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Dienstag» de« 18. August.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1993.
Abendausgabe.
Dußtand und die Mandschurei.
^ Der russische Bär versteht sich auf seine diplomatische Künste. Lange genug wußten die Herren an der Newa durch amtliche und halbamtliche Beschwichtigungsversuche die meisten darüber zu täuschen, worauf ihr eigentliches Ziel in Ostasien gerichtet war. Seit Ende voriger Woche hält man das nicht mehr für nötig. In lapidarer Kürze wurde mitgeteilt, daß das russische Amurgeneralguberniat mit dem nominell noch chinesischen Kwantunggebiet zu einer besonderen Statthalterschaft vereinigt sei. Unter der Bezeichnung „Kwantunggebiet" versteht man die ganze Mandschurei mitsamt der Halbinsel Liaotung. Indem diese weiten Landstriche mit einem Teile Rußlands zu einer Verwaltungseinheit zusammengeschlossen werden, schlägt man sie kurzer Hand zum russischen Reich. Darüber ist keine Täuschung mehr möglich.
Am wenigsten täuscht man sich in England, dem Rivalen Rußlands in Asien, darüber. Tie „Times" vom Freitag sagt ausdrücklich, der Ukas des Zaren dürfe als das erste sichtbare Ergeinis der jüngsten Konferenz der russischen Militärbefehlshaber in Port Arthur betrachtet werden; er deute auf einen Triumph der Milftärpartei hin und kennzeichne ein wichtiges Stadium in der Be- fesügung der Russenherrschast in Ostasien. Statt der versprochenen Räumung übernahm ein kaiserlicher Vize- könig (General Alexejew), ausgestattet mit den ausgedehntesten Vollmachten und unterstützt von der mächftgsten Armee und Flotte, über die Rußland in jenen Gegenden jemals verfügt habe, die Verwaltung eines Landes, wo Rußland vor weniger als zehn Jahren die Anwesenheit einer fremden Macht als beständige Gefahr für die Unabhängigkeit des chinesischen Reiches und des Friedens im fernen Osten bezeichnet hätte.
Eigentlich ohne jeden Schwertstreich, nur gestützt aus die gewaltigen Verkehrsmittel, vor allem durch den Ausbau der sibirischen Eisenbahnen, die es dem Zarenreich gestatteten, sofort mit einer großen und allen anderen Staaten überlegenen Landmacht in Nord-China aufzutreten und außerhalb derAktionssphäre der übrigenGroß- staaten in der Mandschurei einen sicheren Stützpunkt für ^ine Operationen zu gewinnen, hat die Regierung des Friedens-Zaren diese Eroberung ausgeführt. Nebenbei wag der rollende Rubel ein wenig mitgeholfen haben. Kostet doch die Mandschurische Bahn pro Werst 150 000 Rubel, während die Sibirische Bahn dem russischen Staatssäckel die auch nicht geringe Summe von 85 000 Rubel pro Werst zu stehen kam. Die Darlehen, die die Staatsrentei der Ostchinesischen Bahngesellschaft bisher gewährt hat, belaufen sich schon auf über 700 Mllionen Mark und werden eine Milliarde wohl erreichen. Tie
ftnterschlagungm müssen also eine selbst für russische Verhältnisse außerordentliche Höhe angenommen haben. Doch das hat Herr Finanzminister Mtte mit seinen Beamten ja selber abzumachen oder er denkt auch: der Himmel ist groß und der Zar ist weit.
Indessen hat diese kostspielig gebaute Bahn, die zu ihrer Herstellung angeblich militärischen russischenSchutzes bedurfte, einen reich«: Güterverkehr nötig. Der russische Handel hatte aber bisher nur eine Einfuhr von 28 000 Rubeln nach China. So hat sich Herr Mtte, der als Finanzminister ein guter Rechner ist, für die Polittk der offenen Tür. entschieden und ist damit durchged-rungen. Der internattonale Handel ist also damit zugelassen und die Gefahr eines kriegerischen Zusammenstoßes mtt dm anderen interessierten Mächten, namentlich mit Amerika und England, vermieden. Japan, dem Rußland bereits emmal durch sein Dazwischentreten nach dem Frieden von Simonoseki (17. April 1895) die Früchte seines Sieges über China mtriß, muß das ruhig mitansehm, trotz des englisch-japanischen Bündnisses. Das ausstrebende ostasiatische Jnselreich hat Zeit, über den Wert englischer Freundschaft nachgudenken, während Rußland sich anschickt, in Korea das gleiche Spiel zu wiederholen, das ihm in der Mandschurei so glänzmd gelungen ist.
