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Im Mrttrrminkel Europas.

Der Ermordung des Konsuls Rostkowsky, der trotz der entgegenstehenden gerichtlichen Untersuchung — der Verweser des russischen Konsulats in Monastir spielte da­bei den Staatsanwalt — nicht von jeder Schuld frei zu sprechen ist, ist die Sühne auf dem Fuße gefolgt. Die Sühne ist hart genug und für die Türkei auch recht de­mütigend. Ilber die Herren an der Newa begnügen sich, damit noch nicht. Bereits ist eine Abteilung der russischen Schwarzenmeerflotte nach den türkischen Gewässern ent­sendet. Rußland will sein Ansehen im Orient auch nicht im geringsten trüben lassen. Man soll vor seinem Stirn­runzeln zittern. Kein Schiff der Schwarzenmeerflotte wird um der makedonischen Wirren willen — wenigstens vorläufig — auch nur einen Schuß abgeben, aber dem Sultan wird's doch etwas mrbehaglich im Jildis-Kjöschk, wenn er die russischen Kanonen im Bosporus weiß. Man wird am Goldenen Horn für einige Zeit die orientalische Saumseligkeit beiseite lassen und sich beeilen, den For­derungen des bekannten österreichisch-russischen Reform- Programmes in allen Stücken nachzukommen.

Einige dieser Forderungen hat Rußland soeben in sehr dringlicher Form erneuert. Hierzu gehört die Säuberung des Beamtenkörpers der drei makedonischen Wilajets von unlauteren Elementen, die Haftentlassung schuldlos eingekerkerter Bauern und vor allem die Er­nennung ausländischer Offiziere zur Leitung der türki­schen Gendarmerie und Polizei. Sicherlich dient auch die Absendung einer Abteilung der Schwarzenmeerflotte dazu, diesen Forderungen den gehörigen Nachdruck zu geben. Keineswegs aber will man in Petersburg die Türken zum Äußersten reizen. Man erinnert sich noch ganz gut der harten Kämpfe vor Plewna und seitdem ist der »kranke Mann" durchaus iricht kränker geworden. Ein gar leichtes Spiel hätte Rußland durchaus nicht, wenn

Mittwoch, den 19. August.

die Türkei, der ewigen Schuhriegeleien müde, es auf des Schwertes Entscheidung ankommen ließe. Japan, das Rußlands Vorgehen in Korea mit argwöhnischem Auge betrachtet, würde dann kaum ruhig bleiben., und Eng­land, das jetzt heuchlerische Entrüstungstränen über die Greuel . in Makedonien vergießt, würde bei dieser Ge­legenheit seinen Vorteil in Asien wahrzunehmen wissen. In Petersburg hat man darum auch nicht gezögert, der bulgarischen Regierung ernstlich zu verstehen zu geben, daß eine russische Unterstützung der makedonischen Auf- ständischen nach wie vor ausgeschlossen ist. Aber diese setzen ihren aussichtslosen Kanrpf mit Dynamit und Mordbrennereien fort. Blag auch die Phantasie der von der Übertreibungssucht des Orients angekränkelten Be­richterstatter viel übertreiben, die in Brand gestecktm Dörfer, die zur Entgleisung gebrachten Personen- und Militärzüge, die in die Luft gesprengten Gebäude und Brücker: sind nicht völlig aus der Luft gegriffen. Man tierlangt, daß die Türkei entschiedener und niit größerer Strenge gegen die aufrührerischen Banden auftrcte.

