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s». Jahrgang.

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Verlag: Langgaffe 27.

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Uv. 383. BerlagS-Ferusprecher Ro. Mjttmoch» >SN 19. Attgust.

ReSaktiouS-Fcrusprekber No. SS.

1998.

IHorgen«flusgahe,

Iie Bekämpfung der Kurpfuscherei.

Wir erhalten folgende Zuschrift, der wir nach dem Grundsätze: „Man muh sie hören alle beede", selbstver­ständlich gerne Raum gewähren:

Der Leitartikel „Die Bekämpfung der Kurpfuscherei" in der Morgen-Ausgabe des „Wiesbadener Tagblatts" vom 12. August dieses Jahres enthält zwar nicht, wie gern anerkannt werden soll, einseittge und subjektiv ge­färbte Angriffe auf die ärztliche Kunst und Wissenschaft, !wie sie jetzt in gewissen Kreisen an der Tagesordnung find, seine Darlegungen müssen aber gerade in ihren tat­sächlichen Feststellungen eine ebenfalls möglichst objektive Entgegnung von ärztlicher Seite herausfordern.

Der Herr Verfasser meint zunächst, daß die praktische Heilkunst keine Wissenschaft sei wie Chemie und Physik, und daß ihr von altersher viele Schlacken und alte Metho­den anhaften. Nun ist das mit dem Begriffe „Wissen­schaft" eine eigentümliche Sache. Gerade Chemie und Physik, die so lange als durchaus „exakte" Naturwissen­schaften gegolten haben, sind durch die Forschungen der letzten Jahrzehnte in ihrer mathematischen Sicherheit sehr- großen Wandlungen unterworfen. Wer hätte z. B. vor einigen Jahren noch gedacht, daß die Grundpfeiler der chemischen und physikalischen Erkenntnis, die Atome, ins Wanken geraten würden? Und doch ist das jetzt der Fall, und man gibt mehr und mehr die früher als Dogma geltende Ansicht von der Unteilbarkeit der Atome auf. Es ließen sich noch viele andere Beispiele anführen, wie Chemie und Physik in ihrem geschichtlichen Entwicklungs- Lauge häufig auf alte und eine Zeitlang ganz zur Seite geschobene Hypothesen zurückgegriffen oder plötzlich durch- - aus neue, den bisherigen Annahmen wider­sprechende geschaffen haben. Wenn man das erwägt, so wird es weder verwundern, noch wird man es der Medi­zin, die als Wissenschaft nur ein Zweig der naturwissen­schaftlichen Erkenntnis ist, zum Vorwurf machen, daß sie in ihren Gesetzen und in ihren Lehren dem Wechsel unterworfen ist. Derjenige, welcher an die Heilkunde den Maßstab ruhiger und weitschauender h i st o r i s ch e r Würdigung legt, wird auch nicht, wie der Herr Verfasser des obengenannten Artikels es tut, etwas Tadelnswertes daran finden, daß die medizinische Wissenschaft den Über­hang von der Humoral- zu der Cellularpathologie voll­zogen hat. Dieser Umschwung war ein durchaus folge­richtiger, da die Geschichte der allgemeinen mensch­lichen Entwicklung uns lehrt, daß immer ein Extrem das andere ab löst, bis die klare Erkenntnis des goldenen Mittelweges gefunden wird. Abgesehen davon, ist die Cellularpathologie unter allen Umständen als ein gro­ßer F o r t s ch r i t t anzusehen, da sie das Sehen und klare Denken an die Stelle unklaren und mystischen Ratens gesetzt hat. Der Vorwurf vollends des Herrn Verfassers,

