herz! Aber sie mußte vorwärts — vorwärts zur Freiheit. Sie mußte wahr sein und offen, wie immer! Und wenn chr Herz darüber brach!

Was die beiden Frauen mit einander gesprochen, er­fuhr kein anderer, auch der Onkel Röminger nicht, dem Ella sonst alles mitteilte, über eine Stunde saßen Ella und die Gräfin beisammen in dem traulichen Salon, wo sie täglich gemeinsam musiziert und gelesen hatten. Als sie neben einander ins Speisezimmer traten, hatten beide von Tränen gerötete Augen, und die Gräfin hielt ihren Arm um den Nacken des jungen Mädchens geschlungen.

Es lag etwas wunderbar Vertrauliches, rührend Freundschaftliches in der Art und Weise, wie sie so neben einander aus dem dunklen Salon in das erleuchtete Speisezimmer traten.

„Der Herr Gras lassen sich bei der Frau Gräfin ent­schuldigen", meldete der servierende Diener.

„Es ist gut, Karl", entgegnete diese, „besorgen Sie gleich nach dem Souper das Gepäck des Fräuleins mit einer Droschke nach der Köpenicker Straße 26. Dann sah sie Ella an mit einem Blick voll Herzlichkeit und Güte: „Muß es heute noch sein?" .

„Es muß, gnädigste Gräfin wissen es ja am besten! Je schneller ich reise, desto besser. Es wäre mir lieb, wenn ich den Nachtschnellzug noch benutzen könnte!"

„Vielleicht haben Sie Recht! Auf Menschen verstehen Sie sich besser als ich, das Hab' ich heute gesehen!"

Als der Diener das Zimmer verlassen hatte, sagte Ella:

„Und nicht wahr, Frau Gräfin, Sie schenken ihm jetzt verdoppelte Liübe? Er betet seine Mutter an, und sein Herz leidet. Lassen Sie es an dem Ihrigen ges::nden und die Wunde heilen, die der erste wirkliche Schmerz ihm geschlagen! Mutterliebe vermag so unendlich viel, sie hat eine Zauberkraft in sich, die Wunder wirken kann, Glauben Sie mir, Egon ist ein herrlicher Mensch, ein vor­nehmer Charakter und verdient das reichste Glück! Und er wird es finden, denn er ist ein Mann, und Männer sterben nicht an gebrochenem Herzen! Das ist nur Frauenschicksal, wenn sie nicht Kraft genug in sich fühlen, sich selbst zur Freiheit emporzuringen!"

„„Sie sind ein seltenes Mädchen, Ella", erwiderte di« Gräfin, „ein Charakter, zu dem ich bewundernd empor­schaue. Jedes andere Mädchen an Ihrer Stelle hätte be­denkenlos die Hand ergriffen, die sich ihr hinstreckte und allen Besorgnissen einer machllosen Dkutter Trotz geboten. Was ist eine Mutter der entschlossenen Leidenschaft eines! Sohnes gegenüber, der mündig und so selbständig ist, wie Egon? Wer fragt nach ihren Ansichten, nach ihren, vielleicht engherzigen Bedenken?"

„Schlagen Sie mein Opfer nicht zu hoch an, Frau Gräfin", sagte Ella, mtt einem gewissen Stolz ihr blondes! Haupt erhebend. „Halten Sie mich nicht für größer und uneigennütziger, als ich in Wahrheit bin. Auch ich Mts nach keinem mütterlichen Einwand, nach keiner Tradttiott der Familie gefragt, aber auch eine Grafenkrone war« mir gleichgültig gewesen, wenn ich Ihren Sohn hätte lieben können!"

(Fortsetzung folgt.)

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