Sicherlich wäre deren Wirksamkeit schon längst ein Ende bereitet worden, wenn man nicht von Bulgarien aus und auch von Serbien offen und heimlich ihre mord- brennerische Tätigkeit begünstigte. Fürst Ferdinand, der noch immer auswärts weilt, und deswegen von einem großen Teil seiner Untertanen für pflichtvergessen erklärt wird, scheint nur aus dem Grunde mit den bulgarischen Parteiführern eine längere Abwesenheit vereinbart zu haben, damit diese ungestört das makedonische Geschäft besorgen können. Aber sein Alibi kann ihm Thron und Reich kosten. Die aufgeregten Sosianer, die sich auf die Künste der Diplomatie nicht verstellen, verlangen des Fürsten Heimkehr und baldiges Losschlagen. Aber der ehrgeizige Koburg-Kohary weiß nur zu gut, daß für den Fall vorzeitiger Befriedigung kriegerischer Gelüste der rumänische Aufmarsch nach Rücksprache mit Rußland droht. So begnügt man sich denn damit, gefährliche Bandenführer, wie den General Zontschew, trotz angeb- lich strengster polizeilicher Bewachung nach dem Auf­ruhrgebiet entweichen zu lassen und als den besten Aus­fuhrartikel nach Makedonien Dynamit zu betrachten.

Auch in Serbien liebäugelt man mit den makedonischen Verschwörern. Ter landfremde König Peter muß heute schon erkennen, daß die Krone, die er sich vor kurzem erst aufs Haupt gesetzt, eine währe Dornenkrone zu werden droht. Die Ohnmacht des Königs gegenüber den be­gehrlichen Prätorianern, die sich anfangs mit der patrio­tischen Selbstlosigkeit drapierten und erklärten, sie hätten die entsetzliche Tat vom 11. Juni lediglich zur Rettung des Vaterlandes, nicht um schnöder persönlicher Vorteile willen begangen, tritt in immer grelleres Licht. Bei der Ministerkrisis mußte der Kriegsminister Atanazkowitsch, der den Verschwörern ein Dorn im Auge war, fallen. Aber wenn auch augenblicklich die Ministerkrise beseitigt ist, die Konflikte sind darum nicht gebannt. Die serbi-

Re-akiio«»Her«IpreLer No. «. 1993.

schon Offiziere sind offenbar in zwei Lager gespalten; die Gruppe der Verschwörer, die noch das Heft in Händen haben und ihren Lohn in Avancement und Ehrenstellen fordern, und das Gros derjenigen Militärs, die sich mit dem Blute des ermordeten. Königspaares nicht besudelt haben und sich deshalb einer Bevorzugung der Kon- spiratoren widersetzen. _ Ähnliche Spaltungen zeigen sich im serbischen Volk. Eine Ablenkung der Leidenschaften nach außen würde vielleicht für einige Zeit den inneren Frieden wiederherstellen. Darum das Liebäugeln mit den makedonischen Empörern. Doch die europäischen Großmächte sind auf der Hut.

Deutsches Kerch.

Herr v. Podbielski als — Kanalfrerind.

Die Ernennung des Regierungspräsidenten v. Wind­heim in Frankfurt a. O. zum Oberpräsidenten der Pro­vinz Hessen-Nassau nimmt jenen Gerüchten den Boden, wonach eines oder das andere unter deir gegenwärtigen Mitgliedern des Staatsministeriums den Rückzug in ein Oberpräsidium anzutreten wünschen soll. Für die nächste Zeit wenigstens bleibt das Staatsministerium in seiner jetzigen Zusammensetzung unverändert bestehen. Weder Herr v. Hammerstein wird das Feld räumen, noch Herr v. Podbielski. Was den Landwirtschaftsminister betnfst, fo wird uns von vertrauenswerter Seite mitgeteilt, es sei eine zwar sehr hübsche Erfindung, jedenfalls aber eine Erfindung, daß er gesagt haben soll: „Nach der Heu- ernte verduft' ick." Warum auch sollte er „verduften" wollen? Wer ihm Rücktrittsneigungen nachsagt, der ver­gißt, daß dieser bei aller seiner jovialen Derbheit un- gemein geschickte Herr im Abgeordnetenhause laut, frei« nahe überlaut, erklärt hat, das Tischtuch zwischen ihm und den Agrariern sei zerschnitten. Diese Erklärung kam zu der Zeit, wo alle Welt der Meinung war, Herr v. Pod­bielski vertrete die übermäßigen, über die Tarifvorlage hinausgehenden Zollsorderungen des Bundes der Land­wirte. Jedenfalls tzatte der Landwirtschaftsminister das Tischtuch zwischen sich und den Bündlern rechtzeitig zer­schnitten. Es konnte seitdem eigentlich keine Rede mehr davon sein, daß er etwa eine Rolle gleich der des Herrn v. Miguel zu spielen gedenke. Auch was die Kanalfrage betrifft, wird sehr bestimmt versichert, man kenne Herrn v. Podbielski nur schlecht, wenn man von ihm annehme, daß er der Wiederkehr dieser Frage Schwierigkeiten be­reiten möchte. Diejenigen, die ihm eine ausgesprochene Hinneigung zu den großen Kanalplänen zuschreiben, lassen sich auch nicht durch das vielberufene Wort von dem „Lausekanal" beirren, wollen vielmehr wissen, daß dies treffliche Wort in einem Zusammenhänge gebraucht worden sei, der eine Beziehung auf den Mittellandkanal nicht rechtfertige. Näheres hierüber zu sagen wird sich wohl noch die Gelegenheit bieten. Es heißt vom Herrn