die Cellularpathologie habe auch nicht die Frage Nach den eigentlichen Krankheitsursachen beantwortet, ist kaum auf­recht zu erhalten: löst man z. B., wie es jetzt geschieht, die Atome, die so lange als „ruhender Pol in der Er­scheinungen Flucht" gegolten haben, in Bewegung auf, so hat man die Frage auch nur verschoben, nicht aber das Problem des letzten Grundes der Dinge gelöst, ein Problem, welches ja überhaupt nicht lösbar ist. Und den­noch beruht alle wissenschaftliche Erkenntnis zu guterletzt auf diesem „Verschieben" der tiefsten Fragen, ein Ver­fahren, welches der Medizin ebenso wie den „exakten" Naturwissenschaften zu eigen ist. Der Herr Verfasser irrt aber auch durchaus in der Annahme, daß die in der Schule der Cellularpathologie groß gewordenen Medi­ziner sich im fühlbaren Gegensatz zu den alten humoral­pathologischen Anschauungen des Volkes befinden. Die Cellularpathologie ist durchaus nicht so einseitig, daß sie nur das Grobe, anatomisch Greifbare berücksichtigte und die feineren Lebensprozesse, vor allem die Veränderungen der Säfte.des Körpers, vernachlässigte. Das wird einem sofort klar, wenn man an die neuesten, theoretisch, wie praktisch gleich großen Fortschritte der Medizin auf dem Gebiete der Blut- und I m m u n i t ä t s l e h r c denkt. In dieser Beziehung sei hier nur an das D i p h . therieheilserum erinnert, seit dessen Einführung die Sterblichkeit an Diphtherie ganz bedeutend zurück­gegangen ist: dieses ganz ausschließlich der angefeindeten „Schul"-Medizin entstammende Mittel entspricht doch sicherlich dem Wunsche des Herrn Verfassers, die Körper­säfte, an deren Bedeutung das Volk seit jeher festgehalten hat, auch von der Medizin mehr berücksichtigt zu sehen. Überhaupt ist es eine bedauerlich falsche und leider gerade von Kurpfuschern künstlich genährte Ansicht, daß die Schulmedizin sich in irgend einem Gegensätze zu den ver- nünfttgen ünd altbewährten hygienischen Ansichten des Volkes und zu dem berechtigten Wunsche einer möglichst naturgemäßen und arzneilosen Behandlung von Krank­heiten befände. Daß die Medizin, wie jeder Zweig mensch­licher Erkenntnis, Irrungen und Wirrungen unter­worfen war, bis sie sich zu einer vorurteilslosen, natur­wissenschaftlich begründeten Disziplin durchgerungen hat, das ist, wie oben bereits gesagt, nicht anders zu erwarten: umso mehr müßte es aber auch in Laienkreisen Aner­kennung finden, daß die Heilkunde nicht nur die wissen­schaftlichen Errungenschaften, sondern auch das empi­risch, d. h. durch die Erfahrung Gegebene, sofern es nur einer vernünftigen Auffassung entsprungen ist, sich stets dienstbar gemacht hat. In dieser Beziehung ist gerade das von dem Herrn Verfasser angeführte Beispiel der Schilddrüsenbehandlung sehr bezeichnend: es lehrt doch ganz augenscheinlich, daß die Cellularpathologie die Medi­ziner durchaus nicht gehindert hat, nach wie vor der „Säftetheorie" des Volkes ihre Beachtung zu widmen, und sie praktisch nach Möglichkeit zu verwerten. Aller­dings ist dies in ruhiger und sachlicher Weise geschehen, und namentlich haben die Arzte es von Anfang an nicht unterlassen, auf die mangelhafte Kenntnis der eigent­

lichen Schilddrüsenwirkung und auf die Gefahren dieser Behandlung hinzuweisen. Dadurch ist sicher schon viel Unheil verhütet worden, was nicht der Fall gewesen wäre, hatten Laien oder sogenannte Naturheilkundige diese Methode gefunden und ausgeübt. Die Frage des Herrn Verfassers, was wohl geschehen wäre, wenn ein Pfuscher auf den Gedanken der Schildörüsenbehandlung gekom­men wäre, läßt sich mit größter Wahrscheinlichkeit dahin beantworten, daß dieser Pfuscher in den Zeitungen An­zeigen abgedruckt hätte, die ungefähr so gelautet hätten: „Vermittelst einer neuen, auf genauester Kenntnis der Körpersüfte beruhenden Erfindung bin ich in der Lage, selbst rn verzweifelten, von den Ärzten aufgegebenen Fällen von Kropf--, Herz- und Nierenkrankheit, Frauen- leiden, Stuhlverstopfung, Knochenfraß usw. usw durch ein- bis zweimalige Beratung vollkommene Heilung zu brmgen".

Der Herr Verfasser meint weiterhin, die Arzte igno­rierten vollkommen die Erfolge der „Naturheilkundigen" und fuhrt kurz darauf den Namen Prießnitz an. Dws Beispiel ist aber sehr unglücklich gewühlt, denn in jedem medizinischen Lehrbuch kann man diesen Namen ehrenvoll erwähnt finden. Gerade die Mediziner sind cs gewesen, welche die praktische Bedeutung der Behandlung nach Prießnitz am meisten gewürdigt und sich zu nutze gemacht haben. Es ist überhaupt bemerkenswert, wie ungerecht die Anhänger der sogenannten „Naturheil- kunöe" alles beurteilen, was von seiten der Mediziner ausgeht: auf der einen Seite wirst man ihnen vor, sie wären von wissenschaftlichem Dünkel erfüllt und berück­sichtigten zu wenig die Erfahrung der Laien, auf der an­deren Seite wird ihnen, wenn sie, wie im Falle Prießnitz, das praktisch Gute und Bewährte gern annehmen, sofort unter die Nase gerieben, daß sie von der Laiencrfahrung Nutzen ziehen. Eins ausgewischt wird also den Ärzten unter allen Umständen.