Deutsches Deich.
Unsere Konsols.
An der Berliner Börse ist gegenwärtig eine Erscheinung wahrzunehmen, die weit über die Grenzen der Finanzwelt hinaus interessieren muß. Wir meinm den stetm und ansehnlichen Rückgang der preußischm Konsols, der deutschen Reichsanleihen und der gleichwertigen Papiere anderer Bundesstaaten. So habm in der vorigm Woche die 3s^-prozenttge Reichsanleihe 0,30 % »erlernt, die 3-prozentige Reichsanleihe 0,40 %, die 3-prozentigen preußischm Konsols 0,50 %, die 3-pro- zentige Hamburgische Staatsrmte 0,76 %, die 3-prozen- tige sächsische Rente 0,80 %. Heute hat sich dieser Prozeß des Rückganges sogar noch in verschärftem Maße fortgesetzt. Das sind Vorgänge, die, wie gesagt, die Aufmerksamkeit auch derer zu beanspruchen habm, denen das Börsentveiben sonst glerchgültig ist. Man hat für den Rückgang der bestm aller Papiere, die es bei uns und vielleicht in der Welt geben kann, eine naheliegende und auch wvhlverständliche Erklärung. Indem nämlich das deutsche Wirtschaftsleben trotz mancherlei Schwankungen neuerdings ohne Zweifel einen unverkennbar«:, obwohl zunächst noch zögernden Aufschwung zu nehmm be- gitint, werden zahlreiche Besitzer von Staatspapier«: offenbar verleitet, sich dieser Werte zu entäußern, um wieder einmal auf denr Gebiete der Jndustriewerte ihr Heil zu versuchen. Es ist nicht unsere Aufgabe, über diese Bewegung im kapitalistischen Publikum und nammtlich
in der Masse der mittleren Schichten ein Urteil abzugeben. Wollte man zu einer Verurteilung kommen, so müßte man sich gleichzeitig resignierterweise sagm, daß damit für die Praxis des wirtschaftlichen Lebens doch nichts ausgerichtet wäre. Dmn nirgends verfangen Mahnungen und Warnungen wetnger als auf diesen: Gebiete. Was dagegen nottut, ist, daß die deutschen Regierungen, die des Reichs und die preußische voran, auf chre Pflicht hingewiesen werden, den beschämenden Rückgängen der deutschen Staatspapiere entgegenzuwirken. Daß sie das' könnten, wenn sie wolltm, darüber kann es keinen Streit geben. Anscheinend jedoch dünken sich die Staatsbehörden zu „vornehm" dazu, eine Jnterventionspolitik zu treib«:, und dies könnte noch hingehen, wenn nur sie allein dm C-chaden davon trügen. Aber leider trägt ihn die Gesamcheit mit. Es geschieht nicht oft, daß wir uns mit der „Kreuzzeitung" im Einklänge befinden. Diesmal ist es der Fall, und wir druckm deshalb gern ab, was das konservative Blatt über dte oben erwähnten Vorgänge schreibt. Man liest da u. a.: „Die Schuldverschreibungen der Hypothekenbanken kursieren in Höhe von fast 7 Milliarden Mark. Die besten von ihnen stehm nur ganz wenig unter den bestm dmtschm Stadtanleihen, denen sie an innerem Wert auch nicht entfernt zu vergleichen sind. Wenn ttotzdem die Hypothekenbank-Obligationen, von denm doch gewiß ebensoviele täglich verkauft werdm, wie von dm Staats- und Stadtanleihm, einm ganz stabilen Kurs haben, so liegt das ganz ausschließlich daran, daß von den Emittmten das' an den Markt kommende Material glatt aufgenomntm wird. Die Banken machen mit diesm Interventionen ein glänzendes Geschäft, und es liegt nicht der geringste Grund zu der Annahme vor, daß nichl auch die Staats- und Stadtverwaltungen bei ähnlichem Vorgehen auf ihre Rechnung konimen würden. Trotzdem scheuen sie davor wie vor etwas Unrechtem zurück. Richttg gehandhabt ist die Intervention des Staates zum Schutz des Kurses seiner Anleihen ein ganz