Mlerwühlter Grund.

Roman von Anton Freiherr« von Persall.

(22. Fortsetzung.)

Sie tranken zusammen, stießen zusammen an, Be­amte des Bergwerkes saßen dabei, man trank auf das gute Geschäft von heute; seine Stimme schallte bis zu nhm herauf; auf der änderen Seite ein Mädchen in auf­fallend bunter, städtischer Tracht. Ein breiter Hut mit schwankender Feder bedeckte ihr Gesicht, ein dicker, kleiner Herr in hellem Somnteranzug hatte den Arm um ihren Nacken geschlungen und flüsterte ihr ins Ohr. — Jetzt sendete sie sich — ihr Gesicht beleuchtete das rote Licht 77 Nonei! Und der Mann neben ihr — er mußte sich festhalten am Strauche, es flammte vor seinen Augen —

Agent Perlmann, der auf der frisch'n Höh wohnte, oer sie mitnehmen wollte in die Welt als Bänkelsängerin, me Tochter des Hinterniooser — jetzt schlossen sie eben oen sauberen Bund. Es zuckte ihm in den Fingern, er sollte am liebsten den Fels aufreißen und mit den Stücken die ganze Gesellschaft zerschmettern. Was kiirn- ^uerte ihn die Welt, die Menschheit! Mochte es für sie wertvoll sein, was sich hier begab, die vollendete Riesen­arbeit, welche die bengalische Flamme beleuchtete, für ihn beleuchtete sie nur eines, etwas Furchtbares, Erschüttern­des, den Verfall, den Untergang seines Geschlechtes — sbbhr — nicht seines Geschlechtes — des ganzen Bauern­tums, das hier unten vor ihm. zu Asche verbrannte in der teuflischen Glut!

Er ging nicht hinunter, wie er gewollt, er floh wie ein gehetztes Wild vor dem roten Schein in das Waldesdunkel, »nt zerrissenen Kleidern, schweißtriefend, abgehetzt langte er spät in der Nacht vor den: Hof an. Alles war dunkel, uur bei Theresa brannte noch Licht; sie hörte ihn wohl t°mmen. sie hatte wohl Angst um ihn; das Fenster <wg auf.

»Wo waren Sie denn?"

«Ich habe mich verirrt im Wald", stotterte er, „lassen

sich nicht stören."

Er trat rasch hinter das Haus, er war nicht zum Sprechen aufgelegt: ermattet setzte er sich auf die Bank beim plätschernden Brunnen. Die Röte über den Wipfeln der Bäume war verschwunden — schweigende Nacht . Ta erhob sich noch ein Funkenstrahl hoch in die Luft, der Wind beugte ihn über seinen Wald, er zerstob und schüttete eine Fülle bunter Sterne über ihn, langsam schwebten sie hernieder, hinter den Wipfeln verschwindend, wie himmlischer, hoffnungsvoller Samen.

Er blickte traumverloren ihnen nach, dann richtete er sich stramm, auf, winkte mit dem Arm nach der Höhe. „Ich halt' aus bei dir, was auch kommen mag", und ver­schwand im Hause.

Zehntes Kapitel.