Wenn oben von der „sogenannten Naturheilmethode" dw Rede war, so sollte mit diesem Ausdruck keineswegs etwas Verächtliches oder ein Vorwurf gegen die An- Hanger einer solchen Behanülungsweise gemeint sein Es sollte vielmehr nur auf den polemischen Sinn des Wor­tes „Naturheilmethode" hingewiesen werden, der zu dem unslnmgen Glauben Veranlassung gibt, die wissenschaft­liche Medrzrn lehre eine Behandlung gegen die Natur oder mit ungenügender Berücksichtigung derselben. Wer aber nur ein wenig von den neueren Fortschritten und Bestrebungen der wissenschaftlichen Medizin Bescheid weiß, der weiß auch, daß jetzt schon seit langen Jahren auf allen Universitäten den Ärzten gelehrt wird, daß ihre Hauptaufgabe darin besteht, die Krankheiten zu ver­hüten durch Anempfehlung einer möglichst naturge­mäßen Lebensweise. Die V o l k s h y g i e n e, die theoretisch rme praktisch in den letzten Jahrzehnten so große Fortschritte aufzuweisen hat, verdankt diese in erster Linie der unverdrossenen, werktätigen Mitarbeit der Arzte. Gerade die Einwohner unserer Stadt werden das zugestehen, wenn sie an unsere schulärztliche Veauf-

Feuilletorr.

Die neue Wohnung.

Humoreske von Heinz Rongel.

«Friedrich — Friedrich — siehst Du cs denn noch nicht «n, daß die neue Wohnung entsetzlich ist? Man sicht hier niemanden, keinen Menschen auf der Straße, — die Parterrewohnung unter uns steht seit einem halben Jahre leer und deshalb ist es garnicht möglich, die Woh­nung warm zu bekommen! Und das Brennmaterial, das wir hier gebrauchen, allein um Dein Zimmer zu heizen, würde für eine ganze Wohnung ausreichen."

«Aber du lieber Gott, Maust, wir haben's doch dazu", wendete der außerordentliche Professor der Ästhetik, vr. Friedrich Gerstmann, schüchtern ein, „und bedenke doch, wie herrlich dieses Arbeitszimmer liegt: Diese Aussicht auf den Strom, die Felder und die bewaldeten Berge und dazu diese Ruhe, diese himmlische Ruhe. —"

«Himmlische Ruhe — ja wohl!" ereiferte sich die hüb­sche, Ende der Zwanziger stehende Gattin, „Du denkst natürlich nur an Dich! Uber Deinem Studierzimmer liegt der Salon jener Leute — ein Oberpostsekretär — pah! Wenn sie Besuch bekommen — alle Jubeljahre kommt das einmal vor, so geschieht es in der Zeit zwischen 11 und 1 Uhr oder 5 und 7 Uhr, wenn Du im Kolleg bist. Aber Du müßtest Dich einmal in den übrigen Wohnräumen aufhalten l Du mein Himmel! Die wüsten Knaben tollen durch die ganze Wohnung oder verlegen im Winter gar shre anmutigen Spiele auf den Vorplatz. Und das älteste Töchterlein — ein entsetzliches Kind! spielt Klavier, so­bald es Zeit hat. Meine Köchin und mein Hausmädchen wissen garnicht, wo sie bleiben sollen. Setzen sie einen Fuß vor die Tür, so kommt das „Mädchen für alles" "on oben, um eine Unterhaltung mit ihnen anzufangen ^ na — und überhaupt. —"

. „Ja doch, ja", cntgcgnete der Profcflor einen Hülfe suchenden Blick gen Himmel sendend, „ja, mein Herzchen, -^u hast ja recht! Vor einem Jahre waren wir von die­

ser Wohnung aber wunderbar entzückt — allein jetzt ist sie scheußlich — gewiß, das ist sie, mein Kind. Zwar steht der Sommer vor der Tür, wo es hier so wunderherrlich ist — allein wir ziehen aus — denn die Wohnung ist gräßlich! Was hülfe es uns auch, wenn wir sie jetzt wieder wunderschön und prächtig fänden? Wir müssen sie ja doch verlassen, denn wir haben gekündigt. Und nun ziehen wir in die Stadt — in eine der belebtesten Straßen, in eine Wohnung, in deren entferntesten Raum selbst der Lärm der Straße dringt, so daß man kaum fi'ii eige­nes Wort verstehen kann." — „Aber Friedrich —"