einwandfreies Gebarm, das den Staatsgläubigern ebenso zum Vorteile gereicht wie dem Staate selbst." Wie gesagt, das ist verständig und billigenswert, und es ist ja auch nicht die „Kreuzzeitung" allein, die sich in dieser Weise vernehmen läßt, sondern sie spricht nur aus, was in allm urteilsfähigen Kreism aller Parteien immer schon gesagt uttd gefordert worden ist. In dm westlichen Kulturländein steigm die Konsols, wmn die Geschäfte gut gehm, und- sie sinkm, wenn sie schlecht stehen. Bei uns aber waltet das Mißverhält- nis ob, daß die Konsols in Zeiten wirtschaftlicher Schwäche steigen, weil das Publikum alsdann die Lust am Spekulieren verliert und so großmütig wird, sich mit geringeren Zinsen zu begnügen. Hebt sich der Gesamtstand der Volkswirtschaft, so gehen die Konsols wieder zurück. Ein so unnatürlicher Zustand erfordert Abhülfe, die Finanzminister könnten für sie sorgen, und man darf fordem, daß sie es tun.
Unterwühtter Grund.
Roman von Anton Freiherrn vom Perfall.
(21. Fortsetzung.)
Der Notar betrachtete durch den goldenen Zwicker apathisch — an solche Szenen gewöhnt — beide Parteien.
Ambros mußte beistimmen, der Jude beschämte ihn la vor dem Beamten.
Gottfried konnte seine helle Freude nicht verhehlm, er unterschrieb jetzt mit fester Hand; vom Hofgraben knallten die Böller dazu, tönte fröhliche Musik zur Begleitung. Er ergriff sogar Moses' dargereichte Hand, als dieser sich verabschiedete, um mit Ambros das Inventar zu besehen.
Theresa und Franzl, die im Nebenzimmer, zitternd bor Aufregung, den Schluß der Unterhandlung erwartet, lrafen ihn ganz anders, als sie erwartet, als ob plötzlich neue jugendliche Kraft frei geworden und den mächtigm Körper durchkreise.
„Hundert Tagwerk Waldboden sind gerettet, abge- Mzt freilich — sic werden kein Bäumerl stehen lassen — aber — er bringt's ja wieder, wmn's auch lang hergeht >77' der laßt net aus, in alle Ewigkeit net — wmn 's Won lang ausgeleert und verfallen sind, alle Kohlengruben der Welt, wird's da oben alleweil wieder von aeuem wachsen und blühen, allen guten Menschen zur 6reud' und am End' gar — ja, lachen's nur, Fräul'n 77 am End' gar einem Hintermooser zur Freud', der wieder stolz aufschaut zu seine Bam und dabei vielleicht au sein Urahn' denkt, an mich, der den Wald g'rett' hat lvr sein' Namen."
Prophetisch lauteten die Worte des alten Mannes, jetzt von innerer heftiger Bewegung belebte Äuget: auf der bewaldeten Höhe ruhten. Theresa ergriff seine Hund und drückte sie fest.
»Jetzt singen 's das schöne Lied vom Wald", sagte er, »grad' jetzt tut's mir so wohl."
^ »Im Walde steht geschrieben — ein stilles ernstes 45ort —" die Stimme der Sängerin zitterte anfangs
vor heftiger Bewegung, dann tönte wieder klar und voll das unsterbliche Loblied des Waldes!
Gottfried hatte das Haupt gesenkt und die Hände auf den Knieen gefaltet wie zum Gebet.
Vom Hofgraben herüber tönte ein Trompetentusch — bum — bum — brauste es aus der Schlucht.
Das Lied verstummte; als er das Haupt erhob, erblickte er durch das Fenster auf dem Anger unter den Obstbäumen den Händler neben Ambros, wie er, mit seinen Armen weite Kreise ziehend, seinen Grund förmlich in Besitz nahm; noch einmal stteg ein heftiger Zorn, ein Gefühl des Hasses in ihm auf, es war ihm, als müsse er den alten Stutzen von der Wand reißen und das Raubtier da draußen vertilgen — es war die letzte Aufwallung, dann reichte er Theresa dankbar die HanD.