Ter Saal des Cass Viktoria füllte sich. Die hohen Fensterscheiben waren dick gefroren, der Schnee knarrte unter den Füßen der Eintretenden: stahlblauer Dezember­himmel spannte sich über die glitzernde, klingende Stadt.

Damen und Herren in Pelz, Studenten mit farbigen Mützen drängten sich an dem Eingang, dazwischen leuch­teten die Uniformen der Offiziere, rasselten die Säbel. Equipagen und Droschken fuhren ab und zu. Es war das fashionabelste Lokal der Hauptstadt, in welchem jeden Abend die ausgewähltesten Kapellen musizierten; man zog, ohne daß man es . natürlich zu sagen wagte, diese musikalischen Genüsse, welche sich niit gesellschaftlichen so harmonisch verbinden ließen und auch dem zarten, nervösen Geschlecht, das sonst vor jedem öffentlichen Lokal die Augen niederschlug, die angenehme Gelegenheit gab, unter dem Deckmantel der Kunst so profane Räume zu betreten, sich unter das Volk zu mischen uiid die vielum- strltten.cn, für viele Ehen so verhängnisvollen Abend­stunden ausnahmsweise einmal mit dem Herrn Gemahl zu genießen, nur zu oft den künstlerisch vollendeten, über jeden Zweifel erhabenen, aber doch etwas langatmigen oft etwas zu große Ansprüche arif deir musikalischen Bib dungsgrad der Hörer machenden Museums-, Odeon- und anderen Konzerten vor. Selbstverständlich gab man .das nicht so ohne weiteres zu. Mail entschuldigte sich gegenseitig, wenn man sich dort traf. „Einmal eine kleine

Abwechselung — man muß das Leben auch einmal leicht nehmen — man weiß dann erst klassische Musik recht zu würdigen — mein Mann ließ mir keine Ruhe — und einmal, warum nicht?"

Man kicherte, inan flüsterte währeird der Piecen, hier war es erlaubt, nippte an dem schäumenden Bier, sah und ward gesehen, genoß stillvergnügt die auch der wüb- lichen Natur nicht so fremdartige und heterogene Luft der Kneipe. Die Herren waren selig, uiigeniert ihre Havanna rauchen und ihre üblichen Schoppen trinken zu dürfen, und der eine oder der andere dachte mit Schadenfreude eines guten Bel'aniiten, der eben mit Familie in einem Klavierkonzert schwitzte, die langen Beine krampfhaft ein- gezogen mit trockenen: Gaumen, feuchtem Taschentuch, von schmerzhaften Halluzinationen gequält, die ihm den wohlgefüllten Stammtisch unablässig vorgaukeln.

Heute war der Zudrang ein abnormer, aber airch dis Veranlassung dazu. Die berühmte oberbayerische Sänger­und Tänzcrgescllschaft war angekündigt, mitten in den riesigen Plakaten mit grellroten Buchstaben: „Das schöne Nonei vom Oberland, erste bayerische Gebirgssäugerin, mit den lustigen Liedern und Tänzen." Das rief all die schönen, süßen Erinnerungen der Sommerfrische wieder wach, die lustigen Almpartien, die nächtlichen, mond- beschienenen Seefahrten, die heimlichen Zwiegespräche auf rebenbekränzten Altanen, die ganze sonnige, wonnige Freiheit des Landlebens, nach welcher sich der in das straffe Korsett geselliger winterlicher Formen gepreßte Mensch so sehnt, wenn auch die Luft nichts weniger als Gebirgsluft zu sein versprach und die rote,: Plüschdiwans, der aufdringliche Goldprunk des Cafcks, nichts weniger als stimuiungsvoll waren. In der Stadt wird mau'in dieser Beziehung genügsani, es plätscherte doch der Wild- bach, flutete der grüne See, tönten die Kuhglocken und glühten die Firnen; dazu kam noch der Lokalpatriotismus, die Neugierde, das schöne Nonei, welches wenigstens dein Namen nach bei: meisten von Seedorf her bekannt ivar und eben nach einer glorreichen Tournäe durch ganz Deutsch, land zum erstenmal hier auftrat, auf den Brettern zn 'sehen.