„Nicht doch, Liebchen, Du hast ja sehr recht! Wir sind nun mal unglücklich dran! Der Sommer steht vor der Tür, in der Stadt wird die Sonne unerträglich heiß auf den Dächern und Straßen brüten. Alle Welt zieht aus der Stadt heraus in die Vorstädte oder die einzeln an den Toren liegenden Villen — und wir Unglücksraben müffen in die Stadt, weil unsere Wohnung nichts taugt. —"

„Friedrich, ich bitte Dich, sei doch nicht so schwerfällig! Wir ziehen eben zum Beginn des Sommers in die Stadt, weil zu dieser Zeit so viele Wohnungen leer stehen, da haben wir ja die beste Auswahl —"

„Gewiß — die haben wir gehabt. Und Hauptmann v. Pottenöorf auch, der ist gut dabei weggekommen! Doch nun mein Schatz, entschuldige mich, ich muß vor dem Kolleg noch einiges über die neu aufgefundcne tana- gräische Statuette schreiben. Wenn's ans Einpacken geht, so bereite mich, bitte, ein wenig schonend darauf vor." Damit ging er in sein Arbeitszimmer.

Dies Gespräch wurde Mitte März geführt und war nicht das erste dieser Art. Und immer hatte sich Professor Friedrich Gerstmann rückwärts konzentriert und seiner Gattin das Feld überlassen. Er mochte nicht gegen sic aufbcgchren, denn bis auf die kleine Schwäche des immer Umherziehen-Müssens war sic eine prächtige Frau, sie harmonierten aufs trefflichste miteinander und — Inst not loust — sie hatte ihm ein großes Vermögen mitge­bracht in dem Augenblicke, als er gerade mit dem scinigen fertig war.

Bald begann nun die Packerei und Frau Frieda hatte Muhe, mit allem bis zu dem verhängnisvollen 1. April fertig zu werden. Als nun der „große Morgen" herein- brach, hatte der Professor gebeten, sein Zimmer bis zuletzt aufzusparen und dies war ihm von seiner besseren Hälfte auch freundlichst zugestanöen worden.

Beim Umzug ging's übrigens toll her. Die Büste eenes Zeus entfiel den ungeschickten Händen eines Pack­trägers und die Nase war dahin, in kleine Stücke — er versprach, eine neue Nase machen zu lassen, genau wie cs zurzeit Mummius bei der Zerstörung von Korinth seinen Soldaten angedrvht hatte. Das neue Delfter Service hatte sich vvrgenommen, zu probieren, was fester sei cs selbst oder die Futzbodendiele — und dabei hatte es den kürzeren gezogen. Adolf endlich, der hoffnungsvolle Sproß der Professoren-Familie, hatte nicht umhin ge­konnt, sich mit einem ihm gerade in die Hand geratenen Besenstiel im Fechten zu üben i,nd traf dabei aus Ver­sehen in die große Scheibe des Spiegelspindes. Was sonst noch entzwei war, stellte sich erst nachher heraus in der neuen Wohnung. Frau Professor zeterte, die Mädchen heulten, Adolf bekam Schläge und brüllte und die Kieh- leute brummten über den Mordsspektakel. Abseits von all dem Lärm saß Professor Dr. Friedrich Gerstmann und schrieb an seiner Abhandlung über die neu aufgefundene Statue von Tanagra. Da klopfte es hart an die Tür und auf sein zaghaftes „Herein!" erschienen drei kräftige Gestalten auf der Schwelle, mit energischen Gesichtern und muskulösen Armen, die unter den aufgestreiften Ärmeln sichtbar wurden. Ohne etwas zu sagen, ergriffen sie die einzelnen Kisten mit Bücher, die die Frau Pro­fessor ebenfalls cingcpackt hatte, und trugen sie hinunter sie kehrten wieder und trugen die Bücherschränke fort' dann die Chaiselongue und die Stühle, hiernach den Tisch, die Bücherbretter und den Rauchtisch. Als sie wieder erschienen, sagte der eine: „Do Herr Professor, jetzt

müssen wir den Schreibtisch hinunter tragen — oder sollen wir Ihnen gleich mit hinunter tragen?"

„Nein, ich danke, Sic sind zu freundlich", erwiderte der Professor, seine sieben Sachen zusammcnsnssend. Mt