„Das is für mi ein Gebet, das Lied — ich möcht' amal sterb'n unter seine' Kläng'!"
Brausendes Hurrah erscholl vom Festplatz.
„Da geht's lustig her! Lassens Ihnen net aufhalten, Fräulein Theresa, ich werd selber a bißl nach- fchauen — da schauens? Ja, ja, man muß a bißl mittun, wenn's einem attch gar net drum is, sonst könnt' man wirkli meinen, man is gestorben und träumt das alles nur im Fegefeuer."
. Theresa versprach, abends mit Franzl nachztikommen. Sie gab sich alle Mühe, auf die gute Laune Gottfrieds einzugehen, aber ohne gehörige Vorbereitung fürchtete sie, ihrer gedrückten Stimmung zu uitterliegen.
Gottfried kam erst spät nachmittags aus dem Hause, er hatte alle möglichen kleinen Besorgungen, lief in ner- vöscr Hast alle Räume des Hauses durch; besonders in der großen Stube mit den Ahnenbildern hielt er sich lange auf, als ob er jeder der steifen Gestalten mit den ernsten Augen die Ereignisse des heutigen Tages erzählen müßte, dann ging es in den Stall, in den Keller; er zerbrach sich den Kopf darüber, was wohl der Leinemann mit dem Hause machen werde; wer seine Hausgenossen sein sollten, der Gedanke war ihm immer noch unfaßlich. Tann schritt er durch die Ahornallee. — Wenn der Jude auch die herrlichen Stämme fällte und auf die Säge schleifte.
wird er das mit ansehen können aus seiner Kammer, ohne um sie zu kämpfen bis zum. letzten Atemzug? Am End« hatte der Notar doch recht! Er wollte über den Anger dem Hofgraben zugehen, den Waldsaum entlang; es zog ihn hinein in die kühle Halle des Buchenwaldes. — Alles dem Tode geweiht! Und jetzt flüsterte es noch so geheimnisvoll rings umher und duftete so herrlich, — Der nächste Schnee wird ein riesiges Leichenfeld bedecken —- auch das mußte er mit ansehen von seiner Kammer aus.
Er wischte sich den Schweiß von der Sttrne, es war, als ob die Baumriesen alle um ihn her sich über ihn herabneigten, ihin Luft und Atem raubten. — Da kam er auf einen kleinen Schlag, er selbst hatte ihn geführt vor drei Jahren, da er Bauholz brauchte, in Reih und Glied standen die prächtigen neuen Pflänzchen, er kniete nieder, betrachtete die feinen Nadeln, den frischen jungen Trieb, dann sprang er auf wie ein Junger und stieß seinen Stock in die schwarze, weiche Erde.
„Ich werd's aber auch aufwachsen sehen auf unserem Grund und Boden, die lieben Dinger da, die ich selber gepflanzt! Soll kommen, wer mag, ins Haus — was kümmert's mich? Ich bleib' und halt Wach', bis — bis — ja bis . . .
Ein sonderbares Lächeln spielte unter dem weißen Schnurrbart. Lange irrte er im Forst, er nahm Abschied von allen seinen alten Freunden, oft setzte er sich Stunden lang auf einen Stumpf und träumte vor sich hin unter dem Glucksen boshafter Eichhörnchen, dem Gekrächze der Häher, erst der sinkende Abend erinnerte ihn, wohitr er denn eigentlich wollte. Theresa wartete wohl schon lange auf ihn. Er ging mitten durch den Forst, den nächsten Weg; so gut er auch Bescheid wußte, er der- ging sich doch etwas in der zunehmenden Dunkelheit, erst der dumpfe Lärm des Festes, der ihm plötzlich durch die Nacht entgegen drang, gab ihm wieder die Richtung an. Plötzlich leuchtete rote Glut durch das Stangenholz — wildes Geschrei und Gelärm — wo konnte das sein? Brannte der Wald? Helle Schadenfreude zuckte in ihm auf, er dachte des verhaßten Moses, ihm verbrannte er, er war jetzt der Besitzer. Wie ein Wild brach er sich split-
